Monat: Februar 2003

Auch du bist Chandos

  Rainer Maria Gassen zugedacht alpha   Dein Klaglied klingt so wahr, es deutet scharf die Krise, die du Liebender im Traum erlittst, der dich so furchtbar stammeln lässt und sprachlos macht wie nie zuvor;   ein Traum als Elegie…

Das Versuchswildsein

  Erst die Milch, dann das mütterliche Haar. Dann das Brot, später das Brotbild, davon noch einmal das vereiste Bild von Brot.   1. geprüft, dann angesperrt, später ins feingeflochten Verkochte, ans Brot, wie sich Brot noch binden läßt, gehetzt.…

Baden

  Jäh wachte er auf, frierend wie meist dann. Er hatte sich gegen acht, nein es musste halb neun gewesen sein, denn die Kinder waren unter deren Protest erst nach den Nachrichten zu Bett gebracht worden, wohl wissend, dass sie…

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Streut sich aus dieses Rauschen auf Hoffnung Mond errötet vor lauter Mohn Abend ist´s *** Weiterführend → Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier. In ihrem preisgekrönten Essay Referenzuniversum geht sie der Frage nach, wie das Schreiben durch das schreibende Analysieren gebrochen…

Das Psychologietheater

  Es ist evident, daß alle Psychologie ein Sicheinfühlen in die fremde Existenz, ins Objekt, in den Gegenstand voraussetzt. Um etwas »Psychologisches«, etwas über die Seele einer Sache, eines Menschen, eines Unternehmens aussagen zu können, bedarf es einer Fähigkeit des…

Mein Bruder Fridolin

Fridolin Wiplinger besuchte wenige Monate vor seinem Tod Heidegger und begann das Gespräch mit den Worten: »Was mich seit einiger Zeit umtreibt, ist der Anfang Ihres ›Briefes über den Humanismus‹ aus dem Jahre 1946.« Nach Heideggers Verweis auf »die Theoria…

Kommunismus, Philosophie und Klerisei

Hätte ich zur Zeit des Kaisers Nero in Rom privatisiert und etwa für die Oberpostamtszeitung von Böotien oder für die unoffizielle Staatszeitung von Abdera die Korrespondenz besorgt, so würden meine Kollegen nicht selten darüber gescherzt haben, daß ich z.B. von…

Die Eisenbahn

  Oben auf dem Oller, wie die Wuppertaler die Bodenkammern zu nennen pflegen, befand sich das Laboratorium meines jüngsten Bruders, »das Giftzimmer«, darin Flaschen mit verschiedenartigen Salzen und Säuren und allerlei Chemikalien seltsamsten Farbeninhalts standen. Namentlich die grünspangelben Schwefelwürfel wirkten…

Schriftstellerbegegnungen

  Der jüngste Dichter, dem ich in meinem Leben begegnet bin, war Gert Jonke; damals gerade 16 Jahre alt. Das war im „Café Ingeborg“ in Klagenfurt in den frühen Sechzigerjahren. Jonke war ein schmächtiges Bürschchen, sehr schweigsam, sehr freundlich, sanftmütig.…

Aus Herrn Antrobus‘ Tagebuch

  Wir sind einen Kalendertag weitergekommen. Es gab keine Gasexplosion. Genügend Unglück stand in der Zeitung. Wir blieben verschont.   Unsere internen Katastrophen verursachen kein Geräusch. Wir werden nicht auffällig. Wie es aussieht, wird hier kurzfristig keiner zur Axt greifen.…

Was am »Grundriß« fehlt

Das Elementarische und Intime sagt von sich nicht selber aus. Mithin bleibt das Wesentliche als solches ungesagt. Verschweigt sich aber so sein Positives, dann kann es noch zum Bekenntnis werden vom Negativen her: an seinen Fehlern und Mängeln kann es…

Was uns verbindet ist das Papier

Die expressive Farbigkeit von Haimo Hieronymus, die man als vital bis aggressiv empfinden kann, korrespondiert mit dem Stachel der Analyse in Weigonis Texten wie umgekehrt die relativierende Denkhaltung derselben mit den ambivalenten Bedeutungen der Farben Schwarz, Rot und Weiß, die…

Garten

Das Vorbild aller Gärten ist der Zaubergarten, das Vorbild aller Zaubergärten ist das Paradies. Die Gärtnerei, wie jeder der einfachen Berufe, hat kultischen Hintergrund. Ernst Jünger   Ganz zufrieden nach Hause gefahren war er abends. Mit Blick über die vom…

Von einem kleinen Wiener Buch

  Anatol ist ein Einakter-Zyklus von Arthur Schnitzler. Als Buchausgabe erschien er im Herbst 1892, vordatiert auf das Jahr 1893. Das einleitende Gedicht stammt von Loris, einem Pseudonym des jungen Hugo von Hofmannsthal, der mit Schnitzler befreundet war. Die Stücke…