Ruhrgebietsromantik

WEIGONI: Friedel Hensch und die Cypries haben ihn besungen, den Mond von Wanne-Eickel… gibt’s die wirklich, die Ruhrgebietsromantik?
BARBARA ESTER: Es beruhigt ungemein die Nerven oder das Gemüt von Wanne-Nord, an der Cranger Kirmes vorbei zu gehen, um danach einen entspannenden Spaziergang am Rhein-Herne-Kanal zu machen. Die Romantik, wenn man sie mit heutigen Begriffen definiert, stirbt aus. Bedauerlich.
WEIGONI: Wie macht sich das in deinem Schreiben bemerkbar?
ESTER: Die Menschen hier haben einen Stolz, der auch durch Zechenschliessung, Arbeitslosigkeit und Strukturwandel nicht zu brechen ist. Einer der Lieblingssätze im Revier ist: Das musst Du mir erstmal beweisen. Die Starrköpfigkeit, das Festhalten an Traditionen, der klare Blick, die Bollerigkeit, das Zusammengewachsene auf einem Boden, der Kohle beinhaltet, deswegen sind sie ja alle gekommen, das hält mich in Atem, das fasziniert mich. Für einen Schriftsteller ist das Ruhrgebiet immer noch eine Goldgrube.
WEIGONI: Hier muss man härter kämpfen, als im Rest des „neuen“ Deutschland und manchmal kann man einen Lucky Punch landen, wie die Heldin in deinem gleichnamigen Roman?
ESTER: Manchmal schätze ich die Lage wie ein Trauma für die Menschen ein. Strukturwandel, Veränderung der Arbeits- und Lebensbedingungen. Für die Frauen ist es besonders hart. Das hat nichts mit der Heldin aus Lucky Punch zu tun, es hat eher damit zu tun, dass man hier mit der Muttermilch aufnimmt, dass einem nicht alles in den Schoss fällt. Dieses Wissen habe ich der Figur mitgegeben. Seifenopern zu schreiben wäre überhaupt nicht meine Sache.
WEIGONI: Was macht in deinem Roman den Unterschied zwischen dem Beat einer Schlagzeugerin, dem Punch eines Boxers und einem Schicksalsschlag aus?
ESTER: Die Umsetzung und das Ergebnis. Haust du einem auf die Glocke, fällt er um. Setzt du dich hinter deine Schiessbude, entstehen Schlagabfolgen, Rhythmen, Musik. Bei Lucky Punch vereinen sich in der Protagonistin Boxen und Musik. Schlagzeuger sollten körperlich fit sein. Schon nach den ersten Songs bei einem Gig sind sie durchgeschwitzt, sie brauchen Vitamine, Mineralwasser. Gerade bei einer Frau wäre es ein Unding gewesen, hätte ich ihr keine Möglichkeit mitgegeben, sich körperlich fit zu halten. Ich kenne sowohl Boxer und Kickboxerinnen und Schlagzeuger und Schlagzeugerinnen. Beeindruckt war ich immer davon, dass sie ganz an ihre Sache glaubten, eine Überlebensphilosophie hatten und einen eigenartigen, melancholischen, nicht zu brechenden Charakter. Absolut straight. Disziplin ist angesagt, aber auch ein Lockerlassen, um die Situation wieder in den Griff zu kriegen.
WEIGONI: Lagen Drumsticks neben deiner Tastatur oder woher kam der praktische Anschauungsunterricht?
ESTER: Das nicht, aber eine gute Tasse Kaffee stand neben meiner Tastatur.
WEIGONI Ist die Literatur der Arbeitswelt mit dem Strukturwandel auserzählt oder abgewickelt?
