Nonkonformistische Literatur

Nonkonformisten reagieren mit Unglauben auf das, was alle zu Glauben scheinen, und sie machen sich über Handlungsmaximen lustig, die nach allgemeiner Auffassung die soziale Ordnung begründen. Sie akzeptieren die stillen Annahmen der seriös daherkommenden Urteile nicht, und drehen sich auf dem gesellschaftlichen Parkett einfach anders herum.

Heinz Bude

Obwohl die nonkonformistische Literatur ehrlich und transparent zugleich sein wollte, war gegen Ende der 1960er nur schwer zu fassen, KUNO mit dem Versuch einer Rekonstruktion des flatterhaften Jahrzehnts zwischen 1967 und 1977. Auf den Spuren des legendären V.O. Stomps hatten die Autoren keine festen Strukturen, sie agierten dezentral und für ein zahlenmäßig sehr kleines, und meist gleichgesinntes Publikum. Was die Protagonisten miteinander verband, war ihre nonkonformistische Haltung gegenüber dem vorherrschenden Literatur-Betrieb. Sie erzählen von der Sprachlosigkeit und der Unfähigkeit zur Trauer im Nachkriegsdeutschland und sind dabei in lauter Ambivalenzen verstrickt, die zwischen „Wissen und gleichzeitigem Nicht-Wahrhaben-Wollen“ switchen. Scham- und Schuldgefühle sowie gesellschaftliche Tabus sind Themen der nonkonformistischen Literatur. Trotz der Entnazifizierung sehen sich diese Freaks mit einem  vulgären Chauvinismus verbunden mit einem Alltagsantisemitismus konfrontiert, der wieder zum Vorschein kommt.

Aufstand der nonkonformistischen Außenseiter

Diese Untergrund-Künstler waren oft eng verbunden mit anarchischen Denkern, sie einte Nichtübereinstimmung der individuellen Haltung mit dem drögen Realismus der Kahlschlagliteratur. Es ging ihnen darum, den Gutmenschen ihren zivilisatorischen Hochmut auszutreiben. Die nonkonformistische Literatur entstand außerhalb der gewohnten Formen, aber innerhalb der literarischen Regeln, so entstand ein dichtes Flechtwerk aus Ideen. Bereits 1966 hatte Peter Handke in Princeton die Gruppe 47 wegen ihrer „Beschreibungsimpotenz“ als „eine völlig läppische und idiotische Literatur“  verurteilt. Die Nonkonformisten verzichteten auf gesellschaftliche Anerkennung und nahmen stattdessen viele Entbehrungen in Kauf. Sie lehnten die Werke der Gruppe 47 als „Spießerliteratur“ ab und deren Autoren als geltungsgeil und kommerziell, Identität gilt den Nonkonformisten als so genanntes „Plastikwort“. Auch wandte sich die Provo-Bewegung gegen die hegemoniale Dominanz der „Politischen Korrektheit“ und wurden aus der offiziellen Literatur-Betriebskantine wie dem VS ausgeschlossen. Die Zeit zwischen 1967 – 1977 erweist sich als ein rebellisches Jahrzehnt mit dem melancholischen Flair der Vergeblichkeit.

Die als Hort aller Unzufriedenheit, als Born der Zersetzung verschrieene Gruppe 47 ist nicht einmal ein Papiertiger, sondern ein Schoßhund.

