Monat: Januar 2021

Eine ältere Dame mit weißem Haar mit rosa Stich kauft 134 Gabeln

  Eine ältere Dame mit weißem Haar mit rosa Stich, den ihr eine taktlose Friseuse ungefragt verpasst hat, kauft in einem Haushaltgeschäft 134 Essgabeln. Der junge Verkäufer, wel- cher seinerseits in seiner Nackengegend graue Haare hat, dies aber weder weiß…

SYMMETRISCHER TRAUM

  ich lebe in der wüste in einem areal von 80 mal 80 metern, das von einer 4 meter hohen mauer umgeben ist. an den mauerseiten wachsen, symmetrisch angeordnet, jeweils 8 bäume und 8 hecken, die ich regelmäßig bewässere. mein…

KAISERPANORAMA

Reise durch die Deutsche Inflation   XIII. Eine edle Indifferenz gegen die Sphären des Reichtums und der Armut ist den Dingen, die hergestellt werden, völlig abhanden gekommen. Ein jedes stempelt seinen Besitzer ab, der nur die Wahl hat, als armer…

Der Wald, das Bier und der Dichter

Auf diesem Anger, auf diesem Wasser ist der Herzschlag des Waldes. „Stifter war der erste Naturtourist“, meint Reinhold List, der Tourismuschef des österreichischen Böhmerwalds, zu einer Zeit, als Nature Writing noch keine literarische Gattung der fiktionalen oder nicht-fiktionalen Naturbeschreibung war.…

Gedichte-schreiben nach Auschwitz

Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben. Theodor W.…

Verlustanzeige

„Mein Ziel ist das Verschwinden“, sagte Ilse Aichinger, die in ihrer literarischen Position immer vom Rand her sprechen wollte.   Heute ist A.J. Weigoni von uns gegangen. Seit 2013 ist er nicht mehr mit einer poetischen Performance aufgetreten. Was die…

Die Frau neben dem Truthahn

  Sie hatte wie immer vor, im Herbst die halbe Ernte für ihre Polenta und ihr süßes Maisbrot im nächsten Dorf mahlen zu lassen, während die restlichen Kolben für Leon gedacht waren, damit er nicht verhungern muß, wenn der Boden…

Bäume

Willst Du einen Wald vernichten: Pflanze Fichten, Fichten, Fichten! Klingonisches Sprichwort Als die beiden die Bäume dort auf dem neu gestalteten Bürgersteig (seltsames Wort) liegen sehen, meint sie, er müsse genau darüber schreiben, diese armen Geschöpfe, die niemals wie echte…

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  durch den See geht eine alte Traurigkeit singen rohe Winde nicht mehr: hier hat sich sogar die Natur überholt     *** Baumzyklen, Gedichte von Sophie Reyer, KUNO 2021 Weiterführend →  Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier. In ihrem…

Mutter

(Meiner teuren Mutter der heiligste Stern über meinem Leben)   Ein weißer Stern singt ein Totenlied In der Julinacht, Wie Sterbegeläut in der Julinacht. Und auf dem Dach die Wolkenhand, Die streifende feuchte Schattenhand Sucht nach meiner Mutter.   Ich…

Litfaßsäule

  Das ungewohnte Geschehen draußen, das sich nur durch einen schmalen, belanglosen Ausschnitt mitteilt, versetzt sie in jene leise Panik, die sie schon bei der Besichtigung der Wohnung befallen hatte. Der bedrohliche Gedanke, dass man sich an ALLES gewöhnen könne,…

Sansibar

  Es sollte ein Roman ohne Worte werden aber voller Gedanken der Ehrgeiz packte mich. … ich war kurz davor einen Satz in mein Heft zu schreiben einen Satz der alle Worte zum Blühen gebracht hätte und was blüht ist…

Der Mann ohne Eigenschaften – eine Utopie?

Die Dichtung hat nicht die Aufgabe, das zu schildern, was ist, sondern das, was sein soll; oder das, was sein könnte, als Teillösung dessen, was sein soll. Robert Musil   Der Romanbeginn mit der leicht ironisch an Goethes Autobiographie Dichtung…

Geistesdæmmerung

  Reflexionen aus dem beschædigten Leben: kein Ausweg nirgends / nirgendwo sind wir fragmentarisch, elliptisch = Gedankensplitter Vergletscherung der Gefuehle Einsamkeit ist dat einzichste was sich noch verteidigen læsst…   in der Form projektiv an die Leere gerichtet der sinnliche…

Rast

  Rast von der sozialen Einbettung / Flucht ans Seeufer / unter die Schwarzerle mit dem Teufel im Bunde / schutzlos und doch in Sicherheit   *** Mit seiner micropoetry gelingt es Denis Ullrich eine übernutzte Sprache zu entkernen. Seine vielgestaltigen…

Selbstverloren

  In Gedanken versunken ertrunken verloren im strudelnden Strom meiner Selbst verloren in seinen Untiefen verloren verlogen kann doch nur verlieren was ich bin ich ich oder bin ich nicht ich durch dich doch wer bist du oder du oder…

