die witterung der worte

der titel erinnert mich daran, daß die worte wetter und gewitter mit wittern verwandt sind, siehe altnordisch veðr = wetter, witterung, wind, geruch, norwegisch vær = wetter, atem, være = wittern. der mensch hat das wetter mit seinem geruchssinn erkundet und vorausgeahnt. ursprung der sprache ist die sinnliche wahrnehmung. sprechen wir also von der witterung der worte, die ahnungen folgt, um in und mit der sprache zu erkennen. die autorin fragt, wie viele wörter für eine sprache günstig sind, damit sich menschen darin maximal gut verständigen können. man möchte zunächst antworten: so viele wie möglich. »Wäre das Zusammenleben der Menschen friedlicher, einfacher, komplizierter, kultivierter, bereichernder, wenn wir mehr Wörter zur Verfügung und im Gebrauch hätten«, ja manche wörter »Kürzestgeschichten« wären? vorstellbar scheint dies schon. immerhin war das erzählen von geschichten einst identitätsbildend für gemeinschaften.

goethe, der auch wußte, daß polnisch lisica füchsin bedeutet, hatte einen riesigen wortschatz, der ihm viele differenzierungen und sublimierungen ermöglichte. die modernen gesellschaften haben, zumal durch die globalisierung in allen bereichen, potentiell ebenfalls enorm viele wörter zur verfügung. zugleich kann wortundbedeutungsvielfalt menschen überfordern und dann empfänglich machen für stereotype begriffe, denkweisen und weltbilder. nicht zuletzt dies erklärt die wirkungen des groben denkens. die »Nachrichten in einfacher Sprache« sind eine reaktion darauf, die aber wohl eher ratlosigkeit zeigt, weil seriöse medien bestimmte bevölkerungsschichten kaum mehr erreichen, als daß sie viel bewirken werden. die einen schätzen das unbekannte, weil sie darüber nachdenken können. andere fühlen sich davon entwertet und bedroht und reagieren mit vorurteilen und feindbildern. die haltung »Was ich nicht verstehe, das kann nichts taugen.«, oder »das darfs nicht geben.«, ist weit verbreitet. nicht alle menschen denken gern, und einige nur, wenns gar nicht mehr anders geht.

joanna lisiak fragt: »Wäre die Sprache durchgreifender, effizienter, da man mit weniger Wörtern bereits viel sagen könnte? Und was bedeutete diese Effizienz? Weniger oder mehr Gespräche? Emotionalere oder sachlichere? Was würden wir als Gesellschaft, als Individuen verlieren oder gewinnen? Wie würde sich alles verlagern über die zwischenmenschliche Sprache hinaus: in den Medien, in Büchern, im Theater oder im Film? Was verträgt ein Mensch an Kommunikation überhaupt?« das sind fragen, die haften bleiben, also nachhaltig wirken, weil es einfache antworten darauf nicht gibt. eine effiziente sprache befördert wohl sachliche umgangsformen, und umgekehrt. einerseits bleiben viele menschen von den worten und deren bedeutungen und bewertungen, mit denen sie aufwachsen, abhängig, und hinterfragen sie nie wieder, zum andern wählt jeder seine worte selektiv. eine tiefergehende verdichtung der worte, bei der auch neue wortschöpfungen entstehen, wird immer nur minderheiten erreichen. mir fällt regelmäßig bei synonymen auf, daß ich die meisten davon nie benutzen würde, da sie nicht meinen bevorzugten sprachebenen entsprechen. zugleich staune ich, wenn ich höre, daß eine hausfrau ihr kochbuch »studiert« oder ein fußball-trainer »eine Philosophie« hat, weil ich bei studieren und philosophie an ganz anderes denke.

walter benjamin meinte: »Das Wort ist das Gegenwort gegen die Wörter.« man macht wörter zu worten, das heißt zum wortindividuum gegenüber den wortkollektiven, indem man sie sensibel ergründet und originell verwendet. joanna lisiak sagt: »Triftige, prägnante Worte, die alles scharfsinnig und doch offen zu beschreiben vermögen, gibt es selten. Ein Wort beispielsweise, das intim ist, um sich möglichst rasch zu verbinden, ohne dass es einen entblösst. Oder eines, das geradezu aufruft, eifrig, lustvoll weiter erörtert zu werden. Eines, welches das Konkrete im Abstrakten birgt, Inneres und Äußeres zusammengebracht. Oder ein Wort aus einem komplexen Geflecht, das mehrere Ebenen umfasst und dennoch leicht daherkommt. Solche Wörter stehen auf meiner persönlichen Lieblingswortliste zuoberst. Vielleicht, weil sie rar sind.«

