Matrix · Reloaded

22. Juni 2014
Von

Matrix ist der europäischen Idee verpflichtet. Sie will einem deutschsprachigen Publikum die vielfältigen Möglichkeiten von Kultur, Sprache und Literatur des europäischen Kontinents nahebringen. Sie ermöglicht Literaten und Künstlern aus ganz Europa, einander näher kennen zu lernen.

Traian Pop

Die Literaturzeitschrift Matrix hat sich zum Ziel gesetzt, junge Autoren zu entdecken und bedeutende Schriftsteller der Vergessenheit zu entreißen. Sie widmet sich der Prosa und in bemerkenswertem Umfang auch der Lyrik, in erster Linie der deutschsprachigen, der Blick geht aber auch über die Grenzen des deutschen Sprachraums hinaus, beispielsweise in den Osten Europas und in die USA. Weil sich diese Zeitschrift der Verteidigung des freien Denkens gewidmet hat, macht sie immer wieder auf verfolgte Schriftsteller aufmerksam. Vom Beginn weg setzte man auf sprachliche Qualität, thematische wie stilistische Breite sowie inhaltliche Originalität und erreichte so einen festen Platz in der internationalen literarischen Landschaft. Kaum ein Literaturbereich, eine literarische Strömung, ein vielversprechender Name im zeitgenössischen Literaturleben, der nicht auch seinen Niederschlag in der Matrix gefunden hätte: Vom Haiku bis zur Konkreten Poesie, vom Essay bis zur Satire, vom Polit-Report bis zum Interview war während des 9-jährigen Erscheinens des Heftes alles zu lesen. Dabei steht das Jubiläum noch aus.

Lyrik und Prosa, Buchbesprechungen, Essays über aktuelle und historische, kulturelle und politische, künstlerische und biografische Themen, Interviews, Informationen über Verlage, Literaturfestivals, Ausstellungen und Publikationen aus ganz Europa bilden die Eckpfeiler des Programms.

Traian Pop

Maulwurfsgleich wühlt sich seit 2005 Traian Pop durch die Zeitläufte und fördert dabei nicht selten Textschätze zutage. Im Ludwigsburger Pop-Verlag gibt er die die Literaturzeitschrift Matrix heraus. Jährlich erscheinen vier Ausgaben. Er formte eine Redaktion mit großem Mitarbeiterstab, der die verschiedenen, im Hinblick auf Auswahl und Qualität wesentlichen Aufgaben zur Gestaltung der Zeitschrift übernimmt. Diese Redaktion hat gezeigt, daß die intellektuelle Unabhängigkeit der Schriftsteller, ihr singulärer Umgang mit Sprache, sie unverzichtbar für eine demokratische Gesellschaft macht. Jede gute machte Literaturzeitschirt ist ein Ort der Demokratie und eine moralische Anstalt. Diese Zeitschrift hat in der Regel einen Umfang von rund 170 Seiten, gelegentlich geht es weit darüber hinaus. Artikel, Buchbesprechung, Erzählung, Essay, Gedicht, Interview, Theaterstück, Übersetzung zu freien Themen bzw. thematischen Schwerpunkten werden in Kapiteln wie Atelier, Debüt, Rezensionen, Zeitgeschichte u.a. vorgestellt und ermöglichen so einen umfassenden Blick auf das zeitgenössische literarische Schaffen von Autoren des deutschen Sprachraums und über den Tellerrand hinaus. Es gibt kein Dogma, kein literarisches Tabu und kein einengendes formales oder inhaltliches Konzept, sie ist auf angenehme Weise Retro.

Fotografieren, Dichten und Gestalten lassen den Strom des Alltags innehalten, entreißen ihm einen Moment der Wirklichkeit. Matrix setzt auf dieses grundlegende menschliche Bedürfnis, Leben und Zeitgeschehen festzuhalten.

