Monat: Oktober 2020

KAISERPANORAMA

Reise durch die Deutsche Inflation   X. Aus den Dingen schwindet die Wärme. Die Gegenstände des täglichen Gebrauchs stoßen den Menschen sacht aber beharrlich von sich ab. In summa hat er tagtäglich mit der Überwindung der geheimen Widerstände und nicht…

WADI

Risse durchzogen ferne Trockenheit, brachen Erde mit feuchter Erinnerung, schufen Verbindungen, vertieften sich in durstigen Miniaturschluchten und flachen Mulden. Vom Zufall beschlossenes Klaffen erzeugte vereinzelt abgetrennte Körperschaften. Ein feines Netz überzog die verwundete Landschaft, die sich wie ein einsam sterbendes…

Beachtenswertes

Getrennt voneinander stellte sie sich zur gleichen Zeit zwei Fragen: Was ging außerhalb des Hauses, im stumpfen Blickwinkel zweier Straßen, vor sich? (Sie vernahm draußen laute Stimmen in einer fremden Sprache.) Was sollte geschehen, nachdem sie Vorbereitungen getroffen hatte für…

Inferno lunare [Ursa minor]

Da verschwand der Flieger im Mond: Jener, der schlingernd zuvor Der Bärin durch’s Fell gezaust war Und schrie, weil der Honig tropfte bei ihr – Ein getroffener Mauersegler; Und schlug, ein Schmetterlingsmuster Aus Weißblech, stöhnend dumpf auf. Die Menschen blickten…

An Palafox

  Tritt mir entgegen nicht, soll ich zu Stein nicht starren, Auf Märkten oder sonst, wo Menschen atmend gehn; Dich will ich nur am Styx bei marmorweißen Scharen, Leonidas, Armin und Tell, den Geistern, sehn. Du Held, der gleich dem…

Entschlüsselungen zum Werk Georg Büchners

Es scheint ein Phänomen zu sein, dass diejenigen, die sich überhaupt mit Georg Büchner beschäftigen, von ihm so in den Bann gezogen werden, dass bei der Rezeption die eigenen weltanschaulichen Standpunkte sowohl in den Vordergrund drängen als auch überaus empfindlich…

Kunst – ein Konstrukt der Rückprojektion?

1. Eine etwas ketzerische Frage vielleicht. Aber eine, die angesichts unseres oftmals doch recht sorglosen Umgangs mit dem Wort Kunst durchaus angebracht erscheint: Wir verfügen in jeder Epoche über jeweils episodal gewandelte Gebrauchsweisen des Wortes Kunst auf der Mikroebene des…

Die Sprache der Bilder

Seit meiner frühesten Kindheit sammle ich Bilder: zuerst kleine, naiv kindlich-kitschige Heiligenbildchen oder solche mit hehrem, hohlem Pathos; dann die ersten Kalenderbilder mit Abbildungen der bekannten Werke von Cézanne, Degas, Monet, Manet, Gauguin, van Gogh u.a., die man abriß und…

strasbourg négligé

aprilscherze längst passé au musée d´art moderne oben im im ersten sonnenlicht d´avril der gast sur la terrasse c´est moi die stadt erwacht hängt ihren  träumen nach comme le sucre morceaux   *** Gekämmte Zeit, Gedichte von Werner K. Bliß,…

Herr Herrlich

*** Gott schmiert keine Stullen von Eva Kurowski, rowohlt Weiterführend → Lesen Sie auch das Porträt der einzigartigen Proletendiva aus dem Ruhrgebeat auf KUNO.

