Schlagwort: Ulrich Bergmann

Intermezzo

  Der Fuß wird schwarz, es trifft dich überall, und wenn du denkst, der Gevatter kommt zur Hintertür herein, täuschst du dich. Wenn du die Fenster schließt, schlägt der kalte Wind gegen das Glas. Aber deinen ärgsten Feind kannst du…

Und die Moral?

  Grandmère erzählte mir oft die ungeheuerliche Geschichte vom Franz, ihrem Bruder, der als Kind unter starken Depressionen leidend sich als Kopffüßler porträtierte und in den Schädel Blitz und Wolken und Regen zeichnete: Gewitter im Kopf. Dann aß und trank…

Bracks Untergang

  Bracks Untergang ereignete sich so langsam, dass alle, die das Auf und Ab der Stimmungen und Rauschphasen beobachteten, glaubten, Brack werde sich noch fangen. Wenn ihn Amphetamine und Wodka beherrschten, war er wochenlang nicht ansprechbar. Aufputschmittel reizten Brack, immer…

Ich fuhr aus dem Tunnel ins Licht

  Ich fuhr aus dem Tunnel ins Licht. Rechts stand die Sonne schon knapp über der Muffendorfer Höhe, links blühte zwischen Petersberg und Drachenfels der Mond. Sein schimmerndes Eis stach ein Loch aus dem schwarzblauen Himmel. Brack sagt mir nicht…

Moonwalk

  Ein leichter Wind trieb die Kastanien-blüten über die Gehsteige der Alleen. Der blau schimmernde Asphalt der B9 schlug Wellen. Ich fuhr zu Brack nach Mehlem in die Gelateria. Das war im letzten Sommer. Die Straße war das Eis-meer, ich…

Über den unschätzbaren Wert des Analogen

  Wir stellen auf KUNO hin und wieder Literaturzeitschriften von. Aus aktuellem Anlass eine Zeitschrift für Literatur, die bereits seit 1981 erscheint. Der Dichtungsring entstand im Umfeld der Universitäten Bonn und Bochum und wird heute von einer im Bonner Raum…

Himmelhoch

  Am Schreibtisch hör ich Musik im Glühen der Lampe vor meiner Stirn. Ich zieh mich aus der Finsternis des Raums ins Licht. Leicht gebeugt über Bücher, Hefte, Schreibpapier wohne ich im Gehäuse. Italienische Opern laufen mir durchs Gehör, ohne…

Am Abend

  Stella legte sich auf den Teppich und schnitt aus Zeitungen und Illustrierten ein Wort nach dem anderen aus, kleine Sätze, auch Bildchen und Symbole, farbig, schwarz, und grau und blass, klebte sie dann auf weißes Papier, und so entstanden…

Stella schreibt mir einen Brief

  Der Portier im Dragon gibt mir den Umschlag. Ich war gerade bei ihr. Warum schreibt sie mir, wenn wir uns täglich sehen? Erster Eintrag. Ich träumte letzte Nacht von dir, Janus, ich träumte von einem Bild in Blautönen und…

Mein Sarg

  Nach dem Aufwachen am nächsten Morgen erzählte ich meiner Liebe: „Mein Cousin baute für seine Mutter, als sie gestorben war, selber den Sarg.“ Stella fand das merkwürdig und schön. Ich sagte: „Wenn ich sterbe, dann bau aus dem Holz…

Das Ende

  Das Ende, dachte ich. Das Ende. Vielleicht beginnt es auf einem Parkplatz: Ich frage meine Freundin: „Wer sitzt in den Autos dort hinten?“ „Geh hin und sieh nach“, sagt Stella. Ich laufe in die Ecke zu den Autos und…

Unser Leben ist nur Wahn und Fraß

  Wenn unser Leben Wahn und Fraß ist, dachte ich, dann ist der Wahn Leben ohne Fraß, und Fraß ist Leben ohne Wahn, ja, das Leben wird zur tödlichen Sucht. ‚Und die Kunst?’, fragte ich Großvater, ‚ist sie auch ein…

Sternblumen

  Stella sagte: „Es wird kühler.“ Die Sonne verschwand hinter den Häusern, und die steinernen Bischöfe des Brunnens über uns wurden dunkler, fast schwarz, wir spürten das fallende Wasser im Rücken. „Ich will dir schnell noch eine Geschichte meines Großvaters…

