Das Konzept der Edition Das Labor

Die wahre Methode, die Dinge sich gegenwärtig zu machen, ist die, sie in unserm Raum (nicht uns in ihrem) vorzustellen (so tut der Sammler, so auch die Anekdote).

Walter Benjamin

Jürgen Diehl

In der Rhetorik künstlerischer Manifeste ist das Hyperbolische obligatorisch. Sämtliche Avantgarden haben Manifeste geschrieben und sich darin ihrer Neu– und Großartigkeit gerühmt. Entgegen der Gewohnheit von Künstlern, sich als ›Gruppe‹ zu definieren, über die Hybris zu verfügen ein ›Generationenprojekt‹ ausrufen zu müssen und einen Gründungsakt zu proklamieren, vergaßen Jürgen Diehl und A. J. Weigoni jegliches kuratorische Wissen und öffneten sich 1989 neuen Lösungen. Was sie sofort verband, war die gemeinsame Besessenheit und Leidenschaft für die Kunst und die Bereitschaft, sich auszutauschen. Es war der Drang nach einer neuen Weltaneignung, losgelöst von den überkommenen Deutungsmustern der sogenannten 68-er Generation, geprägt von den Eindrücken der sogenannten Wiedervereinigung, die sie unmittelbar miterlebt haben. Aus dieser Abwendung resultiert die Entfaltung eines neuen Schauens, eines Weltzugangs abgelöst von Traditionen. Dieses neue Schauen kommt, aus der Beschäftigung mit den Neuen Medien. Mit dem Vorhaben, grenzüberschreitende artIQlationen zu realisieren, gelang ihnen das dialektische Kunststück, konstruierte Pathosformeln und Energiesymbole zur Einheit von Denken, Wollen und Fühlen durch eine eigene, streng individualistisch-lustvolle Selbstaneignung einer wahrhaftigen künstlerischen Freiheit zuzuführen.

Jeder ergreift das Wort und keiner behält es.

Falls die Geschichte der Medien die Geschichte einer Konkurrenz ist, begann sie mit einem Vorsprung. Die Dichter hatten die Montage entdeckt, als die ersten Photographen noch Stunden brauchten, um ein einzelnes Bild zu entwickeln. Es war, als hätte die Literatur den Film erahnt, und als er kam, genossen sie gemeinsam den Rausch der sich überstürzenden Eindrücke. Das Drehbuch wurde erfunden, später der Rundfunk mit dem Hörspiel begrüßt. Als das Fernsehen sich breit machte, fand es die Schriftsteller schon in skeptischer Distanz. Multimediales Spiel mit Video, Performances und Installationen dachten Maler und Musiker sich aus, deren Zaungäste manchmal auch Dichter waren. Die Grenzen von Bildkunst, Literatur und Musik lösen sich im 21. Jahrhundert zunehmend auf. Es geht den Artisten um eine Art Überlappung, die Entdeckung von Gemeinsamkeiten und gegenseitige Inspiration.

Was heisst: Sich im Denken orientieren?

Die Frage für die Artisten der Edition Das Labor lautet nicht, wie das Netz das Denken verändert, sondern wie das künstlerische Denken das Netz formt. Täglich zu beobachten beim Online-Magazin Kulturnotizen (KUNO).

Werkstattgalerie »Der Bogen«

Schland-DVD

Plattform für die Aktivitäten bot die Werkstattgalerie Der Bogen in Arnsberg, in der auch der Künstler Peter Meilchen arbeitete. Die Artisten einigten sich darauf, Schland zu realisieren. Im Verlauf des Projekts wurden neue Werkzeuge erprobt: Soundsampler, Computer, Elektrografie, Video wurden im künstlerischen Spannungsfeld von Performance, Theateraufführung und Rezitation selbstverständlich.

Ausschließlich das, was als ein Kunstwerk angesehen wird, genießt das Privileg einer hochorganisierten Wahrnehmung und Einordnung, statt, wie die meisten Produkte und Bilder des Alltags, trotz intensiven Gebrauchs letztlich unbeachtet zu bleiben und nach Gebrauch vergessen und zerstört zu werden. Sehen/Erkennen besteht, als übergeordnete Stufe, in der Assoziation optischer mit akustischen, taktilen und anderen Begriffsspeichern sowie mit Kombinationszentren der Begriffs- und Sprachbildung. Durch dieses assoziative Sehen kommt es zum optischen Erkennungs- bzw. Wahrnehmungsprozeß.

