Monat: Dezember 2010

schleife

  worte, letzte worte fallen dir als echo in den rücken dir zu leibe, die worte, letzte worte fallen dir als echo in den rücken dir zu leibe, die worte, letzte worte fallen dir als echo in den rücken dir…

Sprache

  Das Menschlichste, was wir haben, ist doch die Sprache.           Weiterführend → ein Essay über die neue Literaturgattung Twitteratur. → Lesenwert auch der Der Essay Unsere lyrische und epische Poesie seit 1848  

Die Kiste (Zeit)

  Natürlich verfliegt die Zeit, das weiß jeder Mensch. Früher verflog sie einfach so, die Sonne ging irgendwann auf und wieder unter, dazwischen lag der Tag, und in dieser Zeit konnte das Leben passieren. Wenn es dunkel war, wurde geschlafen…

Streichelzoo

  Pech: Er dichtet für die Ewigkeit. Nur hat sie für ihn keine Zeit.   Leiden: Der Dichter leidet an der Welt, bis er Preis um Preis erhält.   Zum Weglaufen: Zwanzig Dichter auf einem Haufen.   Kollegialer Gruß: Danke,…

Straßenkinder

  Ich hätte von Straßenkindern mehr gelernt als in der Schule und im Elternhaus. Die Mängel des breiten Bildungsbürgertums haben einen größeren Schaden in der Geschichte nicht nur des deutschen Volkes angerichtet, als man annimmt. Zu positiv wird selbst der…

Mutmassungen über Heiner

  Heiner ist weg. Als er die Kommerzgirlanden der Innenstädte hinter sich lässt, erblickt er einen Himmel, in dessen Schwärze hier und da die Positionslampen eines Flugzeugs, weiter oben die rotierenden Satelliten ihre Leuchtspur einzeichnen. Darüber stehen unverrückt die Sterne.…

Kugelförmig

  Die aufgedonnerte Weihnachtskugel war sehr korpulent gebaut. Sie schwor aufgedunsen bei den silbernen Talern der Götter, dass sie bis Heiligabend weder pellte noch platzte.     Eine Vorschau auf: Gedankenstriche von Joanna Lisiak Weiterführend → „Gedankenstriche ist eine mischung…

Ein Weihnachtsengel

Mit den Tannenbäumen begann es. Eines Morgens, als wir zur Schule gingen, hafteten an den Straßenecken die grünen Siegel, die die Stadt wie ein großes Weihnachtspaket an hundert Ecken und Kanten zu sichern schienen. Dann barst sie eines schönen Tages…

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  der kahlrasierte schädel auf/ geknackt wie wassermelone on the road       *** binnen, Gedichte von Sophie Reyer, Leykam Verlag, 2010. Weiterführend → Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier. In ihrem preisgekrönten Essay Referenzuniversum geht sie der…

Die Kiste (Wein)

  Während von draußen der Sturm an die Fenster knallt, jene, die Herr Nipp auf Kippe hat, übel klappern lässt, und an den Türen rüttelt, erscheint es ihm ganz gemütlich auf seiner bloßen Matratze, die er sich vom Bettgestell heruntergezogen…

Jazz ist nicht tot

Jazz ist nicht tot, er riecht nur angestaubt. Frank Zappa   Weiterführend →   Bestand die Modernität des Aphorismus bisher in der Operativität, so entspricht diese literarische Form im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit der Denkgenauigkeit der Spätmoderne. Es ist Twitteratur.…

Notizen zu Friederike Mayröckers Werk nach 2000

ihre dichtung hat eine meinen hals ausrenkende höhe erreicht, die so sehr weiter zu steigern ihre absicht ist, daß sie das alter von 150 zu erreichen proklamiert hat. Ernst Jandl 1 Zurück vom rundweg ›himmlischen‹ Gang durch weißen, schweigenden Wald…

Das bucklichte Männlein

  Solange ich klein war, sah ich beim Spazierengehen gern durch jene waagerechten Gatter, die auch dann erlaubten, vor einem Schaufenster sich aufzustellen, wenn gerade unter ihm ein Schacht sich auftat, welcher dazu diente, mit etwas Licht und Luft die…

Urschleim

  Schwerelos im Wasser treiben / Spuren = die nirgendwo hinführen         *** Mikrogramme von A.J. Weigoni. Twitteratur ist eine Poesie, die man von den japanischen Haiku kennt. Als Beitrag von A.J. Weigoni finden wir auf KUNO…

Suchtiefe

für Raymond Roussel   Lauter währt, wenn dich Stil verfehlt, Leere.   Laut, er wehrt: wendig, still verfällt Lehre.       Weiterführend →  Lesen Sie auch das Kollegengespräch, das A.J. Weigoni mit Angelika Janz über den Zyklus fern, fern geführt…

Wehe

  Wehe wenn der Wind über Felder tost sein Kriegsgeschrei ertönt zur Schlacht ruft von Ferne her Wellen um Wellen schlägt und nahend bricht an aufgebrochenen Furchen stolpert taumelt fallend türmt der Schnee sich auf zu Palisaden die Wehen sich…

