Monat: Februar 2021

Weimar, 27. Februar

  Dear Peter, soeben erzählte ich dem Geheimrat von Thomas Manns Joseph-Roman. „So so“, sagte er, „und wie finden Sie’s?“ – „Recht frei in mancher Hinsicht, sehr männlich und gott-arm, alles in allem ein erzählerisch nicht enden wollender Rausch –…

spuren der sprache erspüren

Erfahrung, die von Mund zu Mund geht, ist die Quelle, aus der alle Erzähler geschöpft haben. Walter Benjamin der titel des buches, in dem der nachlaß anklingt, der für viele autoren und künstler in einer einseitig gegenwartsbezogenen und gegenüber nachlässen…

Istanbul

Bei Peter Valentin im Möglinger Pflegeheim „Kleeblatt“ am 25.2.2011 Endlich hatte ich die Kraft, ihn zu besuchen! Ich schob es vor mir her, und ich zögerte noch, als ich mit dem Auto Ludwigsburg erreichte, ob ich lieber Traian Pop, meinen…

KAISERPANORAMA

Reise durch die Deutsche Inflation   XIV. Aus den ältesten Gebräuchen der Völker scheint es wie eine Warnung an uns zu ergehen, im Entgegennehmen dessen, was wir von der Natur so reich empfangen, uns vor der Geste der Habgier zu…

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  Schwermut der Natur heut ins Hirnchen gestreut: Schnee licht biegt sich jedes Meer ist traurig jeder Himmel grausam und wenn Wolken brechen nennt man das Regen   *** Baumzyklen, Gedichte von Sophie Reyer, KUNO 2021 Weiterführend →  Ein Porträt von…

Kunst – ein Konstrukt der Rückprojektion?

  1. Eine etwas ketzerische Frage vielleicht. Aber eine, die angesichts unseres oftmals doch recht sorglosen Umgangs mit dem Wort Kunst durchaus angebracht erscheint: Wir verfügen in jeder Epoche über jeweils episodal gewandelte Gebrauchsweisen des Wortes Kunst auf der Mikroebene…

Reenactment

Mein Credo lautet: Ich werde gewesen sein. Theodor Weissenborn Wenn eine Vignette nach literaturwissenschaftlicher Definition „ein kurzer impressionistischer Text ist, der sich auf eine Person“, manchmal sich auch auf eine Idee bezieht, und sie in der Malerei des 19. Jahrhunderts…

Das Reden

  Nachdichtung einer nigerianischen Volkssage Ein Wanderer kommt tief in einen dunklen Wald bleibt im Gestruep hængen stolpert ueber einen Totenschædel Der Schædel klappert & beginnt zu sprechen »Wie ist das nur mœglich?« schaudert der Wanderer »Das Reden brachte mich…

Die сhinesische Kultur im Spiegel der deutschen Mentalität: Paul Ernst

  In seinen zahlreichen imagologisch gefärbten Ausführungen in Bezug auf fremde Kulturen ging der deutsche Schriftsteller der Jahrhundertwende, der Neuklassiker Paul Ernst (1866–1933),[1] von der Anerkennung der Priorität der nationalen Spezifik jeder Kultur aus, die, obwohl Teil der Weltkultur, niemals…

Eine wahrscheinlich unvermeidliche Evolution des Alphabeths

Vergnügen, in einem Buch eine Seite umzuschlagen, einen Satz lesen und die Wirkung abwarten! Wolf Wondratschek Literatur ist oppositionell. In dem Moment, wo sie einem Zweck oder einer Person dient, wo sie gekauft wird, kommt sie über den Status der…

Bolkerstraße

    Ebenfalls, so schäumet hier, geist- und phantasieanregend, holder Bock, das beste Bier.       *** Was sich seit Heinrich Heines Das Buch Le Grand und dem Essay Die deutsche Literatur  im Rheinland verändert hat, lesen sie in: Lokalhelden, Roman…

Schlafstatt

Schlaf statt wache auf Schlafstatt zählen Schafe um Schafe nimmer satt immer matt schlaflos ach Schlaf Los schaff fort Schafott schaff fort schroffe Schöffen schaff fort eh Salbader salben Glocken locken Pfaffen pfeifen pfui rufen und ruckediguh Blut ist im…

Das kurze Aufleuchten einer möglichen Sinnhaftigkeit

A.J. Weigoni erwies sich in Unbehaust als Seismograph von kaum wahrnehmbaren Verschiebungen. Auf der Kenntnis einer weitgehend zivilisierten und untergebrachten Welt einen Begriff wie Unbehaust aufzubauen, erzählt einmal mehr von der Skepsis der Künstler, mit der sie den so genannten…

Valentin 2020

Mein Feuervogel, klines Vogelin:Ich weiß nicht, was dich hielt. Doch du, du bliebst.Vielleicht, weil du die Worte in mich schriebst,Die heute in den Wolken mit uns ziehn. Der Reif am Baum, der Reif an meiner Hand,Der linken, die vom Herzen…

