Allseits vernetzte Gemeinschaft

Notwendige Vorrede:

Das Museum für Fotokopie (M.F.F.) widmet sich der Geschichte der Fotokopie und der Copy Art. Es ist Mitbegründer des seit 2013 vom gleichnamigen Verein betriebenen „Makroscope – Zentrum für Kunst und Technik“, welches sich gegenüber vom Rathausturm im Zentrum der Mülheimer Innenstadt befindet. Im Makroscope finden regelmäßig Ausstellungen, Konzerte, Lesungen, Vorträge und Workshops statt. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, Synergien zwischen Technik und Kunst sichtbar zu machen und zu vermitteln.

Zu erzählen ist in diesem Rückblick die Geschichte eines ungewöhnlichen Sammlers, der sich mit sanfter Hartnäckigkeit einer Maschine gewidmet hat. Er tat dies bereits zu einem Zeitpunkt, als seine Zeitgenossen diese Geräte bereits auf den Schrottplatz entsorgten. Der bildende Künstler Klaus Urbons ist geradeheraus, höflich und bescheiden, macht nicht viele Worte und hat einen feinen Sinn für Humor. Als starker Idealist hat er den Glauben an die Kunst und besitzt den Mut, auszuharren trotz des Widerstands der ideallosen Welt. Das Museum für Fotokopie-Projekt startete als private Initiative am 29. März 1985 in Mülheim an der Ruhr. Zu dieser Zeit umfasste die Sammlung 22 Kopiergeräte und wurde zusammen mit den wechselnden Copy Art-Ausstellungen auf erstaunlichen 54 qm untergebracht.

Früh zeigte sich bereits der Ansatz, den Maschinenpark und die Kunst nicht zu trennen.

Im bewußten herausgearbeiteten Gegensatz zu anderen technischen Museen gingen Sammlungs- und Forschungstätigkeit beim M.F.F. immer Hand in Hand mit der Durchführung von Ausstellungen und Aktionen. Drei drei Jahren später das Museum in eine frühere Schreinerei in die Mülheimer Altstadt um. Es standen von da an drei Etagen und separate Büroräume mit insgesamt 240 qm zur Verfügung. Im August 1988 fanden die Eröffnung mit Electrografias des spanischen Künstlerduos Alcanales statt. Die Kunstform ‚Copy Art‘ wird als ein Verfahren sowohl der Selbst-Aufzeichnung wie der Konstruktion und des Entwurfs untersucht und in seiner insbesondere prozesshaften Erscheinung als Kunstform betrachtet. Monopole werden aufgesprengt und haben einer unübersichtlichen Fülle Platz gemacht. Die authentische Erfahrung weicht der kreativen Simulation. Wir sind umgeben von Diskursen, weshalb der Elektrofotografie unweigerlich etwas Plagiaristisches innewohnt. Mit Rückgriff auf Foucault verstehen wir den Charakter des Kunstmachen als lineares, erzählendes oder als kreisförmiges, mithin notierendes Tun. Diese Artisten skizzieren in schnellen Schritten die Mediengeschichte vom Material über die Maschine zur Utopie einer Plurität von möglichen Welten, die Partizipation steht allen offen.

Für das von Minolta 1988 veröffentlichte Buch „Kopieren heute“ schrieb Klaus Urbons den technikgeschichtlichen Teil.

Die Welt dreht sich mit dem Medienwandel in rasanter Geschwindigkeit. Was gestern zeitgemäß war, fällt heute ins Reich der Geschichtsschreibung. 1991 erschien sein Buch Copy Art – Kunst und Design mit dem Fotokopierer bei DuMont. Als erstes deutschsprachiges Buch zu diesem Thema enthielt es außerdem die erste Zusammenfassung der Entwicklung der Fotokopiertechnik. Die Stärke der Copy Art liegt gerade darin, dass es keine gewöhnlichen Abbildungen ermöglicht. In diesem ‚Museum für Alltagsnotizen‘ muss man sich nicht darauf einstellen, die Kunst nur durch eine Glasscheibe durchpausen zu können. Die einzelnen Kopiervorgänge lassen dem Chaos und Wuchern eines Lebens genügend Freiraum. Gerade in der fragmentarischen Struktur der Kopie liegt jedoch Potenzial zur Anteilnahme. Es ist unsinnig, die einzelnen Ereignisse chronologisch ordnen zu wollen, dafür aber möglich, dem detailversessenen Blick genau zu folgen.