Rückschau

weit hinter uns … das zerbrochene Haus Splitter und Schutt Brocken. Der Ahnen Hänselundgretelweg Stiefkindergeschick     *** Dichtungsring, eine Sondernummer für Ines Hagemeyer, Bonn, 2018 Aus dem Nachwort: „Mit dem Geburtsort wird auch die Muttersprache als Ursprung und Wiege…

Mit Nietzsche wird man (niemals) fertig

Damals, als Der Ullrich noch zur Universität ging, berichtete er von einem Professor, der geseufzt habe: „Mit Nietzsche wird man niemals fertig!“ Der Ullrich amüsierte sich sehr über dieses Zitat, er fand es ein Unding. Die Beschäftigung mit einem Philosophen…

Verbrannte Wurzeln

Es dämmert, als Adelhaid den alten abgebrannten Hof erreicht. Sie dreht ihre Runden, verstört, verwirrt. Nur langsam und in kreisförmigen Bewegungen nähert sie sich dem Hof, der zu Teilen in Schutt und Asche daliegt, genau wie damals in ihrer Kindheit.…

Japan in einer dystopischen Gegenwart?

Wer den Waschzettel mit den markanten Informationen über die beiden Bände des 2005 in Japan erschienenen utopischen Romans gelesen hat, ist zunächst sehr verblüfft. Hunderttausende von Obdachlosen, die Straßen und Parks der japanischen Großstädte zu Beginn des 21. Jahrhunderts bevölkern?…

Die Kurve

Mir fällt auf – aufdringliche Manöver zur Lenkung von Aufmerksamkeit eine weiche umfasste Körperstelle auf einem Hügel unter deiner Hand Eine Tänzerin auf sechshundert-siebzehn Seilen ausgeschnitten aus einem Männermagazin tapeziert eine leere Kiste. eine Malve wirft ihre Mähne wie ein…

Metaton

Weiterführend → Das Werk von Angelika Janz erschließt sich nur dann richtig, wenn man die Verflechtung ihrer Bildgedanken mit der Dichtung versteht. Lesen Sie daher ein Porträt über ihre interdisziplinäre Tätigkeit, sowie einen Essay der Fragmenttexterin.  

Der innere Meridian 10

Sie reisten ohne Ziel, aber jeder der beiden begleitete den anderen. Oft redeten sie in einem Ton, als wollten sie einander nur leise an etwas erinnern, als ahnten sie, dass alles, was sie jetzt noch erleben konnten, im nachhinein nur…

Baudelaire oder die Straßen von Paris

Tout pour moi devient Allegorie. Baudelaire: Le Cygne Baudelaires Ingenium, das sich aus der Melancholie nährt, ist ein allegorisches. Zum erstenmal wird bei Baudelaire Paris zum Gegenstand der lyrischen Dichtung. Diese Dichtung ist keine Heimatkunst, vielmehr ist der Blick des…

Schallplattenspieler

Vorbemerkung der KUNO-Redaktion: 1986 wurden zum ersten Mal mehr CDs als Schallplatten gekauft. Nun hat Vinyl die CD wieder überholt.   Es gibt Worte, die so aus der Zeit gefallen sind, dass ihre Schönheit kaum noch zu sehen ist. Für…

Bricolage als Erinnerungsprinzip

Die Jahre waren gut, aber die nächsten dreißig Jahre werden schwieriger. Timothy Garton Ash Am 3. Oktober 1990 ging man davon aus, daß es eine Generation braucht, damit zusammenwächst, was zusammengehört. Das wiederaufgebaute Deutschland ist ein deprimierend bereinigtes Land ohne…

Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei

Die Vergangenheit führt einen heimlichen Index mit, durch den sie auf die Erlösung verwiesen wird. Streift denn nicht uns selber ein Hauch der Luft, die um die Früheren gewesen ist? Ist nicht in Stimmen, denen wir unser Ohr schenken, ein…

Gedankenstrich

Mein Betätigungsfeld ist ein Stück weisses Papier, meine Krücke zwischen Gedanke und Schrift ist ein Stift. Auf Papier versuche ich Raum zu schaffen, der zuvor woanders war und später woandershin wandert. Ich arbeite mit der Sprache, ihrer Musikalität und Sprachlosigkeit.…