Kassettenuntergrund

Pop als distinktiver Selbstentwurf

Rock-n-Roll ist das Leitmotiv für den Ausbruchsversuch, es ist der Sound des Industriezeitalters und die permanente Feier des gelebten Augenblicks. Es ist die Zeit der Selbstermächtigung, des Aufruhrs, des Einfach-machen-Wollens. Der „Ratinger Hof“ bildete in Düsseldorf eine subkulturelle Scharnierstelle. Die Rheinmetropole war so etwas wie die heimliche Hauptstadt der alten BRD, im Bermuda-Dreieck zwischen der Uel, dem Einhorn und dem Ratinger Hof traf man auf geballte Zeitgeist–Kompetenz. In der Landeshauptstadt NRWs der ausgehenden 1970er und frühern 1980er Jahre betrieben A. J. Weigoni und Frank Michaelis im Kunstakademie-Umfeld mit der Literatur eine multimediale Hörspielerei zwischen Performance, Theater und Lesung, dokumentiert durch die Kassette the vera strange tapes. Unter zuhilfenahme eines Vier-Spur-Kassettenrekorders bemächtigten sich die Künstler rigoros der Produktionsmittel. Dieses analoge Medium brachte für diese widerständige Kultur einen Emanzipationsschub mit sich, ein Zugewinn an künstlerischen Mitteln, der mit der Digitalisierung fast in Vergessenheit geriet, weil sich ein noch einschneidenderer Fortschritt vollzog. Die Kassettenkünstler nutzten dies als Möglichkeit, Musik unabhängig zu produzieren.

Demokratisierung der Produktionsmittel

Mit der simplen Aufnahmetechnik konnte man Musik und Klang- und Sprachexperimente dokumentieren und akustische Scheuermittel für den Kopf produzieren. Als Geräuschquellen und Instrumente wurden oft Alltagsobjekte zweckentfremdet. Hinzu kam der Preisverfall bei Synthesizern, dem bevorzugten Musikinstrument der Kassettentäter. Der Slogan von der Demokratisierung der Produktionsmittel wurde lanciert, weil der Yamaha DX 7 erschwinglich wurde und gecrackte Audiosoftware in ausreichendem Masse zur Verfügung stand. Labels wie Kompakt Produkte in Berlin, das Label ZickZack von Alfred Hilsberg in Hamburg und Instant Music in Düsseldorf praktizierten die Kulturtechnik des Vor– und Zurückspulens. In der Kassettenkultur gelang es den Labels, eigene Vetriebsstrukturen aufzubauen und eine kommerziell unabhängige Musikkultur abzubilden.  Aus der anfänglichen Arbeit gegen die Gebrauchsanweisung der Geräte, ihres Umbaus, ihrer Entfremdung vom Eigentlichen werden irgendwann die ersten Echo-Geräte oder Effekt-Verstärker. Die Digitalisierung veränderte alles grundlegend: Produktion, Distribution, Konsum, Eigentumsverhältnisse, Modi von Vergesellschaftung und Individuierung. Mixtapes mussten nicht in großen Stückzahlen produziert, sondern konnten auf Nachfrage gefertigt werden, die Szene vernetzte sich international.

Die Kassettenszene war so etwas wie das hyperaktive Kind der NDW–Zeit.

Frank APunkt Schneider

Home Taping Is Killing Music war eine Kampagne der British Phonographic Industry. Sie wurde nach stetig befragbarer Information von Wikipedia 1980 ins Leben gerufen. Der Slogan trug den Untertitel And it’s illegal und zeigte im Logo eine Audiokassette mit zwei gekreuzten Knochen, im Stil einer Piratenflagge. Auch Bandsalat konnte die Produktion der lose vernetzten, dezentralen agierenden Kassettenszene nicht stoppen, weil der Stau durch das Drehen eines zwischen die Zahnrädchen der hinteren Kassettenspule gesteckten Schraubenziehers behoben werden konnte. Die Kassette als Vintage für die Ohren, eine Analogie (sic!) und Vorläufer auf die mp3.

Zwischen geraubter Vergangenheit und technologischem Fortschritt.

