The Breuer, eine Verneigung

Mit dem Essay Von Buch zu Buch · Lesezeiten 2011“ legt Theo Breuer ein Lesetagebuch vor. Er beschreibt die deutssprachige Literatur gleichsam aus der Warte des Phänomenologen: mit distanzierter Nähe, mit anteilnehmender Beobachtung. Seine Essays sind immer Verführungen zur Literatur. Er haßt es, über sich selbst zu sprechen. Nicht nur, weil ihm die Bücher wichtiger sind als seine Person, sondern weil sie sich, hat sie sich einmal auf ein Gespräch eingelassen, bis zum Äußersten verausgabt. Und abermals ist diesem Homme de lettres gelungen seinen subjektiven Lesegenuß so zu objektivieren, dass wir Leser einen gehörigen Spaß beim Lesen seines vorzüglich strukturierten Essays haben.

Hier ein Interview daraus:

MH Weitab davon entfernt einen Zensus einführen zu wollen, läßt sich die Vielgestalt von Literatur im 21. Jahrhundert überhaupt noch Re:Zensieren?

TB Zum Glück geschieht es nur noch selten, daß mich ein Autor oder Verleger bittet, eine ›Rezension‹ zu einem gerade erschienenen Buch zu schreiben. Mehr und mehr scheint es sich herumzusprechen, daß ich kein Kritiker bin und sein will, ich will nicht kritisieren, kränken, lobhudeln, lamentieren, wie schlecht die Literatur ist, ach, ist die Literatur schlecht, mir wird schlecht, schlecht, schlecht, alles schlecht, von Buch zu Buch schlechter, sondern daß ich Leser bin, der gelegentlich ein paar Gedanken im Zusammenhang mit der einen oder anderen Lektüre innerhalb für ihn mehr oder weniger bemerkenswerter Lesenssituationen, im Grunde ganz für sich, formuliert. Und wenn ich Teile dieser Gedanken publik mache, geht es in erster Linie darum, auf ein Gedicht, einen Roman, einen Autor, ein Buch, eine Reihe, eine Edition, ein Magazin, einen Verlag aufmerksam zu machen in der guten Hoffnung, daß die eine oder andere Bestellung erfolgt.

MH Kunstbetrachtung ist nicht nur subjektiv, rezen­sieren bedeutet simpli­fizieren. Abgesehen von den seltenen und reichlich absurden Fällen, in denen ein Gemälde aus Einfalts­pinsel­strichen mit Herme­neuten-Akrobatik zum Meister­werk veredelt wird, ist der Rezensent immer ein Reduktionist. Fahr­lässigkeit ist sein Geschäft, anders kann er aus 200/300 Seiten Norm­längen­roman gar nicht 20/30 Zeilen Zeitungstext machen. Meist kann er nicht mal alle Hauptfiguren erwähnen, lässt wichtige Hand­lungs­stränge einfach weg, verkürzt auf unzu­lässige Weise den Plot, entdeckt vielleicht nur einen Bruchteil der Anspielungen, von denen er kaum eine erwähnt, und spinnt von den vielen Leitmotiven der Erzählung nur einige wenige zum roten Faden der Besprechung.

TB Buchhändler haben mir berichtet, wie sehr sie an der Nadel der Bestenlisten und Bespre­chungen im Feuilleton hängen. Meine Wunsch­vorstellung, daß jeder Mensch lesen möge, was er will, wird dadurch mächtig torpediert. Aus verschie­denen Gründen habe ich kaum noch die Gelegenheit, an den Regalen der Buch­handlungen entlang zu flanieren, und wenn, dann ist es die einst von mir so geschätzte Buch­handlung im Kölner Haupt­bahnhof, die mir jetzt als Beispiel dient. Vom einstigen Wohl­gefühl im Ta­schen­buch­keller ist nichts mehr geblieben angesichts der Massenware, die mich hier und heute überfällt. Von den einst prall gefüllten Lyrik-Regalen, die viele Jahre lang für Über­raschun­gen gut waren, ist sozusagen nichts geblieben, ein kümmerlicher Mainstream-Rest. In Heiner Müllers Gedicht »Ajax zum Beispiel« von 1994 heißt es schon: »In den Buchläden stapeln sich / Die Bestseller Literatur für Idioten / Denen das Fernsehn nicht genügt«.

MH Büchermachen geschieht in einem Konflikt zweier Werte­systeme. Der Neo­libera­lismus erreicht das Verlagswesen über die Werte der Kommunikationsbranche. Träger dieser Werte sind die großen Medien­konzerne, die in Presse und Digital­fernsehen enorm präsent sind, also in den Vermitt­lungs­medien, durch die bisher, vor allem durch die Presse, die potentiellen Leser von der Existenz der Bücher erfuhren. Doch diese Konzerne sind finan­ziell auch sehr stark im Vertrieb engagiert, also in den Netzwerken, die die physische Präsenz der Bücher in den Buch­hand­lungen oder Buchmärkten sicherstellen. Für einen Medien­konzern dient das Buch dazu, die vielen anderen Aktivitäten des Unter­nehmens mit einem Inhalt zu versehen: Presse, Filmstudio, Fernseh- oder Radio­sendungen, sogar den Vorzugsverkauf in den hauseigenen Buch­handlungen. Alle Medien­konzerne werden strukturiert durch die Norm des Gegenwartkultes, des unmittel­baren Umsetzens von Themen und Produkten, des schnellstmöglichen Auszahlens der Investition. Ihre Zeit­schriften konzen­trieren sich daher auf die Bestseller, die sich sehr schnell verkaufen sollen und der großen Homo­genität der Ver­triebs­systeme angepaßt sind, die wiederum eher dazu da sind, die Verkaufs­zahlen der Bestseller in die Höhe zu treiben, als dazu, die breite und anhaltende Präsenz von anspruchs­vollen Büchern zu gewähr­leisten. Das Buch ist immer eine Handels­ware gewesen, die herge­stellt, verkauft, getauscht wird. Daß Lyrik aus Sicht der Buch­händler gleichsam eine Randsportart ist, die Platz, also Verkaufs­fläche wegnimmt, ist nur allzu schlüssig.

TB Matthias, mir rauscht der Kopf, »Der Worte sind genug ver­wechselt« (Andreas Reimann), soll trotzdem jeder weiter lesen, was er will und zusehen, daß er findet, was er sucht, ich stelle jedenfalls jetzt die »Rand­sportart« für eine halbe Stunde in den Mittel­punkt des Daseins.

 

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Proträt des Autors

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Hinreichend gewürdigt habe ich Theo Breuer bei Bookrix, hier ein Link zum E-Book.

Poesie ist das identitätsstiftende Element der Kultur, KUNOs poetologische Positionsbestimmung.