Das lyrische Gesamtwerk

10. Dezember 2017
Von

Der vordere Buchdeckel ist mit einem original Holzschnitt bedruckt. Vielleicht liegt ja in solcher Art Gestaltung eine Zukunft des Buches angesichts der digitalen Möglichkeiten. Das Buch als Objekt.

Jan Kuhlbrodt

Holzschnitt von Haimo Hieronymus

Arthur Rimbaud konnte – in einem emphatischen Sinn – noch proklamieren: “Ich ist ein anderer”. A.J. Weigonis Figuren in den Hörspiel-Produktion Señora Nada und Unbehaust hingegen verschaffen sich die Einsicht, daß ihr „Ich“ im 21. Jahrhundert lediglich eine pragmatische Verhaltensstrategie darstellt. Der “hypermoderne Mensch” weiß, daß er eine multiple Persönlichkeit ist. Um sich in einer komplexen Welt zurechtfinden, muß er die Fähigkeit besitzen in mehreren Rollen  glaubwürdig ´rüberzukommen`, wobei die dazu benötigten Masken nicht „Instrumentarium zur inneren Selbstdefinition“ sind, vielmals lediglich ein Ausdrucksmittel.

Seit nunmehr vier Jahrzehnten verfolgt Weigoni seine literarischen Investigationen. Über verschiedene Formate – Hörspiel, Roman, Gedicht – tanzt seine Poesie und seine Beobachtungen weben ein Netz zwischen diversen Genres.

Sabine Hoffmann

Dieses Ich ist kein anderer, es ist von Buch zu Buch und zu Hörbuch: A.J. Weigoni, ein Einzelgänger, der in seiner Verantwortung vor der Sprache lebt. Falls der Komponist Robert Schumann recht haben sollte und Musik die höhere Potenz der Poesie ist, dann setzt dieser VerDichter der Vergänglichkeit des Gesangs die Sprache entgegen. Das Frühwerk Wiederbeatmung, die Trilogie Letternmusik – ein lyrisches Polydram in fünf Akten, Dichterloh – ein Kompositum in vier Akten und Schmauchspuren – eine Todeslitanei, ergänzt durch die Langgedichte & Zyklen mit dem Titel Parlandos, sind erscheinen in einer limitierten und handsignierten Ausgabe von 100 Exemplaren. Auf jedem Cover findet sich ein Original-Holzschnitt von Haimo Hieronymus, den der Künstler direkt auf die Cover gestanzt hat.

Jedes Buch ist ein Sammlerobjekt. Und jedes Titelbild ein Kunstwerk!

Der Schuber – 5 Buecher mit rund 500 Seiten und einem Hœrbuch mit his master’s voice in einer DVD-Huelle, auf der Weigoni Duerers beruehmtes Selbstbildnis aktualisiert… Weigoni schlægt immer deutlicher den Weg zu einem Gesamtkunstwerk unserer Zeit ein. Er gibt den Glauben an ein Ganzes, an Sinnmœglichkeit und Seinsgestaltung nicht auf. Er bietet dem Unfug der Macht und der Verführung durch die Luege, die sich mit immer schœneren Namen kleidet, die Stirn des differenzierenden Worts.

Ulrich Bergmann

Haimo Hieronymus

Wer bei der Technik Holzschnitt an Flachware in schwarz/weiß denkt, der liegt gänzlich falsch. Es sind überwiegend farbige Drucke, aber flach sind die Arbeiten meist nur beim allerersten Blick darauf. Sieht man genauer hin, stößt man auf Graphiken, die mehrmals bedruckt wurden. Man kann unter der obersten Schicht die früheren sehen, man soll es sogar. Mit dem Holzschnitt präsentiert Haimo eine handwerkliche Drucktechnik, er hat sie auf die jeweiligen Cover der Gedichtbände von Weigoni gestanzt. Bei dieser künstlerischen Gestaltung sind “Gebrauchsspuren” geradezu Voraussetzung. Man kann den Auftrag der Farbe auf dem jeweiligen Cover direkt nachvollziehen, der Schuber selber ist genietet. Und es gibt keinen Grund diese Handarbeit zu verstecken. Hieronymus macht den Arbeitsvorgang sichtbar und multipliziert den Augenblick. Er strebt mit bedingungsloser Vorstellungskraft nach Kunst. Alles, was vorher war, unter einer einzigen glatten Oberfläche verschwinden zu lassen, würde ihm wahrscheinlich vorgekommen wie Verrat am schöpferischen Prozeß.