Wer der akustischen Komplexität literarischer Texte gerecht werden will, sollte Literatur auch in ihrem gestalterischen Potential ernstnehmen.  Poesie zu schaffen bedeutet seit der optophonetischen Weltanschauung, den Punkt konzentriertester Wahrnehmung immer weiter auszudehnen. Es ist der wilde, aufrührerische, zutiefst kreative Geist, der alles bislang Gewesene zerstört. Weigoni ist ein Experimentierer, der in einem Übermut seine Fähigkeiten durchprobierte, eine nach der anderen, wie während eines rauschhaften Testlaufs. Das Wort Vera leitet sich vom Wortstamm Wahrheit ab. Der Zyklus VERA STRANGE TAPES ist eine Hommage an die Kassette und ästhetische Erwiderungen zu Rap, Reggae und rheinischem Karneval. Unter the last pop-songs formierten sich 1989 Kurzhörspiele die sich tanzen las­sen zu einem luziden Klanggewitter. Die Artisten bedienten sich rigoros aus dem Arsenal der Rockmusik und machen deren Zeichen zu ihren eigenen. Eines der vielen Faszinosa an diesen Popsongs ist ihre tendenzielle Unabgeschlossenheit, welche die Hörer sofort zur interaktiven Ergänzung animiert.

Popsongs dargeboten als zeitgemäße Madeleines

Der Furor der Formzertrümmerung trifft im Anspielungsgewitter auf ein hochgespanntes Formbewusstsein. Die alte Struktur des Reims wird zerlegt und in eine neue Form gegossen. Lyrik als Klanggebilde wird oft vernachlässigt, weil das Schreiben eine lautlose Disziplin ist, eine, mit der man, um buchstäblich Gehör zu finden, sich immer erst ans Notenpult stellen und das Geschriebene mit erhobener Stimme vorlesen muß. Die Performance ist in der Literatur lediglich ein sekundärer Akt, es gibt ein anderes Medium, das deutlich direkter auf das Gehör zielt: das Hörbuch. Das plurimediale Potenzial der Schrift wird erst auf diesem Medium zur Gänze ausgeschöpft.

Smells like Teamspirit

Als künstlerische Grenzgänger betreiben A. J. Weigoni und Frank Michaelis  mit der Literatur, in einem hocharbeitsteiligem Virtuosentum mit den Schauspielern Marion Haberstroh und Kai Mönnich, eine multimediale Hörspielerei zwischen Performance, Theater und Lesung, und setzen Elemente der Minimalmusik ebenso ein, wie die des Jazz. Diese Artisten schätzen Experimente mit akustischen und elektronischen Klängen, sie haben ein Faible für die freiere Rhythmik von Regungen und Bewegungen, der Verbindung von Melodie und Experiment, der Offenheit und das In–der–Schwebe–Halten von Stücken; das Ausbrechen aus vermeintlich vorhersehbaren Strukturen, eine Bricolage aus Pop-Klischees und Erwartungen. Synthese und Synästhesie liegen offensichtlich nicht nur lautlich nah beieinander, die Erfindung der Aufnahmetechnik wird von ihnen als ein Moment der Befreiung gedeutet. Sie führen vor Augen, wie sich Zeitebenen in den kulturellen Praxen immer mehr vermischen und damit auch obsolet werden. Hier ist eine Combo angetreten, die Welt der Literatur umzuwälzen, und wie alle guten Revoluzzer scherte sie das Wissen um die Unmöglichkeit nicht. Sondern sie machten einfach drauflos. Im Skurrilen und Absurden ihres ironischen Charmes erkennt man den Wortwitz. Herausgekommen ist dabei der größte anzunehmende Glücksfall in der Literatur: etwas Neues.

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The last pop-songs, von A.J. Weigoni und Frank Michaelis (mit Marion Haberstroh und Andy Schulz) bei instant music, Düsseldorf 1989

Die Aufnahme ist in HiFi-Stereo-Qualität erhältlich über:  info@tonstudio-an-der-ruhr.de

Coverphoto: Anja Roth

Wie das englische Wort lyrics (für Liedtext) verrät, basierten die antiken Vorläufer der Popmusik auf Texten, die zu den Klängen der Lyra vorgetragen wurden. Tonmeister Tom Täger hat das 1989 produzierte Tape the last pop-songs (vom DAT) digital remastered. Frank Michaelis und A.J. Weigoni haben die Energie und die Einfachheit von Pop genutzt, um komplexere Emotionen auszudrücken. Sie hören ein Denkspiel über Pop, das selbst Pop ist, weil es Pop als körperverwandelndes Medium versteht und Popgeschichte als Mediengeschichte. MetaPhon präsentiert in der Reihe Revisited einen Rückblick auf „The Best Of Jugendsünden“.