Die Außenseiterbande

Eine Erinnerung an die „Dirty Speech“-Bewegung in der BRD, die 1969 mit der Rolf Dieter Brinkmanns „Acid“ zu verorten ist. Es war eine Anthologie amerikanischer Beatliteratur, gesammelt und damit den Versuch eröffnend, auch in der deutschen Dichtung die bürgerliche Moral zu brüskieren, lyrische Formen zu banalisieren, den Alltag zum Thema zu machen und Sex, Brutalität, Perversion als Sujets zu akzeptieren.

Ein Literaturkanon hat seine Funktion – man weiß hinterher, was alles fehlt, versucht Frank Schäfer in seinem Buch Das wilde Lesen eine Korrektur der Erinnerung. Es fehlt dem Autor einiges, weil im Prozess der Kanonbildung der auf Krawall gebürstete, konsequent hedonistische, leicht gelangweilte und triebgesteuerte Lustleser bei der Auswahl kein großes Mitspracherecht hat. Jeder macht irgendwann die Erfahrung, dass einem Lektüren, die sich in die eigene Biografie einmischen, meistens abseits der Institutionen Deutschunterricht oder Proseminar passieren. In spannend erzählten, persönlichen Essays skizziert Frank Schäfer einen bermkenswerten Gegenkanon. In den Hauptrollen: Heino Jaeger, Jörg Fauser, Rolf Dieter Brinkmann, Uli Becker, Bernward Vesper, F. W. Bernstein, Michael Schulte, Jörg Schröder, Ror Wolf, Otto Jägersberg, Helmut Salzinger, Harry Rowohlt, Wolfgang Welt, Silvia Bovenschen, Fanny Müller, Wenzel Storch, Studio Braun und viele mehr. Zu den genannten Autoren und Autorinnen gibt es in unserem Online-Archiv einige Kulturnotizen. Dieses Magazin erhebt nicht den Anspruch fundierter Repräsentativität, es wird weder Reputationsmanagement betrieben, noch findet sich ein konsistenter Gegenkanon, wohl aber ist über all die Jahre der Anspruch erkennen, zumindest punktuell den Blick auf den Reichtum literarischer Welten jenseits des Opportunen, Normierten und Konventionellen zu lenken. Die Redaktion verteilt keinen Noten für historische Einsichten, in Ermangelung eines Schlagworts nennen wir es im Andenken an „Biby“ Wintjes: „Nonkonformistische Literatur“. Die Kulturnotizen haben über 35 Jahre versucht unprätentiös und so offen, anspruchsvoll und doch bescheiden, so akribisch und doch kritisch und ideenreich zu bleiben. Es gehörte zum poetischen Programm, alle Konventionen konsequent zu unterwandern. Oder ggf. zu ergänzen, was hiermit geschieht.

Verbunden in einem lässigen Gleichklang des Denkens.

Obwohl unter den Zeltschrägen einer gemeinsamen Online-Magazins bilden die Künstler auf den Kulturnotizen (KUNO) keine Gruppe. Es gibt keinen gemeinsamen arspoeticagleichen Ansatzpunkt als den, Kunst anders einzuordnen, um schließlich eine Art kritischer Mutation hervorzuzaubern. Eben durch die Unterschiedlichkeit ihrer Arbeiten, durch die Unvereinbarkeit der gezielten Darlegungen und dank dieser Inkompatibilität wird auf KUNO die gegenwärtige Lage der Kultur deutlich.

Das schönste an der hier vorgestellten Kunst ist es, dass sie das Unverstehbare verständlich macht, ohne es erklären zu müssen.

Eines scheint klar, zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist Kunst der Inbegriff des Fragmentarismus, der unsere Zeit ansteckt, dadurch charakterisiert und die typisch fin-de-siècle-belastete Verwirrung und Fassungslosigkeit der Methoden, der existentiellen Werkzeuge hinter sich lässt. Diese Artisten wagen, jeder auf seine Art und Weise, eine Berufung der Methode einzulegen, indem sie eine Berufung der Rhetorik heraufbeschwören. Die alten Fragen der Kultur bleiben erhalten, wie die nach dem Geschlechterverhältnis oder dem schäbigen Rest des Unerklärlichen, das sich der menschlichen Erkenntnis entzieht.

Das Fragment – geheime Kontinuität des Offenen, Ankunft und Präsenz allen Kunsttuns, dessen Angebot zum Unterwegsbleiben. Aller Anfang ist Zeremonie und – Fragment. Sinn ist überall, ein Sog versprengter Verirrungen, kleinste Reaktionen zertrennter Materie, wenn Stoff von sich selbst getrennt wird.