Es ist einfach Der Schuber*. Vom Ding zum Symbol. Vom Symbol zum Begriff. Vom Begriff zum Kult. Der Schuber, das wird eines Tages unter Lyrikkennern der initial code zur Weigoni-Zone sein, sobald es um das Sujet und um den Stoff selbst geht.

Denis Ullrich

Während der Betrachter zeitnah im Individuellen gefangen ist, läßt er sich den Bewußtseinsstrom der Welt durch die Hände fließen. Aber so wie Hieronymus sich seine Holzschnitte als Meister der Anverwandlung offenhält für den Prozess der Entstehung, so interessiert er sich auch für den ihres Vergehens. Es geht ihm um Geschichte, selbstverständlich nicht im Sinne einer Historienmalerei, sondern um die Demonstration der Geschichtlichkeit, der Vergänglichkeit des Materials selbst. Er nutzt diese Technik um aus den Konventionen der Malerei auszubrechen. Die Holzschnitte geben nicht nur handwerklich einen Einblick in Hieronymus’ Schaffensprozess. Was sich in seinen Bildern ausdrückt ist mehr als Augenblick, es ist eine eingefrorene Wirklichkeit. Wir erkennen: Alles Schreiben geht aus Ritzungen und Einkerbungen hervor. Genauere Exerzitien des Auges gibt es in der deutschen Poesie zur Zeit nicht.

Die genussvoll-spitzen Sinngegendenstrichbürstungen eines A.J. Weigoni zu buntem Leben tanzen vor den Augen und führen uns auf imaginative Abwege.

J.C. Albers

Ihr gemeinsames Thema ist das Papier; das schön oder gar nicht beschriebene, das gefaltete, das nicht abwaschbare, das inkriminierte, verwertete oder fortgeworfene Papier. Es besteht ein Verhältnis des geheimen Einverständnisses, wenn nicht gar der Konspiration zwischen dem bildenden Künstler Haimo Hieronymus und dem Komponisten Tom Täger. Alle Exemplare des lyrischen Gesamtwerks sind zusammen mit dem Hörbuch Gedichte nach einer Phase der Überformung von fünf Jahren in einem hochwertigen Schuber aus schwarzer Kofferhartpappe erhältlich. Diese Werkausgabe bietet einen konzisen Überblick über Weigonis dichterisches Schaffen, in den fünf Bänden wird man überall mit Echos, Wiederaufnahmen, Verwandlungen, Spiegelungen und Fortschreibungen konfrontiert. Fünf Lyrikbände in 40 Jahren, das spricht dafür, daß sich der Autor für seine Gedichte Zeit läßt, was in einem derart konzentrierten Genre als vorteilhaft gilt. Der Schuber ist die Rückkehrin eine Zeit der uneingeschränkten Werkimmanenz. Diese Lyrik erweitert die Vorstellung des Lesers, sie weist über das Denkbare, das Vorhandene, Erwartbare und Bekannte hinaus. Diese Gesamtausgabe bildet die Vielfalt semantischer Möglichkeiten am Rande der Sprache ab. Weigoni hat Zeit seines Ver-Dichter-Lebens mit Formen experimentiert, es gibt lyrische Gedichte, analytische Prosagedichte, Epische Monodramen und auch Laut-Poesie. Als Lyriker, VerDichtungs-Theoretiker und Sprachphilosoph legt Weigoni in der Edition Das Labor sein lyrisches Gesamtwerk vor. Und dieses Werk ist weitläufig und labyrinthisch, ein verzweigtes Netz an Verbindungen durchzieht sein Oeuvre.

Weigoni erfaßt in seinen Gedichten den Welt-Verlust im Kunst-Gewinn.