Trivialmythen

1992 wurde die Museums-Sammlung beinahe vollständig im Rahmen der „Trivial Machines 1“ im Karl-Ernst- Osthaus-Museum in Hagen ausgestellt. KUNO teilt diesen Ansatz. Die Auseinandersetzung mit den, in diesem Online-Magazin reflektierten Trivialmythen, die sich beispielsweise in sogenannten Gossenhefte oder trivialen Maschinen wie dem Fotokopierer äussern, dem Tonstudio als Instrument oder dem Internet als Weltarchiv, ist eine stilistisch überpointierte Art der Wahrnehmung von kulturellen Produkten aller Art von Literatur über Musik, bildender Kunst usw., die am Künstlichen und der Übertreibung orientiert ist; oft gehören die als trashig erlebten Werke der Trivial- oder Popkultur an, die hier jedoch nicht gedankenloser Zerstreuung dient, sondern eine ästhetische Umwertung erfährt. Ohne ein kulturelles oder gesellschaftliches Handeln wäre ein Subjekt nicht vorstellbar.

Elektrografie – Analoge und digitale Bilder

Da Copy Art auf dem Papier geschieht, ist sie einerseits Repräsentantin der alten Buchkultur und andererseits bedroht durch die Instabilität, der die Kunst im anbrechenden digitalen Zeitalter unterworfen ist. 1994 folgte mit dem Buch „Elektrografie – Analoge und digitale Bilder“ eine weitere Dokumentation der Museumsarbeit. Urbons unternahm den Versuch, Kunst und neue Medien in ihrem Zusammenspiel wechselseitig zu bestimmen. Er geht von der Geste des Schreibens aus, die nebst anderen auch Vilém Flusser näher definiert:

Die Geste des Schreibens ist eine Geste der Arbeit, dank derer Gedanken in Form von Texten realisiert werden.

Mit Rückgriff auf medientheoretische Überlegungen, die von Michel Foucault und Jaques Derrida bis Friedrich Kittler reichen, die neueste Forschung mit inbegriffen, skizziert Urbons theoretisch und praktisch einen durch neue mediale Realitäten bestimmten Wandel. Copy Art begreift er als taktil, sie verliert die Kraftaufwendung, wie sie minimal bei der Tastatur des Kopierers vorhanden ist, sie ist eine kulturverändernde Art der Bewegungssensitivität. Da das Sammlungsziel des Museums, die Anfänge der modernen analogen Fotokopie bis hin zur ersten Generation digitaler Kopierer zu dokumentieren um 1997 nahezu erreicht war, wurde ein Platz für die komplette Sammlung des M.F.F gesucht.

Endhaltestelle: Museum für Verkehr und Technik in Berlin

Seit 1999 ist die Technik-Sammlung mit rund 100 verschiedenen Meilensteinen der Fotokopie-Geschichte, Archiv und Bibliothek im Depot des Deutschen Technikmuseums untergebracht. Es handelt sich mit einiger Sicherheit um die weltweit einzige firmenübergreifende Sammlung zur Geschichte der modernen Fotokopie.

Gutenberg machte die Leute zu Lesern. Xeros macht sie zu Herausgebern.

Herbert Marschall McLuhan

Copy-Art by Klaus Urbons

Nach Beendigung des Museumsprojekts widmete sich Klaus Urbons dem Erfinder der Xerografie, Chester F. Carlson, schrieb dessen erste deutschsprachige Biografie und Xerografie von 1938 aus. Beides wurde 2008 zum 70. Jahrestag der Erfindung im Mülheimer Büromuseum vorgestellt. Klaus Urbons berichtet in seinem Buch The Magic of Copies: Chester F. Carlson and the Invention of Xerography“ vom schwierigen Leben des Xerografie-Erfinders Chester Carlson. Er gilt als Erfinder des modernen Fotokopierers nach dem Prinzip der Elektrofotografie. Ebenfalls verwendet wird der Begriff Xerografie (griechisch für „trocken schreiben“). 1942 erhielt Carlson das U.S. Patent Nr. 2,297,691 auf das Elektrophotographie genannte Verfahren. Bis zur Markreife sollten noch einige Jahre vergehen.

