Autor: Ulrich Bergmann

Lieber Hölder

Der Brief des elfjährigen Henry Gontard an seinen Lehrer Hölderlin: Lieber Hölder! Ich halte es fast nicht aus, daß Du fort bist. Ich war heute bei Herrn Hegel, dieser sagte, Du hättest es schon lange im Sinn gehabt, als ich…

Eskapismus – Verwandlung der Welt

Eskapismus in die Hermetik der Kunst ist eine Flucht nach vorn – auf der Suche nach der verlorenen Sprache will der Künstler die Welt begreifen … Ein Lyriker kann nur so schreiben, wie er verfasst ist. Wenn seine Situation sich…

Nabelwärts

fast als Parodie zu singen   Ich fand mich nabelwärts in Räuschen, du trankst mich aus, verlegtest mein Gehirn, ich war entbrillt und hatte nur die Stirn, mit stummen Worten Liebe vorzutäuschen.   Potenten Wahns uns taumelnd zu entkeuschen zerfloss…

GRAND CANYON LETTER

Bright Angel Creek, 16.September 1970   Der Entschluß, drei Tage länger im Grand Canyon zu bleiben, fiel mir nicht schwer. Ich bin weiß Gott kein Naturanbeter, vermag al­so nicht allzulange andächtig vor einem der vielen Altäre des Erdschöpfers – wer…

Höchste Lust

Rudnikow, der Seelenwanderer, nahm den weiten Weg nach Moskau auf sich, um endlich die Oper zu hören, die den Westen als Abendland definiert: Tristan. Auf einer Bühne unaufführbar, dachte Rudnikow, als der Zug Moskau erreichte und im Kasaner Bahnhof einlief.…

Lesen ist Schreiben

Ich schreibe mich und lese mich, lese mich und schreibe mich, es ist ein und dasselbe. An die Stelle der Seiten treten die Jahre. Das Ende kenne ich nicht. Ich bin das Gedicht, das sich schreibt. Ich schreibe, ich lese,…

Treibhaus unterm Himmel

 Zum 160. Geburtstag betrachtet Ulrich Bergmann die kritische Regionalistin Clara Viebig Die Erzählung „Maria und Josef“, 1899 entstanden, ist ein eindringliches Stück Literatur, eine dramatische Kurznovelle mit einer unerhörten Begebenheit: Josef erschlägt seine ältere Schwester Maria, weil sie seiner Verheiratung…

Die schöne Polin – Die Tolle

Die drei Wochen bis zu meinem nächsten Besuch im Salon der schönen Polin wurden eine lange Eiszeit, deren Ende ich entgegenfieberte. Es war, als wollte mich die Zeit auf die Folter spannen. Täglich prüfte ich im Spiegel das Wachstum meiner…

Die schöne Polin – Kopfwäsche

Ich lag fast flach im Waschstuhl mit wachsender Erwartung. Die Polin griff in mein Haar und kraulte es durch. „Sie waren doch erst vor drei Wochen bei mir“, sagte sie. „Da sehen Sie“, hauchte ich durch die Corona-Maske, „was Sie…

Die schöne Polin – Weichselflieder

Endlich öffnete der Friseursalon wieder, der wegen der Corona-Seuche sieben lange Wochen geschlossen war. Endlich sah ich sie wieder: die Frau Meisterin, die schöne Polin. „Kommen Sie“, sagte sie, „setzen Sie sich auf den Waschstuhl!“ Ich setzte mich. Sie zog…

Die schöne Polin – Erlösung

Jüngst traf ich beim Einkauf auf dem Markt meine Friseurin, eine Polin im besten Alter, sie inspizierte mein Haupt, das war ihr Kommentar ohne Worte. Ich: „Wenn Sie Ihren Salon wieder aufmachen, dann machen Sie mir eine Dauerwelle und färben…

Gewinn

Deine warme Haut voll Blut goss sich in meine denkende Hand tanzte sie müd Ich schmolz in die Schenkel bis Blut mit Blut sprach Tanz mit Tanz spielte Haut mit Haut lachte Ich habe den Verstand verloren *** Weiterführend →…