Kristallin

  „Die Menschen sind so seltsam“, sagte ich. „Einmal lief ich in der Nacht auf dem Glatteis, das unter der dünnen Schneedecke lag, nach Hause. Da hörte ich hinter mir Schritte, die immer näher kamen, und eine Stimme sagte: ‚Kann…

D-Es-C-H

  „Dmitrij Schostakowitsch legte sich jahrelang abends mit voller Kleidung ins Bett, neben ihm der gepackte Koffer“, sagte Stella, „er lebte in der ständigen Angst, deportiert und liquidiert zu werden. Dem Diktator missfiel die neunte Sinfonie, es fehlte der Triumph,…

Die Glut

  Die Glut. Die Glut. „Der Tod pfeift immer noch nicht aus dem letzten Loch. Er schlägt härter zu, genauer und unberechenbarer als irgendein Konzern und singt seinen eigenen Blues“, sagte Stella. „Ich stoße meine Stirn in die Tastatur, unter…

In wasserloser Ferne

  In wasserloser Ferne. Ich wohne in einer alten Stadt in einem kleinen Haus mit engen Stiegen am großen Platz, der zerfurcht ist von den Schienen der Straßenbahn. In der Ferne kreischen die Räder aus dem blanken Metall der Gleise.…

Ich gehe durch den Schlaf wie durch eine Wohnung

  Ich im Bett. Zur Fensterseite liegt Elisa, rechts neben mir eine Frau, die ich nicht kenne. Beide sind mit dünnen Tüchern halb zugedeckt. Ich drehe mich zu Elisa im Licht, ins zarte Weiß, sie schläft, dann zu der anderen…

Die Tage fielen um wie Dominosteine

  Die Arbeit am Computer war ermüdend, die Zeit verging und blieb stehen. Ich las Sartre. Ich spielte mit seinen Ideen in Les jeux sont faits und schrieb einen härteren Schluss. Mir gefiel das philosophische Spiel, so lernte ich am…

Ich traf Usch in einem Café am Reileck

  Ich traf Usch in einem Café am Reileck. Sie verspätete sich. Ich setzte mich an einen Tisch am Fenster. Ich beobachtete im Asphalt die Spiegelung des dunklen Himmels. Die Wolken zogen durch die Pfütze. ‚Ganz frei sind wir nirgends’,…

Stella hielt nichts von meiner Reise

  „Du schiebst alles auf, was Arbeit macht, du verdrängst deine Pflicht. Du suchst belanglose Abenteuer und weißt nicht, wie du dein Leben gestaltest.“ „Ich weiß“, antwortete ich, „aber ich lerne auch aus meinen Eskapaden.“ „Du bist irrsinnig“, sagte Stella,…

Flagstaff. Youth Hostel

  Ich treffe das Indiana-Mädchen wieder. Mit ihr in einem Ford Babbit (rent car) zum Montezuma Castle. Oak Creek Canyon. Sunset Crater. Walnut Canyon. Holbrook, Arizona. Painted Desert und Petrified Forest. Albuquerque. Gallup. Hitchhiking nach Shiprock, Cortez, weil keine Greyhound-Linie.…

Eines Morgens wache ich auf

  Eines Morgens wache ich auf und sehe in die stummen Augen eines Maultierhirschs, der sich über mich beugt und bald in aller Ruhe davontrabt. Abends am Feuer fünf Amerikaner, ein Schwede und ich. Diskussion über Obama und Clinton ……

Sechster Schritt

  Dann wachte ich auf. Ich bin wieder zu mir gekommen. Aber was ist mein Ziel? Erst die Theorie entscheidet, was beobachtet werden kann. Stella fragte mich aus. Sie wollte wissen, warum ich in Paris war. Ich sagte ihr die…

Er steht auf

  Er steht auf. Er fasst den Kugelschreiber und stößt ihn in den Text. Er geht mit schnellen Schritten zu dem Presslufthammer und stellt den Motor an. Der Hammer pulst, die Stöße zittern laut. Die erhobene Lanze schüttelt seinen Körper,…

Uranos

    Der Raum ist schwarz. Langsam fließt Blau steil hinab, tiefblau, hellblau, zartblau angestrichene Strahlen von Licht. Flirrende Töne fließen mit, sie schwellen an und füllen den Raum so laut, dass die Farben zittern, dann wird es leise. Trommelndes…