Um die Marktakzeptanz des neuen Fotokopierers zu testen, stellte die Firma Haloid die Apparate bei einigen Unternehmen kostenlos zur Probe auf. Das Resultat war niederschmetternd. Alle Unternehmen schickten ihr „XeroX Model A“ nach kurzer Probezeit zurück: Zu kompliziert und zu langwierig für den Büroeinsatz, lautete das einstimmige Urteil. Dass dieser Anfang nicht zugleich das Ende der Xerografie wurde verdankte Haloid der Tatsache, dass sich mit dem Model A auch Papierdruckplatten für den Bürooffsetdruck erstellen ließen. Dies hatten Carlson und Kornei bereits vorausgesehen und erprobt. Da damals viele Unternehmen größere Auflagen mit einer Bürooffsetmaschine vervielfältigten und die Erstellung der Druckfolien zeitaufwändig und kostspielig war, gab es einen Markt mit dem Haloid nicht gerechnet hatte. Und auf diesem Markt war das XeroX-Gerät ohne Konkurrenz. Es gab keine schnellere und preiswertere Methode zur Erstellung von Papierdruckplatten. Mit den Gewinnen aus diesem Marktsegment erhielt Haloid eine gute Grundlage für die Weiterentwicklung der Xerografie. Und auch Chester Carlson, der seit 1948 bei Haloid als Patentanwalt angestellt war, verdiente zum ersten Mal mit seiner Erfindung mehr Geld, als er in all den Jahren zuvor hineingesteckt hatte.

Haloid brachte 1953 mit dem „Model D“ ein für die Erstellung von Druckplatten optimiertes Gerät auf den Markt, das bis in die 1970er-Jahre verkauft wurde. Mit der optional erhältlichen „Camera Nr. 1“ ließen sich auch doppelseitige Vorlagen und Bücher 1:1 kopieren und mit der „Camera Nr. 4“ waren auch stufenlose Vergrößerungen und Verkleinerungen möglich, allerdings weiterhin manuell, wie beim Model A.

Der erste xerografische Automat war kein Bürokopierer, sondern ein Rückvergrößerungsgerät für Mikrofilm: 1954 wurde der „XeroX CopyFlo 11 Printer“ vorgestellt, er produzierte rund 30 Seiten pro Minute auf Normalpapier. Zum ersten Mal wurde eine Selentrommel als Fotoleiter eingesetzt – alle Prozesse konnten somit kontinuierlich ablaufen, wie es Carlson bereits in der Patentschrift seines Modells vorgesehen hatte.

Carlson hatte die Gründung einer eigenständigen Patentabteilung bei Haloid durchgesetzt, um mehr Zeit für die Lösung technischer Aufgaben zu haben. Er wirkte bis Mitte der 1950er-Jahre aktiv an der Weiterentwicklung der Xerografie bei Haloid mit und erhielt zahlreiche weitere Patente. 1955 wurde er zum Vorsitzenden des unternehmensinternen „Small Copier Committee“ ernannt. Dieses Komitee sollte die Planungen zur Entwicklung des ersten vollautomatischen xerografischen Bürokopierers kritisch abwägen und beurteilen. Das Urteil fiel positiv aus und die Ingenieure begannen mit der Arbeit.

Zur gleichen Zeit verhandelte die Geschäftsführung mit dem Battelle-Institut über eine Änderung des Lizenzabkommens. Für 53.000 Haloid-Aktien und eine dreiprozentige Gewinnbeteiligung bis zum Jahr 1965 erhielt Haloid die gesamten Rechte an der Xerografie. Da Carlson 1944 die Rechte an seiner Erfindung gegen eine 40-prozentige Beteiligung an allen Einnahmen an Battelle abgetreten hatte, standen ihm nun 21.200 Haloid-Aktien plus eine 1,2 % jährliche Gewinnbeteiligung zu. Dies sollte die Grundlage seines späteren Reichtums werden.

Haloids Geschäftsführer Joe Wilson wollte, dass das Engagement des Unternehmens für die Xerografie, die 1956 bereits 40 % der Einnahmen ausmachte, durch eine Änderung des Unternehmensnamens deutlich werden sollte. Er schlug vor, den bisherigen Markennamen Xerox als Firma zu wählen, stieß aber im Vorstand und bei den Aktionären auf großen Widerstand. Als Kompromiss wurde das Unternehmen 1958 in „Haloid Xerox“ umbenannt. Die Umbenennung in Xerox Corporation erfolgte nur drei Jahre später.

Chester Carlson wurde von seinen Kollegen bei Haloid stets als ein rücksichtsvoller, geduldiger und zurückhaltender Mensch beschrieben, der ganz in seiner Arbeit aufging. Er mochte es nicht, im Vordergrund zu stehen und beteiligte sich in den Mittagspausen höchstens an Fachgesprächen. Während seiner ersten Ehe hatte er praktisch nur für seine Erfindung gelebt, doch durch seine zweite Frau Dorris änderte sich sein Leben und Carlson wandte sich zunehmend metaphysischem Gedankengut und Themen wie Wiedergeburt und fernöstlichen Religionen zu.

