Geschriebene Bilder treffen auf gemalte Worte

31. Januar 2016
Von

In der gemeinsamen Arbeit von Haimo Hieronymus und A.J. Weigoni geht es darum, alte Grenzziehungen zwischen den Disziplinen neu abzustecken. Das Schriftbild der Partiale verweist darauf, daß der Schrift wie als auch der Malerei dieselbe Struktur zugrunde liegt, bestehend aus diversen vordefinierten Strichen. Der Künstler malt Kreise und Rechtecke, die für Schriftzeichen vorgesehen sind, und macht damit auch deutlich, wie sehr Malerei und Schrift miteinander verbunden sind. Die Grenze von Schrift und Zeichnung ist eine Interzone des ‚Nochnicht’. Linien und Texte mit Bleistift, Tinte, blauem und schwarzem Kugelschreiber auf Papier, es beginnt immer mit einem Gekritzel, um den ersten Moment der Wahrnehmung. Wahrnehmen ist die unersetzbare Voraussetzung für eine ästhetische Erfahrung. Was des Lyrikers Gedichte in diesem Zusammenhang bedeuten, ist oft sekundär, sie verzaubern durch ihren Rhythmus, bei dem das Verstehen bisweilen in den Hintergrund rückt. Liest man sich diese Gedichte selbst laut vor, so kommt man dem Autor auf die Spur. Das Geheimnis ist offenbar und die Leser werden zu Mitwissenden.

Ein Bild stellt zunächst nichts dar, soll zunächst nichts darstellen als Farben.

Paul Cézanne

Auch der Künstler hat Spuren hinterlassen an die sich der Betrachter heften kann. Die Entwicklungsgeschichte des in Siegen ausgebildeten Künstlers Haimo Hieronymus kann als Suchscheinwerfer auf die zerklüftete Landschaft der heutigen Malerei gedeutet werden. Er denkt mit Pinsel, Spachtel und Ölkreide. Seine Partiale belegen die komplexen Herausforderungen einer aktuellen und originären Herangehensweise. Es geht um Fragen der Malerei: Fläche und Tiefe, Kompositionen, die Spannung erzeugen, das Bild zusammenhalten und nicht auseinander fallen lassen. Vielfach ist die Landschaft im Sauerland, eine Architektur oder eine Situation der Nukleus eines Gemäldes. Hieronymus umkreist das Motiv malerisch, sperrt den vermeintlichen Inbegriff von Realität in ein wucherndes, malerisches Geflecht von Farben und angedeuteten Formen. Der künstlerische Gedankentransport wird fluid, der Spannungsbogen ist noch nicht ausgereizt. Sein Alphabetikon war aufgeladen mit Zeitgeschichte, Medienreflexionen, kunstimmanenten Bezügen und vollgesogen mit Widersprüchen, Aggressionen und apokalyptischen Untertönen. Die Rolle des zeitgenössischen Historienmalers ist Hieronymus zu eng geworden. Schicht um Schicht konstruiert er seine neuen Bilder, packt noch eine Farbe drauf, läßt Schlieren herunterlaufen und Linien, Flächen, Kreise durchschimmern. Diese Partiale zeichnen einen Weg nach, der von der Fotografie und Malerei verbindenden Collage über die Zeichnung wieder zur Malerei führt, mit Überkreuzungen, die von Skepsis, Rückbesinnung und steter Suche erzählen.

Weigoni gehört zu den meistunterschätzten Lyrikern.

Peter Maiwald

Ein Markenzeichen der Lyrik Weigonis ist ihre zuweilen direkte, mal hintergründige, stets aber nachvollziehbare Gesellschafts- und Kulturkritik. Diese findet ihre Essenz in Partiale. Hier gelingt es dem VerDichter die Lebensnotwendigkeit des eigenen Tuns dem Leser nahe zu bringen. Und dieses Tun ist bei Weigoni ein tiefgründiger Umgang mit der Sprache, dazu gehört zwingend die Reflexion über ihren Stellenwert in der Kultur. In ihrem intertextuellen und intermedialen Dialog bauen seine Gedichte eine Verständnisbrücke. Dabei vereint dieser Poet in den aufwühlenden Gedankenströmen die klangliche Zusammengehörigkeit mit der Semantik.

Es bleibt noch zu wissen, ob Kunst anders als negativ existiert.

Marcel Broodthaers

Das transitorische Element, das die Arbeit des bildenden Künstlers Haimo Hieronymus und des Schriftstellers A.J. Weigoni an dem Projekt Partiale durchzieht, macht sich spätestens bemerkbar bei der Präsentation. Es geht diesen Artisten um Möglichkeiten der Entformung, einem raffinierten Spiel mit den Wechselwirkungen von Verschriftlichung, Verbalem und Visuellem. Bildwirksam steht die Gedichte an der Scheidegrenze zwischen Bild- und Bedeutungsträgern. Der Betrachter wird zum Spurensucher. Und dort, wo das Lesbare fehlt, darf sich der Fährtenleser den von der Farbe ausgelösten Empfindungen überlassen. Etwas Improvisiertes lebt in der Syntax dieser geschriebenen Bilder und der gemalten Worte, wir sehen das auf den ersten Blick nicht, weil es sichtbar ist, und es ist sichtbar, weil wir es lesen können.

***

Partiale, von Haimo Hieronymus. Am 04.02.2016, ab: 19:00 Uhr in der IHK-Galerie, (Koblenzerstr. 121 / 57072 Siegen)

Schablonendruck mit Acrylfarbe auf schwarzem Buchkarton. Auflage 100 Exemplare.

Partiale, Katalog von Haimo Hieronymus. Gedichte von A.J. Weigoni. Edition das Labor 2016.

Weiterführend → Zum Thema Künstlerbucher lesen finden Sie hier einen Essay sowie ein Artikel von J.C. Albers. Vertiefend auch das Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus.

Die Künstlerbucher sind erhältlich über die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421

Tags: ,

Kommentare geschlossen.

Erster Logo-Entwurf für die Edition Das Labor von Peter Meilchen.

In eigener Sache

Das Magazin Kulturnotizen (KUNO) reflektiert entstehende Kunst, Musik und Poesie – mit Online-Archiv. Mehr Informationen.

Das lyrische Gesamtwerk von A.J. Weigoni im "Schuber"

Jedes Buch aus dem „Schuber“ von A.J. Weigoni ist ein Sammlerobjekt. Und jedes Titelbild ein Kunstwerk! KUNO fasst die Stimmen zu dieser verlegerischen Großtat zusammen.

Künstlerbücher

Zum Thema Künstlerbücher finden Sie hier einen Essay sowie einen Artikel von J.C. Albers.

Ohrenzwinkern

Coverphoto: Leonard Billeke

In der Reihe MetaPhon sind Facetten der multimedialen Kunst zugänglich.

Alphabetikon

Vertiefend zu ‚Alphabetikon‘ lesen Sie bitte das Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus.

Trans

Twitteratur

Hier ein Essay über die neue Literaturgattung Twitteratur.

Edition Das Labor

Ausführliche Informationen finden sich hier.