Monat: Februar 2011

Das lyrische Versehen getarnt als Gedicht

  ich dachte, ich hätte etwas gedichtet. Es war lyrisch, wie gemacht für etwas Gedichtliches. Ich wunderte mich, dass es wie schön zu lesen war. Andere sagten, es ist zu lesbar, um als Gedicht zu gelten und andere, es sei…

Fährgeld für eine neue Rolle

Am Anfang steht das Bild des Todes: Mitten im Winter verspürt der männliche Ich-Erzähler „einen metallischen Geschmack auf der Zunge, der auf absonderliche Weise mit dem Sturm zu tun hat.“ Er weiß nicht, was ihn da verunsichert, aber der Leser…

Windzeit

Sie legt die Hände an die Glasscheiben das Busses. Sieht ein kleines Mädchen da stehen, das an einer roten Haarfranse kaut. Ein wenig Speichel im Mundeck langzieht. Sie anstiert. Dann wie wild zu winken beginnt. Der Bus hält ruckartig an.…

Der Fluss ist das gänzlich andere der Membran

Der Fluss ist das gänzlich andere der Membran. Die Membran ist das gänzlich andere des Flusses. Aber Membran setzt Fluss, Fluss setzt Membran immer schon voraus. Als untrennbare Verbundenheit gehören beide zu den Ermöglichungsbedingungen von Kosmos, also von Ordnung. Die…

Keine Einsicht ohne R(h)einsicht

Die Vielgesichtigkeit der Arbeiten von Charlotte Kons läßt staunen. Man möchte es Louis Jacques Mandé Daguerre gleichtun, dieser reichte bei öffentlichen Präsentationen seiner Daguerreotypien Vergrößerungsgläser herum, um das Staunen über die Detailtreue dieser Bilder anzuheizen. Die Photos zu „Keine Einsicht…

DER ALTTAGSDICHTER

(für) Hugo Schanovsky   fast täglich bekomme ich botschaften von ihm in form von gedichten und bildern die zeigen wie sehr die welt in ihn eindringt ihn beschäftigt und fordert in ihm spuren hinterläßt denen er folgt die er wieder…

VERWANDLUNG

führt der hund die toten über die grenze indem er sie frißt kann er sie begreifen und besitzen  glaubt der mensch in seinem geist der andern kreatur  steh ich auf der schwelle im zwielicht der sinne  leg ich mich nieder…

APFELESSEN

    da liegt endlich offen in deinen händen das gewebe schäl heraus zuerst die kerne den samen dann ritze mit winzigen rissen die wölbung das ufer der schale zieh ab die haut leicht zwischen zwei fingerkuppen schneide das fleisch…

Die Arbeit als Leidenschaft, die fortgesetzte Partitur als Leben

Hommage zum 80. Geburtstag von Thomas Bernhard Ich habe Vergnügen am Schreiben. Thomas Bernhard Die Welt ist zweifellos das grösste Erlebnis, aber zum Grossteil erschöpft sie sich doch in einer entsetzlichen Anstrengung. Die Welt ist mehr und mehr ein enger…

Sylvia

„Mein zweiter Name ist auch Sylvia“, sagt Sarah Sylvia Sander, während sie in einem Erzählungsband von Sylvia Plath blättert. Sie findet, sie habe mit der Plath, trotz des gleichen Vornamens, nichts gemeinsam. Nichts. Es sei denn zuweilen die Todessehnsucht. Im…

Die Angst perfekter Schwiegersöhne

  Ganz ungewöhnlich eröffnete er an diesem verregneten Morgen die Unterhaltung mit der lapidaren Bemerkung: „Ich heirate nächsten Monat.“ Damit hatte Herr Nipp nun wirklich nicht gerechnet, war dies doch nun und zu diesem Zeitpunkt nicht zu erwarten gewesen. Als…

Anders als glücklich

Der kleine Mann mit dem lächerlichen Namen, er ist ein heutiger Ritter von trauriger Gestalt. Melancholisch, verloren und weise. Sich seiner eigenen Bedeutungslosigkeit bewusst, kann er sich in völliger (Narren-)Freiheit den kleinen wie den großen Dingen mit gelassener Neugierde widmen…

Schwierig

  Wie oft soll ich dir erklären, daß ein Gedicht Gewicht haben muß und trotzdem fliegen können, doch sag‘ jetzt nicht: wie ein Vogel.     *** Der Lyriker, Essayist und Aphoristiker Maximilian Zander veröffentlichte seit Mitte der 1990er-Jahre Gedichte…