Marion Haberstroh

Mit Scharfblick hat Peter Meilchen die Differenz zwischen der Realität in ihrem Abbild gezeichnet. Man beginnt die Abbilder der Realität vorzuziehen und sie zu fiktionalisieren. Gespeist durch diese Erkenntnisse entstand die grenzüberschreitende artIQlation Schland. Bei diesem Ohr-Ratorium vertraute A. J. Weigoni dabei grundsätzlich nicht mehr der Detailarbeit in der Regie. Detailarbeit ist seiner Ansicht nach vernichtend, sie nimmt den Menschen das Selbstwertgefühl und wäre ein grundlegender Angriff auf die Kreativität. Die Schauspieler Marion Haberstroh und Kai Mönnich nahmen sich die ihnen zur Verfügung stehenden Freiräume. Der Musiker Frank Michaelis erfand eine eigene Melodie. Entweder liegt ein Stoff in der Luft und entwickelt sich von selbst, oder es ist nur Mache.

Projektorientiertes Denken

Ironie ist für Tom Täger, Joachim Paul, Haimo Hieronymus und A. J. Weigoni wesentlich – nicht im distanzierenden Verständnis, sondern im romantischen Sinne. Da signalisiert Ironie nicht das Trennende, sondern das Verbindende, das, was den Subjekt-Objekt-Zusammenhang herstellt. In Deutschland gibt es einen fast schon zwanghaft zu nennenden pathetischen Hang dazu, alles gleichsetzen zu wollen.

Diese Artisten sind Produkte der Gesellschaft, in der sie leben. Ihre Produkte beschreiben unter Zuhilfenahme künstlerischer Stilmittel die Realität. Die Gewissheiten des bildungsbürgerlichen Wertekanons sind in Frage gestellt, während sich zugleich das Feld dessen, was unter Kultur verstanden wird, erweitert hat. Tom Täger erfaßte diesen Zusammenhang intuitiv, als er Schland für den Klangturm St. Pölten ›digitally remastered‹ hat. Die Vergangenheit gegen die Gegenwart denken, der Gegenwart Widerstand entgegensetzen, nicht für eine Rückkehr, sondern zugunsten der Zukunft und dem Eröffnen von Möglichkeitsräumen, markiert die Schnittstelle zur Umsetzung auf DVD. Klang als Objekt zu begreifen, ihn greifbar zu machen ist das vorrangige Ziel von Tom Täger. Er nähert sich dieser utopischen Idee. Alles wäre demnach gesagt, Sound ein Fetisch.

Interaktion, Vernetzung, Medialisierung sind zeitdiagnostische Schlüsselwörter geworden. In Tom Täger hat A. J. Weigoni den idealen Kooperationspartner gefunden. Täger, der in seinem Tonstudio an der Ruhr die ersten Alben von Helge Schneider und Tom Liwa produzierte oder die Missfits begleitete, hat ein Faible für Trivialmythen.

Klangwerk

Copy-Art von Klaus Urbons

Bei einer weiteren Datensicherung von Tom Täger wurde der analoge Hörfilm Das kleine Helferlein digital restauriert. – Da die Gesellschaft sich totalitär des Individuums bemächtigt, das damit unsichtbar geworden ist, entlarvt sich das Ideologengeschwätz von der Selbstverantwortlichkeit des Individuums als lächerlich, hätten die Einzelnen es nicht auf grausame Weise verinnerlicht. Unter der Samtmaske der Liberalität verbirgt sich ein Stahlgerüst aus Ressentiment und Abwehr.