ESTER: Nein. Meistens hat die sogenannte Arbeiterliteratur den Arbeiter gar nicht erreicht. Das haben sich die Halbintellektuellen reingezogen, die sich für Intellektuelle hielten, von solchen Typen habe ich die Schnauze voll. Die Schönschwätzer und Klugscheisser können mir gestohlen bleiben. Literatur der Arbeitswelt ist doch nur ein Etikett für Bildungsidioten. Was habe ich davon, wenn ich einem Stahlarbeiter von seiner Arbeit erzähle? Der weiss selbst, dass seine Bonzen nicht mehr auf lustig machen. Mann, würde der sagen, schreib doch mal was Spannnendes, was zum Gruseln oder so’n richtigen Lacher oder einen Thriller. Oder ein Liebesgedicht, was er seiner Frau zum Geburtstag schenken kann.
WEIGONI: Um Lucky Punch zu schreiben musstest du dich mit Pia Lund unterhalten und den Arbeitsplatz Studio studieren, ist das eine moderne Form von Arbeitsplatzliteratur?
ESTER: Das Gespräch mit Pia Lund war hilfreich. Sie war so nett und hat sich viel Zeit für mich genommen, mir nahezu alle Fragen beantwortet und mir wertvolle Informationen über die Arbeit bei einer CD-Produktion und beim Dreh eines Videoclips gegeben. Sie hat viel Erfahrung im Business mit dem Voodoo Club gemacht und arbeitet an ihrem ersten Solo-Album. Das Keyboard in ihrem Wohnzimmer hat mich dazu inspiriert, die Ellen am Keyboard Texte schreiben zu lassen. Diese Informationen haben mir sehr bei meiner Arbeit an Lucky Punch weitergeholfen und ich bin Pia sehr dankbar dafür. Ich denke, dass die Szenen auf der Tour der grafters, so heisst die Band in meinem Roman, im Proberaum und bei den Studioaufnahmen sehr realistätsnah geschildert sind, ohne das die Poesie dabei verlorengeht.
WEIGONI: Hier wird nichts beschönigt, die Arbeit im Studio ist Knochenmaloche, das hat nur in den besten Momenten mit Inspiration zu tun.
ESTER: Aber ist doch normal, dass man sich darüber informiert, worüber man schreibt. Oder etwa nicht?
WEIGONI: Ich betrachte die Recherche als wichtiges Arbeitsmittel eines Schriftstellers, der seinem Publikum mehr mitteilen will, als seine Befindlichkeit. Noch mal zu deinem Roman, geht es soweit, dass du auch Kickboxen gelernt hast?
ESTER: Gott bewahre! Ich alte Schabracke im Ring bei einem Meisterschaftskampf! Die Vorstellung wäre einen Lacher wert. Nein, aber im Ernst, ich habe natürlich Sparring gemacht. Mit der deutschen Meisterin im Kickboxen. Zirkeltraining, Nehmertraining, alles natürlich im Rahmen meiner Möglichkeiten. Die ersten Treffer waren schon ein Hammer. Mir ist die Luft weggeblieben. Und ich hatte eine Scheissangst, als der Trainer mich über seine Fäuste hinweg anfixierte. Ich fühlte mich wie das Kaninchen vor der Schlange und habe gejappst wie eine altersschwache Mähre, aber dann habe ich zurückgeschlagen, weil ich wütend wurde. Was um mich herum geschah, habe ich nicht mitbekommen. Es war ein komisches Gefühl, ich wusste, ich konnte nicht gewinnen, aber ich wollte gewinnen. Der Trainer meinte abschliessend, für jemanden, der untrainiert ist, habe ich meine Sache mit Biss gemacht. Es war vielleicht eine verrückte Idee und ich hatte auch Angst davor, dass man mich auslacht, aber sie haben mich absolut für voll genommen. Und ich habe den Respekt der Kickboxer erhalten. Sie respektieren mich und meine Arbeit. Ein bisschen verrückt war das schon von mir. Vielleicht war es für die Recherche ein wenig übertrieben, aber ich hoffe, es hat was geholfen.
