Der Gossenroman von dem Kritiker träumen

11. August 1989
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Die Leute denken, es ist Jerry Cotton und merken dann, daß man ihnen Literatur angedreht hat.

(Aktuelle Stunde / WDR)

Ein Vorgriff: Der Begriff „die bleierne Zeit“ entstammt ursprünglich dem Gedicht Der Gang aufs Land von Friedrich Hölderlin. In der BRD wurden die 1950er Jahre oft als die „bleierne Zeit“ beschrieben, die durch Verkrustung und Verdrängung der nationalsozialistischen Verbrechen geprägt war und vermeintlich erst durch die sogenannte Studentenbewegung 1968 aufgebrochen wurde. Eine  Umdeutung erfuhr der Begriff durch die Zeit des RAF-Terrorismus während der 1970er Jahre, bei der das Wort „bleiern“ auch mit den Bleikugeln assoziiert wurde, mit denen linksterroristische Organisationen töteten. Dann kam eine durch Dr. Kohl proklamierte „Wende“. Gegen diesen Zeitgeist richtete sich von Beginn an das Programm des Krash-Verlags. Diese Heftromane halten uns den Spiegel vor, sie zeigen unsere eigenen verdrängten Gelüste und eine Schmud­del­va­ri­ante unserer Welt des neolibe­ralen, rasenden Still­stands.

Scharfe Schüsse, ätzende Figuren. Gossenromane mit ausgefeilter Redekultur für alle, die Trash & Tragödie nicht missen wollen.

Buchkultur, Wien

Cover der 1. Auflage des Gossenheftes Jaguar

Im Herbst 1989 erschien im Krash-Verlag das erste Gossenheft mit dem Titel Jaguar, der Verlag aus der Domstadt griff auf eine Tradition zurück. Die ersten  Groschenhefte erschienen um 1920 in den USA, das bekannteste hieß Black Mask. In diesem Schundheft publizierten Hammett, Chandler, Woolrich u.a. ihre ersten Short-Storys. A.J. Weigoni regte den Verleger Dietmar Pokoyski 1989 dazu an, das von ihm entwickelte Konzept Gossenhefte ins Programm aufzunehmen.  Die BRD-typische Teilung in seriöse und triviale Literatur reizte dazu,  sich elegant und mit einem ironischen Augenzwinkern zwischen diese  Stühle zu setzen. Zusammen mit dem Krash-Verlag startete  Weigoni eine Reihe, die das bekannte Format benutzte. Auch wenn der WDR  das erste Gossenheft unter dem Titel Auf der Suche nach McGuffin als Hörspiel produzierte, wurde die Reihe einem rasanten Start ein Flop, weil Satire, Ironie und tiefere Bedeutung im wiedervereinigten Deutschland kaum eine Chance haben. Aber wie postulierte der bayrische Anarchist Herbert Achternbusch: „Du hast keine Chance, aber nutze sie.“

Dekonstruktion ist schwierig; Sie ist ebenso schwierig wie Kreation.

Antonio Gramsci

Die Überhöhung von Kunst zur Kunstreligion ist in der modernen Wohlstandsgesellschaft selbstverständlich geworden. Daher ist es kein Zufall, daß Jaguar die Großstadt zum Schauplatz hat. Die topografische Orientierungslosigkeit gehört zum moralischen Orientierungsverlust und zur kognitiven Verwirrung. Daher ist Weigoni stets auf ironische Brechungen bedacht und anerkennt die Historizität der Groschenhefts unter dem Blickwinkel einer Geschichte ephemeren Trashs, einer Geschichte, die er besser kennt als mancher andere und nie aus den Augen verliert. Diese Prosa brilliert in den Kategorien: Unbestimmtheit, Wahrscheinlichkeit und Diskontinuität; die Lächerlichkeit eines rationalen Ordnungsbegehrens angesichts der qua Entropie zunehmenden Unordnung; die unverbindliche Rekombination von Populärem und Hochkulturellem. Der Romancier nutzt die sogenannte Popkultur als Ort gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Wache Augen, scharfer Verstand, lockere Zunge und kehlige Underground–Rotzigkeit, der Mix aus krimineller Energie und Aktionismus ist abwechslungsreich und kulminiert in der Erkenntnis: Kitsch ist gesammelte Sehnsucht.

Es wäre pueril, sich einzubilden, dass man – bisher ein Leben lang gewohnt, an Krimi=Altären oder denen Jerry Cotton’s zu frönen – Moderne Literatur nun sogleich mit hohem Genuss vom Blatt zu lesen beginnen könnte: dem ist nicht so!

Arno Schmidt

Cover der 2. Auflage

Jaguar ist eine ‚Melancholödie’, die in einer großstädtischen Kneipen- und Kunstszene spielt, das Akademieumfeld der Landeshauptstadt NRWs und die Szene der Ratingerstraße sind ahnbar. Historischer Bezug der Figuren ist der Rock’n’Roll. So denken und handeln sie auch: schnell, hart und laut. Dabei verfangen sie sich in ausgelegten Fallstricken. Schneider und Zonker sind Figuren in einem Spiel von Dr. h.c. Paul Pozozza. Pozozza ist Repräsentant eines Systems, an das er nur glaubt, weil es Profit bringt. Die Malerin Vera Strange ist nicht nur ein Inbegriff romantischer Künstlerexistenz, sondern ein spätes Aufleuchten der Moderne in einem ungleichzeitigen Kontext. Weil Romantik der letzte Versuch ist, in der Kunst etwas Ganzes zu schaffen und die Moderne das Bewusstsein ihrer notwendigen Zerrissenheit einschließt, dann ist sie ein Repräsentant von beidem. Dazwischen steht die Galeristin Grazia Terribile. Sie hat ideelle Vorstellungen, die sie materiell umsetzt.

Weigoni verbindet Politik, Artnapping und Popkultur zu wilder Krimi-Poesie.

Alles stimmt, aber es ist nicht unbedingt wahr, denn es geht um Sachverhalte, die nicht aufgeklärt sind. Aber was hat die Malerin Vera Strange mit Datenschmuggel zu tun?

***

Weiterentwicklung →

Coverphoto: Jesko Hagen

Das erste Gossenheft dieser Reihe, den 1989 erschienenen Jaguar, überarbeitete A.J. Weigoni im Lauf der Zeit zur Neo-Noir-Novelle Der McGuffin – Nachruf auf den Kriminalroman für das Buch Cyberspasz, a real virtuality. Weiteres kann man auf kultura-extra nachlesen, zusätzlich kann man sich in einem Hintergrundgespräch auf Lyrikwelt.de informieren. Ein nicht minder lesenswerter Essay findet sich auf fixpoetry. Eine Leseprobe findet sich hier und Probehören kann man eine Rezitation von A.J. Weigoni auf MetaPhon die durch Tom Täger vertont wurde.

Cyberspasz, a real virtuality, Novellen von A. J. Weigoni, Edi­tion Das Labor, Mülheim an der Ruhr 2012.

Weiterführend → In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsmöglichkeiten von populärkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Die Krash-Autoren züchten Perlen aus Kommunikationsmüll, näheres dazu im Essay Perlen des Trash, der diese Reihe ausführlich vorstellt.

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