Karl Markus Michel

„Biby“ Wintjes Porträt: Bruno Runzheimer

War die die sogenannte 1968er-Studentenrevolte die „Minderheit einer Minderheit“, so hat sie doch in die erste Hälfte der 1970er Jahre einen Eindruck hinterlassen. Die Minderheit von eben dieser Minderheit findet sich nicht zuletzt als Spurenelement in der Literatur und im Literaturbetrieb. Den Neckermann der Subkultur hat man Josef „Biby“ Wintjes genannt, er vertrieb die Zentralorgane des Undergrounds. Die sogenannte „Alternativpresse“ erlebt einen Boom, es gründen sich Mags wie Gasolin 23 oder Der fröhliche Tarzan. Im Januar 1970 erschein der erste offizielle Titel im Maro Verlag. „Und“ heißt die Publikation, sie erschein in einer 200er-Auflage. Autoren der ersten Ausgabe sind unter anderem Guntram Vesper und Heike Doutiné, später schreiben auch Jörg Fauser und F. C. Delius für „Und“. Mit dem Maro verbindet allem den Namen Charles Bukowski. Benno Käsmayr veröffentlicht 1974 dessen ersten Lyrikband auf Deutsch „Gedichte die einer schrieb bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang“. In den Siebzigern gehört Maro neben Melzer, März und Kiepenheuer & Witsch zu den Verlagen, die den US-Underground in Deutschland fördern. Autorinnen und Autoren wie Anne Waldman, Al Masarik, Jack Kerouac, John Fante und La Loca veröffentlichen in den Folgejahren bei Maro. War das damals tatsächlich eine gravierende Umwälzung oder nur der übliche Aufstand der Jungen gegen die Alten beziehungsweise lediglich ein spontaner Aufbruch gegen den eingefahrenen Literatur-Betrieb?

Nonkonformisten sind meistens Außenseiter, aber nicht jeder Außenseiter ist Nonkonformist. Dieser Unterschied liegt in dem Umstand begründet, dass der Außenseiter erst dann nonkonformistisch wird, wenn er sein Außenseitertum, seine Abweichung von der konformen Meinung begründet. Und zwar nicht bloß als Ausdruck seines psychologisch-kognitiven Andersseins, sondern als ein Argument, das auf Dauer nicht bloß für seinen Sprecher gilt.

Karl Heinz Bohrer

Es gilt es auch einen weiteren Irtum auszuräumen, es herrscht die Annahme, das Netzwerk sei erst mit dem Internet erfunden worden, es gab jedoch eine Zusammenarbeit von Individuen bereits auf analoger Ebene. In den frühen 1970ern explodierte der Markt der Literaturzeitschriften, insbesondere im deutschsprachigen Raum: nonkonformistische Debattenträger sind hier rar, zudem war die in Deutschland sehr breite Studentenschaft ein wichtiger Adressat – mit ihr wurden Literaturzeitschriften ein Gegenstand breiten allgemeinen Interesses, dem wiederum durch eine fortschreitende Verbreiterung der Themenwahl Rechnung zu tragen war. Viele dieser Studenten und Intellektuellen schrieben für Literaturzeitschriften oder gaben später sogar selbst Titel heraus. KUNO konsultiert den Wert des Analogen und dokumentierte den Grenzverkehr im Dreiländereck. Wir stellen in diesem Online-Magazin hin und wieder Literaturzeitschriften vor, z.B. die Matrix. KUNO interessiert sich auch dafür, wie Karl Kraus „Die Fackel“ entzündete. Ein weiterer Klassiker ist Der Ziegelbrenner, die Lit.-ZS erschien am 1. September 1917. Einen anderen Weg betrat Social Beat SLAM!poetry 1, sie wird als Rote Bibel des Social Beat bezeichnet. Zur fünften Ausgabe des zweisprachigen Literaturmagazins The Transnational bat den Herausgeber René Kanzler um einen Einblick in die redaktionelle Arbeit. Gern weisen wir auch auf den LaborBefund – Literatur aus der Wirklichkeit hin. Diese Lit.-ZS wartet mit Informationen, Deutungsmöglichkeiten und Handlungsoptionen auf, der den Zustand der Unsicherheit einer Welt gegenüber zeigt, die sich dem Verständnis entzieht. Wie es bei einer Literaturzeitschrift des 21. Jahrhunderts zugeht, beleitet eine kritische Spiegelung des Verlegers und Herausgebers Peter Valentin in Briefen und Mails. Eine der ältesten Literaturzeitschriften der alten BRD ist der Dichtungsring. Mitherausgeber ist Ulrich Bergmann, den KUNO auch als Autor schätzt. Es ist eine bildungsbürgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus Kritische Körper, und auch aus der losen Reihe mit dem Titel Splitter, nicht einmal Fragmente aufploppen.

Das analoge Internet ging per Schneckenpost in die Vernetzung, seine Name: Ulcus Molle Info. Es wurde herausgegeben von Biby Wintjes… Und es war immer ein kleines Fest, wenn eine Ausgabe des Ulcus Molle Info im Briefkasten lag. So hatte man selbst in der tiefsten Provinz den Eindruck an eine Szene angeschlossen zu sein.