Liebesmeer

Du siehst in Duhnen weit übers Watt aufm Deich überm Strand aufm Deich und wirst vom Schauen, vom Schauen nicht satt aufm Deich überm Strand aufm Deich Nur Schlick sieht dein Auge im Watt von Duhnen vorm Strand unterm Deich…

Meine Musik

Ich lebte nach dem Zweiten Weltkrieg mit meinen Großeltern und meiner Mutter (mein Vater kehrte erst 1954 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück) in zwei großen, miteinander verbundenen Wohnungen in Halle an der Saale. Ich hörte bei meiner Mutter den Larifari-Rundfunk, der…

Vom Überbau der Freiheit

„Seht ihr nicht, wie ihr einander zerfleischt in Unbedachtheit eures Sinnes?“, fragt der historisch verbürgte Empedokles in seiner Fragmentsammlung katharmoi, den sogenannten Sühneliedern, und Hölderlin greift diese fragende Figur auf und macht aus Empedokles den „Denker des anderen Anfangs“ (Martin…

Die Uhr

Eines Abends – in der Zeit der Dämmerung, wenn die Autofahrer das Scheinwerferlicht einschalten – geschah das Schreckliche, das Mama Louise immer befürchtet hatte. Carl kam nach einem Vortrag über die Bundesrepublik als Rechtsnachfolger des Deutschen Reichs mit der Straßenbahn…

Jahre

Und Jahre gehen und kehren immer wieder und blühen auf vor unsren Augen – doch jedes Jahr wird müder. Und immerwährend dieses Wiederholen und Neuvergießen und Schöpfen der Jahre – in vielen ungezählten hohlen Stunden sehen wir sie wieder: die…

Der Abend

Es liegt schon in den Zweigen der Schnee so weiß und kalt. Die Sonne will sich neigen, und dunkler wird’s im Wald. Nun lenken die Feen den Sonnenuntergang. Sanfte Winde wehen. Der Tag ist nicht mehr lang. Wo sich die…

Die Lyrikerin Ines Hagemeyer

Ines Hagemeyers ist in der Hauptsache Lyrikerin. Sie veröffentlichte im Dichtungsring nur selten andere Texte, etwa eine Rezension oder ein persönliches Statement zur Zukunft unserer Zeitschrift. Der Dichtungsring ist für sie eine wichtige Sache, sowohl die Autorengruppe als auch die…

EX ORIENTE LUX

Gedanken zu Thomas Manns Roman „Joseph und seine Brüder“- Ein immer noch aktuelles Manifest für Mündigkeit, Vernunft und Freiheit Ein großer Roman! Schon der Umfang verrät es – vier Romane in einem: Die Geschichten Jaakobs / Der junge Joseph /…

Tina

(dpa) Ein Arzt in Pankow wurde gestern von einem Schwurgericht zu sechs Jahren Haft verurteilt. Der Mann hatte dem neunjährigen Sohn einen Nagel in den Handrücken geschlagen. Die Mutter, die regelmäßig dabei zusah, wie ihr Ehemann die sechzehnjährige Tochter vergewaltigte,…

Herzblut

M. filmte die Tötung mit einer auf einem Stativ montierten Videokamera. Die Aufzeichnung zeigt, wie er die Halsschlagader aufschlitzte. Das Blut spritzte im Strahl heraus. Der Puls stand in die Luft geschrieben. Als wollte der Körper Nein sagen, als die…

Amba Mata

Die Sonne überschritt den südlichsten Punkt ihrer Himmelsbahn, und an diesem Tag begann der astronomische Winter und der Nachthimmel wurde regiert von Saturn, dem Planeten der Ringe, der kurz vor Mitternacht im Gegenschein der Sonne stand. Jani schloss die Augen.…

Striptease

Die Masten schwankten, als der schwere Wind gegen die Zeltwände stürmte. Die Zuschauer auf den kreisrunden Rängen starrten in das riesige Maul eines Hais. Die Zähne schimmerten weiß und rot im Blinklicht. Die Arena war schwarz. Im Herzen des Hais…

Blindes Urteil

Die maltesische Eisläuferin Maria Cassata, die wegen ihrer hohen Sprünge und schnellen Drehungen auf dem Eis vom Publikum gefeiert, von der Jury aber stets gefürchtet war, weil keiner hinter das Geheimnis ihrer Kunst kam – während ihres Fluges über dem…

