kuchenmännchen und hummermenschen

der band »Bernstein und Valencia« von sibylle ciarloni, die auch bühnentexte und essays schreibt und mit auftrittsformen experimentiert, enthält 22 erzählungen. die ersten texte, behutsam geschriebene realistische kurzgeschichten mit oft familiären hintergründen und einem genauen blick auf details, bieten, meist von den figuren, die überwiegend aus einfachen verhältnissen stammen, selbst erzählt, innenansichten von lebenswelten, wobei vermieden wird, die protagonisten bloßzustellen. in »Die ganze Arbeit« erklärt sie: »Es gibt Erzählungen, die nichts zu suchen haben im Licht der Öffentlichkeit, weil sie dort kleinmütig zerfetzt werden und der Mensch, der sie aus eigener Erfahrung und mit seinem Herz in der Hand erzählt, nicht mehr geachtet wird.« vielleicht hebt es auch fragmentierungen und zersplitterungen von identitäten auf, wenn man die figuren selber reden läßt. ich dachte beim lesen darüber nach, welche erfahrungen autobiographisch sein könnten und damit auf prägungen der autorin verweisen. für die geschichten selbst, die ihre eigene dynamik entfalten, ist dies aber nebensächlich.

das authentische muß von sibylle ciarloni, die im aargau aufwuchs und heute in italien lebt, jedenfalls nicht gesucht oder konstruiert werden. es ist natürlicherweise in ihr vorhanden. aufgrund der ursprünglichkeit ihrer erzählerischen sprache, bei der erzählton und wörtliche rede oft ineinanderfließen, ahnt man, daß sie mit traditionen des mündlichen erzählens vertraut ist. einige der texte setzen sich mit vorurteilen gegenüber benachteiligten, mißbrauchten, beschädigten und außerseitern auseinander, so »Die ganze Arbeit«, wo das ausnehmen, entgräten, entschuppen und filetieren von fischen in einer hotelküche mit der wollust der hotelchefin und ihrer küchenangestellten verbunden wird, zu deren aufgaben offenbar auch die prostitution gehört, wobei es zum bildungsniveau der hotelbesitzerin heißt: »Warum man Bücher zweimal übersetzt, war ihr schleierhaft.«

nebenbei beschaffen sich in dieser erzählung alpendohlen, auch bergdohlen genannt, listig nahrung, wie natur und kultur des alpenraums insgesamt öfter hintergründe der handlungen bilden. alpendohlen, die einen gelben schnabel und rote füße haben, leben in den schweizer alpen, wo sich ihr nahrungsangebot durch den tourismus kontinuierlich verbessert hat, noch auf 3800 metern höhe. im sommer ernten sie obstgärten, plantagen und weinberge im schwarm ab. während der partnerwerbung vollführen alpendohlen, die in felsspalten, wo sie auch ihre nahrung für den winter verstecken, höhlen und grotten nisten und durchschnittlich 15 jahre alt werden, effektvolle synchronflüge vor hochgebirgskulisse, wie wenn sie touristen etwas vorführen wollten. in den mammutsteppen der eiszeit waren diese vögel verbreiteter als im heutigen europa. die alpen sind eines ihrer rückzugsgebiete.

einige passagen assoziierten mir szenen aus filmen des italienischen neorealismus. mehrfach werden eltern beschrieben, die ihre kinder nicht wirklich gut behandeln oder gar für egoistische interessen mißbrauchen, wie in »Ich war Durty«, wo eine mutter ihre sexuellen spiele mit ihrem zwölfjährigen sohn treibt, bis sie schwanger wird, »Alles in Ordnung«, »Schneckenpaare« oder »Das Mädchen«, worin es heißt: »Kinder lieben ihre Eltern bedingungsloser als Eltern ihre Kinder.« hier dachte ich beim lesen an jeremias gotthelfs erzählung »Rabeneltern«, worin rabeneltern, indem gotthelf das sprichwort beim worte nahm, wirklich zu raben werden.

