Lendenwirbel

 

Gegen Abend fuhr ich nach Chicago – eine eigentümliche, modern und antiquiert zugleich erscheinende Skyscraper-Architektur, gute (teure) Geschäfte, Blumenkästen in den Straßen, weniger pollution als in Manhattan. Strand am Lake Michigan, direkt vor der skyline. Ich ging schwimmen und begann BRAVE NEW WORLD zu lesen. Es wurde dunkel, aber die Hitze des Tages hielt sich, ich hatte längst beschlossen, am Strand zu übernachten. Ich vibrierte von den Eindrücken in der Neuen Welt, die mich umgab, so dass ich keinen Hunger spürte. Huxleys Dystopie mischte mich auf, ich konnte nicht schlafen. Ich lag unter dem Sternenhimmel und dachte über mein Dasein in der Welt nach. Genau über mir das X des Schwans, darüber das Haus der Kassiopeia … und darunter Pegasus. Ich erzählte mir eine Einschlafgeschichte – ich flog hinauf zu den Sternen und bestieg das Ross, nun gehörte ich zur Familie der Sterne. Ich ritt zum Schwan und verwandelte mich in Zeus, und den Schwan verwandelte ich in die Königstochter … Bei dem Ritt durch die dunklen Weiten der Leere hörte ich den anschwellenden Ton der Glut im Auge des Schwans und sah lebende Worte in meinem Inneren, einen tanzenden Stern, den mein Chaos gebar, und ich fühlte mich wohl, mir war, als hätte ich das Glück erfunden in der Begegnung mit dem Licht im Morgengrauen.

Am nächsten Morgen erinnerte ich mich nicht mehr an die Traumstücke, nur an die Höhe des Traums, er bebte noch weiter in der Tiefe meines Körpers, ich fühlte mich hingeschmettert, die Bilder im Kopf wie ein Silberschwindel in verschwommenen Augen: eine Rippe, hinauf in den Himmel geschleudert, schweifte und schwirrte herum wie eine Melodie. Dann löschte der Tag endgültig meine Nacht und fing mich auf.

Ich lief zum See, im Sand lagen tote Fische. Ich ging ein paar Meter weiter ins Wasser und schwamm mich wach. Ich bekam Hunger. Es war noch sehr früh, die Sonne kam im Westen gerade erst über die Häuser. Ich las weiter in meinem Buch. Als die Sonne auf meiner Haut brannte, brach ich auf zu einem der Hotels in der Nähe des Art Institutes, das ich nach dem Frühstück besuchen wollte. Nun regierte der lange unterdrückte Hunger. Für den Weg vom Strand in die South Michigan Avenue brauchte ich keinen Bus. Im Sheraton brachte ich meinen Rucksack an der Rezeption unter und setzte mich auf einen der hohen Hocker an den halbkreisförmigen Tresen, wo das Breakfast serviert wurde. Neben mir saßen korrekt gekleidete Mitarbeiter der umliegenden Banken und Behörden. Ich war unrasiert, aber mich kleidete meine unschlagbare Jugend. Jedenfalls kam ich schnell an die Reihe und wurde freundlich bedient. Ich bestellte Bacon, Spiegelei, sunny side up, Toasts und Ahornsirup … mit einem breiten Pinsel bestrich der Kellner die Toasts mit flüssiger Butter, ich hatte so etwas noch nie gesehen. Eine derartige Frühstückskultur imponierte mir, mir erschien die Fülle und Variationsbreite der Zubereitungen als Ausdruck einer überlegenen Kultur mit imperialen Zügen, die sich auch in der Stadtarchitektur mit ihren monströsen Hochhäusern und breiten Straßen spiegelte.

Im Art Institute konzentrierte ich mich auf die amerikanischen Bilder des 20. Jahrhunderts. Sun in an Empty Room von Edward Hopper werde ich nicht mehr vergessen können. Das Bild korrespondiert mit der erhellten und erhellenden Leere einer Zimmerecke mit einem Ausblick ins Freie auf ein Stück Natur, deren obere Hälfte zwar sichtbar, aber unklar erscheint und deren untere Hälfte im Dunklen liegt. Innen wiederholt sich das als Wechsel von Schatten und Licht. Das Bild betrifft auch mich selbst, es zeigt mein ambivalentes Inneres, mein Leuchten und meine Einsamkeit. Hoppers Zimmer ist so leer wie mein Palast, von dem ich träumte. Immerhin sind die architektonischen Linien klar und fest …

Nach meinem Rundgang durch das Museum kaufte ich mir eine Ansichtskarte von Grant Woods American Gothic, setzte mich auf eine Bank in der Halle, und schrieb an Grandmère. Im Nordgarten des Museums schlug ich meinen Huxley auf und las im Gehen einige Seiten, bis mich eine auffallend schöne ältere Dame ansprach, mit der ich fast zusammenstieß:

„Vorsicht, junger Mann! Fallen Sie mir bloß nicht vor die Füße!“

„Pardon“, stotterte ich.

„Was lesen Sie denn da, dass Sie so in sich selbst verschwinden?“

„Schöne neue Welt“, antwortete ich.

„Und? Wie finden Sie diese Welt?“

„Oh, ich weiß nicht“, stammelte ich, „die Welt in dem Buch ähnelt erschreckend der Welt, in der wir leben.“

„Na“, sagte sie sanft, „so weit sind wir noch nicht.“

„Aber wenn wir so weitermachen …“

„Ach was“, sagte sie, „erfahren Sie erst einmal die ganze Welt, verlieben Sie sich, und Sie werden das Leben lieben lernen!“ Sie lächelte mir sehr freundlich zu, wie verliebt, drehte sich um und ging ihres Weges. Ihr Kleid war tief und breit ausgeschnitten, so tief, dass ihr Rücken fast bis zum letzten Lendenwirbel entblößt war. Ich fand nicht mehr ins Buch zurück, ich starrte auf die helle, im Gehen aus der Hüfte so anmutig bewegte Haut …

 

***

Janusdämmerung, Roman von Ulrich Bergmann, Free Pen Verlag 2021

Ein junger Mann verliert sich – im Rausch seiner Tagträume, in den Büchern und in der Liebe. Sie heißt Stella. Sein Name ist Ich. Sein Vorname Janus – es ist also eine Art Fortsetzung des Romans Doppelhimmel, der bereits im Free Pen Verlag erschien. Der Held scheitert in der Literarisierung des eigenen Lebens, und indem er so das Leben flieht, findet er sich erst in der Nähe des Todes wieder und erkennt: „Ich darf nicht weiter sterben, ich muss neu beginnen.“

Weiterführend →

Es ist eine bildungsbürgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus Kritische Körper,und auch aus der losen Reihe mit dem Titel Splitter, nicht einmal Fragmente aufploppen. – Eine Einführung in Schlangegeschichten von Ulrich Bergmann finden Sie hier. Lesen Sie auf KUNO zu den Arthurgeschichten auch den Essay von Holger Benkel, sowie seinen Essay zum Zyklus Kritische Körper.