Ideen liegen in der Luft

Die Liebe zur Literatur ist in der französischen Bourgeoisie schwer von der Frömmelei zu unterscheiden. Hans Magnus Enzensberger Nahezu zehn Jahre nach dem Erscheinen der Novelle Vignetten von A.J. Weigoni hat Hans Magnus Enzensberger „99 literarische Vignetten aus dem 20. Jahrhundert“…

Kunst der Sprachbefragung

Halten Sie Ihr Ohr hin zur Musik, öffnen Sie Ihr Auge für die Malerei. Und denken Sie nicht! Wassily Kandinsky Ich lernte A.J. Weigoni auf einer Tagung des Schriftstellerverbandes kennen. Einem Kollegen hatte ich ein Eis mitgebracht, der wollte nicht,…

630, ein Gesamtkunstwerk

  Das multimediale Projekt 630 ist die zeitgemäße Variation des Gesamtkunstwerks, weil hier bildende Kunst, Tonkunst und Literatur sinnfällig zusammenwirken. Er zeigt sich auch, daß Kunst nicht die Sache eines Einzelnen ist, sondern in einer Intaraktion mit dem bildenden Künstler…

Reale Virtualität

Der moderne Flaneur sitzt vor dem Bildschirm. Ihn schlägt nicht weniger als die Welt in ihren Bann. Bilder und Wörter halten ihn gefangen… Wie Goethes dichterisches Ich schlendert der Flaneur im Internet ’so für sich hin‘ und lässt die Gedanken,…

Zauber der Haptik

Der vordere Buchdeckel ist mit einem original Holzschnitt bedruckt. Vielleicht liegt ja in solcher Art Gestaltung eine Zukunft des Buches angesichts der digitalen Möglichkeiten. Das Buch als Objekt. Jan Kuhlbrodt Wer sich mit dem Totholzgebiet beschäftigt, gehört künstlerisch zur Arrieregarde.…

Ein Lebenskreativer, der mit sich selbst im Reinen war

Weigoni blieb sich bis zum Schluss treu, seine Lebensgeschichte kann andere „freie“ Lyriker motivieren, sauber zu bleiben und ihr Ding gegen alle Widerstände seitens konservativem Szeneklüngel selbstbewusst und souverän zu drehen! Tom de Toys (Nahbellpreisko­mi­tee)   Die Lyrik von A.J.…

UNFÄLLE, MORDE UND ANDERE AUSFÄLLE

  Ein entsetzlicher Krach, gefolgt von einem unmenschlichen Brüllen, lässt Sarah plötzlich hochfahren. Sie legt die Notizen zur Seite, springt aus dem Bett, rennt ins andere Zimmer zum Fenster. Zunächst bemerkt sie nichts. Die Regenströme ziehen schräge Schlieren auf die…

Frequenzband

  Charlotte dreht das Radio an, kurbelt an der Skala, sucht einen Sender und findet ein Chanson. Sie singen den Refrain „Je suis une femme fatale“ aus vollem Hals mit und machen sich im Folgenden daran, im Äther der alliierten…

Solidarität der Solitäre ∙ Revisited

Bereits der Titel Lyrikbandes Gewolltes Blauauge, der wohl meint, dass der Autor, oder sein lyrisches Ich, blauen Augen nicht aus dem Weg geht, da er lieber ehrlich mit blauem Auge als verlogen in weisser Weste leben will, lässt Grundmotive von…

Frühstücksfernsehen

  (An dieser Stelle muss es einfach mal gesagt werden, nicht der erste Satz ist das Problem, es ist das erste Wort. Selbst wenn die ganze Geschichte schon im Kopf beieinander ist, das erste Wort muss gefunden werden, damit alles…

Warum Bartleby auf den Most verzichtet

  Poesie ist kein geschlossener Text, der für sich steht, sondern einer, der einen eigengesetzlichen Spielcharakter besitzt. Zur Definition der Lyrik als Rezitationsform1: „Die Lyrik ist eine Gattung der Poesie, neben Epik und Dramatik. Lyrik wird häufig im Sinne eines…

EISKELLER

  Vom Eiskeller, der sich nur noch durch die altertümliche Aufschrift EISKELLER über einem mit Abfall verstopften Kellerschacht in Erinnerung bringt, führt die Straße parallel zu den Straßenbahngleisen in Kurven abwärts und fällt jäh ins Grüne ein. Eine breite, gut…

Flaschenpost an eine zukünftige Leserschaft

  Als Proletarierkind befand sich A.J. Weigoni in einer prekären Klassenlage. Er verfügte über ein großes Wissen, war belesen und reflektiert, aber er drückte dies nicht in der Sprache des Bildungsbürgertums aus. Nie findet sich bei ihm Mitleidheischendes, Moralinsaures, er…