Traian Pop

In der Rubrik Die Welt und ihre Dichter werden Autoren aus den verschiedensten Ländern und Sprachgebieten vorgestellt. Schwerpunkte einzelner Ausgaben sind u.a. die Präsentation rumänendeutscher Schriftsteller wie Horst Samson oder deutschsprachiger Literaten rumänischer Herkunft wie Papi oder Francisca Ricinski. Über die aktuelle, von einem universalen Konzeptausgehende Literatur hinaus widmet sich die Zeitschrift in der Matrix-Ausstellung einem zeitgenössischen künstlerischen Werk, das mit zahlreichen mehrfarbigen Abbildungen vorgestellt wird. Avantgarde um jeden Preis ist nicht das Ziel, wohl aber ein unkonventioneller, ein noch nicht etablierter oder schon wieder nicht mehr etablierter Zugriff auf die wesentlichen Themen. Auf die Mischung kommt es an, und die ist meistens stimmig.

„Der Dichter”, so Michel Butor im Gespräch mit Rodica Draghincescu im 2005 erschienenen Buch  Schreibenleben, „fühlt sich zwar oft ohnmächtig, ist es aber viel weniger als ein Politiker. Wie bei einer chemischen Katalyse steuert er ein Element bei, das kaum wägbar sein mag, aber die ihn umgebenden Mechanismen nach und nach völlig verändert.” Wenn er denn ein entsprechendes Forum findet.

Traian Pop

Als Verleger zeigt Traian Pop ein gutes Gespür für originelle Manuskripte: Mit Büchern wie Francisca Ricinskis lyrischer Prosa Auf silikonweichen Pfoten, Ioona Rauschans Roman Abhauen oder Theo Breuers Gedichtbuch Das gewonnene Alphabet (um nur drei Titel aus aus einem reichhaltigen Programm zu benennen) sind ihm Publikationen gelungen, die in ihrer Eindringlichkeit zeigen, wie unverzichtbar Literatur für die Gesellschaft ist. Literatur ist nicht nur Dekor des Lebens, das neue Gesellschaftsmodell benötigt neue Literaturformen. Über Verfremdungen drückt Literatur die Befindlichkeiten, Wünsche, Hoffnungen und Befürchtungen der Menschen aus. In Zeiten tiefgreifender Veränderungen verschwimmen deshalb auch die Grenzen zwischen den so genannten Literaturproduzenten und dem sogenannten Publikum.

Es ist anzunehmen, daß in diesem Jahrhundert Literaturzeitschriften entweder staatlich gefördert werden oder aufhören zu existieren.

Michael Krüger

In Matrix schreiten Autoren das eigene Denken ab. Mit hartnäckiger Unaufgeregtheit bietet sie, ohne Rücksicht auf vermeintliche Verfallsdaten, dem Literaturschaffen eine Plattform   und übernimmt so nicht nur die Rolle des Voranzeigens und Vorausschauens, sondern auch diejenige der punktuellen Nach-Lese. Man sollte Literaturzeitschriften Buchzeichen nennen, Buchzeichen, worauf wiederum die Inhalte der Bücher, worin sie stecken, knapp geschildert sind. Ein Stapel dieser Buchzeichen oder der entsprechende Stapel Bücher, immer im Lichte des Zweifels, dass diese überhaupt gelesen werden, will sagen, uns nicht nur überschwemmen. Vater Rhein läßt, obschon Teil der Landschaft, gerne die ganze Landschaft unter sich verschwinden und gibt sie nur widerwillig wieder her. Die Wegmarken, Damm, Heft, Ufer, Zeitschrift, aus Fluten herausstehender Glockenturm sind gekennzeichnet dadurch, dass man sie auch in den aufgewühltesten Augenblicken nie aus den Augen verlor. Matrix hat sich bislang nicht zudecken lassen.

als reihte ich Bücher an einander

Friederike Mayröcker

Die 28. Ausgabe – Atmendes Alphabet für Friederike Mayröcker – erschien 2012: Zu dieser von Theo Breuer edierten Matrix steuerten auf 254 Seiten neben Friederike Mayröcker Autoren und Künstler wie Ilse Aichinger, Hans Bender, Michael Donhauser, Ulrike Draesner, Elke Erb, Zsuzsanna Gahse, Bodo Hell, Gerhard Jaschke, Axel Kutsch, José F. A. Oliver, Marlene Streeruwitz, Ulrich Tarlatt, Peter Weibel, A.J. Weigoni, Linde Waber u.v.a. Wort und Bild bei.