A.J. Weigoni

A.J. Weigoni aka „Angry Young Man“

Die Urzelle der Nonkonformistischen Literatur in der BRD ist das INFO. Von 1969 bis 1990 gab Josef „Biby“ Wintjes erst monatlich, die längste Zeit dann jedoch zweimonatlich, die Zeitschrift Ulcus Molle Info heraus, die sich als Mitteilungsblatt und Diskussionsforum der literarischen, spirituellen und politischen Gegenkulturszene verstand. Die Veränderung der Wahrnehmungsschemata bildeten die Kennzeichen der Zeitschrift. Ähnlich wie das „Kursbuch“ wollen auch diese Autoren eine „Gegenöffentlichkeit“ herstellen, die „der veröffentlichten Meinung Alternativen der Weltwahrnehmungen entgegensetzen wollte“ und die sich als Ziel setzte, ein Licht auf bisher vernachlässigte Bereiche der Realität zu werfen. Diese Publikationen strebten eine Veränderung der Wahrnehmungsschemata an. In der Bonner Republik geht es darum Meinungsvielfalt zu wagen.

Die vielgestaltigen Texte der nonkonformistischen Autoren bewegten sich zwischen radikaler Subjektivität und europäischer Geschichte, zwischen Depression und Aggression. Sie betrieben eine intellektextuelle Dekontamination.

Ihre Texte hatten etwas Rettendes, weil Grenz- und Klassenüberschreitendes, ihr utopisches Potential war das Universalinstrument gegen gesellschaftliche Codes und Normen. Statt einer Dialogizität und Zuwendung herrschte in den Texten der 68er, so bei Peter Schneider, ein kämpferischer Code. Brinkmanns Roman Keiner weiß mehr steht dafür, daß Ende der 1960er-Jahre künstlerische oder intellektuelle Arbeit strikt antagonistisch zur Vater- und Familienrolle des Mannes begriffen wurde. „Dabeisein und Dagegensein ist das Problem.“, beschriebt Bernd Cailloux in seinem Roman „Das Geschäftsjahr 1968/69“ mit heiterer Lakonie die Alltagsprofanitäten. Auch Bernward Vespers „Reise“, hielt am erzählenden Anspruch fest. Im großen Romanessay „Die Reise“ treffen Kreativität und Tragik des revolutionären Bewußtseins zusammen. Es erschien zu Anfang der 1970er-Jahre, ediert von Jörg Schröder aus dem Nachlass des Autors, der sich 1969 in der Psychtarie das Leben genommen hatte. In der „Reise“ laufen die verschiedenen Strömungen der Protestbewegung zusammen und erzeugen eine einzigartige Konstellation aus Vergangenheitsbewältigung und Zukunftsvision, aus Aufklärung und Romantik, aus politischem und ästhetischem Denken. Als Nonkonformismus wurden in der Bonner Republik persönliche Haltungen oder Einstellungen, individuelle Handlungen oder philosophische Positionen bezeichnet, die nicht in Übereinstimmung mit den allgemein anerkannten Ansichten, der gültigen Etikette, dem vorherrschenden Lebensstil oder dem kulturellen Mainstream stehen. Bei ihrem zeitraubenden Gang durch die Sekundärliteratur war den Nonkonformisten keine Theorie noch so verstiegen. Auf den Spuren von Walter Benjamin waren sie wagemutig und gingen den verstiegendsten Dinge nach, etwa den erotischen Fragmenten einer Theorie der Text-Erotik; Weiblichkeitsrollen trafen auf Männlichkeitsstudien. Auf dem Weg von der Dystopie zur Utopie zur Dystopie hatte Wintjes auch andere Lektüren in seiner Versandbuchhandlung auf Vorrat, Bücher und Zeitschriften, die keiner der gegensätzlichen Lesarten entsprachen und an Formen der Rationalität jenseits instrumenteller Vernunft sowie der Bedeutung politischer Theorie festhielten.

