Monat: März 2005

Galgenkindes Wiegenlied

  Schlaf, Kindlein, schlaf, am Himmel steht ein Schaf; das Schaf, das ist aus Wasserdampf und kämpft wie du den Lebenskampf. Schlaf, Kindlein, schlaf.   Schlaf, Kindlein, schlaf, die Sonne frißt das Schaf, sie leckt es weg vom blauen Grund…

Die lyrische Reihe edition bauwagen

  „Und ein gutes Gedicht, was immer das sonst sei, es ist eine zuschnappende Wortfalle. Dem Leser bleibt dabei die dankbare Doppelrolle: als Beute und als Jäger.“ Soweit Peter von Becker in seinem Nachwort zu Wolfgang Bächlers Liebesgedichten Ich ging…

Sieben Gedichte II

  Du hast mir, Sommer, der du plötzlich bist, zum jähen Baum den Samen aufgezogen. (innen Geräumige, fühl in dir den Bogen der Nacht, in der er mündig ist.) Nun hob er sich und wächst zum Firmament, ein Spiegelbild das…

Belgiernachschlag

Seit bald dreißig Jahren streut HEL, Berliner belgischer Abkunft, seine Gedichte vornehmlich in zahllosen Untergrund-Publikationen und diversen Einzelbänden bei Klein- und Kleinstverlagen. Völlig unbeachtet von Betrieb und Feuilleton üben seine eigenwilligen Texte seitdem maßgeblichen Einfluß auf weite Teile nachrückender Dichtergenerationen…

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Schmerz Feuerstrahl dass sogar Sterne weinen Blicke entsetzen wenn du aufgeweckt glühende Himmel sich neigen als Erinnerungen schläfst du nur noch Hoffnung an den Schläfen bist bloss noch innen *** Weiterführend → Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier. In…

Faust im Musterkoffer

Es existiert eine Art Muckertum im Goethekultus, das nicht von Produzierenden, sondern von wirklichen Philistern, vulgo Laien, betrieben wird. Jedes Gespräch wird durch den geweihten Namen beherrscht, jede neue Publikation über Goethe beklatscht – er selbst aber nicht mehr gelesen,…

6. Welttag der Poesie

Am 21. Merz wird jedes Jahr der Welttag der Poesie gefeiert. Er soll an „die Vielfalt des Kulturguts Sprache und an die Bedeutung mündlicher Traditionen erinnern“. Die KUNO-Redaktion empfiehlt an diesem Tag daher Preziosen aus dem Bereich Hörbuch. Hier ist…

Du leuchtest mehr als die Zwölfuhrsonne

  Zum Zwölfuhrschlag im Herbsttag stand die Sonne blaß und schief. Aber, Geliebte, Dein Auge, das über das braune Kartoffelfeld lief, Fand noch letzte Mohnblumen rote und Kornblumen blau, Und Dein goldgelb Haargelock stand vor ihnen zur Schau, Wie von…

Winter

  Wenn sich das Laub auf Ebnen weit verloren, So fällt das Weiß herunter auf die Tale, Doch glänzend ist der Tag vom hohen Sonnenstrahle, Es glänzt das Fest den Städten aus den Toren. Es ist die Ruhe der Natur,…

klang los

  mühsam verschieben die augen neue gefangene in die hirnzellen zur baldigen ausnüchterung warten verkappte realitäten nächtlicher bettgeschichten   irgendwo brüllt ein wächter sich heiser neuen mut zu hebt unsichtbar beide fäuste und wartet auf das echo   *** Weiterführend…

Schattenlinie am Horizont

  krunkelig geschnittener Randstreifen flackernde Strassenlaterne am Ortsausgang   ausserhalb vom Mittendrin der Gleich zeitigkeit des Anderen   kein Licht & auch nicht Schatten im doppelten Mittelpunkt   die Dæcher schauen gleichmuetig au unser hinfælliges Aussehen herab   Graue Tœne…

Schreiben als Fortbewegungsart: Lesung als Transportmittel

Die Unzuständigkeit des Wortes „Lesung“ für einen Vorgang, der mit Hilfe von verschiedenen Wahrnehmungstätigkeiten (Sehen, sich Gesehenes fließend sinnfällig anverwandeln und dieses wiederum in AussprechBares mit hohem Hörgestaltungswert verwandeln, Seiten haptisch bedienen und umblättern, auf der anderen Seite das Zuhören/Zuschauen,…

WO ICH NOCH BIN

  in den letzten strahlen der sonne bin ich noch   im schrei einer möwe über wogendem meer   in wellen der brandung im grauen ufergestein   im rauschen des windes im grünen blättergezweig   in der roten schweren erde…

Der Silberdistelwald

  Mein Haus, es steht nun mitten Im Silberdistelwald. Pan ist vorbeigeschritten, Was stritt, hat ausgestritten In seiner Nachtgestalt.   Die bleichen Disteln starren Im Schwarz, ein wilder Putz. Verborgne Wurzeln knarren: Wenn wir Pans Schlaf verscharren, Nimmt niemand ihn…

Lauter Fragen

  Ist das Gedicht umgekippt? Oder stürzt der Himmel ein? Oder ist das lyrische Ich an den Himmel gesprungen? Wo schaut es hin? Denkt es über die Leerstellen des zum Bild gefrorenen Seins nach? Fasst es sich selbst als eine…

Verzweifelt

  Droben schmettert ein greller Stein Nacht grant Glas Die Zeiten stehn Ich Steine. Weit Glast Du!     *** August Stramms Stil war überraschend und neu. Durch seine Knappheit, Härte und die weit vorangetriebenen Sprachexperimente heben sich Stramms Gedichte…

Dichterloh

Vorbemerkung der Redaktion: Die „Lyrikedition 2000“ wird von Heinz Ludwig Arnold herausgegeben. Hier wird Harald Hartungs Traum im Deutschen Museum neu aufgelegt, aber auch Helmut Heißenbüttels Nachkriegsmontagen Kombinationen und Topographien. Neben Walter Höllerer und Günter Kunert steht die Nobelpreisträgerin Elfriede…

Wünschelruthe

  Schläft ein Lied in allen Dingen, Die da träumen fort und fort, Und die Welt hebt an zu singen, Triffst du nur das Zauberwort.       *** Joseph von Eichendorff fand in seinem Gedicht Wünschelrute von 1835 eine neue…

Die Wut

  Weiterführend →  Lesen Sie auch das Kollegengespräch, das A.J. Weigoni mit Angelika Janz über den Zyklus fern, fern geführt hat. Vertiefend ein Porträt über ihre interdisziplinäre Tätigkeit, sowie einen Essay der Fragmenttexterin. Ebenfalls im KUNO-Archiv: Jan Kuhlbrodt mit einer Annäherung…

Vertrauen

  Bevor er gegangen war, hatten Herr Nipp und sein Freund noch über unbedingtes Vertrauen gesprochen. Die Frage, wem man alles anvertrauen würde, wenn einmal das Jahr käme, in welchem er weggehen würde. Beiden waren nicht viele eingefallen, auf jeden…