Angelika Janz

Dass moderne Literatur nicht nur im begrenzten Format eines Buches seinen Platz hat, belegen der Multimediakünstler Peter Meilchen, der Sprechsteller A.J. Weigoni oder die visuelle Poetin Angelika Janz und die Multimedia-Artistin Laurie Anderson nachdrücklich. Alle vorgenannten Artisten arbeiten sowohl mehrperspektivisch, als auch interdisziplinär. Ein Ansatz, der bei den germanistischen Fliegenschissdeutern keine große Beachtung findet, weil die Rezeption von Literatur im Gegensatz zu der von bildender Kunst größtenteils im 19. Jahrhundert steckengeblieben ist. Die Literaturtheorie sollte daher im 21. Jahrhundert zu einer dienenden Rolle zurückfinden und endlich ihre Unterwürfigkeit ablegen.

Das Ende der Bescheidenheit

forderte der Schriftsteller Heinrich Böll anlässlich der Gründung des Verbands deutscher Schriftsteller (VS) am 8. Juno 1969.

Das Solidaritätsprinzip beschreibt die Solidarität als grundlegendes Prinzip von Künstlergruppen und Schriftstellervereinigungen. Dies bedeutet, dass ein Artist nicht allein für sich verantwortlich ist, sondern sich die Mitglieder einer definierten Solidargemeinschaft gegenseitig Hilfe und Unterstützung gewähren. Das Solidarprinzip ist die strukturelle Basis des Miteinanders. Im Prinzip ja. Zwischen 1995 und 1999 hat A.J. Weigoni im Rahmen seiner Arbeit für den VS Kollegengespräche mit Schriftstellern aus Belgien, Deutschland, Rumänien, Österreich und der Schweiz geführt. Sie arbeiteten am gleichen „Produkt“, an der deutschen Sprache. Zum 30. Jahrestag  zeigte sich, dass der VS zu einem Senioren–Club geworden ist, zu wirklicher Solidarität nicht fähig, weil er tagein, tagaus von Konkurrenzneid getrieben wird. Den einzelnen Mitgliedern geht es oft genug nur darum, ihre Pfründe abzusichern. Unter diesen Umständen mutet die Zugehörigkeit zu einer Gewerkschaft nahezu schizophren an. Dass man mit jüngeren Kollegen nichts zu tun haben will, versteht sich fast von selbst. Einen so extremen Unwillen wie in Deutschland, Dinge an die nächste Generation weiterzugeben, kennt man aus keinem anderen europäischen Land. Da steckt eine Kälte, eine Aggression dahinter, die  stutzig und traurig macht. Man merkt deutlich, wie eine Generation von „freiberuflichen Beamten“ die Macht nicht aus den Händen geben will. Ihre Gestaltungskraft erschöpft sich darin, durch geschickte Klientelpolitik den eigenen Einfluss zu sichern. Der VS ist inzwischen Teil der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, auch für diese Funktionäre stellt sich die Frage: Wen interessiert es, wenn ein Schriftsteller streikt?

Eine „Solidarität der Solitäre“ erwartet der Schriftsteller Hans-Ulrich Prautzsch von seinen Kollegen.

Porträt V.O. Stomps © Minipressen-Archiv

Eingelöst wurde die Forderung V.O. Stomps, Josef „Biby“ Wintjes und Hadayatullah Hübsch. Rabenpresse war der Name des Verlages, der 1926 von Victor Otto Stomps und Hans Gebser in Berlin zusammen mit der Druckerei Stomps & Gebser. Buch- und Kunstdruckerei – Verlagsanstalt gegründet wurde. Sie bot zu Beginn der Zeit des Nationalsozialismus einen gewissen Freiraum für einige Autoren, die den Machthabern missliebig waren.Im Gegensatz zu den etablierten Großverlagen konzentrierte sich die Rabenpresse auf die kleine Form und produzierte geringe Auflagen in hoher handwerklicher Qualität. Sie wandte sich besonders der Lyrik und Erstlingswerken junger Autoren zu. Stomps experimentierte außerdem gerne mit Schriften und anderen typographischen Elementen, zum Beispiel mit ungewöhnlichen Papiersorten.

Die finanzielle Situation der Rabenpresse war stets prekär, selbst nach der sehr erfolgreichen Veröffentlichung im Jahre 1934 der Briefe an R. M. Rilke von Lisa Heise, deren Erstauflage von eintausend Exemplaren bereits weit über den für die Rabenpresse normalen drei- bis fünfhundert lag. Im Mai 1937 musste Stomps auf Druck der Nationalsozialisten und aus finanziellen Gründen den Verlag verkaufen. Bis zu diesem Zeitpunkt waren in der Rabenpresse 112 Bücher erschienen. Der Verlag wurde bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges von Ernst Winkler weitergeführt. Diese Bücher haben dann nicht mehr das eckige Rabenpressensignet, sondern ein kursives R in einem Kreis. Victor Otto Stomps stellte bis 1943 noch Privatdrucke her, wie zum Beispiel zwei kleine Veröffentlichungen von Oskar Loerke 1938 und 1939.