Akte des zivilen Ungehorsams

Das kleine Helferlein, Xerographie von Klaus Urbons

Diese Nicht-systemkonforme graue Literatur wurde über nichtoffizielle Kanäle, zum Beispiel durch Abschreiben mit der Hand oder der Schreibmaschine mit Hilfe von der Hektografie (später die Copy-Art, die uns auf eine allseits vernetzte Gemeinschaft vorbereitete) das Weitergeben der so produzierten Exemplare. Es wurden Aufnahmen von Lesungen mitgeschnitten und im Kassettenuntergrund weiterverbreitet. Im kulturellen Kontext spricht man von Zugehörigkeit zu einer Gegenkultur oder „Underground“-Bewegung, im politischen von Dissidententum. Die Zersplitterung in K-Gruppen erzeugte eine neue Übersichtlichkeit, lesenswert in diesem Zusammenhang der Zeitzeuge Rolf Dieter Brinkmann. Das Ideal der frühen 1970er waren selbstständige und selbstbestimmte Subjekte als literatische Akteure, die neue Identitäten und Loyalitäten jenseits des überkommenen Literatur-Betriebs ergründen wollten. Dabei erwiesen sich alle neoliberalen und neomarxistischen Utopien als irreführend. Ab 1987 legte Wintjes mit Bruno Runzheimer die ebenfalls zweimonatlich (später vierteljährlich) erscheinende Zeitschrift Impressum vor, die sich in erster Linie der Förderung von Nachwuchsautoren verschrieben hatte. Daneben stemmte Wintjes auch noch die Herausgabe verschiedener Anthologien zur Underground- und Alternativpresse der 1970er Jahre (Szene-Reader 1972 ff.).

Die Anthologie, ein unweigerlich unentbehrlicher Steitenstrang der nonkonformistischen Literatur

Zu diesen hererogenen Zusammenstellungen von höchst diversen Stimmen zählt KUNO im weiteren Sinne auch Lyrik-Anthologien, sie sind eigenwillig, sperren sich dem summarischen Urteil, weil ihre Einheit bloss eine äußerliche, nicht die inhaltlicher Kohärenz ist. Von der gehefteten Broschüre bis zum gebundenen Buch finden sich alle Verarbeitungsformen seit Gutenberg.  Lyrik ist nie homogen, resultiert sie doch aus zahllosen Stimmen und Stilen, die in eine Reihe von Berührungspunkte aufweisen, dort aber auch kaum eine Ähnlichkeit aufweisen. Den 50.000 ernsthaft um eigene Lyrik bemühten Autoren stehen vielleicht 500 Lesern gegenüber, die Lyrikbände käuflich erwerben – und zwar jeweils nur den besten eines Jahrgangs. Gottfried Benn hat behauptet, von seinen Einnahmen aus der Lyrik habe er die Kosten für seine Zündhölzer bestritten. Um Geld kann es also nicht gehen. Eine Würdigung des Herausgebers und Lyrikers Axel Kutsch im Kreise von Autoren. Michael Gratz, ein Gönner der Verschreibkunst, kündigte den Lyriker Theo Breuer in der Lyrikzeitung in seiner Funktion als Essayist als THE Breuer an. Wir sind froh, daß dieser Kenner der deutschsprachigen Literatur bei Kulturnotizen den ein oder anderen Essay geschrieben hat. Sein kundiger Artikel über Literaturzeitschriften ist gleichfalls eine lesenswerte Kulturnotiz.

In der Menschheitsgeschichte ging die Entwicklung der Technik bislang mit der des Geistes einher.

Dr. Enrik Lauer

Der nonkonformistische Literatur messen wir axiologischen Wert zu, sie steht diametral einer dominant nach literarischen Werten operierende Wertungspraxis der sogenannten Höhenkammliteratur gegenüber. Kleinverlage sind längst nicht mehr im Kerngebiet des literarischen Feldes; sie sind strategisch weniger darauf ausgerichtet, literarisches Leben, Literaturbetrieb oder Verlagslandschaft zu fördern, als vielmehr diese innerhalb des übergeordneten Feldes der Kreativökonomie zu positionieren. Dies gilt im besonderen für Künstlerbücher, die via V.O. Stomps auf den Mainzer Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg zurückreichen. Die Mainzer Minipressen-Messe, begründet 1970 vom Drucker Norbert Kubatzki, hat sich aus bescheidenen Anfängen zur Internationalen Kleinverlagsmesse entwickelt. In der MMPM versammelten sich Menschen, die ihre Ideen verhandeln wollen, einen konstruktiven Dialog zu drängenden Fragen beginnen und sich auf Augenhöhe auch mit anderen Perspektiven auseinandersetzen. Die auf dieser Messe präsentierten handgefertigten Exemplare erinnern uns daran, daß Bücher ein Medium waren, denen, im wahrsten Sinne des gedruckten Wortes mehr, als  Potentiale waren, denen die Digitalisierung als Content für kreative Inhalte nutzen möchte, um neue Geschäftsfelder zu erschliessen. KUNO verweigert konsequent die Überlagerung des literarischen mit dem kreativökonomischen Feld.