Die Alpen

  Zeremonie auf einem fremden Gebiet, alles verändert sich mit der Perspektive. Und wie viel Knoten hat der Wind? Wanderer auf Luftstraßen, hastig geschminkt, mit Taschen voller Tricks. Ich habe das Korsett sorgfältig zusammengelegt und eingepackt, man kann nie wissen,…

Die erste Postkarte aus Weimar

  Sir Peter, I don’t know, whether you believe it or not: Ich traf IHN endlich, I must tell you in German, ihn himself – Emil! Es trieb also auch ihn zurück zum Ort seiner Tat! Die Ruhe im Grab…

jetzt ∙ drei tage nach raffelsbrand

All those rocks with lines and scars and letters James Joyce ∙ Ulysses gedankenverasteter rotbuchenwaldbaum fast fünfhundert meter über normalnull weißt du wie viel menschlein gestern oder gestern oder gestern allein in syrien die feine for­derung nach freiheit mal eben…

Botschaften aus dem Land der Morgenstille

  „Close your eyes and see“, forderte Nam June Paik mit der Installation „Global Groove“ und fordert eine innere Versenkung als die Abkehr von der Oberflächlichkeit. Paiks Aufforderung lässt sich auch im Medienzeitalter verstehen: als Einladung nämlich, alltägliche Bilder und…

Social Beat & Beat

Eine kleine Gruppe von Autoren als „Generation“ zu bezeichnen, soll den Anspruch verstärken, daß sie repräsentativ und wichtig für die Entwicklung einer neuen Stilrichtung sind. Der Pressetext aus dem Literaturhaus Stuttgart kommt etwas vollmundig daher und nennt den sogenannten „Social…

KLANG EINES JAGDHORNS

  Die dünne Blutspur auf dem Laken aus Schnee. Aus der Ferne der zerrissene Klang eines Jagdhorns. Abends die kreisenden Gedanken und die Angst, ich könnte mich verhört haben.     *** Weiterführend → Lesen Sie auch die Gratulation von…

Gedichte in Zeiten der Corona’

  Wer bei einer aufmerksamen Lektüre der 240 Gedichte, die – mit wenigen Ausnahmen – je eine Druckseite einnehmen, nicht nach einem übergreifenden Sujet sucht, sondern all diejenigen Themen markiert, die im Umfeld des Leitgedanken der ‚Weißen Pest’ angesiedelt sind,…

Die Liebe

  Wie der Schnee verweht,Wenn er kommt und geht,So ist anzuschaun,Wenn er klaunt, der Clown. Wie die Liebe wacht,Unter kurz und Nacht,So das Stelldichein,Wenn im Kämmerlein.   *** An Anna Blume, von Kurt Schwitters, erscheinen 1919. Anlässlich der Reichtagswahl hat…

Denk ich an Heine in der Nacht

  Anfang der 80er, als die Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität noch schnöde ‚Universität’ hieß, pinselte in einer Nacht- und Nebelaktion die Studentenschaft ein gut 10 Meter großes Konterfei Heines auf die geschwungene Außenwand des Hörsaals 3A. Ein Mahnmal im wahrsten Sinne des…

Was alles in ein Buch kommt

  Über das Innere eines Buches, eine Fluchtidee und die Spurensuche in einem Bild, das sich selbst enthält, sich selbst enthält, sich selbst enthält und doch immer wieder ein bisschen anders zeigt. Was alles in ein Buch kommt ist planbar.…

Hasenberg

  Die Kirche, eine steinerne Barke, – im Licht Der durchbrochenen Jugendstillandschaft Sich drehend auf dem Berg, der die Bugwelle ist Für den Frieden, der hier noch herrscht; Das Licht, von Kinderlachen durchzuckt, über Dem ein Sturmhimmel kreist, der das…

ten years gone

Vor 10 Jahren starb Hadayatullah Hübsch, er zählte lange Jahre zu den bekanntesten Figuren des literarischen Lebens in der unabhängigen Literaturszene. Der in Chemnitz geborene Paul-Gerhard „Hadayatullah“ Hübsch gehört zu den schillerndsten Figuren der deutschen Gegenwartsliteratur. Der politische Aktivismus der…

Die Gehörverschaffer

Weiterführend → Lesen Sie auch das Kollegengespräch, das A.J. Weigoni mit Angelika Janz über den Zyklus fern, fern geführt hat. Vertiefend ein Porträt über ihre interdisziplinäre Tätigkeit, sowie einen Essay der Fragmenttexterin. Ebenfalls im KUNO-Archiv: Jan Kuhlbrodt mit einer Annäherung…

Platz haben nehmen anbieten

  Was macht ein Wort aus? Sein Klang, seine Bedeutung, sein Kontext, die individuelle Tradition seiner Verwendung, seine Befragbarkeit und natürlich die Inspirationskraft. Spannend seine Etymologie, die Herkunft wie Entwicklung. In diesem Sinne heißt es, dem Wort Platz einräumen, ihm…

neujahr

  der tag schläft aus die großspurige autobahn ist kleinlaut geworden feiern summen in den köpfen der schläfer der früh erwachten die durch scheiben schauen auf das frühstück warten: rührei mit speck sekt vom flaschengrund der nacht *** Weiterführend →  Über…