Eiszeit

Die Kölner Haie, die von ihren Fans manchmal auch liebevoll Eismörder genannt werden, weil sie in ihren Kampfspielen regelmäßig ein gutes Dutzend Pucks zerhauen – so hart schlagen die dick verpackten Raubtiere zu – trafen eines Tages in einem eiskalten…

Das Manifest

An einem 9. November in den letzten Jahren der deutschen Republik verschlang Kautsky, der die Welt besser verstehen wollte, als sie war, ein immer schon erträumtes Buch, das ihm, weil sich der Tag mit langen Gedanken hinzog, so schwer im…

Der letzte Weg

Der griechische Gewichtheber Kounellis, der vor der gesamten Weltelite der Kraftdisziplinen bei dem leichtfertigen Versuch, den Diskuswerfer, eine antike Bronzestatue im Museo Nazionale Napoli, vom Marmorsockel zu stoßen und zum Ruhme des Sports über sein Haupt zu reißen, starb, weil…

Im Tunnel

Der Zug aus Paris surrte mit irrem Tempo über die singenden Gleise auf den Tunnel zu, der die Kontinente tief unter dem Wasser des Meeres verband, da ging plötzlich der Mond auf, der an diesem Tag ins Metall der Schienen…

Terres

Verblutung. Wer an das Göttliche glaubt, glaubt doch nur an sich selbst, sagt Terres, der Orgler, der Glasperlenspieler und Komponist des Selbstgesangs. Im Herbst war die neue Orgel fertig, gebaut nach seinen Plänen. Eine Orgel ist eigentlich nie groß genug,…

Totes Rennen

„In geschnittenen Blumen lebt die Natur aus der Kunst. Man kann fast dasselbe über Gesichter sagen“, sagte Bellini, der Rennfahrer, als er vor dem Grand Prix in Monza der Tänzerin Dora de la Rosa, die er über alles liebte, eine…

Ansprache an die Wörter

Für Franca Ricinski   Ihr, keine Bräute, sondern Nutten und Engel, die ich mit Haut und Haar bezahle, mit meinem aufs Ganze gegangenen Leben. Mit den Fingern klopfe ich euch ab, Zeichen für Zeichen, bis ich euch spüre und lebendig…

Frühlingsdämmerung

Im Morgenschlaf halb unbewusst halb wach hör ich von überall der Vögel Zwitschern nach tiefer Nacht als Sturm den Regen peitschte Wieviele Blüten fielen weiß ich nicht Auf Reime habe ich in der Übersetzung der „Frühlingsdämmerung“ von Meng Haoran verzichtet,…

Runner’s World

Boom, der letzte Philosoph unter den Langstreckenläufern („Training ist nichts anderes als die Fortsetzung des Dopings mit anderen Mitteln“), der sein Training, als er seinen Altersstil erreichte, selbst in die Hand nahm, was in den Augen der Fachwelt nicht nur…

Touch Down

Einem der gefürchtetsten Quarterbacks der Yellow Tigers unterlief, als sein Team unter allen Umständen den Sieg zum Klassenerhalt benötigte, der eklatante Irrtum, dass er, weil er den Ball in einem Knäuel von sieben Kämpfern vermutete, blindlings mit beiden Armen, Form…

Das letzte Spiel

Kahn, der schnellste Torwart der Welt, sprang im Finale von Yokohama, als er in der letzten Spielminute einen besonders kalt herausgespielten Schuss des Brasilianers Ronaldo abwehren musste, so heftig in die Blickrichtung des Sturmtänzers (ein Hecht schoss durch die Luft),…

Track ’n Field

Den Athleten, die in die letzte Runde des Zehntausendmeterlaufs eingeläutet wurden, blieb, als ein Streckenwärter in der Zielgeraden plötzlich den Feuerlöscher auf die an der Spitze liegenden Läufer hielt, die Luft weg, die sie dringend brauchten um den Sturmlauf des…