Kein positives Werk noch Tat kann also die allgemeine Freiheit hervorbringen; es bleibt ihr nur das negative Tun; sie ist nur die Furie des Verschwindens.

Friedrich Hegel

Hans Magnus Enzensberger, immer bei jeden neuen Welle als Nummer Zwei zu Stelle, griff den Ausdruck 1980 auf, um einen Gedichtband entsprechend zu betiteln. Er wollte damit die Zeit der trockenen Übungen der Agit-Prop-Lyrik oder des Dokumentartheaters und der biederen Verarbeitungserzählungen der 1970er-Jahre überwinden. Daneben verabschiedeten sich auch Peter Hamm, Hans Magnus Enzensberger, Karl Markus Michel, Walter Boehlich und Yaak Karsunke von der Idee einer klassenlosen Kunst als bürgerliche Ideologie und untersuchten den „Warencharakter“ von Literatur und Kritik. Im letzten Gedicht des Enzensberger-Bandes wird Hegels Gedanke aufgegriffen: Der Furie fällt dort an Historischem zu:

was zunächst unmerklich, / dann schnell, rasend schnell fällt […]; sie allein bleibt, ruhig, / die Furie des Verschwindens.

Diese Analyse gilt insbesondere für die erste Hälfte der 1970er Jahre, dann fegte der Punk alldies hinweg, wie Peter Glaser in Attrappe einer Kulturgeschichte von neulich überzeugend darlegt. Sogleich folgte eine Fanzine-Szene, wie sich in einem weiteren Kollegengespräch über den Otto-Versand der Subkultur erschließen läßt. Für den punktbefeuerten Nonkonformismus ist die Vorstellung typisch, dass etwas Altes zugrunde gehen muss, damit etwas Neues entstehen kann. Der Weg in eine bessere Zukunft führt durch individuelle oder kollektive Katastrophen. In diesen photokopierten Fanzines betraten junge Schriftsteller die literarische Szene und setzen die nonkonformistische Literatur auf ihre Art fort. Sie und ihre literarischen Figuren standen außerhalb der bürgerlichen Ordnung, rebellierten betont jugendlich gegen die Welt der Väter und aller autoritären Repräsentanten des patriarchalischen Systems. Sie brachen auf aus erstarrten, leblosen Konventionen und begaben sich, auf die Suche nach anderen Formen sozialer Gemeinschaft, nach neuen Arten des Erlebens, der Wahrnehmung und des künstlerischen Ausdrucks.

Parallel dazu entwickelte sich in klandestinen Zirkeln die multimediale Verbreitungsidee des Trash.

Der online-Duden definiert Trash als eine „Richtung in Musik, Literatur und Film, für die bewußt banal, trivial oder oder primitiv wirkende Inhalte und eine billige Machart typisch sind“.

KUNO versteht Trash als einen subjektiven Wahrnehmungsmodus von überindividueller, kollektiver Bedeutung im Sinne des kulturellen Gedächtnisses, der sich auf verschiedenste Phänomene beziehen kann. Dies umfaßt sowohl Personen, Figuren, Ereignisse, Orte als auch Konzepte, Ideen und Institutionen. In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsmöglichkeiten von populärkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Dem Begriff Trash haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt Trash als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Dieser angeschmutzte Realismus entzieht sich der Rezeption in einer öffentlichen Institution. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte Seine größten Erfolge. Produziert von Helge Schneider und Tom Täger im Tonstudio/Ruhr. Constanze Schmidt beschreibt den Weg von Proust zu Pulp. Ebenso ausdrücklich empfohlen sei Heiner Links Vorwort zum Band Trash-Piloten. Ebenso eindrücklich verwiesen sei auf Trash-Lyrik.