Peter Meilchen

Wie man einem Kollegengespräch entnehmen kann, hat eine frühe Erfahrung den Lyriker Weigoni – im wahrsten Sinne des Wortes – geprägt, sein erstes taugliches Gedicht hat er mit beweglichen Lettern selbst gesetzt und gedruckt. Die Auseinandersetzung mit dem Erfinder des modernen Buchdrucks mit beweglichen Metalllettern und der Druckerpresse, Johannes Gutenberg, hat sich im ´digitalen Setzkasten` fortgesetzt. Die typografische Kalkulation zeigt in der Werkausgabe eine Entschleunigung an, die Buchstaben ä ö ü sucht man vergeblich. Da man das Schriftbild schnell erfassen kann, sollte man die Lesegeschwindigkeit von Gedichten verlangsamen. Als miteinbezogene Schreibweisen sind das œ ist dem französischen entliehen, das æ dem skandinavischen migriert. Der Computerkünstler Georg von der Gathen hat mit einer einer modifizierten Garamond eine neue Ligatur gestaltet, die das ue zu einem Buchstaben zusammenzieht. Diese Lyrik wird vom syngraphematischen Instrumentarium, dem verfügbaren Arsenal an nichtalphabetischen Zeichen, affiziert und erweitert um autochthone Denk-, Ausdrucks-, Artikulations- und Gestaltungsmöglichkeiten. Weigonis‘ lyrisches Schreiben bildet das Sprechen nicht ab, es konstituiert eine eigene Ordnung, Logik und Möglichkeitspalette – mit weitgehenden, aber weithin übersehenen Rückwirkungen auf die Spreche, auf Begriff und Gebrauch der Sprache. Auch die flatterhafte Präsentation eines Gedichts sucht man vergeblich, jedes Gedicht beginnt rechts oben und endet am unteren Rand des Satzspiegels. Was die Fläche einer Seite bedeckt und Raum einnimmt, kann tonlos, lautlos, stimmlos sein, aber nicht gänzlich körperlos. Man mag dies als Exzentrik verspotten, doch diese Form des Manierismus zeichnet sich durch Ausschöpfung aller technischen Möglichkeiten zur Gestaltung aus, die ausschließlich dazu dient, den eigenen Stil hervorzuheben.

Haimo Hieronymus und A.J. Weigoni, Ausstellungseröffnung von „Unbehaust“ in der Werkstattgalerie Der Bogen, Neheim, bei Arnsberg

Der Vorlass ermöglicht Autoren einen Dialog mit dem eigenen Leben, wie es im Falle des Nachlasses nur der Nachwelt möglich ist. Der Tanz zwischen Fremdheit und Selbstheit, der jeder Autobiografie eigen ist, ist beim Wiederlesen alter Papiere mit Blick auf einen Vorlass potenziert, denn jetzt ist der dringlichste Zeitpunkt, Bilanz zu ziehen, bevor die anderen am Zuge sind, in den Literaturarchiven der Welt.

Jan Wilm

Wenn man den vorausschauenden Wilmschen Überlegungen folgt, ergibt sich als eine Möglichkeit ein chronologischer Lesevorschlag für den Schuber:

Reframing: Lyrik als Mittel der Selbstermächtigung

Coverphoto des ersten Gedichtbandes, 1985

Der Gedichtband Wiederbeatmung ist ein sorgfältig kompilierter Band, in dem Gedichte aus dem Frühwerk von Weigoni nachzulesen sind. Während andere Künstler ihre Jugendsünden schamvoll verschweigen, stellt sie dieser VerDichter in schlüßiger Weise neu zusammen. Während sich der Poet bei der Erstausgabe auf die Collage als lyrischen Prinzip konzentrierte, ist die Überformung in der Selbstrevision eindeutig “textlastig”. Der Poeta ludens hat diese frühen Gedichte nicht einfach hervorgeholt und reproduziert, sondern sie in einer Rekonstruktion neu erarbeitet. Der Zeitpunkt der Entstehung kann nicht einfach nachgemacht werden, es müssen „Beweggründe des Schreibens“ analysiert werden; sie gehen einmal durch die Sprache hindurch, werden reflektiert, der Zustand, die Stimmung ihrer Entstehung wieder aufgerufen. Sampling ist, qua Definition, eine Art der Neuverarbeitung. Bei Weigoni kann man das ganz wörtlich verstehen als Neuverarbeitung von Geschichte. Es ist eine Arbeit mit der Erinnerung und der veränderten Gegenwart.