Die Laboranten Tom Täger, Joachim Paul, Haimo Hieronymus und A. J. Weigoni wissen über die Globalisierung alles, was man von der Provinz aus wissen kann. Also eigentlich nichts. Aber das völlig umfassend. Netzwerk ist der Leitbegriff des Labors, er bestimmt auch das Bild, das sich die Artisten von ihrer Gesellschaft machen. Sie denken über die Technologie als eine Allegorie sozialer Beziehungen nach. Die Lebendigkeit der vielgestaltigen Menge stellt sich gegen das identitäre Kommando der Postmoderne. In diesem Moment des, möglicherweise sinnlosen, Aufbegehrens gewinnen die Künstler eigene Handlungsfähigkeit und fühlen sich als Teil einer kosmopolitischen Bewegung der Wiederaneignung einer entglittenen Welt.

Vordenker

Joachim Paul im Rheintor

Dies hat Joachim Paul mit der Plattform vordenker bereits 1996 realisiert: vordenker, unser für viele Disziplinen offenes Web-forum bietet Ihnen ein Forum für Ideen und Beobachtungen aller Art. Seit den achtziger Jahren begegnet uns der Begriff ›Vordenker‹ in der Presse im biographischen und politischen Zusammenhang sehr häufig, und sogar Grimms Deutsches Wörterbuch belegt die verbreitete Aktivität des ›Vordenkens‹ in der Literatur und Philosophie des vergangenen Jahrhunderts. Es gibt aber entschieden mehr als traditionelle Gründe, wenn Joachim Paul auf diesen Ausdruck zurückgreift.

Das ›Denken‹ hat nicht nur wortgeschichtlich viel mit Erinnerung zu tun. Wir denken unter anderem, indem wir Bekanntes mit neuen Erfahrungen oder Erkenntnissen vergleichen, unsere Phantasie dabei bewegen, die Dinge verstehen und neue Gedanken hervorbringen. Dies zeigt: Das Denken kennt keine disziplinären Schranken, die auch die Wissenschaft eigentlich eher unterstützen als begrenzen sollen, und es bewegt sich auch in der Rückbesinnung immer bezogen auf noch zu formulierende, d.h. zukünftige Gedanken. Denken ist daher ebensowenig nur ein Nach-Denken, wie die Arbeitsteilung in den Wissenschaften Selbstzweck ist. Dennoch führen die Schattenseiten der Partikularisierung oft zur vielbeklagten Fachblindheit, erschweren Verständnis und gegenseitigen Respekt.

SAMPLE

Porträt Benjamins am Eingang des Gebäudes der Walter-Benjamin-Stiftung in Portbou, Photo von Jordi coll costa

Der zentrale künstlerische Begriff des Labors lautet: SAMPLE. Damit reihen sich die Artisten in einen Bogen ein, der von Walter Benjamin bis in das 21. Jahrhundert reicht. Der Montage-Begriff meint eine kulturelle Technik, in der Bruchstücke zu neuen Einheiten äußerlich zusammengefügt werden, wobei ihre Herkunft aus Zertrümmerung sichtbar bleibt; dennoch tritt das Montierte wieder als Einheit auf und wirkt konstruktiv, ganz im Sinne der Hegelschen historischen Kategorie des Neuen. Bei den Arbeiten der Laboranten ist alles aber gehalten von der Symmetrie der Teile und ruhelos verdeckter Konkordanz. Daß auch Ältestes wieder auftaucht – Scholastik, Ägypten, die Odyssee – ist charakteristisch und zeigt den unheimlich schöpferischen Charakter des Zerfalls. Die Geschichte selber montiert Zeiten, die gar nicht zusammenpassen. Montage als Gestaltungstechnik ist eine Reaktion im großbürgerlichen Geist auf die Endkrise, in die der Kapitalismus eingetreten ist. Die Reaktion wird bleiben, auch wenn die Krise überwunden werden sollte; sogar der Verfall einer Kultur bringt Innovatives hervor, das man tradieren muß. Der Begriff der ›Compilation‹ verrät schon als Wort die Spannung, daß man einem Destruierten das Konstruierte ansehen soll und umgekehrt. In der Grammatologie beginnt die Destruierung und, wenn nicht die Zerschlagung, so doch die De-Sedimentierung, die Compilation aller Bedeutungen, deren Ursprung in der Bedeutung der Logik liegt.