Unverzichtbare Archive des Samisdat

Das „Ulcus Molle-Info“ wurde am 11. November 1990 eingestellt und der erste Blog ging kurz darauf online. Der Nachlass von Josef „Biby“ Wintjes, bildet den Grundstock für das ,Archiv für Alternativkultur“ am Institut für Europaeische Ethnologie der Humboldt-Universität. Über weitere Bestände von nichtkonformistischen Samisdat-Zeitschriften der DDR verfügen u. a. das aus der Umwelt-Bibliothek Berlin hervorgegangene Matthias-Domaschk-Archiv in der Robert-Havemann-Gesellschaft e.V., Berlin, das Thüringer Archiv für Zeitgeschichte in Jena, das Deutsche Literaturarchiv Marbach, die Deutsche Nationalbibliothek Leipzig und die Sächsische Landesbibliothek. Digitalisiert wurden literarische und künstlerische Samisdatzeitschriften durch die TU Dresden, eine Digitalisierung der Samisdatzeitschriften aus dem Spektrum der Oppositions- und Bürgerrechtsgruppen wie Grenzfall, Grubenkante, Kopfsprung, Lausitzbotin, Plattform, Umweltblätter ist in Vorbereitung. Wichtig erscheint das, weil sie aufgrund ihrer schlechten Papierqualität schon bald unlesbar zu werden drohen.

Rückblick auf die Spielwiese der Avantgarde

Diese Entwicklungen faßt Hadayatullah Hübsch, der Urvater des Social-Beat, im Reader Little mags zusammen. Er empfiehlt sich für Neulinge als Einstieg in das weite Feld der nonkonformistischen Literatur.

 

 

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Little mags. Unabhängige Literaturzeitschriften, von Hadayatullah Hübsch. Autorenhaus-Verlag Manfred Plinke, Berlin 2001.

Weiterführend →

Zu den Gründungsmythen der alten BRD gehört die Nonkonformistische Literatur, lesen Sie dazu auch ein Porträt von V.O. Stomps, dem Klassiker des Andersseins. Kaum jemand hat die Lückenhaftigkeit des Underground so konzequent erzählt wie Ní Gudix und ihre Kritik an der literarischen Alternative ist berechtigt. Ein Porträt von Ní Gudix findet sich hier (und als Leseprobe ihren Hausaffentango). Lesen Sie auch die Erinnerungen an den Bottroper Literaturrocker von Werner Streletz und den Nachruf von Bruno Runzheimer. Zum 100. Geburtstag von Charles Bukowski, eine Doppelbesprechung von Hartmuth Malornys Ruhrgebietsroman Die schwarze Ledertasche. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte Seine größten Erfolge, produziert von Helge Schneider und Tom Täger im Tonstudio/Ruhr. Lesen Sie auch das Porträt der einzigartigen Proletendiva aus dem Ruhrgebeat auf KUNO. In einem Kollegengespräch mit Barbara Ester dekonstruiert A.J. Weigoni die Ruhrgebietsromantik. Mit Kersten Flenter und Michael Schönauer gehörte Tom de Toys zum Dreigestirn des deutschen Poetry Slam. Einen Nachruf von Theo Breuer auf den Urvater des Social-Beat finden Sie hier – Sowie selbstverständlich his Masters voice. Und Dr. Stahls kaltgenaue Analyse. – Constanze Schmidt beschreibt den Weg von Proust zu Pulp. Ebenso eindrücklich empfohlen sei Heiner Links Vorwort zum Band Trash-Piloten. Inzwischen hat sich Trash andere Kunstformen erobert, dazu die Aufmerksamkeit einer geneigten Kulturkritik. In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsmöglichkeiten von populärkulturellen Tugenden nahe genug kommen, der Essay Perlen des Trash stellt diese Reihe ausführlich vor. Die KUNO-Redaktion bat A.J. Weigoni um einen Text mit Bezug auf die Mainzer Minpressenmesse (MMPM) und er kramte eine Realsatire aus dem Jahr 1993 heraus, die er für den Mainzer Verleger Jens Neumann geschrieben hat. Jürgen Kipp über die Aufgaben des Mainzer Minipressen-Archives. Ein würdiger Abschluß gelingt Boris Kerenski mit Stimmen aus dem popliterarischen Untergrund.