Monat: September 2021

Rendezvous

  Immer am vierten Samstag des Monats verabredet sich Xavier mit ein paar Texten. Er macht sich ordentlich zurecht, rasiert sich und poliert auch sein Schuhwerk. Die Texte, mit denen sich Xavier trifft, können variieren. Von inhaltlich wertvollen und ernsthaften…

FAHRSCHEIN

  ich will einen fahrschein nach bitterfeld-wolfen kaufen. am schalter im schönebecker bahnhof sitzt ein mir unbekannter älterer herr mit prägnantem gesicht, der fahrkarten verkauft, während er leise rätselhafte sätze spricht. ich gebe ihm das geld. als noch zwei oder…

RHYTHMUSSTÖRUNG

    Formen laden zum engen Tanz mit dem Leben ein, merkte der Strukturalist nach einem monströsen Lied. Willkür ist Spielraum minus bedingender Reaktion, singt dort sein Pianist und leckt die Kreuze weg. Sauberkeit hat ausgebeulte Akkorde zur Folge. Glatt…

Bonn, 27.9. Am Neutor

  Lieber Damonte, haben Sie herzlichen Dank für Ihre Karte! Ihr ‚Selbstporträt‘ auf der Rückseite erinnert mich an die frühen ‚Grisailles‘ Gerhard Richters, die verschwommenen Porträts, die er in Schwarzweißtönen malte, etwa den RAF-Zyklus ‚18. Oktober 1977‘ – dagegen ist…

Gedanken zur Stimmabgabe

  Der Kehlkopf ist eine bemerkenswerte Konstruktion. Er sitzt direkt auf der Luftröhre, quasi an der Kreuzung von Atem- und Speiseweg. Seine vordringliche Aufgabe ist es, zu verhindern, dass Nahrung in die Luftröhre gelangt, weshalb er gleich über zwei Verschlussmechanismen…

Bonn, 25.9. La Fontana

  Pirandello erwartete mich schon. „Signor Damonte“, rief er, „Sie haben La Traviata in Leipzig gesehen, stimmt’s?“ – „Woher wissen Sie …?“ – „Pschsch …“, machte er, „… egal! Sagen Sie, kennen Sie die Callas?“ – „Und ob!“, sagte ich,…

Das Ruhrgebeat, der Schnittpunkt der Popmoderne

Ein Streifzug durch die De-Industrialisierung Seit der Industrialisierung ist das Ruhrgebiet ein Schmelztiegel. Nach der Einstellung des Bergbaus zunehmend einer der Kulturen. Als einer der größten Ballungsräume Europas verfügt die Region, die lange vornehmlich durch die Stahlindustrie und den Bergbau…

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  mein Mund ist zerbrochen mein Wort kniet am Boden während ich noch ich sage rinne rinn so vor Sinn hin Knochenich mein Mund ist zerbrochen     *** Baumzyklen, Gedichte von Sophie Reyer, KUNO 2021 Weiterführend →  Ein Porträt von…

Geruchsbelästigung

  Er bemerkt hinter den sauber drapierten Gardinen wohleingerichtete Zimmer und auf den Fensterbänken Pflanzen sowie Anzeichen von Nahrungszubereitung. Beim Klappern von Geschirr zuckt er zusammen. Er heftet den Blick auf die ansteigenden Kleingärten hinter dem Haus, die hauptsächlich aus…

Toter Hase

    Weiterführend → Lesen Sie dazu auch die Reflexion Wie der tote Hase mir das Leben erklärt. → Mehr über die Hungertuchpreisträgerin Katja Butt.

