Monat: Februar 2011

APFELESSEN

    da liegt endlich offen in deinen händen das gewebe schäl heraus zuerst die kerne den samen dann ritze mit winzigen rissen die wölbung das ufer der schale zieh ab die haut leicht zwischen zwei fingerkuppen schneide das fleisch…

Bekanntschaften

  Besser ist es jemanden aufzugeben, als ihm ein Leben lang nachzutrauern, noch besser, niemanden kennenzulernen. Aber besser jemanden zu verlieren, als niemanden zu kennen.     *** Von Herrn Nipp waren auf KUNO zwischen 1989 und 1994 Aperçus, Bonmots,…

Kulturrezeption im Wandel der Technik

Nach Ansicht der Autorin Manuela Hertel hat „Günter Gaus mit seiner Sendereihe Zur Person das Interview auf ein Niveau erhoben, das seither niemals wieder auch nur in Ansätzen errreicht wurde. Vornehm-zurückhaltend und dabei dennoch immer wieder hartnäckig nachfragend ist der…

Istanbul

Bei Peter Valentin im Möglinger Pflegeheim „Kleeblatt“ am 25.2.2011 Endlich hatte ich die Kraft, ihn zu besuchen! Ich schob es vor mir her, und ich zögerte noch, als ich mit dem Auto Ludwigsburg erreichte, ob ich lieber Traian Pop, meinen…

Das lyrische Versehen getarnt als Gedicht

  ich dachte, ich hätte etwas gedichtet. Es war lyrisch, wie gemacht für etwas Gedichtliches. Ich wunderte mich, dass es wie schön zu lesen war. Andere sagten, es ist zu lesbar, um als Gedicht zu gelten und andere, es sei…

Beobachtungen II

  Eine Buchhändlerin hatte Herr Nipp kennengelernt, weil sie so unerwartet war. Damals hatte er tatsächlich ein Buch geschrieben, naja, nennen wir es lieber ein Büchlein, und herausgebracht und war der geradezu missionarischen Ansicht, das müssen unbedingt auch andere Menschen…

Windzeit

Sie legt die Hände an die Glasscheiben das Busses. Sieht ein kleines Mädchen da stehen, das an einer roten Haarfranse kaut. Ein wenig Speichel im Mundeck langzieht. Sie anstiert. Dann wie wild zu winken beginnt. Der Bus hält ruckartig an.…

DER ALTTAGSDICHTER

(für) Hugo Schanovsky   fast täglich bekomme ich botschaften von ihm in form von gedichten und bildern die zeigen wie sehr die welt in ihn eindringt ihn beschäftigt und fordert in ihm spuren hinterläßt denen er folgt die er wieder…

Der Fluss ist das gänzlich andere der Membran

  Der Fluss ist das gänzlich andere der Membran. Die Membran ist das gänzlich andere des Flusses. Aber Membran setzt Fluss, Fluss setzt Membran immer schon voraus. Als untrennbare Verbundenheit gehören beide zu den Ermöglichungsbedingungen von Kosmos, also von Ordnung.…

Keine Einsicht ohne R(h)einsicht

Die Vielgesichtigkeit der Arbeiten von Charlotte Kons läßt staunen. Man möchte es Louis Jacques Mandé Daguerre gleichtun, dieser reichte bei öffentlichen Präsentationen seiner Daguerreotypien Vergrößerungsgläser herum, um das Staunen über die Detailtreue dieser Bilder anzuheizen. Die Photos zu „Keine Einsicht…

Mobilisierung

  Chancenlos ver liert der Ein zelne seine Bin dungen wird ge zwungen sich von der Normal biografie zu lœsen… biegsame In\stabilitæt wird zur Norm & das Start–up sich zu In dividualisieren ent grenzen & sich auf Licht geschwindigkeit zu…

Reisebilder

    Geld ist rund und rollt weg, aber Bildung bleibt.       Heinrich Heine gilt als als Überwinder der Romantik. Er machte die Alltagssprache lyrikfähig, erhob das Feuilleton und den Reisebericht zur Kunstform und verlieh der deutschen Literatur eine…

Libretto-Plagiarismus

  Unter Vorlage anderer Texte eigene Kopfarbeit simulieren. Der Leitsatz von Matthias Hagedorn stammt von Veza Cenetti: „Du schreibst das Leben, aber wenn Du lebst, verschreibst Du Dich.“ Das eigene Leben ist für Hagedorn, ist kein Nachschlagewerk, in dem man…