»Das Haustier«, eine parodie des haltens von haustieren, mit dem der moderne mensch seine zunehmende entfernung und entfremdung von der natur zu kompensieren versucht, und der erfüllung des traums vom glücklichen mitbewohner, der zum alptraum wird, hat etwas phantastisch absurdes, indem ein wellensittich namens romilda derart extrem wächst, daß die eigentümerin erst ihr bett in seinen käfig stellt, dann eine wand der wohnung herausreißen läßt, damit er weiterhin fliegen kann, und schließlich auszieht. »Romilda lebte inzwischen in allen Zimmern inklusive dem Bad. Dort lebten die Teile, die dahingehörten. Im Wohnzimmer waren Bauch und Rücken, in den beiden kleineren Zimmern die Flügel und in der Küche der Kopf mit dem Schnabel.«, daß die teile eines hauses körperteile seien, ist eine alte magische vorstellung, bis das haus am ende einstürzt, weil der vogel, der die besten speisen bekommt, explodiert. »Dann gab ich ihr zu essen. Zuerst die gebratenen Pilze mit Knoblauch und Petersilie, dann Tomaten mit Mozzarella und Basilikum, dann eine Lasagne mit Auberginen und Béchemel. Romilda gluckste. // Dann die gebratenen Taubenflügel mit Kartoffengratin, dann die gedünsteten Seegurken mit frischem Blattspinat umwickelt, dazu in Öl eingelegte Artischocken // Romildas Augen wurden immer grösser und ich war glücklich, dass sie auf diese Weise ihre Freude zeigte. Dann ein Zitronensorbet und zum Schluss drei Kilo Trauben. Das ist gesünder als Quarktorte. / Dachte ich. // Dann platzte Romilda und mit ihr zerbarst das Haus. Der ganze Siebengänger lag im Keller und mich hatte es in den Garten auf den Apfelbaum geschleudert. Und ja, da hing ich dann.« dies ist auch eine persiflage der überversorgung bei menschen, und damit der vergeudung von ressourcen. am ende hängt die figur im apfelbaum allein und hat keinen glücklichen mitbewohner. der wellensittich, der kleine australische papagei, der seit dem 18. jahrhundert nach europa eingeführt wurde, war einst ein stubenvogel des volks, im gegensatz etwa zum kakadu, der in vermögenden haushalten lebte.

kritik am halten von hausvögeln gab es schon in der literatur früherer jahrhunderte. explodierende wellensittiche sind mir dabei noch nicht begegnet. finken wurden einst geblendet, damit sie umso besser singen. über einen guten sänger sagt man italienisch, er singe wie ein blinder fink. eine gemäßigtere variante war, daß man finken den sommer über an einen dunklen ort setzte, damit sie im herbst, ins helle gesetzt, desto schöner sängen. manche finken wurden sogar, wie zirkustiere, abgerichtet, melodien nachzuahmen und kunststücke zu vollführen.

in »Dämmerungen 1« und »Dämmerungen 2« greift die autorin auf motive der schwarzen romantik zurück. in »Dämmerungen 1« lädt ein graf die weibliche hauptfigur und ihren begleiter, »Der Andere« genannt, auf sein schloß zu einem bankett ein, das sich als party von totengeistern erweist, die lebende nicht erkennen. »Blasse Menschen sprachen in einer Sprache, die wir nicht verstehen konnten. Niemand bemerkte uns, niemand drehte sich um.« der graf spielt lieder der huzulen aus den karpaten. »Er schien eine Maschine zu sein, jederzeit bereit, auseinanderzuklappen und an Ort und Stelle röchelnd in sich selbst zu verschwinden.« zuletzt beißt sie den grafen, der an dracula erinnert, und ihren begleiter. in »Dämmerungen 2« ist die männliche hauptfigur ein untoter, der durch einen vampirbiß starb. totengeister sehnen sich nach dem leben. deshalb trinken sie blut. in »Der Ungar« frißt ein drei meter großer automatenhafter mann, der eigentümer einer kneipe ist, die abgerissen werden soll, und den vampir-figuren ähnelt, seine letzten gäste. in französischen märchen heißen zauberkundige riesen ungar.

in der ersten erzählung des bandes, »Alles in Ordnung«, sucht die ich-figur, aus der schweiz kommend, ihre berliner tante bei einer kreativen party, die sie zunächst als chaotisch empfindet und deren besucher durch ihre nonkonformistisches verhalten teils irritierend auf sie wirken, ehe deren erleben ihre autoritäre und zwanghafte erziehung infrage stellt. man bemerkt indes auch hier ironische untertöne, wie überhaupt manche erzählungen von sibylle ciarloni etwas satirisches haben.