Der nonkonformistische Geist der Rabenpresse wurde von Josef „Biby“ Wintjes in die BRD transferiert

Josef „Biby“ Wintjes, Photo: Bruno Runzheimer

Die Urzelle der Nonkonformistischen Literatur in der BRD ist das INFO. Noch als Angestellter in der EDV-Abteilung der Firma Krupp gründete er 1969 in Bottrop das „Literarische Informationszentrum“ (ursprünglich: Nonkonformistisches Literarisches Informationszentrum), das er – überwiegend als Einmannbetrieb, zeitweise unterstützt von seiner jeweiligen Ehefrau – bis zu seinem Lebensende führte. Das Literarische Informationszentrum funktionierte als Versand- und Vertriebsstelle für Zeitschriften und Bücher aus der Nonkonformistischen Literatur. 1974 kündigte Wintjes seine Stellung bei Krupp und machte das Literarische Informationszentrum sowie die Herausgabe seiner Zeitschriften zu seiner „Fulltime-Aufgabe“. Von 1969 bis 1990 gab er erst monatlich, die längste Zeit dann jedoch zweimonatlich, die Zeitschrift Ulcus Molle Info heraus, die sich als Mitteilungsblatt und Diskussionsforum der literarischen, spirituellen und politischen Gegenkulturszene verstand. Ab 1987 legte Wintjes zudem die ebenfalls zweimonatlich (später vierteljährlich) erscheinende Zeitschrift Impressum vor, die sich in erster Linie der Förderung von Nachwuchsautoren verschrieben hatte und nach seinem Tod von Bruno Runzheimer und Monika Laakes bis Ende 1999 weitergeführt wurde. Daneben stemmte Wintjes auch noch die Herausgabe verschiedener Buchanthologien zur Underground- und Alternativpresse der 1970er Jahre (Szene-Reader 1972 ff.). In der Literaturszene der 1970er und 1980er Jahre galt er vielen als Integrationsfigur, bildete Wintjes mit seinem Versanddienst eine wichtige Anlaufstelle für ihre Angebote und Nachfragen. Sein umfangreicher Nachlass an der Nonkonformistischer Literatur aus dieser Zeit wird im Archiv für Alternativkultur an der Humboldt-Universität zu Berlin verwahrt.

Der Urvater des Social-Beat

Hadayatullah Hübsch. Photo: Masroor-ahmad

Paul-Gerhard Hübsch war er als Mitglied im Hessischen Ausschuss des Ostermarschs politisch aktiv und leitete Ostermarsch-Gruppen sowie Anti-Vietnamkrieg-Demonstrationen. Hübsch verweigerte den Kriegsdienst und war während der Studentenunruhen der APO in der linken Szene aktiv, unter anderem in der Kommune I, und machte in dieser Zeit zahlreiche Drogenerfahrungen, vor allem mit LSD.

Um 1970 erschienen noch unter dem Namen Paul-Gerhard Hübsch mehrere Gedichtbände bei Luchterhand, im Maro Verlag und in der Verlagsedition Dittmer. Acht Jahre war Hübsch für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung tätig, die auch seine Gedichte veröffentlichte, bis er 1979 nach seiner Konversion zum Ahmadiyya-Islam eine bekannt gewordene Kündigung bekam, in der es zur Begründung heißt, Hübsch sei „eine außergewöhnliche, jeglichen bürgerlichen Rahmen des Abendlands sprengende Erscheinung“. Er war Mitbegründer des linksalternativen Club Voltaire in Frankfurt und eröffnete im Mai 1968 den „Heidi loves you shop“ in Frankfurt-Bockenheim, einen Headshop für die Hippie-Szene, der allerdings nach wenigen Monaten von den Behörden wieder geschlossen wurde.

Seine Lebenserinnerungen erschienen 1991 unter dem Titel Keine Zeit für Trips. 1998 veröffentlichte er eine Zusammenfassung seines Lebens unter dem Titel „Alles war Geheimnis“ in der Anthologie Bye-bye ’68 des neurechten Anti-Antifa- und Junge Freiheit-Stammautors Claus Wolfschlag. Er arbeitete zuletzt an seinem Buch Der muslimische Witz.