beim erkunden der wechselnden bedeutungen eines wortes läßt sich manches aus der denkundmentalitätsgeschichte nachvollziehen. joanna lisiak verweist jedoch zugleich auf den verlust von wörtern: »Nicht nur ganze Sprachen sterben, auch einzelne Wörter sind vergänglich. Sie werden einem neuen Sprachgebrauch unterzogen, werden neu komponiert, gelten eine Weile als altmodisch, nicht mehr im Gebrauch, bis sie tatsächlich nirgendwo mehr geschrieben stehen und von niemandem mehr in den Mund genommen werden.« überdies geht mit alten sprachen und wörtern oft sprachklang verloren. man vermutet, daß im 21. jahrhundert weltweit mehr als tausend kleinere sprachen verschwinden. wir brauchen auch eine ökologie der kultur. alexander von humboldt berichtete von einem papagei, der noch wörter eines indianerstamms sprach, bei dem er aufwuchs und der inzwischen ausgestorben war.

dieses buch kann auch als lebensratgeber gelesen werden, aber nicht der herkömmlichen didaktischen und vulgärpsychologischen art. die autorin reflektiert darin oft grunderfahrungen und existentielle momente, etwa solche an weggabelungen, wo man entscheidungen trifft, die weiterwirken. »Der Geruch von Wind« ist sozusagen ein wörterbuch der besonderen großen und kleinen augenblicke, das dem leser angebote zum nachdenken und dialog macht. »Die Grenzen sehen, anerkennen und darüber hinaus gehen.« das könnte man lebensweisheit nennen. »Im Auge des Orkans ruhig werden.« wer genügend kreative energien hat, um etwas in bewegung zu versetzen, das dann tanzend umherwirbelt, ist im inneren seines eigenen orkans, und der darin gewonnenen erkenntnisse, am sichersten. das cover zeigt das bild »Tauchgang« von mariola lisiak mit strukturen des wassers, die das fließen und eintauchen in tiefen assoziieren.

joanna lisiak bedenkt denkarten und denktechniken: »Jemand mit einem klaren, witzigen, direkten Verstand.«, »Jemand mit einem unklaren, diffusen, ernsten Verstand.« sie selbst hat einen blickenden verstand und verständigen blick auf menschen und dinge. ein zugleich ernster und witziger verstand ist ebenso möglich. und das witzige kann auch indirekt wirken. alles gute wirkt sowieso am besten von allein. verschmelzungen von gegensätzen an der oberfläche können ambivalenzen sichtbar machen und in die tiefe führen.

»Die Intensität von Kindern.«, »Leichtigkeit in eine Sache bringen.«, »Wenn man ganz frei und wild kommuniziert; in alle Richtungen, auf allen Ebenen.«, »Wenn man vor lauter Ideen nicht weiß, wo man beginnen soll.« dieses gefühl war jean paul sicher sehr vertraut. »Gleichzeitig fühlen und denken.« dies gelingt, indem intuition und reflexion zusammenwirken, und zwar von beiden seiten her und auf augenhöhe. »Sich beim Unterwegssein von der Intuition navigieren lassen.«, die auch dem navigiertwerden durch andere entgegnet. es sind schon autofahrer, die sich navigieren ließen, ohne dabei mitzudenken, in sümpfen und mooren gelandet. »Dem eigenen Auto einen Namen geben.« bei der, auch emotionalen, bedeutung, die autos für menschen haben, ist es schon erstaunlich, daß man ihnen keine namen gibt. manche männer würden ihrem auto wohl namen von raubtieren oder kriegernamen verpassen.

»Jemand, der die Aussagen mit Anekdoten, Zitaten, historischen Gegebenheiten ergänzt.« da fühle ich mich angesprochen, ebenso bei »Sich nähren aus dem, was man weiß und denkt.« »Jemanden erst in seiner Größe/Vielfalt/Wahrhaftigkeit erfassen, wenn er schon gestorben ist.« in der literatur bekommt man die meisten anregungen von schriftstellern, die nicht mehr leben. im realen leben interessieren sich viele nicht für die tiefen anderer menschen und folgen lieber oberflächeneindrücken und vorurteilen, weil dies das nachdenken erspart. »Mit einem Verstorbenen sprechen.« ich führe öfter fiktive dialoge mit toten dichtern oder künstlern. und vermutlich sind die toten, von allen irdischen zwängen und interessen befreit, ohnehin die klügeren und besseren menschen.