Spartenübergreifendes Arbeiten

Szenenphoto aus “The vera strange tapes”

Mit dem anlogen Tanztheater-Projekt the vera stange tapes begann die multimediale Zusammenarbeit von Thomas Suder und A. J. Weigoni. Das Konzept der grenzüberschreitenden artIQlationen hat eine ambivalente Geschichte, weil es sich eher mit den formalen und expressiven Aspekten von Kommunikation beschäftigt als mit dem materiellen Substrat oder Medium; deshalb befindet sich Style im Herzen der Klassifizierungen und Kategorisierungen, die einen Künstler, eine Bewegung oder eine Zeit voneinander unterscheiden. Ein neues Denken muß einer Welt ins Gesicht sehen, in der gebräuchliche Dichotomien nicht mehr gelten. Indem Ideen als Lockstoff ausgelegt werden, fliegt einem die rettende Idee schließlich wie von selber zu.

Die neuen Strukturen des Raubtierkapitalismus mit dem Künstlerethos der Selbstverwirklichung und den flachen Hierarchien, die Eigeninitiative fordern, dringen aufgrund ihrer größeren Menschlichkeit tiefer in das Seelenleben der Menschen ein. Die Grenzen zwischen Mäzenatentum und fast parasitärer Indienstnahme der Kunst und sind fließend. Kunst ist im 21. Jahrhundert ein Marketing-Instrument, ein intellektuelles Spiel und ein kühl eingesetztes Werkzeug der Disziplinargesellschaft; gleichzeitig ist sie Teil des Business und dessen schärfstes Analyse-Instrument. Diese Artisten sind nicht mehr unschuldig. Aber auch längst nicht mehr ahnungslos.

Die Halbwertzeit der sogenannten ›Neuen Medien‹

“Wasserkur” von Katja Butt und Heidrun Grote

Die Farben im Gemälde sind eine Falle, um das Auge zu überzeugen, wie der Charme der Verse in der Poesie, schrieb Poussin, und ›poetisch‹ ist das Wort, das Katja Butts Werk am besten beschreibt. Kunst ist kein natürlich nachwachsendes Gut, sondern wird von Menschen gemacht. Der Begriff Bedeutung führt gleichfalls in die Irre – samt seiner Geschwister Substanz oder Qualität. Als könnte man ein verbindliches Maß der Güte heranziehen, um zwischen guten und schlechten Werken zu unterscheiden. Dazu ist der Markt viel zu erratisch und die Kunst viel zu klug, viel zu reflexiv. Katja Butt gehört zu den Künstlerinnen, die sich nicht dem erratischen Willen des Marktes unterordnen. Ihr Interesse gilt dem Wesen des Lichts, dem Wesen dessen, was und wie wir sehen; dabei geht sie so konsequent vor wie gegenwärtig wohl kaum eine andere Künstlerin.

Pixelflut

“Wasserkur” von Katja Butt

Katja Butt inszeniert Kunst, die locker zwischen Schauplätzen hin und herspringt und der bedeutungsschweren Sinnfreiheit der REM–Phase folgt, dies allerdings mit einer zwingenden Idee. Im Atelier entstehen Einzelteile, in der Öffentlichkeit erfolgt die Synthese: gefaßt hinter Passepartouts in hellen Rahmen und in diesen Rahmen wiederum zu vierseitigen Würfelformen aufgebaut, die auf hölzernen Sockeln stehen, gemahnen ihre Photoarbeiten letztlich an Architekturmodelle und werden damit zu einem Mekka für kunstwissenschaftliche Relevanztheoretiker. Es geht der Künstlerin um Gesellschafts- und Welt-Modelle und die Versuche des Betrachters, sie zu erstellen, zu vermitteln, zu begreifen; es geht um die Entdeckung von Möglichkeiten und ihre prinzipielle Unerschöpflichkeit. Ihre Zeichnungen und digital bearbeiteten Fotoarbeiten zeigen ebenso ein Interesse für Architektur, wie sie deren statische Tendenzen durch die Lust an Dynamik und instabilen Raumsituationen erweitern.