Die Lösung

An einem der letzten Julitage kurz vor den Großen Ferien gingen sie wieder in die Stadt, um die finale Aktion zu realisieren, STOP THIEF! Sie filmten mit drei Videokameras. Den Zusammenschnitt wollte Julian, ein Freund Isabels, der an der Filmhochschule…

Tour de Trance

Es begab sich in dem Jahr, als zum ersten Mal eine Etappe der Tour de France zu Ehren der Statue of Liberty, die Frankreich vor 125 Jahren den Vereinigten Staaten von Amerika schenkte, durch New York gefahren wurde. Der lebenslustigen…

Gingko

Die Stille, die eintrat, als die Sumoringer zum letzten Kampf in der Kokugi-Halle erschienen, fror jede Bewegung ein – das Licht der Scheinwerfer strahlte auf einmal noch greller und schimmernder, auf den vier großen Bildschirmen, auf denen der Kampf aller…

Homerun

Die outfielders trauten ihren Augen nicht, als sie sahen, wie der batter mit rollenden Augen den Ball, den der pitcher auf ihn warf, bannte, indem er den schweren Schläger wie einen rasenden Propellerflügel auf den Ball drosch, der genau in…

Bumerang

Das einzige Tor fiel in der letzten Sekunde. Als der Zauberer noch einmal ins Eis stieg, wurde es totenstill. Die Luft über der weißen Fläche kochte, die Haut der Arena blähte auf, bis der Himmel über den Köpfen platzte. Tausende…

Hang Time

Der Stürmer, der den Ball hatte und ihn bis zu den gegnerischen Verteidigern, die in die Höhe sprangen um den Korbwurf zu verhindern, dribbelte, sprang auf die Füße seines Mitstürmers, der mit hochgestreckten Beinen auf dem Rücken liegend den auf…

Verrannt

Als der Kraftmensch mit dem langen Stab aus Fiberglas auf die Piste lief um über die Latte zu springen, sah die schöne Frau, die es liebte, wenn Männer für sie in die Luft gingen, obwohl sie die Stabilität ihrer Seele…

Hornissen

Ein junger Alligator, den ein von seiner Ehefrau getrennt lebender Mann in eine Holzkiste packte, um ihr per Post das Reptil, mit dem er sie in Anspielung auf ihre Neigung, im heftigen Zank nicht nur mit Worten zu beißen, sondern…

Nike

Der Schwung, der den Körper von innen belebt, löst die engelhafte Gestalt in der Leichtigkeit des Gewandes, das ein leichter Wind zu wirbeln scheint, vom Boden fast, auf dem sie steht. Der weite Stoff spielt mit dem schönen Körper der…

Häutung

Die Pariser Modemacher litten immer schmerzlicher unter der Konkurrenz, mit der sie sich gegenseitig erdrückten. Der Kampf ums Überleben zwang auch die erfolgreichsten Couturiers unter ihnen zu den kühnsten Ideen, denn der Markt der zweiten Haut, der ihnen schon so…

Nachtschaum

Tom wachte auf, ging ins Bad, die Sonne entzündete die weißen Kacheln. Die Wände blendeten den jungen Mann. Ich habe Angst vor dem Unsichtbaren, das mich im Raum bedroht. Ich wache auf, aber nicht richtig, nicht ganz. Ich stehe auf…

Nikotin

23:19 Marc stand mit hängenden Armen vor dem kräftigen Mann und grinste ihn herausfordernd an. „Haste Zigaretten…?“ Der steckte die rechte Hand in die Hosentasche. „Nein.“ Jannis und Luk rückten von links und rechts nah an den Mann ran. „Ich…

Wundprotokolle ∙ Revisited

Die Wundprotokolle sind für mich ein großer Wurf deutscher Dichtung dieser Jahre! Die Sprache fließt leicht und abwechslungsreich, spielt mit den literarischen Gattungen (von der Kurzgeschichte über die Parabel bis zur visuellen Poesie), mit Erzählperspektiven, Bildern und idiomatischen Wendungen derart…

Der eiserne Vorhang

Wenn ich träumte, fiel ich aus dem Zeitlupentempo meines wachen Lebens. In den rasenden Bildern der Nacht überholte ich mich, man kann sagen, am Ende meines Traums stand ich am Ziel und wartete auf mich selbst, und dann sah ich…

