Und die Moral?

 

Grandmère erzählte mir oft die ungeheuerliche Geschichte vom Franz, ihrem Bruder, der als Kind unter starken Depressionen leidend sich als Kopffüßler porträtierte und in den Schädel Blitz und Wolken und Regen zeichnete: Gewitter im Kopf. Dann aß und trank er nichts mehr. Er sehnte sich mit wortlosem Gefühl nach einem Sonnengott, der ihn ins Paradies des Todes führt.

Korssakow. Ich sah im „Rex“ Todd Haynes’ I’m not there. Bob Dylan als Thema. Keine lineare Filmerzählung. Das warf mich um. Ich sah, was ich sah. Was wir linear erzählen, ist ja schon Deutung, einnebelnder Subjektivismus, reinste Metaphysik, fade Beschwörung von Sinn. Wir sind Geschichten, die Geschichten erzählen, sagte Fernando Pessoa. Wir erzählen uns. Kein Sinnzwang, keine Selbstverurteilung, keine konstruierte Identität. Lieber die Hierarchien flach halten, die Zeit verlangsamen. Keine Eroberung anderer Gehirne, sondern das Spiel der Gehirne untereinander. „Und die Moral?“, fragte Stella, „… die Verantwortung des Erzählers?“ „Die Verantwortung des Lesers!“, erwiderte ich.

Am Abend schrieb ich in meine Kladde: „Die Falle der Illusion, das Sein verstückeln wie Brecht: Die Kritik des Bewusstseins will Realität als System begreifen. Das ist Ideologie. Ich habe diese neue Metaphysik, diese Dramaturgie des Zeigefingers satt. Und wenn wir hoffen, wir könnten eine lineare Strategie gegen den Tod entwickeln, so basteln wir nur eine private Religion, die uns einlullt. Alles was wir erzählen ist am Ende nichts anderes als Konfabulation, fiktive Erinnerung, Deutung als Fiktion. Andererseits: Ohne Sinngebung keine Überwindung unserer absurden Existenz.“

 

 

***

Gionos Lächeln, ein Fortsetzungsroman von Ulrich Bergmann, KUNO 2022

Vieles bleibt in Gionos Lächeln offen und in der Schwebe, Lücken tun sich auf und Leerstellen, man mag darin einen lyrischen Gestus erkennen. Das Alltägliche wird bei Ulrich Bergmann zum poetischen Ereignis, immer wieder gibt es Passagen, die das Wiederlesen und Nochmallesen lohnen. Poesie ist gerade dann, wenn man sie als Sprache der Wirklichkeit ernst nimmt, kein animistisches, vitalistisches Medium, sondern eine Verlebendigungsmaschine.

Weiterführend →

Eine liebevoll spöttische Einführung zu Gionos Lächeln von Holger Benkel. Er schreib auch zu den Arthurgeschichten von Ulrich Bergmann einen Rezensionsessay. – Eine Einführung in Schlangegeschichten finden Sie hier.

Post navigation