Von Proust zu Pulp

30. November 2014
Von

Die Auseinandersetzung mit den seit dem 11. November in diesem Online-Magazin reflektierten Trivialmythen, die sich beispielsweise in sogenannten Gossenhefte oder trivialen Maschinen wie dem Fotokopierer äussern, dem Tonstudio als Instrument oder dem Internet als Weltarchiv, ist eine stilistisch überpointierte Art der Wahrnehmung von kulturellen Produkten aller Art von Literatur über Musik, bildender Kunst usw., die am Künstlichen und der Übertreibung orientiert ist; oft gehören die als trashig erlebten Werke der Trivial- oder Popkultur an, die hier jedoch nicht gedankenloser Zerstreuung dient, sondern eine ästhetische Umwertung erfährt.

The Importance of Being Earnest

Die Spur der Trivialmythen lassen sich ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Bereits der mit dem Dandytum der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Verbindung stehende Ästhetizismus, Oscar Wilde kann als stilsicherer Vorläufer der Kunstauffassung angesehen werden, dessen eigentliche Zeit eine Brücke von DaDa bis in den 1950er und 1960er Jahren bildet. Es besteht eine Verbindung zur Popart und anderen Kunstrichtungen dieser Zeit, die sich spielerisch mit der Alltagskultur beschäftigen, wie beispielsweise in der TV-Serie Raumpatrouille, das Bügeleisen als Steuerkonsole. Das schöpferische Originalgenie ist seit dem 19. Jahrhundert ausgestorben, die Artisten des 21. Jahrhunderts sind Tatsachensammler und Verdichter.

The medium is the message

Durch die elektronische Vernetzung ist evident, dass das Objekt nicht als solches interessant ist, sondern in seiner Darstellung, da es sich um das Resultat einer Reihe von Überlegungen handelt, die die Geschichte des Objekts, seine Symbolik, sein Werden und die Erfüllung in den Augen des Betrachters berühren. In seiner geschichtlichen Entwicklung hat das Internet die Maskierung des Objekts aufgezeigt, das sich von seinem Wesen als Produkt entfernt, um zum Hauptdarsteller der Inszenierung zu werden. Das Objekt wird also in dem Augenblick, in dem es in das System Markt gelangt, zu etwas anderem als sich selbst. Brennscharf erkannte dies bereits ab 1957 Roland Barthes, er versammelte analytischen Kunststücke in seinem Buch Mythologies. Der Band begründete Barthes‘ Ruf als führenden strukturalistischen Denker und brillanten Interpreten der Welt der Zeichen. Dieses Buch macht deutlich, daß der von uns als natürlich erlebte Alltag aus nichts anderem als einem interessengehorchenden und zugleich willkürlichen System besteht, das durch die Analyse seiner Zeichen seiner Selbstverständlichkeit entkleidet und für Veränderungen offen gemacht werden kann.

Reenactment

Im Zeitalter der Retromanie erlangen Gegenstände, Kunststile und Künstler Kult-Status, wenn sie im Mainstream seit einiger Zeit aus den Zeitläuften gefallen sind. Eine Nähe der Trivialmythen zur Historisierung vergangener Populärkultur, zur Retro-Welle und zu verblassten soziokulturellen Mentalitäten ist erkennbar. Diese artifizielle Wahrnehmung sucht nicht nach den ewigen Werten, die beispielsweise bei der Neuinterpretation von kulturellen Klassikern aus dem Strom der verflossenen Zeit gerettet werden sollen, sondern kapriziert sich gerade auf die fluiden Aspekte von Kunst und Darstellung. Besonders gern werden hier Werke und Personen wahrgenommen, die ihrer Epoche zeitlose Archetypik und Großartigkeit („die Frau“, „die Schönheit“, „das Biest“, „der Vampir“) vermitteln wollten und dabei mehr oder minder grandios scheiterten. So konnten auch die öffentlichen Auftritte eines Politikers wie Helmut Kohl, der im Alleingang die Würde der ganzen Deutschen Nation voll todernstem Pathos repräsentieren wollte, als Deutscher trash empfunden werden. Auch das heillos überzogene Pathos der Architektur eines Frank Gehry oder die bereits selbstironisch überspitzte Darstellung einer Sex-Ikone durch Scarlett Johanson sind klassische Trash-Produkte.

Der online-Duden definiert Trash als eine „Richtung in Musik, Literatur und Film, für die bewußt banal, trivial oder oder primitiv wirkende Inhalte und eine billige Machart typisch sind“.