Schläuchmaschin

„Drei Tage später drangen spielende Kinder in das Schwimmbad ein und fanden die Schnapsleichen auf dem Betonboden des tiefen Beckens, die Augen ins Blut gerollt. Bei einem der drei Männer steckte das Mundstück der Schläuchmaschin im zerschmetterten Kopf.“ (4. Mai)…

Standing Ovations

Es war ein heißer Sommertag, die Sonne schmolz das letzte Eis zwischen den Gedanken, die Rudnikow hin und her schob. Nach dem Untergang der Sowjetunion war er nach Sankt Petersburg gereist. Leningrad, dachte Rudnikow. Bin ich nun in Leningrad oder…

Tacheles

Am Donnerstag Abend der letzten Woche lief plötzlich eine junge Frau in die Räume der Künstlergruppe Beautiful Factory im dritten Stockwerk der Halbruine Tacheles, schrie: „Ich mache Schluss!“ und zerschnitt Jan West, spoken word artist aus Neukölln, der gerade mit…

Re: Matrix

Frank Steigenberger, Sektierer mitten unter uns, nahm den Film Matrix ganz ernst. Er glaubte, er stecke in der Matrix, versklavt von Computern, die die Weltherrschaft an sich gerissen haben. Frank glaubte, er sei Teil eines Programms. Über seinem Bett hatte…

Mohnasche

Als sich die Blüten des Mohns lösten, rissen die Wolken. Starke atlantische Winde trugen die roten Flügelsterne in die strategische Höhe, schoben sie vor die Sonne und färbten die Luft, die plötzlich zitterte und tropfte. Ein kahler Wald von dünnen…

Über der Mohngrenze

Die Sonne drehte sich langsam. Kautsky überlegte im Kreislauf der Gestirne. Als er das Tagebuch der schönen Schottin las, bekam er Angst. Ich lese diese tote Schrift. Das Herz will mir platzen. Was ist geschehen? Träume ich wirklich? Ich stieg…

Nachtgas

Am Abend eines schweren Sommertages dachte Kautsky, während er im Café Pathos einen Espresso trank, immer wieder an den Fall des Magdeburger Geldverleihers Max Glaser, der allein unter dem Dach eines Hochhauses mitten in der grauen Stadt lebte. Kautsky, der…

Das eherne Zeitalter

– Sterben üben, dachte Kautsky, als er an einem dunkleren Tag seines Alltagslebens das Museum betrat, in dem er die Bilder alle schon auswendig kannte. Kenne ich mich denn so gut wie diese Bilder?, fragte er sich. Ich sehe immer…

Café Pathos

„Hier geht’s runter, Sie werden erwartet“, sagte Ortmann, der Regisseur, zu dem einzigen Zuschauer, der an einem Sommerabend im letzten Jahr des letzten Jahrtausends das Stück eines Schauspielers erleben wollte, das nur für einen einzigen Zuschauer gedacht war. Kautsky hatte…

Poetry Slam

Kautsky stellte sich vor, wie sie kleine Plastikeimer mit Glasscherben austeilten. Die Girls kletterten in den Ring und rissen ihm das Hemd vom nassen Leib. Dann flogen die Scherben durch die Luft. Er brach zusammen. Der Saal zählte ihn aus.…

Kronos IV

Der Raum ist schwarz. Langsam fließt Blau steil hinab, tiefblau, hellblau, zartblau angestrichene Strahlen von Licht. Flirrende Töne fließen mit, sie schwellen an und füllen den Raum so laut, dass die Farben zittern, dann wird es leise. Trommelndes Summen schwingt…

Stangerbad

Es war die erste Nacht nach der Operation. Ich konnte nicht einschlafen. Trotz aller Mattheit war ich aufgeregt und neugierig darauf, wie ich aussehe, wenn alle Wunden verheilt sind. Aber jetzt war alles verbunden, der Kopf, der Hals, die Brust,…

Menschenmehl

Ich betrat die Apotheke, weil mich zwei feine Pulver im Schaufenster neugierig gemacht hatten. Die kleinen Kegel aus fein gemahlener Substanz, auf die Rückseite geöffneter Briefumschläge geschaufelt, schimmerten schwarzrot und elfenbeingrau. An der Stelle des Absenders waren gespreizte Frauenbeine zu…