»Davon weiss niemand« erzählt eine eisenbahnfahrt mit traumhaften einschüben. beschleunigung ist eines der wesentlichen merkmale der eisenbahn sowie des traums und films. auch viele träume handeln vom reisen und haben eine rasante handlungsdynamik. bahnfahrten wirken schon an sich filmisch, indem die fahrende zeit landschaften, räume, reisende, gegenstände und erinnerungen in immer wieder neuem licht und schatten erscheinen läßt. zugleich können die monotonen fahrtgeräusche des zuges zum schlafen und träumen einladen. hier bekommt der panettone, ein italienischer kuchen mit kandierten früchten und rosinen, der im karton mit der weiblichen hauptfigur reist und zeitweilig verlorengeht, während seine besitzerin träumt, ehe er außer atem wieder im zugabteil auftaucht, menschliche eigenschaften. »Das Zugfahren, vorausgesetzt man findet einen Platz in Fahrtrichtung, lässt wegfallen, was nach dem Ordnungmachen der letzten Tage noch übrig ist. Nach dem hintersten Wagen fällt die Welt zusammen. Doch davon weiss niemand // Der Panettone muss diesen Abgrund gesehen haben. Sonst wäre er mir niemals hinterhergerannt.« da fragt man sich, und hier wirkt erneut ironie, ob ein wesen, das einem kuchen gleicht, sozusagen ein kuchenmännchen, einer frau, der er hinterherläuft, wirklich gefällt. die rosinen im kuchen sind jedenfalls tot. vielleicht wollte der panettone ja zu seinen vorfahren zurück. ich hab als kind öfter vorm hintersten fenster am ende eines fahrenden zuges gestanden, wahrscheinlich weil ich dort das gefühl haben konnte, daß ich die reale welt hinter mir lassen könne.

der sehr prägnante hummer auf dem cover, der sich beim ersten betrachten ebenfalls ironisch deuten läßt, bezieht sich auf die titelgeschichte des buches und bekommt etwas mahnendes, wenn man diese kennt. »Bernstein und Valencia« ist der höhepunkt eines phantastischen realismus, zu dem, da das buch überwiegend wie nach musikalischen prinzipien, vom einfachen hin zum komplexeren, geordnet ist, die andern texte hinleiten. zunächst kann der leser der erzählung kurzzeitig glauben, eine frau und ein mann würden ganz normal tauchen und sich unter wasser begegnen, bis er die verwandlung beider in meerestiere nach einer planetarischen und tektonischen katastrophe miterlebt.

die erde ist überflutet. städte mit ihrer wohnhäusern und fabriken sind größtenteils ins meer abgesunken. »über dem Meer waren nur noch einzelne Felsen, auf welchen die Menschen zusammengepfercht in engen hohen Häusern zu leben hatten.«, »Jedes Felsstück, das aus dem Wasser ragte, war dicht bebaut. Die hohen Häuser waren durch Brücken miteinander verbunden. An den Brücken hingen Stahlgerüste, in welchen mithilfe von Brettern und Netzen kleine Gärten angelegt und auch Schlafplätze eingerichtet wurden. Auf den wenigen Bäumen und in den kräftigen Sträuchern gab es Baumhütten.«, »Landkarten gab es keine mehr, Staaten auch nicht. Wegweiser führten nach nirgendwo: // Jeder Fels war für sich allein.«, »Der Horizont war unwichtig geworden. Weltansichten wurden neptunisch und vulkanisch formuliert und nicht mehr in Himmelsrichtungen und durch Angaben von Flächen.« die tatsache, daß dies nicht nur eine zukunftsvision ist, sondern die meeresspiegel schon in der gegenwart steigen, gibt dieser erzählung etwas sehr aktuelles.

viele menschen töten sich in anbetracht der katastrophe. andere versuchen, wenigstens zeitweilig zu überleben. »Einige Menschen hatten sich den Haien hingegeben oder waren einfach so ertrunken. Die Selbstmörder schossen sich selbst in ihren rasend schnellen Autos von den Parkhausdächern.« auch das hat was filmundalptraumhaftes. »Der Film ist die gesteigerte Lebensgefahr, der die Heutigen ist Auge zu sehen haben, entsprechende Kunstform. Das Bedürfnis, sich Chockwirkungen auszusetzen, ist eine Anpassung der Menschen an die sie bedrohenden Gefahren.«, schrieb walter benjamins, »Rochenaug und Haifischzahn bleibt uns ewig untertan!« albert ehrenstein.

sibylle ciarloni beschreibt transformationen der menschen zu meeresbewohnern, die noch andauern. manche menschen werden zu haien. »Valencia löste die Arme hinter ihrem Rücken und Bernstein entdeckte Hummerscheren anstelle der Hände.«, »Sie lächelte, als sie bemerkte, wie sich an ihren Handgelenken und Unterarmen eine krustenartige Haut bildete.«, »Dann wurde Valencias Kleid von einem Rückenpanzer zerrissen, der ihr direkt aus der Wirbelsäule zu wachsen schien. Ihr Mund blieb offen. Die voranschreitende Verwandlung zeigte sonst noch keine Zeichen in ihrem Gesicht.«, »Doch die Frau würde in wenigen Stunden ein gewöhnlicher Hummer sein.« das ist sozusagen die evolutionstheorie von charles darwin, der auch krebse erforschte, apokalyptisch weitergedacht. ähnlich wie sich in der überlieferung vieler völker seelen neue körper suchen, müssen hier menschen auf der suche nach einem neuen naturzustand tiergestalt annehmen, damit sie weiterleben. die autorin läßt offen, wie die verwandlungen enden, die denen in mythen ähneln, und inwieweit die menschliche intelligenz in meerestieren weiterlebt. hier kann der leser selber weiterdenken.