Im engeren Sinne bezieht sich das Konzept trash ursprünglich vor allem auf übertriebene, teilweise selbstironische Darstellung femininer Affekte, wie sie in der schwulen Subkultur seit den 1970er Jahren (man denke von die Drag Queen Divine) sowie bei einigen klassischen weiblichen Hollywood-Stars vorherrschte. Bei alle diesen subversiven Strategien sollte eine gewisse Form der Theatralik, Leidenschaftlichkeit und Verspieltheit sichtbar werden; trash-Ironie ist auch überwiegend auf sentimentale und liebevolle Weise ironisch, will die erwählten Gegenstände, Personen und Kunstwerke nie nur vorführen oder der Lächerlichkeit preisgeben. Ferner entsteht gute trash-Kunst eher naiv und unfreiwillig. Eine gewisse Überschneidung der trash-sensibility mit semiotischer Kulturanalyse sollte gleichfalls beachtet werden. Anhänger des trash-Geschmacks abstrahieren oft von den Inhalten der dargebotenen Artefakte, sie genießen Form, Dekor, Ornament und Variation – daher sind weitgehend festgelegte Genrekünste auch besonders dankbare Objekte für trash-Konsumenten. Die struktural-semiotische Analyse auf der Suche nach nach kulturellem Katzengold konzentrierte sich gleichfalls weniger auf die von Autoren und Künstlern intendierte Bedeutung von Kunstschöpfungen, als auf das Beziehungsnetz und Spiel der Zeichen, auf die Mechanismen der Rezeption.

Das ist so schlecht, dass es schon wieder gut ist!

Extremer – und beabsichtigter – trash waren die frühen Filme von John Waters oder Russ Meyer, der mit Faster Pussycat! Kill! Kill! das erste Roadmovie drehte und erzeugte vor dem Easy Rider die Magie der Künstlichkeit im Werk des Existenzialisten. Trivialmytische Elemente finden sich auch in den Filmen von David Lynch sowie in den Werken des Romanciers A.J. Weigoni, insbesondere in seinem ‚Konzeptalbum‘ Zombies und Cyberspasz. Auch in der transformierten Form des Schlagers sind trash-Aspekte zu entdecken, etwa in der Musik von Eva Kurowski und Helge Schneiders DaDa-Homage.

Der Sinn des Trash liegt in der Entthronung des Ernstes. Trash ist spielerisch, anti–seriös.

In der Provokation der Trivialmythen findet sich ein Musterbeispiel für das existenzielle menschliche Bedürfnis nach Kunst. Die Arbeiten, die Mythen des Alltags thematisieren, hatten immer eher den Charakter des Geheimtipps, waren meist das Goutieren abseitiger ästhetischer Aspekte der Massenkultur in urbanen Kleingruppen von Eingeweihten. Mit dem weltweiten Netz wird die Trivialität der menschlichen Existenz offenbar, das sich nun jeder in sozialen Medien zum Autor seiner Selbst wird und sich exibitionieren kann. Es wird sich erweisen, ob Kunst als Feigenblatt weiterhin benötigt wird.

***

Weiterführend

Das Cover des ersten Gossenheftes, 1989

Lesen Sie auch den Artikel Perlen des Trash über 25 Jahre Gossenhefte und Enno Stahls fulminantes Zeitdokument Deutscher Trash.

Die erwähnten Gossenhefte sind vergriffen und werden unter Sammlern für Preise um 20,- Euro gehandelt. Die sorgsam edierten Erzählungen und Novellen von A.J. Weigoni sind in einer Werkedition erhältlich:

Cyberspasz, a real virtuality, Novellen von A. J. Weigoni, Edi­tion Das Labor, Mülheim an der Ruhr 2012.

Zombies, Erzählungen von A. J. Weigoni, Edition Das La­bor, Mülheim an der Ruhr 2010.

Tags: , , , , , , , , , ,

Kommentare geschlossen.

In eigener Sache

Das Magazin Kulturnotizen (KUNO) reflektiert entstehende Kunst, Musik und Poesie + Online-Archiv. Mehr Informationen.

630 – Buch/Katalog-Projekt

Mit den Vignetten definierte A.J. Weigoni eine Literaturgattung neu. Die Novelle erscheint am 27.10. 2018 in der Umsetzung als Hörbuch und das Buch/Katalog-Projekt 630 zur Ausstellung von Peter Meilchen.

Künstlerbücher

Zum Thema Künstlerbücher hier ein Essay. Vertiefend ein Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus. Das Fotobuch Zyklop I erscheint im September 2018 in einer limitierten Auflage.

Ein Gesamtkunstwerk

Das lyrische Gesamtwerk von A.J. Weigoni im "Schuber"

Jeder Band aus dem Schuber von A.J. Weigoni ist ein Sammlerobjekt. Und jedes Titelbild ein Kunstwerk! KUNO fasst die Stimmen zu dieser verlegerischen Großtat zusammen.

Ohrenzwinkern

Coverphoto: Leonard Billeke

In der Reihe MetaPhon sind Facetten der multimedialen Kunst zugänglich.

Twitteratur

Ein Essay über die Literaturgattung Twitteratur. – Poesie ist ein identitätsstiftende Element unsrer Kultur, lesen Sie auch KUNOs poetologische Positionsbestimmung.

Rückspiegel

Edition Das Labor

Die ausführliche Chronik des Projekts Das Labor lesen sie hier. Eine Übersicht über die in der Edition realisierten Künstlerbücher, Bücher und Hörbücher finden Sie hier.