Monat: Januar 2009

Die Gattung Novelle • Revisited

– Über die Reanimierung der Literaturgattung Novelle – Die Herkunftsdokumentation des Begriffs Novelle ist fragmentarisch, und selbst bei den vielen gut aufgeklärten Fällen bleibt sie oftmals strittig. Dem lateinischen novus ‚neu‘ entspricht italienisch novella ‚Neuigkeit‘, eine kürzere Erzählung in Prosaform.…

Vom Begreifen des Unbegreiflichen

  Ist es möglich, dass ein in Belgien lebender Pakistaner einen deutsch­sprachigen Lyrik­kalender ediert? Und noch dazu einen außer­ordent­lich guten? Lehnen Sie sich für einen Augen­blick zurück und denken Sie nach. Halten Sie das für wahrscheinlich oder handelt es sich…

„Ich schreibe wie rastlose hoffnungen …“

„…Ich schreibe wie das frühe / frühjahr das das gemeinsame / alphabet der anemonen / der buche des veilchens und / des sauerklees schreibt // …ich schreibe wie ein vom tode gezeichneter / herbst schreibt / wie rastlose hoffnungen /…

HIMMEL UND BODEN

  Vom Kopf auf die Füße gestellt, sehe ich klar, dass der Himmel nicht mein Boden und der Boden nicht mein Himmel war.     *** Weiterführend → Lesen Sie auch die Gratulation von Markus Peters zum 70. Geburtstag auf…

Corvinus Presse

  Liljana Dirjans von Sabine Fahl übertragener Lyrikband Schwere Seide (2000) war bei Erscheinen der einzige zeitgenössische mazedonische Lyrikband in deutscher Übersetzung: ein Glück, daß wir ihn haben. Schwere Seide ist ein in jeder Beziehung schönes Buch. Ich kann es…

Rubikon

  Der Rubikon der Ent–Intellektualisierung und Dehumanisierung ist überschritten.      *** Weiterführend: → Alle Gedichtbände sind zusammen mit dem auf vier CDs erweiterten Hörbuch Gedichte in einem hochwertigen Schuber aus schwarzer Kofferhartpappe erhältlich. → Eine Werkübersicht über die akustische…

Die Seele

  Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden.       Weiterführend → Eine Annäherung von Peter Paul Wiplinger an Georg Trakl finden Sie hier. → Ein Essay über die neue Literaturgattung Twitteratur, sowie ein Recap des Hungertuchpreises.

Biederer Lobgesang und Rumpel-Lyrik

Autorenlesungen finden nicht selten (fast) unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt – vor allem dann, wenn Poesie auf dem Programm steht. So waren vor einigen Monaten zu einer Lesung des Welt-Lyrikers Les Murray im Literaturhaus der Millionenstadt Köln nur 60 Zuhörer…

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  Kugelmensch Du bist der Knick zwischen Kinn und Brust in den sich mein Riss schlafen legt Trostspur zerrinnt was bleibt ist Zersprungenes im Hinterkopf Nackendorn aus dem alten Atem gedrückt und ins Rückgrat hinein Innen umfasst ohne Zeit was…

bitte nicht

denken sie jetzt nicht an eine zitrone oder den geschmack von schokolade stellen sie sich auch keinen roten apfel vor zu dem sie hinaufsehen – er könnte ihnen ins gesicht fallen denken sie lieber … an ein gedicht aber bitte…

O.T.

  perspektiv hinter den Wassern der Sonnenaufgang zaghaft versprach er sein Licht einem Schweigsamen unter dem Nebel am Ufer beseelt er den Strom setzt den einsamen Angler ins Bild     *** Quelle: Dichtungsring Nr. 38/2009 (Ungrade Tage) Weiterführend → Ulrich…

Lauter begabte Spitzenklöppler?

Der englische Schriftsteller und Schauspieler Stephen Fry hat mit seinem bemerkens­werten Buch Feigen, die fusseln (Aufbau-Verlag) nicht nur ein kenntnis­reiches, originell geschriebenes Werk über die Reize von Metrum und Reim verfaßt, sondern im ab­schließenden Kapitel mit Blick auf die Situation…

I

  Blinklicht. Zuerst sieht Max sie an einer Ampel. Auf dem rechten Bein stehend, den Fuss ihres linken Beins in der bestrumpften Kniekehle angewinkelt, an die rechte Kniescheibe gelehnt. Sie erinnert in ihrer fragilen Statik an einen Wasservogel mit hohen…

Ich habe eine Aversion gegen den Dadaismus gehabt

  (Ich hatte) wenig Lust als dienendes Glied an eine nicht mal halbe Kunstrichtung anzuschließen. Ich habe eine Aversion gegen den Dadaismus gehabt. Es waren mir zu viele Leute entzückt davon. Emmy Hennings     Weiterführend → ein Essay über die…

Wortnetze und Versnetze

  Wortnetze II heißt die 1990 erschienene, Hans Bender und Rolf Dieter Brinkmann gewidmete Anthologie, die die erste Anthologie ist, in der Lyrik von mir erschien: Auf Seite 111 stehen die beiden Gedichte, gleichsam poten­zierte Schnaps­zahl, der Frohsinn konnte also…

