Monat: August 1995

Reflex-Gier

    Was einer hat will der andere: Sofort!   Was sofort gewollt ist ist, Du, ist immer vom Anderen gehabt.   Das Gehabte will sein Sofort Einem im Anderen nehmen.   Immer der Andere entzieht Einem sein Wollen als…

STRAND

dein morchelfarbner mund ophelia ragt aus dem wasser und der leib hält muschelgleich an den stein geheftet sich im schlamm taumelndes kind die fettzungen des winds werden dich begrünen bevor noch dein rachen geölt ist vom meer erhebst du die…

Feuerzeichen im Abend

  Der Abend schaut über die Fensterkanten Durch herbstliche Laubberge, die braungebrannten. Ich sehe Wolken ihre Lichtersprache schreiben Über den Bergen, die ewig unbeweglich bleiben. Und Wolken fleischfarbig, wie Menschen nackt, Hat eine Sehnsucht und eine Scham angepackt, Die wollen…

Rezensent

    Da hatt ich einen Kerl zu Gast, Er war mir eben nicht zur Last, Ich hatt so mein gewöhnlich Essen. Hat sich der Mensch pump satt gefressen Zum Nachtisch was ich gespeichert hatt! Und kaum ist mir der…

Señora Nada

ein lyrisches Monodram (Auszug)   Langsam und stetig dreht sich dieser Erdteil aus der Sonnenseite heraus.   Flutzungenschläge belecken den Strand tasten ihn nach Widerstand ab schieben Treibgut vor sich her den übervollen Mond im Schlepptau gemahlener Salzkristalle umlechzt von…

Der Einsame

Verhaßt ist mir das Folgen und das Führen. Gehorchen? Nein! Und aber nein – Regieren! Wer sich nicht schrecklich ist, macht niemand Schrecken: Und nur wer Schrecken macht, kann andre führen. Verhaßt ist mirs schon, selber mich zu führen! Ich…

Lied eines theokritischen Ziegenhirten

  Da lieg’ ich, krank im Gedärm, — Mich fressen die Wanzen. Und drüben noch Licht und Lärm! Ich hör’s, sie tanzen… Sie wollte um diese Stund’ Zu mir sich schleichen. Ich warte wie ein Hund, — Es kommt kein…

Der Regen

    Jäh ist der Abend hell geworden, denn schon fällt der Regen in genauen Tropfen. Fällt oder fiel. Zweifellos ist der Regen etwas, was in Vergangenheit geschieht.   Der, der ihn fallen hört, gewinnt die Zeit zurück, da ihm…

Sommerfrische

    Der Himmel ist wie eine blaue Qualle. Und rings sind Felder, grüne Wiesenhügel – Friedliche Welt, du große Mausefalle, entkäm ich endlich dir .. O hätt ich Flügel –   Man würfelt. Säuft. Man schwatzt von Zukunftsstaaten. Ein…

Gedeuchtittis

  Gedeuchtittis üßt ain Gedeucht wann zich’s roimt, zunst üßt äßß schleucht. Duch dr Deuchtur, dr mudarme, tschraubt ünn Prausur ollzegarne. Bastenpfullz n pfreiwen Rheytmen duch diss karrn onz nüchtz bedeutmen! Düüfar Düüfzinn, ongeroimt, üßt vi’n Vaip, dißß nücht tschatscheumt,…

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  glühe ich breche Sterne Münder die Mauern Auffanglager Angst in diesen Nächten Nester letzter Beschäftigung Kinnverlust so überreichst du mir strauchweise Leben als wärs schon     *** Weiterführend → Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier. In ihrem…

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  gleißend weiß streckt Schnee sich eben, weit, geduckt flacher Wintersonne entgegen kristallen streut Lichtgemisch lange, helle Schatten, Gischt von Hauch und Kälte gebläute Baumschemen sind ungehbar weit verhängt verloren dem Horizont geschenkt und es schnellt nichts nichts geht oder…

Antinomie

  desillusionierte Idealisten verschwenden ihre selbstvergessene Dynamik nicht damit sich ueber das Wie, Weshalb & Warum der Gegenstænde zu befragen   Ethnozentriker schluepfen unter ein Begriffskostuem perfektionieren ihre Beredsamkeit um grœbste Dummheiten als differenzierte Analyse zu verkaufen   effektive Altruisten…

