Monat: September 2023

Die analoge mail • Revisited

Ein Briefwechsel ist ein Gespräch unter Abwesenden. Die wahrscheinlich erste rhetorische Brieftheorie über diesen Austausch stammt vermutlich von Artemon aus dem 1. Jahrhundert. Im Vorwort seiner Aristoteles-Briefausgabe nennt er den Brief die eine Hälfte eines Dialoges, den Briefwechsel „ein Gespräch…

Ein Gespenst

  Es war ein Abend meines siebenten oder achten Jahres vor unserer babelsberger Sommerwohnung. Eins unserer Mädchen steht noch eine Weile am Gittertor, das auf, ich weiß nicht welche, Allee herausführt. Der große Garten, in dessen verwilderten Randgebieten ich mich…

DIE ALTE

  ich liege reglos auf einer wiese und feiner blütenstaub bedeckt mich, den insekten zerstäuben, wodurch er ständig aufwirbelt und niederfällt. und ich spüre, wie in mir der wein verbrennt, den ich zuvor getrunken habe. plötzlich sehe ich rauch aus…

Das leise Verstören

  Was und wie es aus der Kopfhaut herauswächst, bleibt unkontrollierbar und ungestalt. Es ist das Haar, das als Wort ausgesprochen und in all seinen möglichen und aussprechbaren Buchstabenvariationen Aggressionen provoziert: raah!, raha!, arah!, aarh!, rhaa! Es wächst lautlos, unsichtbar,…

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  Schatten Baum Blätter die als würden sie beten sich hineinfalten in sich selbst es lügt also auch dieser Wald       *** Baumzyklen, Gedichte von Sophie Reyer, KUNO 2023 Weiterführend →  Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier. In…

Die Jungfrau

  Maria Mondmilch war das einzige Kind des Kunsthistorikers Doktor Maximilian Mondmilch und der schönen Frau Marga Mondmilch. Frau Mondmilch soll früher Wassermädchen in dem Kaffeehaus gewesen sein, in welchem Herr Mondmilch – der damals Student war – Tee trank…

Worte

  „In solchen Situationen geht es nicht um Stringenz oder gar eine irgendwie entschlüsselbare Kontinuität, sondern um den Genuss am Umgang mit dem Anderen, mit den Anderen“, dachte Herr Nipp. Er reflektierte vor dem flackernden Kamin sitzend über die Kunst…

Selbander – Gestaltung

  Wie sich ihre Frisuren verändern, wenn sie beginnen, an ihren Erfolg zu glauben! Gegen die Gewohnheit der Natur formen sie ihr Haar zu Hüten früh am Morgen! Sie befürchten, dass man ihnen ohne Hüte keinen Zutritt gewährt zu ihren…

Loos

  Von der Seite betrachtet, erinnert sein Kopf an den Totenschädel eines Gorillas; wendet mir Loos langsam das Gesicht zu, prüfen mich scharf des Gorillas runde, hellbraune Augen. Die sind gefährlich, greifen aus einem andern Denken, aus einem fremden, geschwinden…

Larissa Reissner

  Die ist in ihrem eignen Saft gekocht. Wir haben so viel alte Weiber unter den Journalisten – eine so kluge, eine so kräftige war noch nicht dabei. Ihre ausgewählten Schriften liegen nun unter dem Titel ›Oktober‹ im Neuen Deutschen…

Licht, mehr Licht!

Alles, was leuchtet, sieht. Gaston Bachelard Der Katalog ReferenzRäume bietet Anlass das bisherige Lebenswerk von Mischa Kuball assoziativ passe laufen zu lassen, ohne einen Nachrufmodus zu bedienen. Wie betrachten einen Querschnitt durch sein Werk der letzten vier Jahrzehnte. Diese „Referenzräume“…

Das Bronzepferd

  Im siebten Jahr verliebte sich Janus. Er sah das Mädchen mit den tiefblauen Augen und den langen schwarzen Haaren in der Mittagsstunde, als er auf dem Weg von der Schule nach Hause in die Große Steinstraße einbog. Schon lange…

Duldungsstarre

  Wenn man aus der Hochburg der Provinz herausfährt, verwandelt sich die Gegend ins Vorstädtische. Die Suburbia passt sich den Bedürfnissen der Mittelschicht nach Eigenheim, Shoppingmall und einem naturnahen Umfeld an. Man bewegt sich im blechgepanzerten Auto zur Arbeit, zum…

Größenwahn und Kontrollsucht – Das Ende der Demokratie?