Es hat wahrscheinlich keine Jugendbewegung gegeben, die ihre Leidensarroganz besser zu Schau gestellt hat

Ní Gudix, weniger Social, mehr Beat

„Literatur und Subkultur – nur ein Zeitgefühl?“ Der Social Beat ist eine Literatur der Selbstprotokollanten: die Grenzen zwischen Ich-Erzähler und Autor, zwischen Fiktion und Realität verschwimmt, man kann sie als ‚Bekenntnis‘-Literatur bezeichnen. Wie jede Jugendbewegung seit den Wandervögeln im 19. Jahrhundert sind diese Typen (zumeist junge weiße Männer) auf der Sinnsuche eines modernen „Geworfenen“. Betrachtet man die Geschichte der Jugendbewegungen, so folgten den Riots in den englischen Vorstädten, in Hamburg bei Rock-’n‘-Roll-Konzerten von Bill Haley, die „Schwabinger Krawalle“ Anfang der sogenannten Sixties, vor Paris oder anderswo, Tumulte im Zürich der achtziger Jahre – Empörung nicht nach dem Schema Rassismus/Ausgrenzung/Diskriminierung, sondern mit der Lust am eigenen Irresein, an der Noch-nicht-Eingepasstheit der Erwachsenen mit der Ungewissheit an der eigenen Perspektive, dies gerade im Ländle. Diese Jungmänner erzählen gern breit von ihren Schwächen und Süchten, meist in Verbindung mit Alkohol. Wenn Frauen bekennen, geht es dagegen meist um Sex. Von daher mag man es bedauern, daß der Social Beat sowenig Autorinnen hervorgebracht hat.

Social Beat SLAM!poetry 1 wird als „Rote Bibel“ des Social Beat bezeichnet

 Das kleine Rote Buch von Mao Tsetung, war in den 1960ger Jahren als Rote Bibel geläufig. Dieses Buch eines Diktators stellt ein Referenzwerk für die literarische Strömung des Social Beat dar. Das von Michael Schönauer herausgegebene Social Beat SLAM!poetry 1 versteht sich als eine szene-relevante Recherche mit Beiträgen von 74 Autoren und Autorinnen. Man kann im Ländle den Hunger nach künstlerischem Aufbegehren und Innovation ahnen. Sich schreibend mit der eigenen Biografie auseinanderzusetzen, hat für diese Autoren etwas Eitles. Diese Jungmänner formulieren ein Bedürfnis nach Abgrenzung, Rebellion und dem Wunsch Teil einer Bewegung sein, wie die Tocos formulierte. Zu lesen ist ein Konformismus der Resignation, eine lähmende linke Melancholie-Routine, die Autoren des Social Beat formulierten Hilflosigkeit und Tristesse. Die Anzahl der sprachlichen Mittel ist beschränkt. Fast ausschließlich die rhetorischen Figuren der Wiederholung scheinen es den Autoren, (oder sollte man besser vom Textproduzenten sprechen?), angetan zu haben und sie wiederholen sich stetig. Diese Off-Szene wagte den Bruch mit den Bräuchen ohne über die literarischen Möglichkeiten zu verfügen eine neue Tradition zu begründen.

Das Gossenheft ist eine neue Richtung in der Literatur.

Dr. Ulrich Janetzki / LCB, Berlin

In der Post-Moderne kann alles zu Trash werden, aber nicht ALLES wird in der Pop-Moderne zum Trash. Vor 25 Jahren erschien im Krash-Verlag das erste Gossenheft mit dem Titel Jaguar, der Verlag aus der Domstadt griff damit auf eine Tradition zurück. Die ersten Groschenhefte erschienen um 1920 in den USA, das bekannteste hieß Black Mask, herausgegeben vom Journalisten H. L. Mencken und dem Kritiker George Jean Nathan. In diesem Schundheft publizierten In diesem Schundheft publizierten Dashiell Hammett, Raymond Chandler, Cornell Woolrich u.a. ihre ersten Short-Storys. A.J. Weigoni regte den Verleger Dietmar Pokoyski 1989 dazu an, das von ihm entwickelte Konzept Gossenhefte ins Programm aufzunehmen. Die BRD-typische Teilung in seriöse und triviale Literatur reizte sie dazu, sich mit dieser Borderline-Prosa elegant und mit einem ironischen Augenzwinkern zwischen diese Stühle zu setzen. Die Gossenhefte sind Puzzlestücke einer Pathologie des schlechten Geschmacks. Hier wurde der Beat der Gosse mit theoriegesättigter Intellektualität remixed.

Weigoni gelang es eine popkulturelle Leerstelle zu füllen.