wenn man personen erst entdeckt, nachdem sie gestorben sind, begreift man oft zugleich, daß sie ihrer lebenszeit voraus und überlegen waren. kleingeister und flachdenker wollen menschen mit eigenen denkhaltungen und denkleistungen besser nicht wahrnehmen, und zwar aus egoistischen gründen, damit sie ihre unterlegenheit nicht bemerken. hugo ball schrieb: »Über nichts ärgern sich ja die Menschen so sehr als über einen Aufwand von Bildung und Intelligenz, der ihnen geschenkt wird.«

ich bin in einem leipziger restaurant 1988 einmal einer älteren frau begegnet, die am gleichen tisch saß und behauptete, sie habe albert einstein noch persönlich gekannt. ihre frische intelligenz und einige details aus dem leben einsteins, die ich zuvor nicht kannte, machten dies durchaus glaubwürdig. etwa soll er an der tür seines hauses ein schild mit der aufschrift: »Bitte nicht stören! Ich arbeite!« angebracht haben und dann einmal selbst vor seiner eigenen haustür umgekehrt sein, sicher weil seine gedanken woanders waren, also arbeiteten.

»Die Gefahr einer pauschalen Aussage.« die fähigkeit zum relativieren gehört zu den originär mittelwestundnordeuropäischen gaben, während man anderswo noch oder wieder eher an eindeutige, allgemeingültige und unantastbare wahrheiten und bekenntnisse glaubt, was differenzierungen und entspannende ironie verhindern kann. zudem glauben viele, ihre subjektiven stimmungen, meinungen und deutungen entsprächen direkt objektiven tatsachen. und das betrifft nicht nur ungebildete menschen.

das reflexive denken ist das wichtigste erbe der aufklärung, und der kritik derselben, weil es sich immer erneut neu anwenden läßt, während politische, soziale, wirtschaftliche, religiöse und kulturelle systeme zerfallen und vergehen. der europäische geist will reflektieren. und das sollte so bleiben, zumal es vor groben weltbildern schützen kann. freilich besteht auch die gefahr, daß man etwas zerreflektiert und vor lauter deutungsnuancen, die als spiegelbilder das original überblenden, das inhaltsganze und wesentliche aus dem blick verliert.

einer zeugin jehovas, die bei mir klingelte und mich am haustelefon fragte, ob auch ich der meinung sei, daß gott im leben oft fehle, antwortete ich einmal, götter seien keine mangelware, es gäbe tausende davon, genauso wie dämonen, da könne sich jeder einen, oder sogar mehrere, aussuchen, worauf sie »Einen schönen Tag noch.« sagte. eine stunde später fand ich ein faltblatt der zeugen jehovas im briefkasten, das mich wohl von der vielgötterei heilen sollte.

im vorwort schreibt die autorin: »Die Bewahrung der Vieldeutigkeit kann in Gefahr geraten, wenn die Benennung zur Wahrheit erklärt wird.« wo dies geschieht, muß das angeblich wahre entnannt werden. »Ewig ist nur, was zur Wahrheit keinerlei Beziehung hat.«, behauptete emile m. cioran. das wort bewahrung deutet an, daß das vieldeutige bereits im leben vorhanden ist und weder erst erfunden werden muß noch durch abstrakte begriffe, lehrsätze und parolen, die allzu oft die funktion haben, weiteres und tieferes nachdenken zu verhindern, abgetötet werden sollte. »Den aktuellen Zeitgeist nicht verstehen.« menschen folgen dem zeitgeist, weil sie ihre zeit sonst nicht ertragen würden. wer einem zeitgeist folgt, versteht oft die probleme seiner zeit nicht. zeitungen sind zeitgeistverwertungsorgane.

differenzierung und relativierung sind bei joanna lisiak denkart und kulturform zugleich. »Jemand, der Strukturen erkennt.« das gehört zu den fähigkeiten, die ihren texten tiefe gibt. wer selber vielschichtig strukturiert ist, erkennt auch strukturen seiner mitwelt genauer. »Jemand, der die Dinge ganz für sich, einzeln, einmalig sehen und schätzen kann.« die gedanken im buch sind zudem in ihrer reihenfolge bewußt komponiert, so daß die sätze miteinander korrespondieren und sich gegenseitig ergänzen. »Die Anpassung, die durch Unsicherheit entsteht.«, »Die Anpassung, die durch Vernunft entsteht.« und »Die Anpassung, die aus dem Bewusstsein für Harmonie entsteht.«