Die Angst vor dem Tod ist das Schlimmste

  Der Tod griff mich erst an, als ich Jahre später Grandmère Louise verlor. Sie glaubte an die Sprache in den Psalmen und Faust, aber nicht an Gott. Der ließ sie fallen, als sie beim Überqueren der Allee in der…

Fünfter Schritt

  Fünfter Schritt. Schon wieder ein Traum. Stella erzählte ihn mir, wieder am Brunnen. Sie träumte mich. Ich war im Traum mit ihr verschmolzen, sie träumte von mir, jetzt weiß ich es, sie träumte, was ich geträumt hätte, wenn ich…

Tempus fugit

  Das Licht strömt aus unserer Mitte und vibriert, es fließt oder schlägt Wellen von einem zum andern. Der Himmel verliert sein letztes Blau. Jetzt ist er ganz schwarz, so schwarz, als wäre er gar nicht da, wie das Nichts…

Langsame Bewegung

  Langsame Bewegung. Ich laufe allein durch den Jardin du Luxembourg. Unter einem schwarzblauen Himmel keine Sonne, aber hell leuchten die Wege von weißgelber Erde. Der Garten ist ein übersichtliches Labyrinth, überall wachsen die gleichen Pflanzen aus der Erde. Aus…

Wenn einer träumt

  Wenn einer träumt, fällt er aus dem Zeitlupentempo seines wachen Lebens. In den rasenden Bildern der Nacht überholt er sich, man kann sagen, am Ende eines Traums stehe ich am Ziel und warte auf mich selbst. Aber was ist…

Auf einem Waldweg

  Auf einem Waldweg, in den das Licht hart einschlägt wie ein Blitz, der erstarrt, stehen nebeneinander zwei Männer. Der eine schaut in die eine, der andere in die andere Richtung des Weges. Sie reden miteinander, sie kennen sich. Ich…

Die Bilder spiegelten meine Lebenslage

  Die Bilder spiegelten meine Lebenslage. Die Leere des Palastes war meine eigene Leere, die Haltlosigkeit meines Seins. Wer war ich wirklich? Bedeutete ich nur in meiner Innenwelt etwas? Ich war faul, ich lernte nur, was mich interessierte. Ich konnte…

Stella erzählte die Geschichte vom selbstmörderischen Kampf

  Stella erzählte die Geschichte vom selbstmörderischen Kampf eines Katers mit einer Ratte. Beim Versuch zu fliehen bot die Ratte dem Kater ihren ungeschützten Rücken, in den der Kater nach einem entsetzlichen Sprung seine Krallen bohrte, während die Ratte, indem…

Ich beobachte meinen Schatten

  Ich beobachte meinen Schatten und stelle mir vor, wie ich zu ihm sage: Du störst mich. – Er antwortet: Du störst mich noch viel mehr. Ich bin dein Gefangener. Gib mich frei. – Wie soll das geschehen, frage ich…

Vierter Schritt

  Vierter Schritt. Noch vor dem Sonnenaufgang wachte ich auf. Ich flüchtete mich in den Tag. Da konnte ich besser träumen. Ich musste mich aus dem Griff der Frage befreien, die sich im Schlaf auf mich warf. Ich traf sie…

Am Abend setzte ich mich in den Jardin du Luxembourg

  Am Abend setzte ich mich in den Jardin du Luxembourg und las Joseph Conrads Erzählung Herz der Finsternis. Das lenkte mich ab, obwohl mich das Ungesagte oder Unsagbare, das Mr. Kurtz so bewegte, das entsetzliche Gesicht einer flüchtig erblickten…

Dritter Schritt

  Dritter Schritt. Ich wollte sie wiedersehen. Das stand fest. Morgen in der Mittagsstunde. Ich ging zum Hotel zurück. Die Rue du Dragon war so belebt, dass ich mitten auf der Straße ging, zumal die Tische der Restaurants den Bürgersteig…

Bald bin ich alt

  Das Gute am Altsein: Dass man Narrenfreiheit hat und nicht mehr lernen muss zu leben. Das Schlechte ist alles andere … Erlösungsgelaber. Gott hat Alzheimer. Er ist nicht bei mir. Er ist vermutlich scheintot. Den überlebe ich, das weiß…