Auch auf wenigen Zeilen wagt A. J. Weigoni in seinen frühen Gedichten auszusprechen, was ihm in seiner Umwelt auffällt, was ihn bedrückt. Er macht seiner Beobachtung, seinem Unmut in klaren Worten Platz. Weigoni bedient sich bloss kurz aufflackernder Bilder, schmückt wenig aus; auf die kritische Anmerkung, eine entlarvende Feststellung oder einen persönlichen Gedankengang verzichtet er dabei nicht. Manchmal stösst man auf kleine Verstörungen, mitunter geschieht dies dann, wenn der Lyriker zu unkonventionellen Wörtern oder Zeichen greift, die man mehrfach lesen muss. Sie scheinen auf den ersten Blick simpel, sogar verständlich wirken diese Gedichte, wenn man sie überfliegt. Beim kurzen Innehalten jedoch sieht man sich als Leser ertappt, selbst einer eigenen Reflexion nachzugehen, in einen Dialog mit der Lyrik einzutreten.

Joanna Lisiak

In den frühen Gedichten kann man Weigonis Verfahren zur poetischen Konzentration und rhythmischen Dynamisierung seiner Texte studieren. Gedankensplitter und Erinnerungsfetzen werden kurz angerissen und ausgeleuchtet. Poetische Erinnerungsfragmente, marginale Eindrücke und belanglose Momentaufnahmen werden bei ihm zu Poesie. Was dem lyrischen Ich fehlt, ist das im entscheidenden Moment nicht Benannte. Weigoni begreift die Dichtung als ein Medium, ihm ist aus idealistisch-humanistischen wie aufklärerischen Gründen an der Kommunikationsfähigkeit besonders gelegen ist. Der Ansatz, semantisch neuartiges Material auf eine verständliche, emotional erschütternde und zugleich auf eine diesem gerecht werdende Art einem breiten Kreis von Nichteingeweihten zu vermitteln, ist mit der Suche nach neuen Formen und Verfahren verbunden. Anschauung, Evokation und sprachliche Selbstreflexion durchdringen einander. Weigonis frühe Gedichte waren immer Ausdruck seines Zeiterlebens. Die Begabung dieses VerDichters besteht darin, das Ungewöhnliche im Gewöhnlichen zu sehen, nicht das Gewöhnliche nur ungewöhnlich auszudrücken. Die Lyrik war für Weigoni von Anfang an die wichtigste Gattung, der innere Motor jedes sprachlichen Kunstwerks. Dabei hat er einen ungemein schnellen Blick und eine rasante Auffassung, deshalb wirken seine Gedichte so unmittelbar. Dieser editorische Kniff ist eine große Bereicherung für das eigene Lesen, da man vielen dieser Gedichte bereits begegnet ist – und nun entsteht ein ganz neuer Lektüreeindruck. Diese Werkausgabe folgt der 1985 erschienenen Erstausgabe, hier wurde nicht verwendetes Material berücksichtigt, Texte aus entlegenen Publikationen sinnfällig integriert und Überformungen vorgenommen.

Wer A. J. Weigoni durch seine bisherigen Bücher begleitet hat wird – obzwar der vorliegende Band Gedichte eines Jahrzehnts versammelt – stocken. Er sieht sich einer Sprachkraft gegenüber, die neu ist, knapp und akzentuiert.