Fiebrige Aura

“Wasserkur” von Katja Butt

Warum entdecken der Geist und das Gefühl das wirklich Neue vor allem an vertrauten Orten? Diese Frage, die Edouard Vuillard im Tagebuch notiert hat, könnte programmatisch für die Konzeption der Videoobjekte stehen. Die Videokunst droht mehr und mehr verloren zu gehen: weil die Datenträger enorm instabil sind, weil die Abspielgeräte für gewisse Formate immer seltener werden, weil die Ästhetik etwa eines Monitors oder sogar eines Spulengeräts Teil einer Arbeit sein kann und diese folglich nicht einfach durch einen neueren Bildschirm und einen SD-Karten-Player ersetzt werden kann.

Dichotomien

Die Ablehnung von Gruppenhochmut ist für die Laboranten keine Neuerung, es ist eine programmatische Abgrenzung gegenüber Althergebrachtem, geradezu Voraussetzung für eine künstlerische Produktion. Ist der Fundus innovativer Spielformen ausgereizt, langweilt Wiederholung und Selbstreferenzielles, suhlt man sich in persönlichen Obsessionen, die nur noch Eingeweihte amüsieren. Selten hat es eine Epoche gegeben, der möglicherweise sogar die Begriffe fehlen, die eigene Gefährdung zu beschreiben. Der Raubtierkapitalismus beutet nicht nur die physische Seite aus, sondern gerade die psychische Seite, die Subjektivität des Menschen. Subjektive Kompetenzen, Kreativität, Entscheidungsfähigkeit, mentale Stärken, soziale Kompetenzen stehen im Mittelpunkt der Wertschöpfung. Diese Wissensgesellschaft produziert kollektiver als eine Industriegesellschaft.

Dialog

Haimo Hieronymus sieht sich vor, sich nicht in veralteten Dichotomien von traditionell oder zeitgenössisch, lokal oder global zu verheddern. Kultur als Suchbewegung – und nicht als Kontrollfiktion – macht wesentlich sein Unbehagen an der Kunst aus. In ihren Überlegungen geleitet waren er und Peter Meilchen davon auch in ihrem Projekt Dialog. Sie gehen das Risiko ein, auf Nebengleisen zu fahren, statt Trends hinterherzulaufen. Ihr Geheimnis bleibt es, wie sie aus der gelassenen Betrachtung Funken hervorzaubern, wie aus tauber Müdigkeit Farben entstehen. Die Vergänglichkeit des Moments symbolisiert die Instabilität eines sozialen Zustands in einer Übergangsgesellschaft. Diese Flüchtigkeit ist jener Teils ihres Ichs, den sie mein Instrument nennen. Sie wirkt wie ein fragiles Fragezeichen, fremd in einer noch fremderen Welt. Melancholiker flüchten in die schützenden Arme der Tradition. Remakes laden zum Vergleich ein. Wobei das Ergebnis schon vorher feststeht: Es ist üblich, das Alte besser zu finden. Weil sich damit so wunderbar ein Lebensgefühl ausdrücken läßt – das Unbehagen an der Gegenwart. Interaktion, Vernetzung, Medialisierung sind zeitdiagnostische Schlüsselwörter geworden.

Gegenzauber

Unbehaust, Holzschnitt von Haimo Hieronymus für das gleichnamige Künstlerbuch

Die Ironie, die bei den Laboranten zu spüren ist, basiert auf Melancholie, auf einer Sehnsucht nach dem, was viele bereits abgeschrieben haben: doch noch etwas bewirken zu können, obwohl wir ständig vom Gegenteil überzeugt werden wollen – eine tragische und traurige Position, die nur von durchscheinender Klarheit und feierlicher Bescheidenheit gemildert werden kann. Fauler Zauber braucht Gegenzauber. Glaubwürdigkeit ist keine Sache der Faktentreue, weil es derlei Fakten in der Kunst gar nicht gibt. Was es gibt, ist Stimmigkeit, vermittelt über eine Form, die ihrem Gegenstand schlüssige und vielleicht auch neue Sinnzusammenhänge eröffnet. Der Gegenzauber kann dann Verzauberung heißen.