Lähmung

  Lähmung. Ich werde kalt, spüre, wie ich anfriere, wie sich Eis bildet zwischen meiner Haut und dem Stuhl, wie das Vakuum zwischen mir und dieser Schauspielerin zusammenzischt und mich innerlich wegbläst irgendwohin, wo das Nichts immer kleiner wird und…

Bühnendrehung

  Bühnendrehung. Am Nachbartisch eine mitteljunge Frau, Fliegerjacke, schwarzer Igelkopf, ganz sicher vom Theater gegenüber. Als wäre ich in eine Hardcore-Situation gerutscht … Sie lippt am Espressotässchen, als wäre es eine ganz spezielle Muschel in der Rolle, die sie gerade…

Nicht jede Blume ist blau

  Nicht jede Blume ist blau. Nun bemale ich meinen Sarg. Meine Hoffnung tanzt hinter den Kulissen. Die Bühne dreht Sommer in meinen Schädel. Ich bin aus Papier. Da schlägt mein Schatten dem Schlaf ins Gesicht. Kopfhaut zuckt in spitzer…

Wenn ich ihn morgen in der Stadt sehe

  Wenn ich ihn morgen in der Stadt sehe, rufe ich ihm zu: Guten Tag, Herr Geheimrat, Sie sind dran! Und dann fallen ein paar Lichtstrahlen vom Himmel durch die Luft und malen dem Tod ein paar Knochen zum Fraß…

Die schwarzen Kühe der Nacht

  Die schwarzen Kühe der Nacht. Als ich ein Kind war, da sangen und sprangen wir in die mit Kreide auf blauen Asphalt gemalten Kästchen zwischen Himmel und Hölle: Kaiser König Edelmann – Bürger Bauer Bettelmann … Hein der Schnitter…

Zwischen Stäben

  Zwischen Stäben. Ich dehne mich aus, sagt Die Expansion, ich weiß nicht, wie. Ich auch nicht, sagt Die erste Dimension. Da war ich bestimmt schon da, sagt Die Gravitation, oder auch nicht, ich kann mich nicht genau erinnern, ich…

In statu narrandi

  In statu narrandi. Ich gehe träumerisch durch mein Leben, das steht schon in meinem ersten Schulzeugnis. Ich sehe mich in den Dingen gespiegelt. Kein Gott ist so stark wie ich, nicht einmal der Allmächtige. Ich bin der größte anzunehmende…

Entnichtung

  Entnichtung. Mir starb der beste Freund, er schaute blind ins Leere zuletzt. Ich spürte, er hörte jedes Wort. Drei Tage vor seinem Tod bewegte er die Lippen tonlos zwei Sätze lang. Der Sterbende ist immer weniger der, der er…

Und wie ich mich so entferne

  Und wie ich mich so entferne, weiß ich schon gar nicht mehr, wo ich bin, sehe ich zu mir hinauf, oder sehe ich von oben auf mich herab, wie ich da unten stehe, so hell ins Schwarze hineingehalten, aber…

Zwischen Nichts und Nichts

  Die Hineingehaltenheit meines Seins in das Nichts sehe ich vor mir, ich sehe mich in der Schwärze der Nacht, ich bin weiß und leuchte in die Nacht beim Öffnen der Raumtür, ich weiß nicht, tu ich das selber oder…

Du schon da!

  Du schon da! Ich stehe auf dem Balkon. Hinter mir die Zinkwanne, ich habe sie bis oben hin mit Wasser gefüllt. Mit roten, weißen und blauen Ankerbausteinen baute ich ein Unterwasserschloss, mit Säulen, Toren und Fensterbögen. Die Bleisoldaten stehen…

Ichung

  Die Kugel durchdringt den Kern und wirft die Geißel ab, nun Kugel in der Kugel. Fischblase mit der türigen Wand vor dem Ich zwischen Arktis und Antarktis. Da schwimmt das Universum im Universum. Nord und Süd gehen ineinander, vertunneln…

Das Leben braucht uns nicht

  Das Leben braucht uns nicht, sagst du, der Satz ist tückisch, denn er suggeriert ein Subjekt über mir. Ich sage, ich bin das Leben, solange meine Sanduhr tickt, und ich werde nicht wahnsinnig wie Hölderlin an dem Gedanken, dass…

