Blog Archiv

Kriegsgefangene

1. September 2018
Von
Kriegsgefangene

Ein verschwommenes Erinnerungsbild: Wir gehen hinaus zum Turnsaal, der am Rande des Ortes steht. Dort sollen russische Kriegsgefangene sein; ob für länger oder nur kurz als in einem Übergangsquartier untergebracht, wissen wir nicht. Tatsächlich sind viele Männer, sehr schlecht gekleidet und unterernährt in der Turnhalle; viel zu viele für den nicht allzu großen Raum....

weiter »

Der erste Neger

8. Mai 2018
Von

Ich habe den ersten Neger gesehen. Ein Soldat der US-Army. Er saß auf einem Panzer oder auf einem LKW oder in einem Jeep; so genau weiß ich das nicht mehr. Er war sehr groß und saß sehr lässig da; wie ein Freizeitneger. Ich stand vor ihm und schaute ihn mit großen Augen ständig an,...

weiter »

Der Koffer meines Vaters

1. April 2018
Von
Der Koffer meines Vaters

  Seit 36 Jahren steht der Koffer meines Vaters nun schon ungeöffnet in meinem Keller. Jetzt, da ich schon fast genauso alt bin wie er, als er damals fortging mit seinem kleinen Koffer ins Spital, werde ich diesen alten Koffer öffnen, weil ich wissen will, was ich mitnehmen soll ins Spital, wenn es ans...

weiter »

Die Panzerfäuste

9. Februar 2018
Von
Die Panzerfäuste

Ein anderes Bild, das mich schon mein ganzes Leben lang, seit meiner frühen Kindheit begleitet, sehe ich wieder einmal vor mir: Ich sitze am Fenster oder knie auf dem Fensterbrett in der Wohnung der Eltern meines späteren Schulfreundes, dem Zinsmeister Rudi, und schaue vom letzten Stock des Tante Paula-Hauses hinunter auf den Platz vor...

weiter »

Der Vernaderer

15. September 2017
Von
Der Vernaderer

Fast an jedem Abend, nach Einbruch der Dunkelheit, manchmal auch mitten in der Nacht, ging er, vor allem im Hochsommer, wenn der Tag sehr heiß gewesen war, und man nachts zur Kühlung beim Schlafen die Fenster geöffnet hatte, auf der Sonnenseite des Marktes spazieren. Er tat jedenfalls so, als würde er nur spazieren gehen,...

weiter »

Der Erdäpfelkeller

6. August 2017
Von
Der Erdäpfelkeller

Wir sitzen im Erdäpfelkeller. Der heißt so, weil darin der Jahresbedarf an Erdäpfeln, jetzt Kartoffeln genannt, aufbewahrt werden, von der einen Erntezeit bis zur nächsten; mindestens zweihundert bis dreihundert Kilo Erdäpfel liegen da in einem Verschlag, in dem man an der Vorderseite Bretter hineinschieben kann, je nachdem, wie hoch der Erdäpfelstoß ist. Und die...

weiter »

Begegnungen mit Ibrahim Rugova

2. Dezember 2016
Von
Begegnungen mit Ibrahim Rugova

Wenn ich an Ibrahim Rugova denke, so sehe ich ihn vor mir als einen schmächtigen Mann, der stets etwas gebeugt ging und fast zerbrechlich wirkte; immer mit seinem Markenzeichen: einem Schaltuch, um seinen Hals gewunden; und mit der unvermeidlichen Zigarette in der Hand. Stets wirkte er wie in seine Gedanken versunken. Wenn er kurz...

weiter »

Der alte Herr

27. November 2016
Von
Der alte Herr

Ich erinnere mich: Die großen, dunklen Augen mit dem manchmal wie verloren wirkenden Blick in eine weite Ferne; das schneeweiße, stets korrekt fassonierte und frisierte Haar, füllig, in langen, leichten Wellen zurückgekämmt. Immer in Anzug und Krawatte und frischem Hemd; blank geputzte Schuhe, sorgfältig gepflegt; leicht vorgebeugte Haltung; fast immer eine Zigarette in der...

weiter »

Heimatlos

30. Oktober 2016
Von
Heimatlos

    bei mir nicht heimat ist du nur bist ausgesetzt in einem fremden land   bei mir nicht heimat ist nur in krachendem geäst da oder dort nichts wie fort   bei mir nicht heimat ist blutleere in deinem gesicht da niemand wahrheit spricht   bei mir nicht heimat ist glutrot leuchtet abendrot...