Jo Weiß

Der Gossenroman von dem die Kritiker träumen

Die KRASH-Autoren wendeten sich gegen die professionelle Routine staatlich subventionierter Kulturproduktion, sie verwendeten die „schmutzigen Worte“ und sie sprachen auch aus, was anständige Kulturmenschen eigentlich nicht sagen durften, aber heimlich sagen wollten. Und gleichzeitig sind diese Autoren intellektuell reflektiert, daher hat diese Literatur eine katalysierende Funktion: die aufgestaute, unterdrückte Wut entlädt sich in diesen Gossenheften. Eine der Aufgaben dieser Reihe ist es, die Gesellschaft zu kommentieren und zu bewerten, um, salopp gesagt, im Dienste der Kanonisierung wie Dekanonisierung die Spreu vom Weizen zu trennen. Das Interessante an dieser Literatur ist es, Dinge zusammenzubringen, die nicht zusammengehören, weil so eine Unordnung entsteht, ein „Unschärfeflimmern“. Diese Gossenliteratur ist eine Realitätskonstruktion aus disparatesten Stoffen, ein Synkretismus trivialer Weltanschauungsliteratur und ein Konglomerat aus selektiv vermittelten, vielfach simplifizierten und in der Regel uminterpretierten allgemeinen Wissensbeständen. Eine überkommene Literatur, korrespondiert mit der heruntergekommenen Sprache, die Gegenstand dieser Gossenhefte ist. Diese Autoren verspotteten das Bedeutungspathos der Hochkultur, haben jedoch immer eine Referenz parat. Zu ihrem Kunstbegriff gehört, das reibungslose Funktionieren zu stören. Dies ist eine eine neue Form von Literatur: dunkler, künstlerischer, mit komplizierteren Plots und einem bessern Gespür für Realismus. Aus trivialen Versatzstücken eine anschlussfähige Kunstmythologie entwickelt. Er sind ein konsequent eigensinnige Autoren, der sich fern jeder Klischees völlig autonom mit dem Material beschäftigten und der trotzdem die seltene Fähigkeit besitzen, feinfühlig in Zusammenhängen arbeiten zu können. Unterscheidungen zwischen Literatur und Trivialtext wirken anachronistisch, die von Weigoni angeregte Reihe geht von einem erweiterten Literaturbegriff aus.

Die Ausgangsfrage lautet „Label“ oder „available“?

Cover: Georg von der Gathen

Seit der Gründung des Labors stand das transmediale Erzählen im Vordergrund der künstlerischen Spekulationen. Im multimedialen Bienenstock lanciert die Edition Das Labor auf der Plattform vordenker.de mit MetaPhon eine Reihe, in der Facetten der multimedialen Kunst und des Hörbuchs zugänglich gemacht werden, die nach den herkömmlichen Marktgesetzen unerschlossen bleiben. Der Markt wird entmystifiziert. Das aufgeklärte Publikum erwartet Künstler, Wissenschaftler, Akteure, die den Vorhang aufreißen, um in anderen Formen zu erzählen. Die Kunstakademie hatte sich in den 1970er Jahren als installativer Diskursraum auf die Ratingerstraße ausgedehnt. Als künstlerische Grenzgänger betrieben A. J. Weigoni und Frank Michaelis  mit der Literatur, in einem hocharbeitsteiligem Virtuosentum mit den Schauspielern Marion Haberstroh und Kai Mönnich, eine multimediale Hörspielerei zwischen Performance, Theater und Lesung, und setzen Elemente der Minimalmusik ebenso ein, wie die des Jazz. Diese Arbeiten von widersetzten sich jedweder Vorstellung von einem „ordentlichen Werk. Es ging bei dieser Zusammenarbeit um eine Synthese, die Alchemie des Zusammenbringens, die Erweiterung der Vorstellung, was mit Literatur, Musik und Kunst möglich ist.

Tom Täger und A.J. Weigoni kommt das Verdienst zu, die Lyrik nach 400 Jahren babylonischer Gefangenschaft aus dem Buch befreit zu haben.

lyrikwelt.de

Als Tom Täger 1989 im Tonstudio an der Ruhr Helge Schneiders erste Schallplatte Seine größten Erfolge produzierte, hat man ihn für verrückt gehalten. Als A.J. Weigoni 1991 seine LiteraturClips auf CD (der Claim für Klangbücher war noch nicht abgesteckt) realisierte, hat man ihn für verrückt gehalten. 1995 begann ihre Zusammenarbeit, die mit dem Hörbuch Gedichte einen sinnfälligen crossmedialen Zirkelschluß findet, zu dem Täger als Hörspielkomponist mit Señora Nada eine Musik der befreiten Melodien zelebiert oder bei dem zweiten Monodram Unbehaust eine Klang-Collage aus Papiergeräuschen anfertigt. Weigoni schält die Klänge aus den Wörtern, er bewegt sich auf Gedichte in der Intermedialität von Musik und Dichtung und sucht mit atmosphärischem Verständnis die auditive Poesie im ältesten Literaturclip, den die Menschheit kennt: dem Gedicht!