Letzte Lockerung

  1°   Um einen Feuerball rast eine Kotkugel, auf der Damenseidenstrümpfe verkauft und Gauguins geschätzt werden. Ein fürwahr überaus betrüblicher Aspekt, der aber immerhin ein wenig unterschiedlich ist: Seidenstrümpfe können begriffen werden, Gauguins nicht. (Bernheim als prestigieuser Biologe zu imaginieren.)…

Gedankenstrich

  Wenn ich mich auf einen warmen Sitz setze, auf dem vorher ein anderer gesessen hat (haben muss), gehen meine Gedanken immer zu ihm, diesem Fremden, seinem Warmen, das zum Mensch Werdenden. Weil dieser Mensch kraft seines Lebendigseins einen Teil…

Münder

  Ohne Unterlass / laufen Münder den Bach hinunter / essen Brot als sei nichts gewesen / und küssen die Zeit mit rotem Wein       Weiterführend → Anja Wurm, sizzierte, warum Netzliteratur Ohne Unterlaß geschieht. Vertiefend ein Essay über…

Was solls

  Einen Reim machen auf die Erlebnisse! Denkt er sich. Auf alles das! Was er nicht versteht. Denkt er sich. Er kann es nicht. Die Reime fehlen, die Worte, Verse, Strophen auch. Denn Reime helfen nicht. Aber er kann sich…

Wunder

  Wunder gab ich leichter zu als wirklichen Fortschritt.       Franz Kafka neigte zu aphoristischen Gedankensplittern und dem eigenwilligen Aneignen kollektiver, mythischer Diskurse, um einen Prozess der Selbstreflexion in Gang zu setzen, der vom bloss Persönlichen und Privaten…

BLAU

zieht der tag seine waffe die sonne aus der scheide liegt das licht auf der haut schimmern die adern mir im taumel tanzt der leib befleckt sein glanz das fleisch verzerrt ein lachen das gesicht steig ich dem raum entgegen…

Beschränkt

  Halt dein Rößlein nur im Zügel, Kommst ja doch nicht allzu weit. Hinter jedem neuen Hügel Dehnt sich die Unendlichkeit.   Nenne niemand dumm und säumig, Der das Nächste recht bedenkt. Ach, die Welt ist so geräumig, Und der…

Sonate in Urlauten (Auszug)

  Fümms bö wö tää zää Uu… rakete rinnzekete…         *** Das literarische Werk von Kurt Schwitters. Ursonate (1922-32); in Das literarische Werk, Bd. 1: Manifeste und kritische Prosa. Köln: DuMont Schauberg, 1973 KUNO stellt den vielseitigen…

Der Mittelpunkt meines Denkens

  Der Mittelpunkt meines Denkens bin ich selbst.      *** „Montaigne war nicht zuerst ein Stoiker, der aufgrund einer skeptischen Krise am Ende seines Lebens zum Epikuräer geworden ist. Er war kein Anhänger irgendeiner philosophischen Schule, sondern Eklektiker […],…

Sprüche und Widersprüche

  Einen Aphorismus zu schreiben, wenn man es kann, ist oft schwer. Viel leichter ist es, einen Aphorismus zu schreiben, wenn man es nicht kann.     *** Während ich am „Kraus–Projekt“ arbeitete, war ich mir bewusst, dass seine Form…

Pius

    Die Grundlage für die Photoarbeiten bilden Schnappschüsse von Gebäudeteilen. Digital bearbeitet verwandeln sich die Motive in absurde Architekturen, deren Reiz in der skulpturalen Neuformulierung des real Vorgegebenen liegt. Die Titel der Arbeiten weisen auf die Straße hin, in…

Twitteratur – von Hadayatullah Hübsch

  Ich verweigere mich der Misere.     *** Zitat aus: Keine Zeit für Trips. Autobiographischer Bericht von Hadayatullah Hübsch, Koren & Debes-Verlag, Frankfurt/M 1991

Energier

  Weiterführend →  Lesen Sie auch das Kollegengespräch, das A.J. Weigoni mit Angelika Janz über den Zyklus fern, fern geführt hat. Vertiefend ein Porträt über ihre interdisziplinäre Tätigkeit, sowie einen Essay der Fragmenttexterin. Ebenfalls im KUNO-Archiv: Jan Kuhlbrodt mit einer Annäherung…

Mikroblogging

Vieles kurz sagen, damit es noch kürzer gehört wird. Nietzsche Technische Neuerungen sind eine Chance für überholte literarische Formen. Bisher bilden die Mikrolithen in der Systematik der Literaturwissenschaft neben Epik, Lyrik und Dramatik mit unterschiedlichen Bezeichnungen eine Randgruppe: Epigramm, Sprichwort,…

Publizieren ist eine Form des Denkens

Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beissen und stechen. Franz Kafka Es kann von Vorteil sein, sich unbequemen Dingen aus der Distanz zu nähern. Wie Walter Benjamin bereits 1935 in seinem Essay Das Kunstwerk im…