Zuletzt erschien Matrix 36, deren Schwerpunkt dem Lyriker und Herausgeber Axel Kutsch gewidmet ist. Diese Ausgabe wurde wie die Würdigung Friederike Mayröckers in Matrix 28 sowie Matrix 29, dem Sonderband zu Hans Bender, der am 1. Juli 2014 das 95. Lebensjahr vollendet, von Theo Breuer ediert. Bei der Würdigung des Lebenswerks von Axel Kutsch wird deutlich: Ohne die von ihm herausgegebenen Lyrikanthologien, in denen die Stimmenvielfalt wesentlicher erscheint als die Auslese, wäre das literarische Leben im deutschen Sprachraum ärmer, daher widmen wir dem unterschiedlich Facetten seines Wirkens auf KUNO einen Schwerpunkt.

Eine Zeitschrift für Literatur und Kunst herauszugeben ist ein Wagnis. Gerade in dieser Zeit, in der der digitale Wandel die Medienlandschaft revolutioniert und gleichzeitig existenzielle Unwägbarkeiten den Alltag bestimmen, Arbeitsplätze und soziale Sicherungssysteme wegbrechen, Altbewährtes und sicher Geglaubtes fraglich geworden ist. Dem begegnen wir mit der Devise: Jetzt erst recht!

Traian Pop

Dichtkunst ist Fitness fürs Gemüt. Matrix 36 ist ein Band voller Turnübungen für lyrische Seelen oder solche, die es noch werden wollen. Axel Kutsch hat für Ambivalenzen, für Zwiespältigkeiten jeder Art  einen besonders ausgeprägten Sinn und ist dabei ohne weiteres in der Lage, bei Sachfragen auch andere, selbst gegenteilige Meinungen immer selbst schon dazuzudenken. Kutsch liebt und bewundert die Schärfe des Gedankens und die Leichtigkeit des Arguments, er kann sich für Autoren, Kollegen, Künstler begeistern. In diesem Band dürfen sich die Gemüter wie in einer ordentlichen Fitneßstunde zunächst erhitzen und sich mit dem Autor über die Deutschstunde ärgern, die einem die Freude an Wörtern austreibt und die Lust an der Freiheit, mit ihnen zu zaubern, und über ätzende Theorien mokieren, die niemand versteht. Die Lockerungsübungen von Axel Kutsch dienen dazu, die dichterischen Fasern zu entkrampfen und neu aufzubauen. Seit 1983 veröffentlicht Kutsch Gedichtbände und ediert Anthologien  zeitgenössischer Lyrik im deutschen Sprachraum, zuletzt Versnetze_sechs (im Verlag Ralf Liebe). Kutschs Gedichte wurden im Rundfunk (BR, DW, DLF, NDR, SWR, WDR), in deutschsprachigen Literaturzeitschriften, Schulbüchern und Anthologien (Artemis & Winkler/Patmos, Aufbau-Verlag, Beltz & Gelberg, dtv, DVA, Luchterhand, Reclam, Schöningh, S. Fischer) sowie in Australien, Belgien, Frankreich und Kanada veröffentlicht. Nach der frühen zeit- und gesellschaftskritischen Lyrik wurden die Gedichte von Axel Kutsch in den 1990er Jahren zunehmend spielerischer und ironischer: „Er setzt auf jenen heiteren, aber darum nicht weniger tiefen Unernst, den erlauchte Vorgänger wie Christian Morgenstern oder Joachim Ringelnatz gepflegt haben.“ Der Kölner Stadt-Anzeiger resümiert: „Hinter all den Späßen, Verwandlungen, Tricks oder auch Kalauern steckt der Gedanke, dass Gedichte etwas Gemachtes sind [...] Kutsch als Kauz, der den Witz leichthin auf die Versfüße stellt.“

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Lesen Sie zum Thema auch den Essay The Matrix has you von Ulrich Bergmann. Weiterhin zu empfehlen auch ein Essay über Francisca Ricinskis lyrische Prosa Auf silikonweichen Pfoten, Ioona Rauschans Roman Abhauen oder Theo Breuers Gedichtbuch Das gewonnene Alphabet. Eine weitere Würdigung des Herausgebers und Lyrikers Axel Kutsch im Kreise von Autoren aus Metropole und Hinterland steht als eBook zum Download bereit.

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