Begründe dein eigenes Glück

  „Begründe dein eigenes Glück!“, sprach eine Stimme über mir, ich drehte mich um und schaute hinauf. Das Fenster war halb geöffnet, das Holz der Fensterläden reflektierte die Stimme aus dem Innern. „Lebe deine Natur aus gegen den Irrsinn der…

Erster Schritt

  Jean Gionos Lächeln zu erwidern, fiel mir schwer. Er schaute, als er das Fenster öffnete, hinab in die Tiefe des Mittagsschattens, seine Augen fanden mich, und als er in die Schwärze seines Zimmers schräg über dem Eingang des kleinen…

Ein novellistisches Jahr

Die Novelle ist die Schwester des Dramas. Theodor Storm Im Jahr 2022 widmet sich KUNO ausführlich der literarischen Kunstform Novelle. Der Begriff kommt von dem italienischen Wort novella, was „kleine Neuigkeit“ bedeutet. Die Gattung lebt von der Schilderung der Realität…

Der Karthograph des Rheinlands

Heimat ist Vertrautheit. Ist ein mitgegebener oder aufgesuchter Bezugsraum. Etwas, das man sich vormacht oder etwas Vorgemachtes. Ein wie auch immer energetisches Zentrum für Exkursionen und Wiederkünfte, Fluchten und Bewahrungsbestrebungen. Heimat schafft Mentalität, sei es mittels Adaption oder mittels Abwehr.…

Dialektik

  Ich betrat den Minkowski-Raum. Ich suchte die Formel. Der Raum war leer. Kein Fenster, kein Licht. Aber ich sah sie – und Einstein sah mich. „Gott würfelt nicht“, sagte er, „die Quantentheorie ist nicht das Ei des Columbus, für…

Sprache ist Heimat

Mit dem Geburtsort wird auch die Muttersprache als Ursprung und Wiege des Ich gesucht, aber nur als eine ihm fremde gefunden. Letztendlich wird die gemeinsame Fremdheit von Fremd- und Muttersprache zu einer ausgewogenen – indes labilen – Vertrautheit. So wie…

Minestrone o Minestra?

  Sir Peter und Ich, diesmal in leichteren Gesprächsebenen … Well, sagt Er, ich könnte jetzt eine Kleinigkeit essen. – Wo du das sagst, sage Ich, bekomme ich auch Appetit. – Es gibt Minestrone, sagt Er. – Aha, Gemüsesuppe, nicht…

Über den Wert des Analogen

KUNO interessiert sich dafür, was sich nach Karl Kraus‘ Fackel entzündete Wir stellen auf KUNO von Zeit zu Zeit sehr gern Literaturzeitschriften vor, wie unlängst durch Maximilian Zander geschehen. Wir schätzen auch eine eine Lit.-ZS wie die Matrix, die sich…

Eine Postkarte, diesmal aus Leipzig

  Den 26. Oktober Dear Peter, Richard, mit dem ich soeben im Café Central eine Limonade trank, lässt Sie herzlich grüßen! „Sagen Sie Sir Peter, er soll sich nicht zu sehr mit Bach herumquälen. Die Inventionen, so hübsch ihre Ideen…

Kein Ankerplatz, nirgendwo

  Nomen est omen – der Titel ihres neuen Gedichtbands sagt schon viel: Fragen im Schlepptau. Ines Hagemeyer legt der Öffentlichkeit nach fünf Jahren neue Gedichte vor, die um alte Themen kreisen. Es sind die Fragen, die sie – und…

Bonn, ohne Datum. Am Schreibtisch

  Caro Signor Pirandello, in der Tat: ich begann vor 14 Jahren damit, meine Sündenfotos zu sammeln. Nicht wegen der Schönheit der Bildnisse, sondern … ich weiß nicht recht … ich ahnte, dass es eine Serie mit vielen sehr unterschiedlichen…

Bonn, 27.9. Am Neutor

  Lieber Damonte, haben Sie herzlichen Dank für Ihre Karte! Ihr ‚Selbstporträt‘ auf der Rückseite erinnert mich an die frühen ‚Grisailles‘ Gerhard Richters, die verschwommenen Porträts, die er in Schwarzweißtönen malte, etwa den RAF-Zyklus ‚18. Oktober 1977‘ – dagegen ist…