Der Idealismus war der Gedanke, daß die Menschen über eine Kraft verfügen, die dem Übel unbezahlt Widerstand leistet und das Richtige prämienfrei tut. Die letzte unbezahlbare Freiheit, nämlich Erkenntnisse zu haben, wird in ökonomische Begriffe übersetzt, weil diese liberale Ökonomie eine ›ultima ratio‹ ist, ein Ende der Vernunft. Der Weltuntergang wird zur phänomenalen Urkomödie.

Selbstachtung zu haben bedeutet für die Betreiber des Laboratoriums, hart an sich zu arbeiten. Für die Betreiber gilt keine etablierte Wahrheit als sakrosankt; indem sie das Fundament des Denkens in Frage stellen, zeigen sie, daß sich kreatives Denken unabhängig von jeder experimentellen oder auch nur mathematischen Unterstützung entfalten kann: Es gibt nichts anderes als den freien Flug der konzeptuellen Einbildungskraft, als die künstlerische Arbeit. Nur sie hat die Macht, das Gefühlschaos, die Vergeblichkeit und das verfehlte Leben in die Wahrheit einer höheren Ordnung zu überführen.

Solidarität der Solitäre

Seit länger Zeit ist der schwindende Stellenwert der Künste zu beobachten. Bei der allgemeinen Eventisierung wird die Zusammenrottung zur Massenidentität eine neue Realität. Daher folgt die Edition Das Labor dem Hans-Ulrich Prautzschs Motto der Solidarität der Solitäre. Zusammengeschlossen hat sich in der Gründungsphase ein kleiner Kern von Artisten, die an den Produktionsortenaktiv an der Realisation arbeiten: der Werkstattgalerie in Arnsberg, in denen Künstlerbücher entstehen und Ausstellungen gemacht werden, und dem Tonstudio an der Ruhr, das die AV–Reihe betreut. Über die Jahre haben sich unter der Produktion unterschiedliche Kompetenzen ergeben, die die Kollegen einander wechselseitig zur Verfügung stellen. Das klassische Verlegermodell, bei dem sich der große Onkel um die Artistenkinder kümmert, wird es hier nicht geben. Es wird eher wie in der bildenden Kunst funktionieren, wo die Arbeit ›in progress‹ passiert, sich Netzwerke bilden. Die Arbeit sollte im Sinne Tretjakovs eine organisierende Funktion haben, eingreifend in bestehende Verhältnisse und deren kontinuierlichen Wandel anregend.

Rheintor

Rheintor, Innen, Photo: Martina Haimerl

So kam 2011 das Rheintor in Linz dazu. Der bildende Künstler Klaus Krumscheid stellt die Freibank zur Verfügung. Was die Artisten bei diesem Projekt verbindet, ist der Rhein. Alles im Fluß, in Fluß. Das Fachidiotentum ist perdu, die Edition Das Labor dokumentiert in einem Katalog die Durchlässigkeit der Kunstgattungen. Diese Artisten interessieren sich für eine Kunst, die nicht illustriert, sondern anders politisch relevant ist. Es sind Künstler, die sich für Lebensentwürfe und das Zusammenleben interessieren und nicht für standardisierte Wege. Diese Art zu arbeiten befreit die Artisten von der Massenidentität, die just in der globalisierten Gesellschaft entsteht. Sie machen keine Kunst, um Antihelden einer Subkultur zu sein, sondern vor allem, um die Sinngebung durch Kunst zu retten, um unter der Arbeit zu zeigen, was es bedeutet als Individuen zu überleben.

Seitdem das Internet mit Text befüllt wird, modifiziert sich die Buchkultur zur Schriftkultur. Die digitale Kommunikation des 21. Jahrhunderts verändert unser Denken, Schreiben und Publizieren. Die neue Schriftkultur eröffnet die Möglichkeit, zu analysieren und geschriebene Texte, Bilder und Töne zu vergleichen und fortwährend den neuesten Erkenntnissen anzupassen. Analog zur Erfindung Johannes Gutenbergs eröffnet das Internet neue Möglichkeiten der Verbreitung von Literatur, Kunst und Musik.

Auf den Tisch!