Jahrtausende hindurch ist der Mensch das geblieben, was er für Aristoteles war: ein lebendes Tier, das auch einer politischen Existenz fähig ist. Der moderne Mensch ist ein Tier, in dessen Politik sein Leben als Lebewesen auf dem Spiel steht.  …

Das Käthchen von Heilbronn

  Fürwahr, es ist Mark darin und Geist und Schönheit. Von der dunkeln Tiefe des Gemüts bis hinauf zu jener heitern Höhe, auf welcher die Schöpfungskraft frei und besonnen waltet, führt uns ein lockender Weg, mit abwechselndem Reize, bald zwischen…

Über die Allegorie

  Als Philomele ihrer Zunge beraubt war, webte sie die Geschichte ihrer Leiden in ein Gewand und schickte es ihrer Schwester, welche, es auseinanderhüllend, mit furchtbarem Stillschweigen die gräßliche Erzählung las. Die stummen Charaktere sprachen lauter als Töne, die das…

Über Analyse und Interpretation

  Analysieren ist Beschreiben ist zugleich immer auch Deuten. Ohne Deutung keine Analyse, ohne Analyse keine angemessene Deutung. Interpretieren (Deuten) bedient sich der Analyse als einer Magd; dabei ist die Methode der Analyse nie starr, sondern stets auf (oft mehrere)…

RedenRedenReden, ein Ohr-Ratorium

  Mit Live-Hörspiel verbindet man immer noch Orson Welles CBS-Live-Thriller Krieg der Welten. Die Ansprüche an das heutige Hörspiel schienen lange Zeit unabhängig vom Genre in Anspruch und Produktionsweise kaum mehr für den Live-Auftritt geeignet. Dennoch gibt es einen Gegentrend…

Stirbt die Kunst?

  Diese seltsame Frage ist jetzt zum zweiten Male aufgetaucht. Schon vor Jahresfrist hatte Moszkowski, der Chefredakteur der ›Lustigen Blätter‹, die Frage gestellt, in etwas unklarer Weise behandelt und schließlich bejaht. Jetzt kommt ein Berufener, um sie abermals zu stellen…

9/ 11 – vor 50 Jahren

Die Völker schreiben die Geschichte, und die Geschichte gehört uns. Soziale Entwicklungen sind nicht zu bremsen, weder durch Verbrechen, noch durch Gewalt. Zwar bahnt sich der Verrat gerade seinen Weg. Aber ich habe Vertrauen in Chile und sein Schicksal. Früher…

OSKAR KOKOSCHKA

  Ich traf ihn im jahre 1908. Er hatte das plakat für die wiener „kunstschau“ gezeichnet. Es wurde mir gesagt, daß er ein angestellter der „Wiener Werkstätte“ sei und mit fächermalen, zeichnen von ansichtskarten und ähnlichem, nach deutscher art –…

Gezeitengespräch 9

Vorbemerkung der Redaktion: In diesem Jahr machen wir das vergriffene Gezeitengespräch von Haimo Hieronymus und Karl Hosse auf KUNO recherchierbar.   Zeitnah: Ja, die Mütter, unsere Mütter und deren Mütter, immer hängt es doch wieder an ihnen. Die Bilder im Kopf…

Lendenwirbel

  Gegen Abend fuhr ich nach Chicago – eine eigentümliche, modern und antiquiert zugleich erscheinende Skyscraper-Architektur, gute (teure) Geschäfte, Blumenkästen in den Straßen, weniger pollution als in Manhattan. Strand am Lake Michigan, direkt vor der skyline. Ich ging schwimmen und…

Etwas vom Humor

  Beim alten Schopenhauer steht, wie alles, so auch das: »Denn näher betrachtet, beruht der Humor auf einer subjektiven, aber ernsten und erhabenen Stimmung, welche unwillkürlich in Konflikt gerät mit einer ihr sehr heterogenen, gemeinen Außenwelt, der sie weder ausweichen,…

Zerstreute Betrachtungen über verschiedene ästhetische Gegenstände

  Alle Eigenschaften der Dinge, wodurch sie ästhetisch werden können, lassen sich unter viererley Klassen bringen, die sowohl nach ihrer objectiven Verschiedenheit, als nach ihrer verschiednen subjectiven Beziehung auf unser leidendes oder thätiges Vermögen ein nicht bloß der Stärke sondern…

Maler male

  Wo hast Du dich da hingestellt? Da passt du gar nicht hin. Du machst stets das denkbar Unbequemste  aus deiner Lage. Gibst zu früh nach, zu spät auf, zu viel dazu, zu offen klein bei. Tausendmal gebrauchte unhygienisch gewordene…

Freiheit

  Auf dem Weg war ihm schon häufiger aufgefallen, dass einige Passagen eine überproportionale Ermüdung zur Folge hatten. Er fühlte sich einfach ausgelaugt, wenn bestimmte Abschnitte dieser Strecke befahren wurden. Da konnten noch so viele Kurven wie aus dem Nichts…

Du aber

  An manchen Tagen ist die Welt bereits da zuende, wo sich der Blick aus dem Fenster an der erstbesten Häuserfassade stößt. Ist es Tag, vermag einer sich noch vorzustellen, was da hinter den Gar- dinen vorgeht: Die Bedrückung wird…

Von der Pedanterei

  In meiner Jugend hab‘ ich mich oft darüber ereifert, wann ich in der italienischen Komödie beständig einen Pedanten als lustige Person auftreten sah und dabei bemerkte, daß die Benennung Magister bei uns eben keine ehrenvolle Bedeutung enthielt. Denn, da…

Warten

  Helle Rosen liebt sie und die schwarze Vase. Abtönung! ich werde sie entblättern. der Duft! toll! ein Mädchen auf meinem Zimmer! das hätt ich nicht von ihr gedacht. sie ist so fein. aber wer nicht nimmt. ich bin immer…