weiter »

Auslöschung

24. September 2016
Von
Auslöschung

    nicht mehr achten auf die zeit   auf keine stunden auf keine minuten   einfach nur da sein sich spüren atmen   keinen namen mehr tragen kein erkennungszeichen   keine fragen beantworten keine antworten erwarten   sagen ich bin der ich bin wer ich bin weiß ich nicht   auslöschen und verlöschen...

weiter »

Begegnungen und Augenblicke

10. September 2016
Von
Begegnungen und Augenblicke

  Und geht die Welt zu Grund – Ich liebe dich und die Partei und den Gewerkschaftsbund Einer, der nie im Café Sport war, weil er wirklich nirgendwo dazugehörte und kaum mit jemandem sprach, sondern nur trank, war der Kobalek, „der letzte Arbeiterdichter Österreichs“, wie er sich selbst bezeichnete. Er saß an jedem Abend...

weiter »

Tagtraumnotizen

26. August 2016
Von
Tagtraumnotizen

das leben ein traum das träumen im wachsein das träumen im schlaf träumen am tag und bei nacht das aufwachen aus den träumen das hineingleiten in die träume im wachsein oder im schlaf erinnerungsbilder tauchen auf am tag und in der nacht gegenwartsbilder nimmst du wahr machst notizen von wahr-genommenen berichten aus zeitungen aus...

weiter »

Letzte gemeinsame Zeit

7. August 2016
Von
Letzte gemeinsame Zeit

  uferlos sagst du alles uferlos wie mitten im meer die unbestimmtheit des lebens diese ungewißheit denn plötzlich aus heiterem himmel die diagnose da ist keine quadratur des kreises mehr möglich nur annäherungswerte und auch die nicht einmal sag kein wort mehr alles ist nur noch vergeblich schlagartig eine andere unbekannte wirklichkeit auch in...

weiter »

Danksagung

9. Juni 2016
Von
Danksagung

Die Entstehung dieses Buches verdanke ich eigentlich dem Ernst Jandl. Wir sind nach einer Preisverleihung an die Kollegin Elisabeth Reichart, die ich auch schon seit mehr als dreißig Jahren, seit unserer Teilnahme an einer der Rauriser Literaturtage kenne, bei der Feier nachher in einem Gasthaus beim Akademietheater aufeinander getroffen; nicht geplant, sondern absolut zufällig....

weiter »

Auschwitz

27. Januar 2016
Von
Auschwitz

Was soll das sein in der deutschen Kultur, das zu Auschwitz führt? Ich glaube nicht, dass es eine Art Vorausbestimmung für den deutschen Antisemitismus gibt. Ich denke eher, dass diese ganze Nazi-Geschichte ein Zufall war, der nicht hätte kommen müssen, wenn man statt auf Rot auf Schwarz gesetzt hätte. Hitler war nicht notwendig. Er...

weiter »

Auf der Suche nach der europäischen Seele

6. Januar 2016
Von
Auf der Suche nach der europäischen Seele

was ist das was soll das sein die europäische seele wer hat sie gesehen wer hat sie gespürt wer hat sie sich ausgedacht wo ist sie zu finden wie ist sie beschaffen ist sie etwas das ein einzelner hat oder ist sie etwas das allen gemeinsam ist hat sie ein jeder europäer in sich...

weiter »

Versteckenspiel

28. November 2015
Von
Versteckenspiel

Ein Traumfragment das Leben. Der Tod ein Bruchstück Wahrheit   (Aus dem Gedicht ,,Der Befund“)   „Versteckenspiel“ heißt der Titel einer Gedichtsammlung von 57 Gedichten der österreichischen Dichterin Hedwig Katscher, die als Band 23 der Reihe ,,Lyrik aus Österreich“ im Verlag G. Grasl, Baden bei Wien, 1982 von den Exponenten des Literaturkreises Podium, Alois...

weiter »

Gnadenfrist

29. Oktober 2015
Von
Gnadenfrist

  Als Vorwort zum Gedichtband „Gnadenfrist“ von Alfred Gong steht der Ausspruch eines lndianerhäuptlings: „Was ist schon ein Leben? / Ein winziger Schatten nur, der übers Gras huscht / und sich in den Sonnenuntergang verläuft.“ Von dieser poetischen Sentenz gelangt Alfred Gong in und mit seinen Gedichten zu einer konkreten, persönlichkeitsbezogenen Aussage schmerzlicher Gewißheit:...

weiter »

WAS SCHREIBEN – WAS TUN

29. September 2015
Von
WAS SCHREIBEN – WAS TUN

  was schreiben – was tun das ist die frage jetzt und überhaupt nach all dem was geschehen ist inmitten von all dem was geschieht was schreiben – was tun mit der sprache dem wort ohne die sprache ohne das wort nicht immer nur denken so denke ich nicht immer nur reden so sage...

weiter »

Nichts als Worte?