1. Logo-Entwurf für die Edition von Peter Meilchen

Die Artisten der Edition Das Labor legen ihr gesammeltes diskursives Wissen über Kunst und deren gesellschaftlicher Begleitumstände auf den Tisch. Sie ergänzen einander, streiten miteinander und korrigieren einander – und in einigen Fällen entdecken manche in der Vielstimmigkeit der Argument eine neue Position. Die klassische Autorschaft ist ebenso perdu wie der Geniekult des 19. Jahrhunderts. Die Frage lautet nicht, wie das Netz das Denken verändert, sondern wie das künstlerische Denken das Netz formt.

Die Artisten der Edition Das Labor bewegen sich in einem Niemandsland, einem Freiraum, in dem es keinen politischen oder ökonomischen Druck gibt und keine ästhetische Diktatur. Sie ergründen die Umstände, in welchen Situation Kunst Widerstand sein kann, ohne in opportunistische Kapitalismuskritik zu verfallen. Das Internet läßt sich aktiv statt reaktiv nutzen, es verhilft dem Kunstfreund zu finden, was er wissen möchte. Im Buch gibt es Fußnoten und Intertext, aber keinen Hypertext. Dort muß der Leser alle geistigen Vernetzungen selbst leisten. Das Internet bietet dem User eine andere Form des Umgangs. Die Benutzung von Hyperlinks läßt eine Ausstiegsmöglichkeit. Das Buch hingegen baut einen größeren Druck auf, dranzubleiben.

Ethos

Cover-Photo: Anja Roth

Die Gründer der Edition Das Labor interessieren sich für Kunst, die nicht illustriert, sondern anders politisch relevant ist. Hier sind Künstler am Werk, die sich für Lebensentwürfe und das Zusammenleben interessieren und nicht für standardisierte Wege. Bei diesem Netzwerk sind grundlegende Werte die Selbsthilfe, Selbstverantwortung, Demokratie, Gleichheit und Solidarität angezeigt. Die beteiligten Artisten vertrauen auf die ethischen Werte Ehrlichkeit, Offenheit, Sozialverantwortlichkeit und Interesse an anderen Menschen. Der Sinn der Edition liegt darin, daß sich Künstlergruppen aus unterschiedlichen Regionen zusammenschließen und dem herrschenden Kulturbetrieb etwas Eigenes entgegensetzen. Diese Art zu arbeiten befreit die Gründer der Edition Das Labor von der Massenidentität, die in der globalisierten Gesellschaft entsteht. Sie machen keine Kunst, um Antihelden einer Subkultur zu sein, sondern vor allem, um die Sinngebung durch Kunst zu retten, um als Individuen zu überleben.

Ohrenzwinkern · die AV-Reihe der Edition Das Labor

Cover-Photo: Leonard Billeke

Die Edition Das Labor lanciert mit Ohrenzwinkern ein Label, auf dem Facetten der multimedialen Kunst zugänglich macht, die nach den herkömmlichen Marktgesetzen unerschlossen bleiben. Den ›Markt‹ gilt es zu entmystifizieren. Der Kunstmarkt besteht aus vielen Menschen, die nur darauf warten, daß sich an den aus den USA importierten Standards etwas ändert. Das aufgeklärte Publikum erwartet auf Künstler, die den Vorhang aufreißen, um in einer anderen Form zu erzählen. Wir haben im deutschen Sprachraum nur das Standardisierte und das sich sehr radikal gerierende Kunstkino oder abseitige Avantgardeliteratur. Es gibt andere Erzählformen, und diese werden in der Edition Das Labor präsentiert.

Die DVD ist das Medium, das mehr als je ein anderes zuvor die Geschichte der multimedialen Arbeit gegenwärtig zu halten erlaubt. Und zwar an der Schnittstelle zwischen der virtuellen, freien Verfüg- und Kopierbarkeit der Internet-Archive, der subventionierten Museen und der durch Kopierschutz und Regionalcodes geregelten Verwertbarkeit auf Kapitalmärkten. Die AV-Reihe Ohrenzwinkern will physische und metaphorische Prozesse des Verharrens, des Abschieds, des Übergangs und der Verwandlung abbilden, ihnen nachspüren, sie aufschlüsseln.