WEIGONI: Diese, wie auch die anderen Szenen wirken sehr glaubwürdig, lebensnah. Im Gegensatz zu deinen anderen Arbeiten ist Lucky Punch eine eher konventionell erzählte Geschichte, wird diese Ausnahme jetzt zur Regel?
ESTER: Die Frage hört sich so an, als ob ich schon mehrere Male erfolgreich abgedrehte Sachen geschrieben hätte.
WEIGONI: Was heisst schon Erfolg, schreiben ist auch nur eine Sache, die man ausübt, oder?
ESTER: Mit dieser konventionellen Geschichte habe ich mich meinen grössten Problemen gestellt: Struktur, Gerüst, Form, Handlung. Das hat mir eine Menge Zähneknirschen eingebracht. Sich immer wieder zu disziplinieren, immer wieder an den Stoff heranzugehen, neu aufzubauen, sich von Szenen zu verabschieden, in die man ach so verliebt war, zu erkennen, so funktioniert es nicht. Schön geschrieben, ja, aber es passt nicht in die Geschichte, es bewirkt nichts, baut keine Spannung, treibt nichts vorwärts.
WEIGONI: „Kill your Darlings“, sagte Billy Wilder immer…
ESTER: Ich warte nicht darauf, dass mich die Muse küsst. Und falls sie mich ansabbern sollte, würde ich sie standrechtlich erschiessen. Mittlerweile habe ich erfahren, dass beim Schreiben Disziplin das Zauberwort ist. Wichtig ist mir, dass ich die Suppe, die ich mir eingebrockt habe, erstmal allein auslöffel, ohne jemandem mit einer unausgegorenen Geschichte zu lästig zu fallen. Ein Freund von mir hat eine Fassung des Romans gegengelesen und wertvolle Tips gegeben.
WEIGONI: Daneben arbeitest du an einem Band mit lyrischer Kurzprosa, was fasziniert dich an kurzen Formen?
ESTER: Ich konnte sie in den Werbeblöcken der Spielfilmpausen schreiben.
WEIGONI: Mehr Zeit bleibt dir nicht mehr zum Schreiben?
ESTER: Manchmal habe ich die Arbeitsweise umgedreht. Ich schrieb beim Spielfilm und sah die Werbeblöcke an.
WEIGONI: Ach! Was kam dabei heraus?
ESTER: Lyrikhäppchen, Prosaschnittchen, Short-shorts, Miniaturen, um es neudeutsch oder postpopmodern zu sagen.
WEIGONI: Inzwischen ist von dir auf der CD-Ohryeure das Kurzhörspiel »Missing Medea« erschienen, Länge: 1. 24, beschreib’ mal die Arbeit daran.
ESTER: Medea ist ein Frauenmythos, der die männlichen Dichter der Antike, allen voran Euripides beschäftigt hat. Er ist nicht freundlich mit dem weiblichen Geschlecht umgegangen, trug vielleicht nicht zu Unrecht den Spottnamen Weiberhasser. Er ist der revolutionärste neben den zwei Tragikern Sophokles und Aischylos. Die Kunst der Neuzeit wählte das Motiv der rasenden Medea, die ihre und Jasons Kinder tötet. Deswegen meine Auswahl der heulenden, bzw. rasenden Motoren. In Asien wurde Medea allerdings zur Stammmutter der Meder. Die rasende Medea musste sterben, damit die Lebensspende in das patriarchale Bewusstsein dringt.
WEIGONI: Kann frau so etwas sagen, wenn sie in einem patriarchalischen System aufwuchs?
ESTER: Zollen wir trotzdem den Frauenmythen unseren Respekt, die uns durch die männlich bestimmten Frauenmythen entgegentreten.
WEIGONI: Wenn es nicht in modisch esoterische Bereiche geht, gerne.