Durch den Lizenzverkauf an Haloid waren die Carlsons ab 1955 erstmals finanziell unabhängig und konnten aus den wachsenden Einnahmen ihren bescheidenen Lebensstil bestreiten. Carlson gab seinen Posten bei Haloid auf, blieb aber bis zu seinem Tod als Berater für das Unternehmen tätig.

Noch heute, 60 Jahre nach der Einführung der Xerografie, kommt die von Carlson erfundene Technik in nahezu allen größeren Kopierautomaten zum Einsatz. Allerdings nun in digitaler Form, als Laser- oder LED-Druck in Schwarzweiß oder Farbe. Der digitale xerografische Farbdruck kann sich schon seit Jahren qualitativ mit dem Offsetdruck messen, bietet aber im Vergleich dazu ein zuvor unbekanntes Maß an Flexibilität. Aus den Bürokopierautomaten von 1960 sind heute regelrechte Kommunikationszentralen geworden, die Dokumente senden und empfangen, elektronisch verteilen und archivieren, als fertig gebundene Bücher ausdrucken und nach wie vor auf Knopfdruck fotokopieren. Dass wir uns heute nicht mehr vorstellen können, ohne Fotokopierer auszukommen, ist ein sicheres Indiz dafür, dass Chester F. Carlson mit seiner Erfindung die Welt verändert hat.

Die Entstehungsgeschichte der ersten Xerografie im Jahre 1938 hat Klaus Urbons oft in öffentlichen Vorführungen geschildert und dann dem Publikum demonstriert. Im Anschluss daran konnten die Museumsbesucher Carlsons Trockenkopier-Experiment selbst nachvollziehen.

Geschichten eines Umschwungs in Technik und Kunst

Zusammengeführt wird alldies quasi in der aktuellen Publikation. Klaus Urbons liefert mit seinem neuen Buch Von der analogen Kopie zum digitalen Workflow: Geschichten eines Umschwungs in Technik und Kunst. Wir lesen eine umfangreiche Dokumentation der fast vergessenen Geschichte der modernen Bürokopie und deren engen Bezüge zum Rheinland. Des Weiteren umreißt es die technischen Entwicklungen, die künstlerische Aneignung und die persönlichen Geschichten hinter der Bürokopie. Das instrumentelle Handwerk ist zur der digitalen Oberfläche mutiert. Die Bewegungen der Finger werden direkt in Kunst umgewandelt, wobei die taktile Bewegung vervollständigt wird von den Vorgängen im Innern der Maschine.

Von der Offenheit des Unbestimmten zur erreichbaren Klarheit und Bestimmtheit.

Der digitale Wandel schafft neue Räume und fordert neue kulturelle Kompetenzen. Bei der Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit mit der wir heute alle Arten von Informationen erfassen, gestalten und verteilen, werden wir uns wohl nur selten die Frage stellen, wie dies zuvor realisiert wurde und wann und wie überhaupt diese neue digitale Zeit begann. Auf eine derart vielschichtige Fragestellung könnten die Antworten viele dicke Bücher füllen, denn natürlich betrifft die Veränderung durch digitale Techniken die gesamte Gesellschaft. Einem der ursprünglichen Auslöser ist dieses Buch gewidmet, denn es lässt sich feststellen, dass die Einführung moderner Techniken der Bürokopie über einen Zeitraum von rund 60 Jahren technischer Fortschritte, gemeinsam mit der Evolution der Computer zu dem führte, was wir heute als „digitalen Workflow“ bezeichnen. Dass das Rheinland und Westfalen – in Deutschland und in der Welt – eine zentrale Rolle bei dieser Entwicklung spielten, dürfte für viele Menschen eine Überraschung sein. Urbons macht einen Verweis auf die Definition von Marshall McLuhan, wonach Medien eine Extension des menschlichen Körpers darstellen – oder umgekehrt. In der Geste des Entwerfens liegt die Entwurfsskizze, die im disegno der Renaissance eine erste Aufwertung erfuhr. Im postmodernen Design konzentrieren sich heute Erscheinen wie Verschwinden der Dinge und ebenso des digitalen Tuns. Das Buch Von der analogen Kopie zum digitalen Workflow beschreibt die lokale und globale Entwicklungsgeschichte der Fotokopie und geht auch auf die künstlerische Nutzung von Kopierern und Faxgeräten ein.

Auf dem im Schacht wartenden Kopierpapier schreibt sich eine gespannte Energie spontan ein.