Der erste und letzte Sinn

Fortzuhören ist schwieriger als fortzublicken. Hören bedeutet Eintauchen, es birgt ein Potential an Regression, so daß sich der Hörer im besten Fall an den tiefsten Orten seines Wesens berührt fühlt. Das Gehör ist der erste Sinn, der sich im Mutterleib bildet, und der letzte, den der Sterbende verliert. Die Faszination des Hörbuchs geht daher über die Lust an Geschichten hinaus und reicht, anthropologisch betrachtet, sehr tief.

Peter Melichen als Rezitator

Selten gehörte und gezeigte multimediale Arbeiten aus den Beständen werden in der Reihe Ohrenzwinkern auf DVD und CD wieder allgemein zugänglich gemacht. Die Restauration der Super-8-Films Schland ist beispielsweise eine Resynchronisation, die Bild und Ton des Films, im vorliegenden Original gegeneinander verrutscht, wieder in den richtigen Bezug zueinander bringt. Auch bei den anderen Ausgaben wird die geheime Ordnung der Bilder und der Töne erkundet.

Die Edition Ohrenzwinkern versteht sich als zeitgenössische Form, über Kunst- und Literaturgeschichte nachzudenken. In formschönen DVD-Hüllen wird dem Sammler eine Reihe präsentiert, die eine Zierde für jedes Bücherregal darstellt. Die Zukunft der Vergangenheit der multimedialen Arbeit sieht dank DVD und CD anders aus. Mit dieser Edition läßt sich ein Stück davon in Augenschein nehmen.

Der Kulturbetrieb konfiguriert sich neu

Wie bereits beschrieben, ist neben den Produktionsorten Tonstudio an der Ruhr und der Werkstattgalerie Der Bogen ist 2011 als Veranstaltungsort das Rheintor hinzugekommen. Weitere Vernetzungen mit ähnlich arbeitenden Artisten werden angestrebt. Das Sprachrohr Kulturnotizen (KUNO) bildet die Plattform. Dieses Podium verschaltet sinnfällig das künstlerische Denken und Tun: on- und offline.

Rasant

Die Konzentration im Kulturbetrieb schreitet im Internetzeitalter rasant voran. Kunst ist eine Ware mit besonderer Aura. Mit der Beschleunigung des Kultur-Betriebs und seiner am Mainstream orientierten Produktion hat sich auch das Feuilleton gewandelt: Konzentrierte sich das Interesse bislang auf den künstlerischen Gegenstand, so scheint zu beginn des 21. Jahrhunderts dessen Personifizierung das Maß aller Dinge zu sein. Über Vermarktungsstrategien wird bereits seit Gutenbergs Erfindung des Bleisatzes gestritten. Der Markt für anspruchsvolle Innovationen und Entdeckungen hat sich dramatisch ausgedünnt, die Neugier auf Kunst hat in einem beängstigenden Maß nachgelassen. Pop, Glamour und Spaßkultur haben sich vor das Ernstere geschoben. Zerstreuung, Abenteuer, Selbsterfahrung, Internet verbauen den Blick auf das Wesentliche, das wir benötigen, wenn viele dieser Phänomene ihre Anziehungskraft verloren haben. Buchhändler verlangen Werbekostenzuschüsse, damit Bücher überhaupt in der Auslage präsentiert werden, die Presse ist immer stärker von den Anzeigen der Großverlage abhängig, deren Bücher sich immer ähnlicher werden und die Literaturkritik ist auf den Hund gekommen. Umgeschriebene Waschzettel beleidigen die Leser genauso wie redaktionelle Inhalte, die an Anzeigen geknüpft sind.

Ausgrabungsstätte für die Zukunft

Informationen sammeln, konzentrieren und das Kondensat als gebündeltes Wissen wieder an die Nutzer weitergeben – das ist der Mechanismus, der die Konzentration des künstlerischen Netzwerks vorantreibt. Als Werkzeug dient die Edition, eine Frischluftzufuhr für den Kulturbetrieb, eine Transparenzinitiative, die Meinung unzensiert ›liefert‹. Kultur ist mehr als Unterhaltung, genauer: die Anstrengung des Begriffs und Arbeit am Gegenstand. Die Artisten der Edition Das Labor nehmen den Vertrieb ihrer Produkte selbst in die Hand.

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