Bonn, 25.9. La Fontana

  Pirandello erwartete mich schon. „Signor Damonte“, rief er, „Sie haben La Traviata in Leipzig gesehen, stimmt’s?“ – „Woher wissen Sie …?“ – „Pschsch …“, machte er, „… egal! Sagen Sie, kennen Sie die Callas?“ – „Und ob!“, sagte ich,…

Dedicated to Sir Peter

  In der berühmten Weimarer Gelateria di Giancarlo gegenüber Schillers Haus bestelle ich gerade den ersten Espresso des Tages, da treffe ich – du wirst es kaum glauben, lieber Leser – Arthurs Mutter. „Bonjour, Madame Adèle!“ – „Parbleu, Signore Rico,…

Bonn, 14.9. La Fontana

  Caro Signor Pirandello, nun sind Sie wieder verreist, und schon fehlen Sie mir. Kaum waren Sie nach Sizilien aufgebrochen, stellte Ihr Vermieter einen Container vors Haus. Er baut seine Boutique um – in den nächsten Wochen entsteht dort eine…

Bonn, 11.9. La Fontana

  Lieber Felix, Pirandello ist wieder da! Er war verreist. Sizilien. Er hat dort eine Verlobte, davon weiß seine Verlobte in Bonn aber nichts. C’est la vie … honi soit qui mal y pense. Nun ist er also wieder in…

Bonn, 10.9. La Fontana

  Lieber Wolfgang, die Sonne scheint, die Wetterprognose jedoch verheißt volatile Himmelserscheinungen, und so hat die Bouquinistin des Bücherkarrens am Kaiserplatz geschlossen. Schlimmer noch: Pirandello schweigt. Er schläft noch, oder er hat sich in der Bibliothek des Romanischen Seminars verirrt,…

Bonn, 9.9. La Fontana

  Lieber Stefan, stell dir vor, Pirandello weiß alles! Ich war noch nicht vom Rad abgestiegen, ich bog gerade um die Ecke am Brunnen, da rief er über den ganzen Platz: „Sie wissen, wer heute Geburtstag hat?“ – Ich war…

Bonn, 8.9. La Fontana

  Lieber Herr Jo, je länger ich Voltaire lese, umso lieber wird er mir. Sein J’accuse im „Candide“ ist ja eher ein Je demande. Wenn er über die Unvollkommenheit der Welt klagt, über schlechte und böse Menschen, ihre Schwächen und…

Bonn, 7.9. La Fontana

  Lieber Herr Jo, ich las „Candide“ in einer alten Übersetzung, die ich mit meinem Handy ergoogelte, als ich im Café Fürst bei meiner Alma Mater das croissant de lune verzehrt hatte. Es ging mir gut. Ich befand mich in…

Bonn, La Fontana 6.9.

  Lieber Arthur, heute war ich sehr früh am Kaiserplatz, die Gelateria hatte gerade die Tische und Stühle unter den Kastanien aufgestellt, der Bücherkarren baute die Bücherkästen auf … aber Pirandello stand schon auf seinem Balkon und erwartete mich. „Signor…

Bonn, La Fontana 4.9.

  Lieber Stefan, die Banane ist krumm, und gelb – so gelb und krumm wie die Banane, die wir am Eingang zu den Museen sehen. Ich frage mich nicht, warum die Banane krumm ist, ich frage mich, warum sie zum…

Poeterey

Diese Dichtergeneration ist nicht bereit, hinter die Standards einer kritischen Sprachbehandlung und also Wirklichkeitsauffassung zurückzufallen. Thomas Kling Lyrik ist eine Gattung, die zwischen den Zeilen Zeit und Raum gibt, weil diese Leerstellen dann ihrerseits vom Leser Raum und Zeit einfordern.…

Bonn, Kaiserplatz 2.9.

  Lieber Herr Jo, heute scheint die Sonne nicht, sie steckt in den Wolken eines trüben Himmels – als wäre sie nicht da. Und Pirandello erscheint auch nicht. Wahrscheinlich ist er im Romanischen Seminar, versteckt in der Bücherwelt, wo er…

Bonn, 30.8.