Der Buchdruck neigte dazu, die Sprache von einem Mittel der Wahrnehmung zu einer tragbaren Ware zu verändern. Der Buchdruck ist nicht nur eine Technologie, sondern selbst ein natürliches Vorkommen oder Rohmaterial wie Baumwolle oder Holz oder das Radio; und wie jedes Rohmaterial formt es nicht nur die persönlichen Sinnesverhältnisse, sondern auch die Muster gemeinschaftlicher Wechselwirkung.

Marshall McLuhan

Holzschnitt von Haimo Hieronymus

Das Künstlerbuch Unbehaust ist eine poetische Untersuchung über das „Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit“ zwischen Gutenberg und Internet. In ihrer Arbeit untersuchen Haimo Hieronymus und A.J. Weigoni Schriftbilder und Scans im Zeitalter zunehmender Immaterialität. Welche Art von Bildlichkeit ist da im Begriff zu entstehen?

Der bildende Künstler Haimo Hieronymus und der Schriftsteller A.J. Weigoni schlagen mit dem Künstlerbuch Unbehaust nicht nur einen Steg zwischen den Künsten (Druckgrafik / Poesie), sondern eine Brücke zwischen den Zeiten. Gemeinsam mit dem Handpressendrucker Hans–Ulrich Prautzsch betreiben sie eine digitale Manufaktur, bei der die Instrumente der neuen Medien zum Einsatz kommen. Als Werkzeuge setzen sie einen leistungsfähigen Rechner, Scanner und Laserdrucker ein. Mit Hilfe der geeigneten Software verarbeiteten sie Texte und Bilder. Der Druck geschah nach Gutenbergschen Regeln mit Bleisatz auf Werkdruckpapier.

Beim Holzschnitt auf Bütten durchdringt die Farbe das Papier. Haimo Hieronymus, A.J. Weigoni und Hans-Ulrich Prautzsch gehen bei vom virtuellen wieder ins Materielle, zielen auf ein älteres „Speichermedium“ ab, das aber mit den neuen Medien hergestellt wird, dem Künstlerbuch. Schrift und Bild waren im Buch des Mittelalters eine Einheit. Künstler des Bauhauses schufen im 20. Jahrhundert Bücher von hohem gestalterischen Niveau. Die Entstehung einer Einheit von Schrift und Bild haben die Artisten im Medium des Computers untersucht und mit der uräus-Handpresse umgesetzt. Die digitale Manufaktur produzierte das Künstlerbuch „Unbehaust“.

Faszikel, Radierung von Haimo Hieronymus

Haimo Hieronymus variiert, er wiederholt auch, teilweise bis zur Erschöpfung, er holt wider sich. Sich, sein Thema, seinen Kunstgestus, seine Typen. Beim Künstlerbuch Faszikel versuchen seine Blicke oft Geringfügigkeiten und Nebensächliches zu erfassen, zu durchschauen. So wie auch die gesehenen Strukturen ihre Widerstände bieten, muß für ihn durch die Stahlnadel, die sich direkt in das Metall frisst, ein körperlicher Widerstand entstehen. Wichtig ist, daß das Beobachtete im Verhältnis zu dem, was an Gedanken, an Klischees und Vorwissen im Kopf ist, immer wieder in Konkurrenz und Widerstreit tritt. Die in der Natur entstandenen Zeichnungen wurden im Atelier nicht weiter überarbeitet. Zwar wurden auf der Platte weitere Ätzungen durchgeführt, aber die Kaltnadel blieb, wie sie am Objekt entstanden war. Seine ‚Mental Maps‘ sind keine funktionalen Karten, die von A nach B führen, sondern eine Art zeichnerisches Reisetagebuch. Mit Bleistift und grellen Aquarellfarben mischte er abstrakte Elemente mit nahezu realistischen Architekturansichten und organischen Formen wie Baumwurzeln, Adern, Nervenbahnen. Ein Teil der Kaltnadelzeichnungen entstand nicht direkt am Objekt. Haimo Hieronymus hat korrodierte Zinkplatten aus flach geklopften Dachrinnen verwendet, die ihre eigenen Strukturen, ihren warmen Plattenton mit einbringen konnten. Teilweise waren die Oxidationsschäden für die direkte Überarbeitung zu stark und wurden durch Schleifpasten und Dreikantschaber nivelliert. Die Platten wurden daraufhin zum Teil mehrmals geätzt. Zu entscheiden, wann eine Platte für seine Zwecke zufriedenstellend erschien, hat er seinem Vertrauen in die Platte überlassen. Danach wurde gedruckt.