Das Konzert

Das Konzert begann. Der Dirigent hob den Stab und brach ihn über das Knie, das Orchester stand auf der dünnen Eisdecke eines drei Meter hohen Wasserwürfels in gläsernen Wänden. Die Musiker stellten ihre Gehirne um. Langsam zerlegten die Musiker ihre…

Schorf

Sarah lachte laut in die dünne Luft der sommerlichen Gedanken. Er will keine anderen Götter haben neben sich, denkt er. Sie lachte ihn aus. Ihre Stimme hell vor ihm. Sie stand in einer Gruppe, alle ohne Gesicht. Sie sah Chris…

Ramsch

Am 10. Januar nahmen die Ereignisse ihren Lauf. Chicken hatte das Bootshaus des Rudervereins als Treffpunkt vorgeschlagen. Trick und Scha waren einverstanden. Heute war Freitag, morgen frei, Sonntag frei, bis Montag hatten sie sich bestimmt vom Kampf erholt. Am Montag…

Der Schlingentisch

„Es ist eine eigentümliche Anlage!“, sagte der Cheftherapeut, als wir den fensterlosen Raum betraten. Er schaltete das Licht an.  „Jedenfalls denkt das jeder, wenn er sie zum ersten Mal sieht.“ Er schaute hoch zu dem Tisch, der mit seinen vier…

Lyrische Destillationen

Jahrelang hat sich Holger Benkel mit Tiersymbolik beschäftigt. Dabei spielte, nicht nur anfangs, Brehms Tierleben eine große Rolle. Auf mehreren Hundert Seiten versuchte er, eine Kulturgeschichte der Vögel und Insekten und ihrer Mythen zu schreiben. Später aber gab es Versuche,…

Elektronische Post

Vorbemerkung der Redaktion: Für das Projekt Kollegengespräche hat A.J. Weigoni einen Austausch zwischen Schriftstellern angeregt. Auf KUNO ist diese Reihe wieder aufgelebt. Die Redaktion weist daher gern auf den elektronischen Briefwechsel zwischen Wolfgang Kubin und Ulrich Bergmann hin, den der…

Literarische Zeitdiagnostik zum Werteverfall der Gesellschaft

Vorbemerkung der Redaktion: Für das Projekt Kollegengespräche hat A.J. Weigoni einen Austausch zwischen Schriftstellern angeregt. Auf KUNO ist diese Reihe wieder aufgelebt. Zwei neue Romane sind der Anlass für ein Kollegengespräch von Ulrich Bergmann und A.J. Weigoni. Mannigfach sind die…

Worte aufschichten wie Holzscheite

Über den 1-maligen Dichter Arthur Breinlinger Arthur Breinlinger ist Maler, Dichter und Lehrer. 1943 wurde er in Minden geboren. Der Vater war Offizier. Breinlinger wuchs in Ulm auf. Lebenslang Fan des SSV Ulm, reist er zu den meisten Spielen und,…

Diogenes und Alexander

                                         Granada 5.4.2009   Ich steh in der Abendsonne meines Lebens, sagt Arthur, aber ich spüre kaum ihre Strahlen unter meiner Haut. Mir wird’s immer warm, sage ich, wenn die Sonne scheint. Ja du, sagt Arthur, du frierst nie,…

Drive in

Ich habe es eilig. Ich will pünktlich zu meiner Verabredung kommen. Aber wohin? Ich weiß nicht mehr den Weg. Ich setze mich ins Auto und fahre nach Hause. Hast du vergessen, wo du hin willst? Nein, ich will mich besuchen,…

Durchschnittlich schön

Im Widerspruch zur allgemeinen Meinung sage ich, sagt Arthur, die wahre Schönheit liegt im reinen Durchschnitt. Dann sind also die meisten Leute schön?, sage ich. Wo denkst du hin!, sagt Arthur. Der reine Durchschnitt ist genauso selten wie extreme Hässlichkeit.…