Im Vorübergehn

  Ziele dorthin, woraus du gewogen, gezogen aufs Ganze hin bist!   Zögere nicht und verspiele dich unbetrogen, wo in Nahsichtfrist die Circumstanze dich mißt.       Weiterführend → Lesen Sie auch das Kollegengespräch, das A.J. Weigoni mit Angelika Janz…

IN VENEDIG

  stundenlange fußmärsche   durch enge gassen die kanäle entlang   bilder betrachtet oder skulpturen   in einem museum alte instrumente   geigen aus Cremona auch ein violoncellomusik von Albinoni und Vivaldi gehört auf der Rialtobrücke staunend gestanden   im…

MACHT MACHT

  wie macht machtmänner und frauen   wie macht machtzigarettenpause   wie macht machtin die hose   wie macht machtoben ohne       *** Aus dem Zyklus pain points & issue logs, Arbeitstitel für Gedichte von Martin Dragosits. Die…

Zwischen Expressionismus und Exil

Die österreichische Dichter Heinrich Nowak wird am 26. Januar 1890 in Wien geboren. Sein katholisches Elternhaus ist geprägt von der tschechischen Herkunft; zu Hause wird Tschechisch gesprochen, die Ferien verbringt der kleine Heinrich bei den Großeltern in Südböhmen oder in…

Neuschnee

Zum Schluss des „Zauberbergs“ Als ich nach meiner Schülerzeit den Zauberberg noch einmal las, erkannte ich erst die ästhetische Struktur, die metaphorische Vernetzung. Ich wusste damals auch noch nicht viel von Thomas Manns Leben, nichts über seine Veranlagung. Als ich…

Ein Schreibtischtäter – im positiven Sinn!

WEIGONI: Muss man als Herausgeber von Lyrik-Anthologien ein Masochist sein? AXEL KUTSCH: Im Prinzip nicht. Aber es bleibt kaum aus, dass man im Laufe einer langjährigen Herausgebertätigkeit zum Masochisten wird. Es spricht sich schnell in Deutschland herum, wenn irgendwo seriöse…

heimat

nicht nur märzsonne zwischen regenwolken leb wohl als zynischer gruß schreie bleiben ohne schnelles echo nur schweigen antwortet prompt auf borneo oder wars java stirbt der letzte affe seiner seltenen art ratten fressen ihre jungen nichts menschlicheres ist ihnen fremd…

Maden schicksal

    Mich im kern zu treffen war tat sächlich keine kunst können hätte es bedurft mich nicht zu treffen   Im kern haus des apfels die made – der biss guillotiniert verpuppung & falter flug samt flügel   Zittern:…

Wörter

  Es gibt regelmäßig ein Problem bei Herrn Nipp und seinen Freunden. Missverständnisse. Irgendwann stellt sich dann heraus, dass irgendetwas ganz anders gemeint ist, als es verstanden wurde. Sie stolpern in ihren Gesprächen über Wortbedeutungen, semantische Füllungen. Und daran kann…

Siede

  Meine Schwäche hält sich mühsam An den eigenen Händen Mit meinen Kräften Spielen deine Knöchel Fangeball! In deinem Schreiten knistert Hin Mein Denken Und Dir im Auggrund Stirbt Mein letztes Will! Dein Hauch zerweht mich Schreivoll in Verlangen Kühl…

Buchstützen

  Weiterführend →  Lesen Sie auch das Kollegengespräch, das A.J. Weigoni mit Angelika Janz über den Zyklus fern, fern geführt hat. Vertiefend ein Porträt über ihre interdisziplinäre Tätigkeit, sowie einen Essay der Fragmenttexterin. Ebenfalls im KUNO-Archiv: Jan Kuhlbrodt mit einer Annäherung…

Interkulturelle Existenz

Holger Benkel verfügt über kulturelle Deutungsmuster und Übersetzungsmöglichkeiten, die anderen fehlen. Seine Biographie erscheint als Zwischenexistenz, als interkulturelle Existenz, aber sie dient ihm der produktiven Herausforderung und nicht irgendeiner Verostung. Für jemanden, der auf dem Land zu Hause ist und…