Lyrik als Seismograph an der Epochenschwelle

Die Lyra galt im antiken Griechenland als Erfindung des Hermes, der sie seinem Götterbruder Apollon als Entschädigung für seinen Rinderdiebstahl übergab. Im Hellenismus war sie ein Symbol der Dichter und Denker, woraus sich später der Begriff Lyrik entwickelte.

Reden wir nicht drumherum, die Kulturnotizen (KUNO) halten das Gedicht für die Köningsdisziplin der Literatur. Poesie zählt für die Redaktion zu den wichtigsten identitäts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies findet sich nach reichlicher Überlegung auch im Versuch einer poetologischen Positionsbestimmung. Wie Friedrich Nietzsche die Griechen in der „Fröhlichen Wissenschaft“, versteht KUNO eine auf Form bedachte Lyrik „oberflächlich – aus Tiefe“. Ein Gedicht darf heiteren Unernst verbreiten, es darf aber auch unmittelbar anrühren. Es muss nicht verkompliziert wirken, soll aber vielschichtig sein.

Anbeter der Formen, der Töne, der Worte? Eben darum – Künstler?

Friedrich Nietzsche

Nach diesen einführenden Überlegungen, einen Rückblick: Mit dem Begriff „Gedicht“ wurde ursprünglich alles schriftlich Abgefasste bezeichnet; in dem Wort „Dichtung“ hat sich noch etwas von dieser Bedeutung erhalten. Seit etwa dem 17. Jahrhundert wird der Begriff im heutigen Sinn nur noch für poetische Texte verwendet, die zur Gattung der Lyrik gehören. Erstmals wurde der etymologisch verwandte Begriff „geticht(e)“ von Martin Opitz in dessen 1624 veröffentlichten Buch von der Deutschen Poeterey als Zeilen, die durch eine Versdichtung gekennzeichnet sind, verwendet. Dieses Leitwerk enthielt Vorschriften für regelgeleitetes Dichten für fast alle Gattungen. „Damit aber die syllben vnd worte in die reime recht gebracht werden / sind nachfolgende lehren in acht zue nehmen.“ (Kapitel 7).

Er übertrug das System der französischen Gattungspoetik mit apodiktischem Lakonismus ins Deutsche und bestimmte durch seine Andeutungen die Schubladeneinteilung der Ästhetiken noch bis ins 19. Jahrhundert.

Rolf Schröder

Gestatten wir uns einen mikroskopischen Blick darauf, welche Rolle KUNO in der Gutenberggalaxis spielen soll: Mit der Gründung des Projekts Das Labor geht es um die Frage der poetischen Produktion. Sprache mag dehnbar sein, grenzenlos ist sie nicht. Daher untersucht die Redaktion die Lebendigkeit des Sprachmaterials. KUNO spießt Wörter auf, neue ebenso wie alte aus der Erinnerung, wie einen seltenen Schmetterling und betrachtet diese Falter distanziert von allen Seiten. Es entstehen neue Textformen, mit denen die Gesellschaft sich von sich selbst erzählt: Soziale Poetik, Sound-Poetik und Social Reading.

Dichtung ist Einsamkeit ohne Abstand inmitten der Geschäftigkeit aller.

René Char

KUNO hat ein faible für das poetische Polymorphem: Ein umfangreiches (oft auch mehrteiliges) lyrisches Werk mit unter Umständen auch epischen Elementen wird als Langgedicht bezeichnet, ein zyklisch angelegtes als Gedichtzyklus. Eine historische Sonderform des Langgedichts ist das Poem. Bei aller fiktionaler Kreativität beinhaltet diese diskursive Zauberkraft statt einer nachvollziehbaren Handlung vor allem die spielerische Betrachtung einer geistigen Haltung. KUNO interessiert sich vor allem für poetische Polymorphe und die dramatische Umsetzung, vor allem im performativen und akustischen Bereich.

Der Polyphonie Ausdruck verleihen.

Ein Ausblick: Mit all diesen lyrischen Formen und ihrer Ausweitung in den akustischen Bereich, wird sich die Redaktion in den nächsten Jahrzehnten beschäftigen. Angedacht sind essayistische Spaziergänge durch unsere neuere Kulturgeschichte, als nonkonformistische Kulturreflektion. Wir begreifen Lyrik und Essays auf KUNO als eine Versuchsanordnung, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Gattungsgrenzen gibt es bei diesem offenen Sprachstrom für KUNO höchstens, um leichtfüssig über sie hinweg zu gehen.

 

 

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Poesie zählt für KUNO zu den identitäts- und identifikationstiftenden Elementen der Kultur

Weiterführend Poesie zählt für KUNO zu den identitäts- und identifikationstiftenden Elementen der Kultur, dies bezeugt der Versuch einer poetologischen Positionsbestimmung. Um den Widerstand gegen die gepolsterte Gegenwartslyrik ein wenig anzufachen schickte Wolfgang Schlott dieses  post-dadaistische Manifest. Warum Lyrik wieder in die Zeitungen gehört begründete Walther Stonet, diese Forderung hat nichts an Aktualität verloren. Lesen Sie auch Maximilian Zanders Essay über Lyrik und ein Rückblick auf den Lyrik-Katalog Bundesrepublik, sowie einen Essay über den Lyrikvermittler Theo Breuer. KUNO schätzt den minutiösen Selbstinszenierungsprozess des lyrischen Dichter-Ichs von Ulrich Bergmann in der Reihe Keine Bojen auf hoher See, nur Sterne … und Schwerkraft. Gedanken über das lyrische Schreiben. Lesen Sie ein Porträt über die interdisziplinäre Tätigkeit von Angelika Janz, sowie einen Essay der Fragmenttexterin. Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier, ein Essay fasst das transmediale ProjektWortspielhallezusammen. Auf KUNO lesen Sie u.a. Rezensionsessays von Holger Benkel über André Schinkel, Ralph PordzikFriederike Mayröcker, Werner Weimar-Mazur, Peter Engstler, Birgitt Lieberwirth, Linda Vilhjálmsdóttir, und A.J. Weigoni. Lesenswert auch die Gratulation von Axel Kutsch durch Markus Peters zum 75. Geburtstag. Nicht zu vergessen eine Empfehlung der kristallklaren Lyrik von Ines Hagemeyer. Diese Betrachtungen versammeln sich in der Tradition von V.O. Stomps, dem Klassiker des Andersseins, dem Bottroper Literaturrocker „Biby“ Wintjes und Hadayatullah Hübsch, dem Urvater des Social-Beat, im KUNO-Online-Archiv. Wir empfehlen für Neulinge als Einstieg in das weite Feld der nonkonformistischen Literatur diesem Hinweis zu folgen.