Der Schwebezustand der Poesie

Literatur entsteht langsam, sie muss nicht reagieren wie etwa der Journalismus. Kreativität ist keine Tätigkeit, die man nicht am Reißbrett planen kann, dies läßt sich exemplarisch am Langsamschreiber A. J. Weigoni ablesen. Obwohl er seit fast 40 Jahren Prosa und…

Dedicated to Sir Peter

  In der berühmten Weimarer Gelateria di Giancarlo gegenüber Schillers Haus bestelle ich gerade den ersten Espresso des Tages, da treffe ich – du wirst es kaum glauben, lieber Leser – Arthurs Mutter. „Bonjour, Madame Adèle!“ – „Parbleu, Signore Rico,…

Re:play

  das Verhaeltnis zwischen Original & Reproduktion Authentizitaet & Artefakt wird zu einem homoeopathischen Arkanum Unschluessigkeit im Grenzbereich Flucht in die Welt des reinen Geistes Aufforderung zum ziellosen Streunen klandestine Grammatik = ein Gadget Soundcheck im Resonanzkoerper: menschliche Erlebnisse werden…

Kurz, eine Geschichte, eine Kurzgeschichte!

A.J. Weigoni ist ein genialer Decouvreur von Alltagsmythen, ein Demonteur von Sprache auf hohem Niveau. Wolfgang Schlott Ähnlich einem Franz Kafka dessen Werk sich mit der Kraft auszeichnet Dissonanzen zu erzeugen, zeichnen sich auch die Erzählungen des A. J. Weigonis…

Zwiegespräch

  Winde wälze werfe seitlings mich schwenke schwanke spreche mit mir im Schlaf unerhörte Gedanken aus wechsle Worte wider Worte finde ich keine sprachlos bin ich meinen Argumenten gegenüber zwiegespalten zerrissen das Herz schlägt hinauf bis zum Hals steht es…

# 1

  weil du es mir sagst, mit durchsichtigen lippen und dem leuchten der mittagssonne auf deinen türkis lackierten fingerspitzen, muss es wahrheit sein.     *** counting magpies, von Julia Kulewatz, kul-ja, 2021 Ein Taschenbuch im wahrsten Sinne des Wortes.…

Bonn, 14.9. La Fontana

  Caro Signor Pirandello, nun sind Sie wieder verreist, und schon fehlen Sie mir. Kaum waren Sie nach Sizilien aufgebrochen, stellte Ihr Vermieter einen Container vors Haus. Er baut seine Boutique um – in den nächsten Wochen entsteht dort eine…

Bouncen durch den Informationsstrudel

Eine redaktionelle Rückblende: Wir befinden uns im Jahre 1996 n. Chr.  Das ganze Internet ist bereits besetzt. Das ganze Internet? Nein! Das Novaesium hört nicht auf, dem Widerstand zu leisten. In der Mediensteinzeit des Internets installierte Joachim Paul vor 25…

Neue Heimat … lieber besser leben.

Wie gelingt einem ein angenehmes, gut situiertes und respektables Erwachsenendasein, ohne dass man tot, gedankenlos und tagein, tagaus ein Sklave des eigenen Kopfes und der angeborenen Standardeinstellung wird, die vorgibt, dass man vor allem total auf sich allein gestellt ist?…

Bonn, 11.9. La Fontana

  Lieber Felix, Pirandello ist wieder da! Er war verreist. Sizilien. Er hat dort eine Verlobte, davon weiß seine Verlobte in Bonn aber nichts. C’est la vie … honi soit qui mal y pense. Nun ist er also wieder in…

Angeschmutzter Realismus

Das Gossenheft ist eine neue Richtung in der Literatur. Dr. Ulrich Janetzki / LCB, Berlin A. J. Weigoni hat sich mit Trivialmythen beschäftigt, die sich in Groschenheften, in der Schlagermusik, im Kino und in Fernsehserien manifestierten. Als Medienautor ist er…

Bonn, 10.9. La Fontana

  Lieber Wolfgang, die Sonne scheint, die Wetterprognose jedoch verheißt volatile Himmelserscheinungen, und so hat die Bouquinistin des Bücherkarrens am Kaiserplatz geschlossen. Schlimmer noch: Pirandello schweigt. Er schläft noch, oder er hat sich in der Bibliothek des Romanischen Seminars verirrt,…

Tag&nachtgleichen

  Strategien der Destabilisierung = Zeichen, die sich weigern zu bezeichnen zwingen einen Schock der Erkenntnis herbei… Culture Jamming wird zu einem Akt zivilen Ungehorsams > um sich der Wirkungsmæchtigkeit zu entziehen   Bruchstellen / subkutane Resonanzræume ein System kommunizierender…