Was ist ein Idol anderes als der dunkle Schatten einer kollektiven Erinnerung, eine archaische Sehnsucht nach dem Prinzip Geborgenheit und Wärme, manifestiert im weichen Umriss des Ewigweiblichen, Ewigmütterlichen?

J.C. Albers

Leimdrucktechnik von Haimo Hieronymus

Begann die Trilogie von A.J. Weigoni und Haimo Hieronymus mit einer Kombination aus Texten und Holzschnitten, einer der bekanntesten und ältesten Hochdrucktechniken, wurde diese Vermengung von Gedicht und Bildgewebe bei Faszikel mit der Tiefdrucktechnik der Radierung fortgesetzt, hier in Kombination aus durchscheinenden Papieren und Texten, auf Lasuren mit Schellack und warm leuchtenden Holzextrakten, so bildet Idole mit seinen speziellen Leimformdrucken eine technische Neuerung und gleichzeitig Klammer, denn hier werden Elemente des Hoch– und des Tiefdrucks kombiniert. Als Ergebnis zeigt sich ein fast gezeichnet wirkendes Bild. Die acht Grafiken beschäftigen sich mit der möglichsten Reduktion von Körpern, von Torsi, auf ein Spiel von Formideen mit den scheinbaren Ungleichgewichten zwischen Linie und Fläche, Proportion, den Illusionen von Unzulänglichkeit menschlicher Erscheinung. Trotzdem fühlt man sehend einen sehnsüchtigen Drang zur Harmonie, ja zum Schönen im klassischen Sinn. Einmal angeschaut, wirkt ein Bild von ihm wie ein Angelhaken im seelischen Bildarchiv. Diese Grafiken zeigen sich so letztlich als fast hymnische Liebeserklärung an die vor allem weibliche Schönheit jenseits der einzelnen Frau.

Puristen nehmen A.J. Weigoni und Haimo Hieronymus diese Grenzüberschreitungen übel, weil diese Form von “Interdisziplinarität” nicht der Theoriebefriedigung, sondern der lustvollen Verblüffung dient. Wirtschaftlich gesehen ist Lyrik Unsinn, aber Betriebswirtschaft ist im Leben eben nicht alles. Lyrik wäre nach allen ökonomischen Gesichtspunkten schon immer zum Aussterben verurteilt gewesen, und trotzdem hält sie sich nach wie vor, notfalls eben in der Form der Samisdat. Haimo Hieronymus und A.J. Weigoni gehen bei dieser Trilogie vom Virtuellen ins Materielle und zielen auf ein älteres Speichermedium, das mittels neuer Medien hergestellt wird und mit analogen Medien zu gebundener Form findet. Sie schlagen mit dem Projekt Idole einen Steg zwischen den Künsten (Druckgrafik / Poesie). Die Entstehung einer Einheit von Schrift und Bild untersuchen Haimo Hieronymus und A.J. Weigoni im Medium des Computers und setzen sie im Neheimer Atelier um. Die digitale Manufaktur produziert in diesem Fall ein Idol.

Diese Buchkunst erzeugt eine ihr eigene Wirklichkeit und betont den Bildcharakter des Buchstabens, der das so gefühlte Erkennen über das Begrenzte und enge Bezirke des nützlichen Lebens hinaus transportiert.

Schablonendruck mit Acrylfarbe auf schwarzem Buchkarton. Auflage 100 Exemplare.