26. September 2015
Von
Nichts als Worte?

Ein Plädoyer für Kleinsprachen Überlegungen zu einem Buch von Iso Camartin ,,Nichts als Worte?“ – so heißt der als Fragesatz provokant formulierte Titel eines Buches des schweizerisch-rätoromanischen Sprachwissenschaftlers Iso Camartin, geboren 1944, den seine Lehr- und Forschungsaufträge bis jetzt auch schon nach Lyon, Regensburg, Harvard, Fribourg, Genf und Zürich geführt haben, der von 1978-80...

weiter »

Begegnungen und Augenblicke

10. September 2015
Von
Begegnungen und Augenblicke

Das erste Gedicht, das ich in meinem Leben vielleicht gehört habe, war der Auszählreim „Eins, zwei, drei – und du bist frei!“ Im Lauf meines bisherigen Lebens – und das gilt auch sicher noch für das mir verbleibende – habe ich mir oft gewünscht, daß dieser Reim als Lebenswahrheit stimmt, aber so einfach war...

weiter »

Lebenslang in der Fremde

28. August 2015
Von
Lebenslang in der Fremde

Seit fünfundzwanzig Jahren lebt die persische Dichterin Nahid Bagheri-Goldschmied in der Fremde, in Österreich, im Exil. Geboren am 22.6.1957 in Teheran als Tochter eines Unternehmers verließ sie nach dem Studium der persischen und arabischen Sprache und der damit verbundenen Literaturwisssenschaften ihr Heimatland. Schon in Persien, im Iran, betätigte sie sich als Schriftstellerin und publizierte,...

weiter »

Minderheitenliteratur in Österreich

2. August 2015
Von
Minderheitenliteratur in Österreich

Verweigerung, Anpassung, Identität – was hat das mit der Sprache überhaupt, mit der Sprache einer Minorität zu tun, in welcher Beziehung stehen hier diese Bereiche zueinander? Wer verweigert? Wer paßt sich an? Wer wird zur Anpassung verleitet, verführt oder gar gezwungen? Verweigerung als Akt des Neinsagens, als willentlich gesetzte Handlung oder Unterlassung. Die Anpassung...

weiter »

SPRACHE UND EXIL

2. Juli 2015
Von

Nach Jahren kam, verstört, ich wieder her; der alten Gassen manche sind nicht mehr, der Ringturm kantig sich zum Himmel stemmt: erst in der Heimat bin ich ewig fremd. Theodor Kramer – Wien, 28.11.1957 Wiedersehen mit der Heimat, GA III/590   Mit diesen Zeilen beschreibt der große österreichische Exildichter Theodor Kramer, dessen Andenken der...

weiter »

Kärntner Partisan

26. Juni 2015
Von
Kärntner Partisan

„Für das Leben, gegen den Tod“ lautet der parolenhafte Bekenntnistitel eines Buches des kärntner-slowenischen Autors und ehemaligen Widerstandskämpfers Lipej Kolenik, in dem er seine sehr persönlichen Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus und seinen Kampf dagegen mit dem Ziel der Befreiung Österreichs vom Faschismus zusammengefaßt hat. Lipej Kolenik wurde 1925 in St. Margarethen bei...

weiter »

Wie entsteht (m)ein Gedicht?

13. Mai 2015
Von

  Zum Phänomen des poetischen Aktes Auf diese Frage gibt es sicher ebenso viele Antworten wie es Dichter, wie es Gedichte gibt. Denn jeder Dichter hat seine eigene Art und Weise, wie er schreibt und auch wie ein Gedicht von ihm entsteht. Dichten ist ein persönlicher, individueller Denk- und Gestaltungsakt, sollte es jedenfalls sein....

weiter »

Jenisch wird nicht mehr gesprochen

7. Mai 2015
Von