Monat: August 1995

STRAND

dein morchelfarbner mund ophelia ragt aus dem wasser und der leib hält muschelgleich an den stein geheftet sich im schlamm taumelndes kind die fettzungen des winds werden dich begrünen bevor noch dein rachen geölt ist vom meer erhebst du die…

Feuerzeichen im Abend

  Der Abend schaut über die Fensterkanten Durch herbstliche Laubberge, die braungebrannten. Ich sehe Wolken ihre Lichtersprache schreiben Über den Bergen, die ewig unbeweglich bleiben. Und Wolken fleischfarbig, wie Menschen nackt, Hat eine Sehnsucht und eine Scham angepackt, Die wollen…

Rezensent

    Da hatt ich einen Kerl zu Gast, Er war mir eben nicht zur Last, Ich hatt so mein gewöhnlich Essen. Hat sich der Mensch pump satt gefressen Zum Nachtisch was ich gespeichert hatt! Und kaum ist mir der…

Señora Nada

ein lyrisches Monodram (Auszug)   Langsam und stetig dreht sich dieser Erdteil aus der Sonnenseite heraus.   Flutzungenschläge belecken den Strand tasten ihn nach Widerstand ab schieben Treibgut vor sich her den übervollen Mond im Schlepptau gemahlener Salzkristalle umlechzt von…

Erinnerung

  Es zuckt die Lippe und das Auge lacht, Und doch steigt’s vorwurfsvoll empor, Das Bild aus tiefer, tiefer Herzensnacht – Der milde Stern an meines Himmels Tor. Er leuchtet siegreich – und die Lippe schließt Sich dichter – und…

Lied eines theokritischen Ziegenhirten

  Da lieg’ ich, krank im Gedärm, — Mich fressen die Wanzen. Und drüben noch Licht und Lärm! Ich hör’s, sie tanzen… Sie wollte um diese Stund’ Zu mir sich schleichen. Ich warte wie ein Hund, — Es kommt kein…

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gleißend weiß streckt Schnee sich eben, weit, geduckt flacher Wintersonne entgegen kristallen streut Lichtgemisch lange, helle Schatten, Gischt von Hauch und Kälte gebläute Baumschemen sind ungehbar weit verhängt verloren dem Horizont geschenkt und es schnellt nichts nichts geht oder weht…

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glühe ich breche Sterne Münder die Mauern Auffanglager Angst in diesen Nächten Nester letzter Beschäftigung Kinnverlust so überreichst du mir strauchweise Leben als wärs schon *** Weiterführend → Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier. In ihrem preisgekrönten Essay Referenzuniversum…

Gedeuchtittis

  Gedeuchtittis üßt ain Gedeucht wann zich’s roimt, zunst üßt äßß schleucht. Duch dr Deuchtur, dr mudarme, tschraubt ünn Prausur ollzegarne. Bastenpfullz n pfreiwen Rheytmen duch diss karrn onz nüchtz bedeutmen! Düüfar Düüfzinn, ongeroimt, üßt vi’n Vaip, dißß nücht tschatscheumt,…

L’ÉGALITÉ (AUFRUF AN ALLE BUCHHÄNDLER)

  Dieses Gedicht ist ein ernst gemeintes Protestgedicht mit dem Inhalt dass Lyrik in Ghettos gesteckt verdrängt und ignoriert in Buchhandlungen wenn überhaupt isoliert aufbewahrt wird   Das Gedicht fordert Gleichberechtigung Durchmischung multikulturelle Identität dass Lyrikbände in einer Reihe stehen…

IN VENEDIG

  stundenlange fußmärsche   durch enge gassen die kanäle entlang   bilder betrachtet oder skulpturen   in einem museum alte instrumente   geigen aus Cremona auch ein violoncellomusik von Albinoni und Vivaldi gehört auf der Rialtobrücke staunend gestanden   im…

Neuschnee

Zum Schluss des „Zauberbergs“ Als ich nach meiner Schülerzeit den Zauberberg noch einmal las, erkannte ich erst die ästhetische Struktur, die metaphorische Vernetzung. Ich wusste damals auch noch nicht viel von Thomas Manns Leben, nichts über seine Veranlagung. Als ich…

Ein Schreibtischtäter – im positiven Sinn!

WEIGONI: Muss man als Herausgeber von Lyrik-Anthologien ein Masochist sein? AXEL KUTSCH: Im Prinzip nicht. Aber es bleibt kaum aus, dass man im Laufe einer langjährigen Herausgebertätigkeit zum Masochisten wird. Es spricht sich schnell in Deutschland herum, wenn irgendwo seriöse…

heimat

nicht nur märzsonne zwischen regenwolken leb wohl als zynischer gruß schreie bleiben ohne schnelles echo nur schweigen antwortet prompt auf borneo oder wars java stirbt der letzte affe seiner seltenen art ratten fressen ihre jungen nichts menschlicheres ist ihnen fremd…

Wörter

  Es gibt regelmäßig ein Problem bei Herrn Nipp und seinen Freunden. Missverständnisse. Irgendwann stellt sich dann heraus, dass irgendetwas ganz anders gemeint ist, als es verstanden wurde. Sie stolpern in ihren Gesprächen über Wortbedeutungen, semantische Füllungen. Und daran kann…

Siede

  Meine Schwäche hält sich mühsam An den eigenen Händen Mit meinen Kräften Spielen deine Knöchel Fangeball! In deinem Schreiten knistert Hin Mein Denken Und Dir im Auggrund Stirbt Mein letztes Will! Dein Hauch zerweht mich Schreivoll in Verlangen Kühl…

Buchstützen

  Weiterführend →  Lesen Sie auch das Kollegengespräch, das A.J. Weigoni mit Angelika Janz über den Zyklus fern, fern geführt hat. Vertiefend ein Porträt über ihre interdisziplinäre Tätigkeit, sowie einen Essay der Fragmenttexterin. Ebenfalls im KUNO-Archiv: Jan Kuhlbrodt mit einer Annäherung…

Interkulturelle Existenz

Holger Benkel verfügt über kulturelle Deutungsmuster und Übersetzungsmöglichkeiten, die anderen fehlen. Seine Biographie erscheint als Zwischenexistenz, als interkulturelle Existenz, aber sie dient ihm der produktiven Herausforderung und nicht irgendeiner Verostung. Für jemanden, der auf dem Land zu Hause ist und…