In der gemeinsamen Arbeit von Haimo Hieronymus und A.J. Weigoni geht es darum, alte Grenzziehungen zwischen den Disziplinen neu abzustecken. Das Schriftbild der Partiale verweist darauf, daß der Schrift wie als auch der Malerei dieselbe Struktur zugrunde liegt, bestehend aus diversen vordefinierten Strichen. Der Künstler malt Kreise und Rechtecke, die für Schriftzeichen vorgesehen sind, und macht damit auch deutlich, wie sehr Malerei und Schrift miteinander verbunden sind. Die Grenze von Schrift und Zeichnung ist eine Interzone des ‚Nochnicht’. Linien und Texte mit Bleistift, Tinte, blauem und schwarzem Kugelschreiber auf Papier, es beginnt immer mit einem Gekritzel, um den ersten Moment der Wahrnehmung. Wahrnehmen ist die unersetzbare Voraussetzung für eine ästhetische Erfahrung. Was des Lyrikers Gedichte in diesem Zusammenhang bedeuten, ist oft sekundär, sie verzaubern durch ihren Rhythmus, bei dem das Verstehen bisweilen in den Hintergrund rückt. Liest man sich diese Gedichte selbst laut vor, so kommt man dem Autor auf die Spur. Das Geheimnis ist offenbar und die Leser werden zu Mitwissenden. Im Katalog Partiale traf der Formerfinder Hieronymus auf den Allegorienschöpfer Weigoni. In diesem Projekt entstand eine leise Schwingung, eine Vibration in der Oberfläche von Bild und Text. Nicht Kreise oder Linienkonstrukte für sich, sie sind eingebunden in eine Gesamtabsicht der Komposition. Aufgelöste Flächen in beständigem Schwingen, im Gespräch mit den Lineaturen. Es geht den Artisten um ein raffiniertes Spiel mit den Wechselwirkungen von Verschriftlichung, Verbalem und Visuellem. Bildwirksam stehen die Gedichte an der Scheidegrenze zwischen Bild- und Bedeutungsträgern. Der Betrachter wird zum Spurensucher.

Kunst ändert nichts am Chaos in der Welt, und doch macht sie das Leben für einen Augenblick erträglich. Das ist nicht viel, aber mehr als nichts.

 

 

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Das wilde Lesen, von Frank Schäfer. edition kopfkiosk im Verlag Andreas Reiffer, 2023. Der Autor entwirft in diesem Buch einen literarischen Gegenkanon. Neben Bommi Baumann widmet er sich u. a. Heino Jaeger, Jörg Fauser, Rolf Dieter Brinkmann, Silvia Bovenschen, Uli Becker, Bernward Vesper, Jörg Schröder, Ror Wolf, Otto Jägersberg, Harry Rowohlt, Wolfgang Welt, Fanny Müller, Studio Braun.

Weiterführend

Obwohl die nonkonformistische Literatur ehrlich und transparent zugleich sein wollte, war gegen Ende der 1960er nur schwer zu fassen, die Redaktion entdeckt die Keimzelle des Nonkonformismus in der die Romantiker-WG in Jena. Zu den Gründungsmythen der alten BRD gehört die Nonkonformistische Literatur, lesen Sie dazu auch ein Porträt von V.O. Stomps, dem Klassiker des Andersseins. Kaum jemand hat die Lückenhaftigkeit des Underground so konzequent erzählt wie Ní Gudix und ihre Kritik an der literarischen Alternative ist berechtigt. Ein Porträt von Ní Gudix findet sich hier (und als Leseprobe ihren Hausaffentango). Lesen Sie auch die Erinnerungen an den Bottroper Literaturrocker von Werner Streletz und den Nachruf von Bruno Runzheimer. Zum 100. Geburtstag von Charles Bukowski, eine Doppelbesprechung von Hartmuth Malornys Ruhrgebietsroman Die schwarze Ledertasche. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte Seine größten Erfolge, produziert von Helge Schneider und Tom Täger im Tonstudio/Ruhr. Lesen Sie auch das Porträt der einzigartigen Proletendiva aus dem Ruhrgebeat auf KUNO. In einem Kollegengespräch mit Barbara Ester dekonstruiert A.J. Weigoni die Ruhrgebietsromantik. Mit Kersten Flenter und Michael Schönauer gehörte Tom de Toys zum Dreigestirn des deutschen Poetry Slam. Einen Nachruf von Theo Breuer auf den Urvater des Social-Beat finden Sie hier – Sowie selbstverständlich his Masters voice. Und Dr. Stahls kaltgenaue Analyse. – Constanze Schmidt beschreibt den Weg von Proust zu Pulp. Ebenso eindrücklich empfohlen sei Heiner Links Vorwort zum Band Trash-Piloten. Inzwischen hat sich Trash andere Kunstformen erobert, dazu die Aufmerksamkeit einer geneigten Kulturkritik. In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsmöglichkeiten von populärkulturellen Tugenden nahe genug kommen, der Essay Perlen des Trash stellt diese Reihe ausführlich vor. Die KUNO-Redaktion bat A.J. Weigoni um einen Text mit Bezug auf die Mainzer Minpressenmesse (MMPM) und er kramte eine Realsatire aus dem Jahr 1993 heraus, die er für den Mainzer Verleger Jens Neumann geschrieben hat. Jürgen Kipp über die Aufgaben des Mainzer Minipressen-Archives. Ein würdiger Abschluß gelingt Boris Kerenski mit Stimmen aus dem popliterarischen Untergrund.