außerdem gibt es, wie in anderen ihrer bücher, kulturgeschichtliche reflexionen: »Die Faszination für eine ganz bestimmte Kultur haben.« der verstand kann solche vorlieben nicht immer sofort erklären. mir sind beispielsweise die altorientalischen kulturen, die griechische und keltische mythologie, die jüdische mystik, die romantik und der surrealismus besonders nahe, was wahrscheinlich mit meiner neigung zum bildhaften denken sowie der sympathie für gegenwelten der phantasie zusammenhängt. »Die Liebe und Faszination für bestimmte Märchen«. ich komme immer wieder auf märchen wie »Frau Holle«, »Hänsel und Gretel«, »Rotkäppchen und der Wolf« oder »Schneewittchen« zurück, die ich als kind teilweise auswendig kannte, daneben auf märchen, die etwas mit eigenen grunderfahrungen, projektionen inbegriffen, zu tun haben müssen, wie das niederdeutsche »Von dem Machandelboom«, das bei ludwig bechstein vor 2000 jahren spielt.

»Das Unbehagen, im falschen Moment vom Traum erwacht zu sein.« bis zu einem gewissen maße kann man üben, im richtigen moment aufzuwachen. im günstigen fall ist das erwachen der beginn der rekonstruktion des traums durch die montage seiner handlungen und bilder, ähnlich wie ein archäologe mit seinen funden eine frühere kultur rekonstruiert. joanna lisiak schreibt, daß sie gelegentlich eine klarträumerin sei. während ich an traumnotaten arbeitete, träumte ich auch öfter und intensiver, oder merkte mir mehr träume. in seltenen fällen hab ich sogar eine traumdeutung oder verschiedene ausgänge eines traums geträumt.

»In einem Gesicht etwas sehr Altes erkennen.« das meint wahrscheinlich etwas allgemeinmenschlichen, das zeitlos wirkt. kinder haben kurzzeitig merkmale früher vorfahren im gesicht, die dann wieder verwachsen. bei manchen ahnt man so die geschichte der völkerwanderungen ihrer ahnen. ich kannte personen, denen ich erklärte, sie hätten sumerer oder etrusker unter ihren ahnen. bei einigen, die urdeutsche namen tragen, bemerkt man sogar ostasiatische gesichtszüge. beim betrachten meiner kindheitsfotos sage ich mir, daß ich vermutlich germanisch und keltisch gemischt bin.

»Mit Gegenständen sprechen.«, »Mit Pflanzen sprechen.« und »Eine Sprache zwischen Mensch und Tier entwickeln.« das benennt den anspruch, auch dingen, pflanzen und tieren in ihren eigenarten zu entsprechen, indem man ihnen mit empathie begegnet. »Ein Insekt retten.« ich fange sogar wespen, die den weg ins freie nicht mehr selber finden, mit einem plastikglas, das ich dann mit einem kleinen notizbuch abdecke, ehe ich die wespe am fenster wieder freilasse. gegenüber mücken bin weniger tolerant. »Ins Wasser schauen, bis man etwas entdeckt, das sich bewegt.«, also bis das zu sehende einem entgegenkommt.

»Etwas für künstlich halten und beim Näherkommen und Anfassen feststellen, dass dieses Etwas lebt.«, oder umgekehrt. strabon berichtete über ein bild des protogenes mit einem an eine säule gelehnten satyr und einem rebhuhn daneben, das, sobald das gemälde aufgestellt war, von den menschen betrachtet und bewundert wurde, als sei es echt, während sie den satyr, obgleich ebenfalls gelungen dargestellt, fast übersahen. noch mehr aber staunten die besitzer von rebhühnern, als ihre zahmen vögel, die sie mitbrachten und vors gemälde stellten, dem gemälde zuriefen wie ihresgleichen und damit für einen menschenauflauf sorgten. da nun protogenes sah, daß die nebensache zur hauptsache wurde, bat er die vorsteher des tempels, den vogel auf dem bild beseitigen zu dürfen. und so tat er es. heute wissen wir, daß sich das reale und fiktive, im alltag wie in der literatur und kunst, permanent miteinander verbinden und vermischen.

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Umschlag: «Tauchgang», 2016, von Mariola Lisiak

Der Geruch von Wind, Wörterbuch ohne Wörter von Joanna Lisiak, 2019, 280 Seiten, isbn 978-3-74942-246-
Softcover ca. CHF 25.- [auch als eBook erhältlich]