Nervöse Hektik erzeugt scheinbar statische Ruhe. Ein wirbelndes Geflecht von knisternder, unerlöster Energie zeigt eine aufgetretene Konfliktsituation an. Auf das Ungerichtete folgt zusehends Verdichtung, Betonung, Definition. Es sondert sich Gestalt von Textur – es entstehen Rhythmus und Raum. Das Buch Von der analogen Kopie zum digitalen Workflow ist zugleich das Resümee der gleichnamigen Ausstellung (2017/18) im Makroscope e.V., dem Zentrum für Kunst und Technik in Mülheim an der Ruhr. Gezeigt wurden Werke von Joseph Beuys, Dore O., Ueli Fuchser, Kaii Higashiyama, Sarah Jackson, Ingrid Lievenbrück, Werner Nekes, Lieve Prins, Sonia Sheridan, Jean-François Robic, und Andy Warhol. Die verschlungenen Oberflächen dieser Künstler werden dann zu labyrinthartigen Verwirrungen, zu Kreuz- und Querverbindungen zwischen Vorder- und Hintergrund. Die Bildflächen verwandeln sich in ein Kontinuum von kleinen und großen Episoden. Wir sehen in dieser Dokumentation die Copy Art einen ununterbrochenen Fluss von gestischen Zeichen und grafischen Schwingungen, die um ein imaginäres Zentrum auf dem Blatt herumwirbeln und sich allmählich bis zu den Rändern ausdehnen. Eine greifbar innere Spannung zieht das Gewebe, das Netzwerk zusammen. Die vorwärtsdrängenden Energie des Kopierers macht affektive Momente des Lebensgefühls spontan sichtbar und erfahrbar. Ein Lebensaugenblick zuckt auf. Keine Figur, eine Abbreviatur, eine Fraktur, ein Substrat des Zerbrechens tritt hervor. Wir Betrachter werden von einem naiv-neugierigen Semiotiker zum Zeichenleser, der gleichzeitig mit den sofort erkennbaren Inhalten die differenzierten, vielschichtigen Formen erkennt.

You Press the Button, We Do the Rest

In der Rückschau auf die Elektrografie lassen sich diese Entwicklungslinien nachzeichnen. Es mag schon erstaunen, dass es bislang eher am Rande der Forschung blieb. Wir können Urbons nicht genug dafür danken, uns diese Abschnitte mit ihrem großen erzählerischen Vermögen wieder näher gerückt zu haben. Mit dem Kopierer wurde die Textur der Elektronik erkundet und sich auf die Suche nach Bildern begeben, die man sich selbst nie hätte ausdenken können. Copy Art lebt von der ständigen Verwandlung des Wirklichen in der Erscheinung, vom Wechsel von Aufbau und Zerstörung, von Formation und Deformation, von Innovation und Irritation. Aber zugleich besitzen diese Künstler die seltene Fähigkeit, diffuse Formkomplexe zusammenzufassen und ein einheitliches Lebensgefühl in der Balance des Disparaten zu bewahren. Gerade aus Unfällen entstand vieles, was sich erst im Netz durchgesetzt hat. Nicht der Mensch ist kreativ, sondern die Fusion aus Mensch/Maschine fin­det wie von selbst ihre Bilder und ihre Sprache. Den Abschied vom Schöpfergenius haben Copy-Art-Künstler wie Klaus Urbons vorweg gedacht.

 

 

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Von der analogen Kopie zum digitalen Workflow: Geschichten eines Umschwungs in Technik und Kunst, von Klaus Urbons, Edition Makroscope, Mülheim an der Ruhr 2020

Weitere Publikationen von Klaus Urbons:

Kopieren heute : d. Geschichte d. Fotokopie u. ihre heutige Anwendung für d. moderne Büro, 1988.

Copy art : Kunst und Design mit dem Fotokopierer, 1991.

Elektrografie : analoge und digitale Bilder 1994.

Chester F. Carlson und die Xerografie, 2008. Containing the first biography of the inventor in the German language. Was published on the occasion of the exhibition „Copy Copy – 70 Jahre trocken Kopieren“.

Edith Weyde – How an inventor from the Rhine-Land changed the world, 2016. Co-authors: Klaus Urbons, José Ramón Alcalá, Susanne Dickel, Gert Koshofer, Rolf Sachsse, Edith Weyde. Bi-lingual German/English. Published on the occasion of the exhibition „Minutenbilder/Pictures in Minutes“.

Eine Vorzugsausgabe Von der analogen Kopie zum digitalen Workflow von Klaus Urbons mit Hardcover ist beim M.F.F. erhältlich.

Weiterführend →

Blitzkopie: Auszüge aus einem Interview mit Dr. Edith Weyde 1988
Das kleine Helferlein – Hörfilm auf MetaPhon
Xerografie: Erstes Remake des Astoria-Experiments zum 70jährigen Xerografie-Jubiläum 2008