Langsame Bewegung

 

Langsame Bewegung. Ich laufe allein durch den Jardin du Luxembourg. Unter einem schwarzblauen Himmel keine Sonne, aber hell leuchten die Wege von weißgelber Erde. Der Garten ist ein übersichtliches Labyrinth, überall wachsen die gleichen Pflanzen aus der Erde. Aus schwarzen Töpfen. Sie begrenzen die Wege. Ich schaue über sie hinweg oder durch sie hindurch in die Weite der nach allen Seiten ins Unendliche sich erstreckenden Anlage. Ich bin allein.

Der Raum glimmt ganz leicht, die Stimmung ist ruhig. Ich höre nichts, auch nicht meine Schritte auf dem festen Boden, auch nicht im Kies der schmalen Seitenwege, die rechtwinklig abzweigen.

Ich spüre Menschen in meiner Nähe, aber ich sehe sie nicht. In der Ferne gehen bunte Leute, die ich ganz nah an mich heranzoome. Dazwischen liegt ein gemauertes Quadrat: das Fundament der Cheopspyramide, das mir bis zur Schulter reicht. Aber ich sehe darüber hinweg, als befände ich mich einige Meter über dem Boden.

Bin ich doppelt? Ich sehe mich von oben, wie ich durch die engen Pflanzenalleen gehe. Die zarten Pflanzen leuchten mit ihrem vollen Grün. Die Blätter sind viel zu groß, aber ich sehe mich da oben nicht, wenn ich unten bin. Ich fühle mich mal oben, mal unten. Ich bin manchmal oben und unten zur gleichen Zeit.

Der fast schwarze Himmel ist weit oben, ich kann durch sein tiefes Blau nicht schauen. Er schwebt, er fällt noch nicht –  die Erde, auf der ich gehe.

Auf einmal stehe ich unter Jungen und Mädchen, die sich zu mir wenden. Ich sage nichts, sie reden mich nicht an. Ich sehe mich gestikulieren, wie immer beim Reden.

Mein ganzes Leben ist die Inszenierung meines Sterbens. Ich stehe voll hinter mir, das macht mich doppelt stark.

 

 

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Gionos Lächeln, ein Fortsetzungsroman von Ulrich Bergmann, KUNO 2022

Vieles bleibt in Gionos Lächeln offen und in der Schwebe, Lücken tun sich auf und Leerstellen, man mag darin einen lyrischen Gestus erkennen. Das Alltägliche wird bei Ulrich Bergmann zum poetischen Ereignis, immer wieder gibt es Passagen, die das Wiederlesen und Nochmallesen lohnen. Poesie ist gerade dann, wenn man sie als Sprache der Wirklichkeit ernst nimmt, kein animistisches, vitalistisches Medium, sondern eine Verlebendigungsmaschine.

Weiterführend →

Eine liebevoll spöttische Einführung zu Gionos Lächeln von Holger Benkel. Er schreib auch zu den Arthurgeschichten von Ulrich Bergmann einen Rezensionsessay. – Eine Einführung in Schlangegeschichten finden Sie hier.