Lyrik, heute

Wenn man sich den Ursprung der Lyrik ansieht, so kommt der Begriff selbst von „Lyra“, Leier, sprich, Lyrik war auch Wort in Verbindung mit Klang und Rhythmus. Das bedeutet, in gewissem Sinne ist die Wurzel der Poesie ja schon „interdisziplinär“, wenn man so will. Ich denke aber, dass doch eine Tendenz besteht, mehr und mehr auch andere Medien wie Videokunst und Live-Elektronik einzubeziehen.

Sophie Reyer

Nicht nur Gott, auch die Lyrik ist schon oft für tot erklärt worden. Von der Sporaden-Insel Lesbos, dem kulturellen Zentrum des 7. vorchristlichen Jahrhunderts bishin in die pannonische Landschaft des 21. Jahrhunderts hat die Lyrik diverse Überformungen erhalten. Gedichte existiert aufgrund dieser langen Geschichte in sehr vielseitigen Formen: Verbreitet sind beispielsweise Sonette und Balladen, daneben auch Liedertexte und Limeriks. Gedichte werden über beinahe alle Inhalte geschrieben. Sie erzählen große historische Gegebenheiten, huldigen Herrschern oder Geliebten (Minnesang), preisen den eigenen Staat (Nationalhymne) oder die eigene Klasse (Arbeiterlieder), erzählen tragische Geschichten, Erotisches oder Moritaten, dienen seit dem 19. Jahrhundert auch der Selbstvergewisserung des Autors und richten sich aber im 20. Jahrhundert daneben zunehmend auf Begebenheiten des Alltags. Gedichte werden auch improvisiert, etwa im Calypso oder im Rap.

A.J. Weigoni und  Tom Täger spüren der Sprache vor allem als akustischem Phänomen nach.

Dr. Christiane Schlüter, Buecher-Wiki

Photo: Thomas Suder

Mit all diesen lyrischen Formen und ihrer Ausweitung in den akustischen Bereich, hat sich die Redaktion in den letzten Jahrzehnten beschäftigt, und wird dies auch weiterhin tun. Seit der Gründung des Labors stand das transmediale Erzählen im Vordergrund der künstlerischen Spekulationen. Im multimedialen Bienenstock lanciert die Edition Das Labor auf der Plattform vordenker.de mit MetaPhon eine Reihe, in der Facetten der multimedialen Kunst und des Hörbuchs zugänglich gemacht werden, die nach den herkömmlichen Marktgesetzen unerschlossen bleiben. Der Markt wird entmystifiziert. Das aufgeklärte Publikum erwartet Künstler, Wissenschaftler, Akteure, die den Vorhang aufreißen, um in anderen Formen zu erzählen. Die Kunstakademie hatte sich in den 1970er Jahren als installativer Diskursraum auf die Ratingerstraße ausgedehnt. Als künstlerische Grenzgänger betrieben A. J. Weigoni und Frank Michaelis  mit der Literatur, in einem hocharbeitsteiligem Virtuosentum mit den Schauspielern Marion Haberstroh und Kai Mönnich, eine multimediale Hörspielerei zwischen Performance, Theater und Lesung, und setzen Elemente der Minimalmusik ebenso ein, wie die des Jazz. Es ging bei dieser Zusammenarbeit um eine Synthese, die Alchemie des Zusammenbringens, die Erweiterung der Vorstellung, was mit Literatur, Musik und Kunst möglich ist.

Tom Täger, Komponist der Hörspielmusik zu Señora Nada · Photo: Dieter Meth

Als Tom Täger 1989 im Tonstudio an der Ruhr Helge Schneiders erste Schallplatte Seine größten Erfolge produzierte, hat man ihn für verrückt gehalten. Als A.J. Weigoni 1991 seine LiteraturClips auf CD (der Claim für Klangbücher war noch nicht abgesteckt) realisierte, hat man ihn für verrückt gehalten. 1995 begann ihre Zusammenarbeit, die mit dem Hörbuch Gedichte einen sinnfälligen crossmedialen Zirkelschluß findet, zu dem Täger als Hörspielkomponist mit Señora Nada eine Musik der befreiten Melodien zelebiert oder bei dem zweiten Monodram Unbehaust eine Klang-Collage aus Papiergeräuschen anfertigt. Weigoni schält die Klänge aus den Wörtern, er bewegt sich auf Gedichte in der Intermedialität von Musik und Dichtung und sucht mit atmosphärischem Verständnis die auditive Poesie im ältesten Literaturclip, den die Menschheit kennt: dem Gedicht!