Narrenmode

Manchmal, sagt Arthur, denke ich, ich bin ein Modell für viele. Etwa in Modefragen?, frage ich. Gute Frage!, sagt er. Alle sagen, was ich denke, obwohl ich nie denke, was alle sagen. Das spricht für dich, sage ich. Ich weiß…

Wanderseelen

Ich denke manchmal, sagt Arthur, mit Schrecken, ich wache auf in einem anderen. Vielleicht wachen wir täglich, sage ich, immer woanders auf, wer weiß. Komisch, sagt Arthur, aber jedes Mal, wenn ich so aufwache, treffe ich dich. Du kannst nicht…

Zeitnot

Es geht immer um Minuten, nie um Stunden, sagt Arthur, als wir das Theater verlassen. Wenn es um Stunden ginge, wäre alles schon zu spät – oder zu früh, sagt Arthur. Arthur, ich versteh kein Wort, du redest bestimmt wieder…

Definitionssachen

Arthur, sage ich, wir werden immer schwieriger. Du wirst schwieriger, sagt Arthur, deine Leichtigkeit war das Fundament unserer Freundschaft. Arthur, sage ich, du definierst dich doch nicht über mich! Nein nein, sagt Arthur, ich definier mich schon selbst! Aber damit…

Vollkommen unvollkommen

Die Welt ist unvollkommen, sagt Arthur, Godard sagt, das Leben sei ohnehin nur ein schlecht gemachter Film. Er will das Leben besser konstruieren, wenigstens im Film, sage ich, aber mich interessiert, ob ich mein Leben in meinem Leben besser konstruieren…

Konsequent inkonsequent

Godard, sagt Arthur, hat eine Podiumsdiskussion während der Filmfestspiele in Cannes mit den Worten beendet: Wir streiten hier über die Kunst des Filmschnitts, und draußen läuft die Revolution! Was wollte er damit sagen?, sage ich. Ich glaube, sagt Arthur, die…

Gefragte Antworten

Ist der Text umgekippt , sagt Arthur, oder liegt der Himmel am Boden, beschreibe ich mein Bild, oder beschreibt das Bild mich, bin ich aus dem Bild gefallen, oder ausgebrochen in die Freiheit der Leere, oder ist das Bild aus…

Kleine Wende

Früher war die Zeit weit und der Raum eng, sagt Arthur, heute ist es umgekehrt. Das ändert auch die Irrtümer und Illusionen. Also gehen die Irrtümer jetzt weiter, sage ich, und die Illusionen werden enger. Nein, sagt Arthur, da die…

Freier Fall

Das Leben, sage ich, ist eine dunkle Kammer mit zwei Türen. Ein Zimmer hat eine Tür und ein Fenster, sagt Arthur, zur Tür kam ich rein, zum Fenster hinaus geht mein Blick. Kannst du, sage ich, die Schwärze deiner Aussicht…

Vita omnis mortis hora

  Arthur liest die Zeitung gern. Melancholie ist täglich Ziel und Ausgang seiner Sucht nach schweren Katastrophen, die ihn trösten, wenn er unter Schmerzen seiner Seele neues Leben findet. Sein Lebensthema ist der Tod, in allen Varianten liest er, was…

Arthuresk

Du siehst alles zu arthuristisch, sage ich. Das liegt an meiner Arthurität, sagt Arthur, aber arthuretisch hast du Recht. Arthur, ist das nicht arthuriotisch?, sage ich. Arthürlich!, sagt Arthur.   *** Arthurgeschichten von Ulrich Bergmann. KUNO 2018. Als intensiver Beobachter verfügt…

Das Original und die Fälschung

  Das Original ist eine reine Fiktion, sagt Arthur, im Grunde sind wir alle nur Kopien. Es ist doch kein Mensch wie der andere, sage ich, jeder von uns ist ein Unikat. Das glauben wir, sagt Arthur. Wir sind nur…

Heißkalt

In seinem Kastell verbarg ein katalanischer Maler seine Heizung hinter einer Art Geheimtür, auf der eben diese Heizung gemalt war – eine schöne Idee, finde ich, die Wirklichkeit zu überhöhen, sagt Arthur. Wieso? Heizt das Bild besser als die Wirklichkeit?,…