auch bernstein wird zum hummer. schließlich hat er valencia unter wasser gefunden. der hummer, der zu den anthropoden, gliederfüßern, zählt, von denen es über eine million arten gibt, kann ein alter von 100 jahren erreichen. die schale der hummer, wirbellosen tieren, besteht aus chitin. die panzerung hat die funktion einer wirbelsäule, wie bei insekten das außenskelett. krebse gehören, was schon ihre form vermuten läßt, zu den urtieren. die ältesten erhaltenen krebsfossilien sind 500 millionen jahre alt. urzeitliche meereskrebse waren zwei meter lang. die triboliten verschwanden freilich bei einem großen artensterben.

das hummermotiv ist klug gewählt, weil der krebs viele symbolische bedeutungen hat, die zu dieser geschichte passen. in mythen, etwa indischen und indianischen, wirken krebse bei der weltschöpfung mit, indem sie mit ihren scheren schlamm vom meeresgrund heraufschaufeln, damit land entsteht. außerdem symbolisieren krebse, die ihren panzer abwerfen und erneuern, wiedergeburt und auferstehung. in »Bernstein und Valencia« werden die beiden hauptfiguren einer endzeit der menschen sozusagen in hummern wiedergeboren. auf antiken münzen dienten krebse dem abwehrzauber. in griechenland und italien hängte man kindern krebsscheren um, damit sie gegen den bösen blick geschützt seien.

häufig erscheinen krebse in mythen, märchen, sagen sowie in der literatur und kunst als tiere der bedrohung, vor allem wegen ihrer scheren. manche krebse haben eine spannweite von drei metern, die japanischen riesenkrebse sogar von fünf metern. der krebs, der oft unglückszeichen war, verkörpert dämonische urkräfte. das rückwärtsgehen der krebse wurde im sinne einer umkehrung der herrschenden und vertrauten ordnung gedeutet. deutsche sagen, etwa aus brandenburg und mecklenburg, beschreiben krebsungeheuer, die stadtmauern und kirchtürme zerstören oder fressen, wie sonst drachen. so könnte also auch das gewaltsame im menschen in krebstieren neue gestalt bekommen. in der parodistischen irischen sage »Die Seelenkäfige« hält ein wassermann tausende totenseelen ertrunkener matrosen in hummerkörben am meeresgrund gefangen.

der »Epilog / Wie man sich selbst als Fisch zeichnet. Eine Anweisung« gibt ratschläge, sich auf ein unterwasserleben vorzubereiten. der bei menschen beliebteste fisch dürfte der delfin sein, der unter anderem krebse frißt, schon im alterums als heilszeichen galt und bis heute liebe, freundschaft, sympathie, harmonie, gemeinschaft, freude, optimismus, großzügigkeit, rettung, kraft und leichtigkeit verkörpert. wären delfine die besseren menschen? ansonsten symbolisiert der fisch wegen seiner menge fruchtbarkeit und gedeihen und damit reichtum und wohlstand, so altorientalisch, buddhistisch, indisch, chinesisch und japanisch. das chinesische zeichen für fisch, yü, ist gleichlautend mit yü = überfluß. zugleich haben fische natürlicherweise jenseitsbedeutungen, weil sie in unterwasserwelten leben. biblisch steigt jonas vom wal verschlungen in die unterwelt hinab. in der antike wurden fische  unterweltgöttern geopfert und verstorbenen fürs jenseits mitgegeben. ich empfinde die schildkröte, die mythologisch urmutter sein konnte, als eines der sympathischsten meereslebewesen.

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Bernstein und Valencia / Stories von Sibylle Ciarloni, Knapp Verlag, Olten, 2018

Eine Leseprobe aus dem Buch finden Sie hier.

Weiterführend →

Für das Projekt Kollegengespräche hat A.J. Weigoni einen Austausch zwischen Schriftstellern angeregt. Auf KUNO ist diese Reihe aufgelebt, daher brachten wir den Austausch zwischen Sibylle Ciarloni und Joanna Lisiak über Weltfremdheit, Mehrwert und selbstbewusste Wörter.