ESTER: Die Arbeit im Tonstudio an der Ruhr mit Tom Täger war recht angenehm. Einerseits beflügelte mich der Gedanke, meine Medea sprechen zu können, andererseits sah ich klar die Grenzen, die mir als nicht ausgebildete Schauspielerin gesetzt waren. Ich habe mich vor dem Mikro dann auf‘ meinen versierten Partner eingestellt. Pragmatismus, wenn du so willst. Er half mir und ich überwand meine Angst vor Versprechern, davor, dass das Blatt zu Boden fallen könnte, ich den Text vergass oder die Intonation des gesprochenen Wortes. Tom Täger verschwand bei den Aufnahmen hinter einer Glaswand und überliess mir und meinem Gegenüber die Gestaltung. Wir sprachen »Missing Medea« einige Male durch, und irgendwann sagte Tom Täger: Das ist die Aufnahme. Zusammen mit Karl Peinelt, der für das CD-Mastering zuständig war, gestalteten wir das Stück mit Sound aus einem Stock-Car-Rennen, der die Sprecher nun wie Hornissen umschwirrt.
WEIGONI: Bei dem Hörspiel »Mörder« verzichtest du auf eine nachvollziehbare Geschichte, erläutere doch mal die Herangehensweise an den Plot.
ESTER: Ich hatte die Idee zu diesem Stück schon eine Weile im Kopf, allerdings wusste ich, dass ich die Geschichte gegen den Strich bürsten musste. Die Charaktere, passten nicht in einen konventionellen Ablauf eines Hörspiels. Erst schrieb ich eine Prosaversion aus der Position des allwissenden Erzählers, dann liess ich die Figuren reden und warf die Prosafassung über Bord. Die Form des Hörspiels, das wurde mir in der Arbeit bewusst, war das geeignete Ausdrucksmittel für meine Mörder.
WEIGONI: Eine andere Welt wird hier transparent gemacht…
ESTER: Fünf psychopathische Mörder äussern sich im Gespräch mit ihrer Ärztin zu ihren Taten: Warum ersticht Erika, scheinbar eine ganz normale junge Frau nach einer gemeinsamen Nacht ihre Zufallsbekanntschaft mit einem Messer? Was hat den Monstermann dazu veranlasst, seine Mutter zu töten? Warum erschlägt die Rattenfrau, ein junges Mädchen, das sich für seine Hässlichkeit schämt, ihre Rivalin? Wieso ermordet die schizophrene Kerstin den Freund ihrer Freundin, einen Rollstuhlfahrer? Warum bringt der Silberfischmann seine Zugehfrau mit Putzmitteln um? Kein Prozess und kein Gutachten klärt die Motivlage.
WEIGONI: Eine Geschichte also, erzählt in Form von Geschichten?
ESTER: Das Hörspiel hat nicht im konventionellen Sinn eine Geschichte. Die darin verwendete Montagetechnik ermöglichte es dramaturgisch, ohne falsches Pathos, nicht aus einer Nische unserer verlogenen Pseudowohlstandsgesellschaft zu erzählen. Mitgefühl beschönigt nichts. Es zeigt die Dinge so wie sie sind. Nicht so, wie sie sein sollten. Ein Mord ist ein Mord. Und nichts anderes.
WEIGONI: Ist das Ruhrgebietspragmatik?
ESTER: Man darf nicht davor zurückschrecken, die Dinge so zu benennen, wie sie sind.

***

Weiterführend →

Um den Bücherberg nicht zu vergrössern war dieses Buch als Printing on demand erhältlich. Die digitalisierten Daten konnten  abgerufen und in kleineren Stückzahlen gedruckt werden.
Dieser Band war als bibliophile Vorzugsausgabe erhältlich über den Ventil-Verlag, Mainz.

Aus Recherchegründen hat der vordenker die Kollegengespräche  ins Netz gestellt. Sie können hier abgerufen werden. Die Kulturnotizen (KUNO) haben diese Reihe in loser Folge ab 2011 fortgesetzt.

Einen Essay zu dieser Reihe finden Sie hier.