COIFFEUR FÜR PENIBLE DAMEN

  Dreitausend Damen und Herren vom Kurfürstendamm sind eines Morgens wortlos aus den Betten zu verhaften und vierundzwanzig Stunden festzusetzen. Um Mitternacht verteilt man in den Zellen einen Fragebogen über die Todesstrafe, ersucht auch dessen Unterzeichner, anzugeben, welche Hinrichtungsart sie…

VERWANDLUNG

führt der hund die toten über die grenze indem er sie frißt kann er sie begreifen und besitzen  glaubt der mensch in seinem geist der andern kreatur  steh ich auf der schwelle im zwielicht der sinne  leg ich mich nieder…

Der Deutsche

  Der Deutsche ist unfähig zu literarischen Wertungen. Ernst Jünger       Weiterführend → Bestand die Modernität des Aphorismus bisher in der Operativität, so entspricht diese literarische Form im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit der Denkgenauigkeit der Spätmoderne. Es ist…

Kreidestriche

  Wir wollen doch sehn, ob nicht die allermeisten sogenannten ‚unübersteiglichen Schranken‘ die die Welt zieht, sich als harmlose Kreidestriche herausstellen!       Lou Andreas-Salomés oft gerühmte persönliche Ausstrahlung, ihre Bildung und intellektuelle Beweglichkeit, die Freundschaft mit namhaften Zeitgenossen…

Einander kennen?

    Wir müßten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren       Weiterführend → ein Essay über die neue Literaturgattung Twitteratur.

Übergroße Gerechtigkeit

  Daß ich nur von mir spreche, geschieht aus übergroßer Gerechtigkeit, aus Gewissenhaftigkeit, nicht nur aus Selbstschätzung. Nämlich, weil ich mich nur kenne und von mir Auskunft geben kann.     *** Weiterführend → Lesen Sie auch einen Essay über die neue…

Die Arbeit als Leidenschaft, die fortgesetzte Partitur als Leben

Hommage zum 80. Geburtstag von Thomas Bernhard Ich habe Vergnügen am Schreiben. Thomas Bernhard Die Welt ist zweifellos das grösste Erlebnis, aber zum Grossteil erschöpft sie sich doch in einer entsetzlichen Anstrengung. Die Welt ist mehr und mehr ein enger…

Über die Kubisten

  Sie mit ihren kubistischen und sonstigen Programmen werden nach schnellen Siegen an ihrer eigenen Äußerlichkeit zugrunde gehen.     *** Franz Marc formulierte bereits vor 100 Jahren eine Vorform der Twitteratur. Es sind faszinierende Aphorismen über Kunst. Weiterführend → ein Essay…

Sylvia

„Mein zweiter Name ist auch Sylvia“, sagt Sarah Sylvia Sander, während sie in einem Erzählungsband von Sylvia Plath blättert. Sie findet, sie habe mit der Plath, trotz des gleichen Vornamens, nichts gemeinsam. Nichts. Es sei denn zuweilen die Todessehnsucht. Im…

Die Angst perfekter Schwiegersöhne

  Ganz ungewöhnlich eröffnete er an diesem verregneten Morgen die Unterhaltung mit der lapidaren Bemerkung: „Ich heirate nächsten Monat.“ Damit hatte Herr Nipp nun wirklich nicht gerechnet, war dies doch nun und zu diesem Zeitpunkt nicht zu erwarten gewesen. Als…

Anders als glücklich

Die Nipp-Geschichten behandeln Themen, die seit 1994 immer wiederkehren, ihr Motiv ist das Individuum, das durch die Moderne strauchelt, herumgeschubst wird, viele Niederlagen erleidet und die Hoffnung auf eine grundlegende Verbesserung seiner Lage aufgegeben hat.   Der kleine Mann mit…

Schwierig

  Wie oft soll ich dir erklären, daß ein Gedicht Gewicht haben muß und trotzdem fliegen können, doch sag‘ jetzt nicht: wie ein Vogel.     *** Der Lyriker, Essayist und Aphoristiker Maximilian Zander veröffentlichte seit Mitte der 1990er-Jahre Gedichte…