Daß moderne Literatur nicht nur im begrenzten Format eines Buches seinen Platz hat, belegen der Multimediakünstler Peter Meilchen, der Sprechsteller A.J. Weigoni oder die visuelle Poetin Angelika Janz nachdrücklich. Alle vorgenannten Artisten arbeiten sowohl mehrperspektivisch, als auch interdisziplinär. Ein Ansatz, der bei den germanistischen Fliegenschißdeutern keine große Beachtung findet, weil die Rezeption von Literatur im Gegensatz zu der von bildender Kunst größtenteils im 19. Jahrhundert steckengeblieben ist. Die Literaturtheorie sollte daher im 21. Jahrhundert zu einer dienenden Rolle zurückfinden und endlich ihre Unterwürfigkeit ablegen.

Ach und O sind zwei Gedichte, die jeder versteht. Und verhältnismässig kurz, sie erfordern keine langjährige Übung im Lesen. Ob sie jedem gefallen, ist eine andere Frage, sie passen nicht, wenn man den schönen Götterfunken voraussetzt. Bravo oder bis bis wäre da viel besser, aber nicht so kurz. Jedenfalls führt Schwermut in die Anarchie, so einfach ist das. Entzückt verzehrt der Wolf sein Bein, das ihm ein Tellereisen abgerissen hat. Gesegnet sei der Tag, der mir Nahrung gab, ruft er. Eine tabula rasa ist besser als ein leerer Tisch, von der fabula rasa kam ich darauf, die Welt ist ein Druckfehler

Günter Eich

Randständigkeit ist das Lebensprinzip der Poesie. Vom Rand aus arbeiten wir seit 1989 auf dem Online-Magazin Kulturnotizen (KUNO) daran, den  Kanon zu erweitern. Die Idee zum Projekt Das Labor ist ein viertel Jahrhundert alt. Wer über hinreichend Neugierde, Geduld, Optimismus und langen Atem verfügte, konnte in den letzten 25 Jahren die Entstehung einer Edition beobachten, die weder mit Pathos noch mit Welterlösungsphatasie daherkam. Über die allmähliche Verfertigung einer projektbezogenen Arbeit erfahren Sie im Konzept der Edition Das Labor. Die zeitliche Abfolge der projektorientierten Arbeit ist nachzuvollziehen in der Chronik der Edition. Weitere Porträts finden Sie in unserem Online-Archiv, z.B. eine Würdigung des Herausgebers und Lyrikers Axel Kutsch im Kreise von Autoren aus Metropole und Hinterland. Auf KUNO lesen Sie u.a. Rezensionsessays von Holger Benkel über die Brüder Grimm, Ulrich Bergmann, A.J. Weigoni, zur Lyrik von HEL = Herbert Laschet Toussaint, Haimo Hieronymus, Uwe Albert, André Schinkel, Ralph PordzikFriederike Mayröcker, Werner Weimar-Mazur, Holger Uske, Joachim Paul, Peter Engstler, Jürgen Diehl, Birgitt Lieberwirth, Linda Vilhjálmsdóttir, Sabine Kunz, Sibylle Ciarloni und Joanna Lisiak. Lesen Sie auch den Essay über die Arbeit von Francisca Ricinski und eine Würdigung von Theo Breuer oder eine Empfehlung der kristallklaren Lyrik von Ines Hagemeyer.

Die Klassiker des Andersseins

Diese Betrachtungen versammeln sich in der Tradition von V.O. Stomps, dem Klassiker des Andersseins, dem Bottroper Literaturrocker „Biby“ Wintjes und Hadayatullah Hübsch, dem Urvater des Social-Beat, im KUNO-Archiv. Wir empfehlen für Neulinge als Einstieg in das weite Feld der nonkonformistischen Literatur diesem Hinweis zu folgen.

 

will be continued

 

Satyr mit Lyra

Weiterführend

Um den Widerstand gegen die gepolsterte Gegenwartslyrik ein wenig anzufachen schickte Wolfgang Schlott KUNO dieses  post-dadaistische Manifest. Warum Lyrik wieder in die Zeitungen gehört, begründete Walther Stonet. Lesen Sie ein Porträt über die interdisziplinäre Tätigkeit von Angelika Janz, sowie einen Essay der Fragmenttexterin. In 2017 wird das lyrische Gesamtwerk von A.J. Weigoni erscheinen. Jedes Buch aus dem „Schuber“ ist ein Sammlerobjekt. Und jedes Titelbild ein Kunstwerk! KUNO faßt die Stimmen zu dieser verlegerischen Großtat zusammen. Die Lyrikerin Ines Hagemeyer, vorgestellt von Ulrich Bergmann. Lesenswert auch die Gratulation von Axel Kutsch durch Markus Peters zum 75. Geburtstag. Auch sein Eckermann Theo Breuer findet als Literaturvermittler von KUNO eine  dankende Beachtung.