Bonn, 9.9. La Fontana

  Lieber Stefan, stell dir vor, Pirandello weiß alles! Ich war noch nicht vom Rad abgestiegen, ich bog gerade um die Ecke am Brunnen, da rief er über den ganzen Platz: „Sie wissen, wer heute Geburtstag hat?“ – Ich war…

Vorspiel zum Tod

  Als Angelina wieder einmal auf eine kulturelle Selbstbestätigung angewiesen ist, geht sie allein ins Theater. Da ihr die Zeit wegläuft, muss sie sich mit einer Droschke transportieren lassen. »Ins Theater wollen Sie?«, erkundigt sich der an Travis Bickle erinnernde…

Bonn, 8.9. La Fontana

  Lieber Herr Jo, je länger ich Voltaire lese, umso lieber wird er mir. Sein J’accuse im „Candide“ ist ja eher ein Je demande. Wenn er über die Unvollkommenheit der Welt klagt, über schlechte und böse Menschen, ihre Schwächen und…

Bonn, 7.9. La Fontana

  Lieber Herr Jo, ich las „Candide“ in einer alten Übersetzung, die ich mit meinem Handy ergoogelte, als ich im Café Fürst bei meiner Alma Mater das croissant de lune verzehrt hatte. Es ging mir gut. Ich befand mich in…

STEHBIERHALLE

  Matrosen kommen selten an Land; der Dienst auf hoher See ist Sonntagurlaub verglichen mit der Arbeit in Häfen, wo oft bei Tag und Nacht muß ein- und ausgeladen werden. Wenn dann der Landurlaub für einen Trupp auf ein paar…

Bonn, La Fontana 6.9.

  Lieber Arthur, heute war ich sehr früh am Kaiserplatz, die Gelateria hatte gerade die Tische und Stühle unter den Kastanien aufgestellt, der Bücherkarren baute die Bücherkästen auf … aber Pirandello stand schon auf seinem Balkon und erwartete mich. „Signor…

Giesing leuchtete

eine angeschmutzte Ode: für Martina   Die Flutlichtmasten an der „Grünwalder Straße“ wurden gegen 15:30 angeschaltet sie erleuchteten die 60er   Die roten Teufel intonierten: „Ihr seid Laut / wir sind Lautern!“ & verstummten nach dem Zwei zu Eins durch:…

Bonn, La Fontana 4.9.

  Lieber Stefan, die Banane ist krumm, und gelb – so gelb und krumm wie die Banane, die wir am Eingang zu den Museen sehen. Ich frage mich nicht, warum die Banane krumm ist, ich frage mich, warum sie zum…

Stühle

Einige Dinge in seinem Leben sind seit der Kindheit geblieben. Die Faszination Natur etwa, die Begeisterung, den Morgen zu erleben, das langsame Erwachen von allem zu beobachten. Das Sehen allgemein. Es gibt aber auch konkrete Dinge, die er besonders mag.…

Poeterey

Diese Dichtergeneration ist nicht bereit, hinter die Standards einer kritischen Sprachbehandlung und also Wirklichkeitsauffassung zurückzufallen. Thomas Kling Lyrik ist eine Gattung, die zwischen den Zeilen Zeit und Raum gibt, weil diese Leerstellen dann ihrerseits vom Leser Raum und Zeit einfordern.…

Bonn, Kaiserplatz 2.9.

  Lieber Herr Jo, heute scheint die Sonne nicht, sie steckt in den Wolken eines trüben Himmels – als wäre sie nicht da. Und Pirandello erscheint auch nicht. Wahrscheinlich ist er im Romanischen Seminar, versteckt in der Bücherwelt, wo er…

Ein eigenwilliger Beitrag zur französischen Shoa-Literatur

  Der 2007 mit dem Prix Goncourt du premier roman ausgezeichnete Familienroman, 2017 ins Englische übersetzt, erlebt nun – zum 75. Jahrestag der Vernichtung der Nazi-Herrschaft – endlich auch seine deutschsprachige Premiere. Frédéric Brun, 1960 in Paris geboren, gehört zur…