  Caro Stefano, Er stand schon auf seinem Balkon, mein Pirandello, als ich vom Fahrrad stieg. Ich band mein Peugeot-Rad ans Geländer der Kaiserplatzwiese und setzte mich an den Tisch der Gelateria in der Sonne, die gerade über der Spitze…

Bonn, La Fontana 25.8.

  Cher Monsieur, heute bestellte ich zum Cafè eine Kugel Pistazien-Eis, schlug das Reclamheftchen auf, das ich im Offenen Bücherschrank in der Poppelsdorfer Allee fand – und schon stand Er wieder auf dem Balkon, ich sah’s aus dem Augenwinkel. „Was…

Bonn, La Fontana 24.8.

  Lieber Stefan, der albanische Kellner stellt den Espresso auf den Tisch, ich sage: „Faleminderit“ – das heißt Dankeschön, er lächelt und geht, ich setze das Tässchen an die Lippen und will den ersten Schluck nehmen, da tritt Pirandello auf…

Bonn, Café Fürst 23.8. p. m.

  Lieber Herr Jo, eben noch blendete mich die Sonne, mir wurde heiß, und ich setzte mich an einen anderen Tisch unter die Kastanien, da fing es an zu nieseln, ich saß noch eine Weile im Trocknen, die Blätter über…

Bonn, La Fontana 23.8. a. m.

  Lieber Wolfgang, ich unterhalte mich täglich mit Pirandello, er unterhält sich täglich mit mir. Er weiß noch nicht, dass er die Sechs Personen suchen einen Autor schreiben wird. Ich weiß es schon jetzt. Wenn ich mich auf dem Kaiserplatz…

Bonn, Kaiserplatz 21.8.

  Lieber Stefan, ich nahm gerade den ersten Nippschluck aus dem Espressotässchen – da rief Pirandello über den Platz mit weit ausgebreiteten Armen: „Signor Damonte … ich nenne Sie einfach so … wo waren Sie nur in den letzten Tagen,…

Köln, Große Hafenrundfahrt

  „Guten Tag, kann ich hier Karten für die Große Hafenrundfahrt bekommen?“ – Köln-Düsseldorfer-Rheinschifffahrt, junger Mann: „Bestimmt nicht.“ „ Können Sie mir sagen, wo?“ „Da müssen Se weiter jehen.“ Kiosk mit großem Schild: Köln-Tourist-Schiffsfahrten, ältere Dame, aus einer Ecke: „Dat…

Bonn, Kaiserplatz 9.8.

  Lieber Herr Jo, soeben – ich hatte kaum den Espresso macchiato bestellt – trat Pirandello auf seinen Balkon und rief laut über den seit Wochen durch Baustellen verschandelten Platz: „O crudele Germania! Come tratti il to posto più bello!“…

La Fontana

Bonn, La Fontana, 27. Juli Lieber Peter, stell dir vor: Ich laufe vom Radschert in Todtnauberg auf den Weg oberhalb von Rütten, in der Ferne der Gipfel des Feldbergs, und sehe unter mir Heideggers Hütte – da kommt er mir…

Eine andere Postkarte aus Weimar

  Den 18. Juli 2019 Sir Peter, sei versichert, in Weimar kann ich nicht anders, ich muss an dich denken. Schon deswegen, weil mir am Frauenplan der Geheimrat begegnete und sich nach dir erkundigte: ob du dich endlich ans Wohltemperierte…

Ich traf Pirandello

  Er sprach kein einwandfreies Deutsch, aber gut genug, damals in Bonn, wo er seinen Doktor machte. „Kennen Sie meine Arthurgeschichten?“, fragte ich ihn. „Bedaure, Signore“, sagte er, „wer ist Arthur?“ – „Ein Urenkel Schopenhauers.“ – „Ah“, sagte er, „man…

Bonn, Kaiserplatz 29.7.

  Lieber Stefan, vom Balkon über mir winkt Pirandello. Ich hatte ihn schon lange nicht mehr gesehen. War er verreist? Hatte er Sehnsucht nach dem sizilianischen Dialekt? Und nach seiner Verlobten in Agrigent, obwohl er hier in Bonn eine Verlobte…

Bonn, 17.6. La Fontana

  Pirandello geht mir auf den Geist. Er faselt so schlau daher. Er denkt, er sei Kant & Nietzsche in einer Person … Warum sprach er mich überhaupt an? Er kennt mich doch gar nicht. Braucht er ein Objekt seiner…