BAUSTELLE

  Pedantisch über Herstellung von Gegenständen – Anschauungsmitteln, Spielzeug oder Büchern – die sich für Kinder eignen sollen, zu grübeln, ist töricht. Seit der Aufklärung ist das eine der muffigsten Spekulationen der Pädagogen. Ihre Vergaffung in Psychologie hindert sie zu…

things change

  b (da bleib ich kühl) mein haus steht unter dem eisenbahn-viadukt. kurz vor sechs uhr abends fährt der cisalpino darüber hinweg. und ich darin. im haus habe ich alles so gelassen, die ordnung und die unordnung. heute morgen war…

Leben in Möglichkeitsfloskeln XXII

Ist es nicht merkwürdig: Erst wenn man keine Chance mehr hat, tut man, was man schon immer wollte.   Weiterfühend → Lesen Sie auch den Nachruf über Peter Meilchens Lebenswerk und den Essay 50 Jahre Krumscheid / Meilchen über die Retrospektive im Kunstverein…

Glück

  Es war nicht leicht, aber der kleine Boris bemühte sich. Nach einer zweistündigen Aktion fand der kleine Boris, was er gesucht hatte: Ein ansehnliches, vierblättriges Kleeblatt. Der kleine Boris freute sich darüber sehr und machte demzufolge kleine Luftsprünge. Und…

Aphorismen und Fragmente

    Es sind in Deutschland die Theologen, die dem lieben Gott ein Ende machen –  verraten wird man nur von seinen Freunden.     Heinrich Heine gilt als als Überwinder der Romantik. Er machte die Alltagssprache lyrikfähig, erhob das…

Laik Wörtschel – ein Künstler der Stille

  Bereits im Jahr 1999 wird er das erste Mal voller Erstaunen in einem Artikel des Feuilletons der Süddeutschen Zeitung benannt, in welchem über die Kunst des zukünftigen Jahrtausends breit spekuliert wurde. „Eine radikal zurückgezogene Position des Versteckens in der…

Malerei und Photographie

Peter Meilchen und Walter Benjamin sind sich nie begegnet. KUNO erinnert mit einer Denkfigur an den einen ohne den anderen nicht zu vergessen. Wenn man an Sonn- und Feiertagen bei erträglichem Wetter in den Pariser Stadtvierteln Montparnasse oder Montmartre spazieren…

Ein alter Tibetteppich

    Deine Seele, die die meine liebet Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet   Strahl in Strahl, verliebte Farben, Sterne, die sich himmellang umwarben.   Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit Maschentausendabertausendweit.   Süsser Lamasohn auf Moschuspflanzentron Wie lange…

Angelika Janz und das Barackenleben

Wir müssen uns gegenseitig unsere Geschichten erzählen. Um Texte wie die von Angelika Janz – ich meine nicht die Lyrik, die ich sehr schätze, sondern ihre halb essayistische oder essayistische Prosa in Texten wie Barackenleben, Die Implodierten oder In Scheindemokratien…

Was schenke ich einem Snob?

  Einen Snob beschenken heißt, sich auf eine Pokerpartie einlassen. Die Seele des Snobismus ist nämlich der Bluff. Bluff aus Frechheit oder aus Angst, das kann man hier so wenig wie im Poker unterscheiden. Jedenfalls könnte man gar keinen größeren…

König Bohusch

  Als der große Mime Norinski um drei Uhr nachmittags in das National-Café, welches vor dem Prager tschechischen Theater liegt, eintrat, erschrak er ein wenig, lächelte aber gleich darauf sein verächtlichstes Lächeln: in dem Spiegel, schräg gegenüber der Tür, hatte…

Die Kiste XII

  Neben sich auf dem Tisch steht eine Flasche Cola. Alte Marke, die in den siebziger Jahren revolutionäre Werbung machte. Afri – Cola. Nein, sie schmeckt nicht so glatt wie das andere braune Gebräu (das ist nicht politisch gemeint), das…

fragiles fragment

sentenz vom gedicht im deutschen sprachraum nach 2000 The poem is a machine made out of words William Carlos Williams Mais Degas, ce n’est pas avec des idées qu’on fait des vers, c’est avec des motsStéphane Mallarmé No verse is…

Schränke

  Der erste Schrank, der aufging, wann ich wollte, war die Kommode. Ich hatte nur am Knopf zu ziehen, so schnappte die Tür aus ihrem Schlosse mir entgegen. Drinnen lag meine Wäsche aufbewahrt. Unter all meinen Hemden, Hosen, Leibchen, die…

Kindheitsmuster

  Das Kind, das in mir verkrochen war – ist es hervorgekommen? Oder hat es sich, aufgescheucht, ein tieferes, unzugänglicheres Versteck gesucht? Hat das Gedächtnis seine Schuldigkeit getan? Oder hat es sich dazu hergegeben durch Irreführung zu beweisen, dass es…