Helmut Lotz

Original-Holzschnitt direkt auf das Cover gedruckt von Haimo Hieronymus

Schriftsteller versuchen oft, aus den ersten Lebensjahren eine Hölle zu machen und eine Jugend zu konstruieren, die zu ihrem Selbstbild paßt. Auch Rilkes Kindheit war längst nicht so schlimm, wie der Mythos behauptet, den er später von sich selbst in die Welt setzte. Und doch ist es die Kindheit, die Weigonis lebenslanges Aufbegehren gegen die Autoritäten eingepflanzt hat, die Zeit, aus der sich sein Schreiben speist, wie aus einer lebenslangen Trotzphase. Die randständige Existenz, die er lebt, hat seinen analytischen Blick geschärft. Jedoch ist die Zeit zu kurz, um viel an Biographischem aufzuarbeiten. Außerdem besteht das Leben eines Schriftstellers aus dem, was er schreibt. Wir lesen reimlose Verse, sehr kurze und weit ausgreifende Zeilen, gelehrte Anspielungen und schnoddriges Alltagsparlando, Gedichte in eigener Person und Rollengedichte, monologische und dialogische Gedichte, muntere Sprachspiele und stille Reflexionen – für Abwechslung ist beim frühen Weigoni gesorgt. Er geht bei diesen Ausgrabungen um nichts Geringeres als um die Empfindung der Sprachlosigkeit, Heimatlosigkeit, Gestaltlosigkeit, um die Aporie der Moderne: das Schreckliche wird schön, und das Schöne wird schrecklich durch Kunst. Als er sich dem Schreiben widmete, ahnte Weigoni nicht, welche Zähigkeit er würde aufbringen müssen, um den Glauben an sich nicht zu verlieren. Jahrelang kamen seine Manuskripte regelmäßig zurück, er aber schrieb unverdrossen weiter, schrieb Gedichte, Hörspiele und Prosatexte. Seine Arbeiten gelten als ‚schwierig’, als anspielungsreich und subtil, nicht eben Eigenschaften, die im verflachenden Literaturbetrieb angesagt sind. Er ist immer die langen Wege gegangen, seine kritische Stoßrichtung braucht einen etwas entfernteren Standpunkt, um ihre Wirkung voll zu entfalten, daher ist der selbstironische Titel des ersten Gedichtbandes Der lange Atem ähnlich zu sehen, wie Schneiders Seine größten Erfolge.

Weigonis Poesie bedeutet immer auch Befragung, Diskussion, Widerspruch und Aufruhr und nicht zuletzt das dissidenzgetriebene Aufmischen der Herrschaftssprache.

Constanze Schmidt

Ein Markenzeichen der Lyrik Weigonis ist ihre zuweilen direkte, mal hintergründige, stets aber nachvollziehbare Gesellschafts- und Kulturkritik. Diese findet ihre fulminante Essenz in seinem Redux des Gedichtbandes Wiederbeatmung. In dieser Werkausgabe gelingt es dem VerDichter die Lebensnotwendigkeit des eigenen Tuns dem Leser nahe bringen. Und dieses Tun ist bei Weigoni ein tiefgründiger Umgang mit der Sprache, dazu gehört zwingend die Reflexion über ihren Stellenwert in der Kultur. Das Thema Sprache zieht sich wie ein Leitfaden durch die verschiedensten unter die Lupe genommenen modernen Lebensbereiche. Diese Lyrik ist hier das Gedicht dessen, der weiß, daß er unter dem Neigungswinkel seiner Existenz spricht, daß die Sprache seines Gedichtes weder Entsprechung noch Sprache schlechthin ist, sondern aktualisierte Sprache, stimmhaft und stimmlos zugleich, freigesetzt im Zeichen einer zwar radikalen, aber gleichzeitig auch der ihr von der Sprache gesetzten Grenzen, der ihr von der Sprache erschlossenen Möglichkeiten eingedenk bleibenden Individuation. Das Hauptstilmittel der Texte selbst ist phonetischer Art, allenthalben fallen alliterierende Rhythmen auf mit einem gekonnten Wechsel zwischen langen und kurzen Vokalen. Relativsätze läßt dieser VerDichter gänzlich ohne Satzzeichen in den Zeilen schweben, mit dem Zeichenarsenal bemühen er sich um eine Strukturierung des scheinbar Unstrukturierbaren, er schafft damit eine Sprachmelodie, die dem an gesprochene Rede und springende Gedanken erinnernden Fluß angemessen ist. Dabei vereint dieser Poet in den aufwühlenden Gedankenströmen die klangliche Zusammengehörigkeit mit der Semantik. Für ihn ist das Gedicht jedoch kein Werkzeug weltanschaulicher Bekenntnisse, es schafft die Voraussetzungen, die Dinge jenseits ihrer unmittelbaren Verwertbarkeit zu betrachten. Weigoni stillt eine Sehnsucht nach dem Unkonsumierbaren.

A.J. Weigoni gehört zu den meistunterschätzten Lyrikern.

Peter Maiwald

Porträt Weigoni von Dirk Peuser 1995

Dieser Nonkonformist ist darauf erpicht, Klischees zu vermeiden und seine ganz eigenen Vorstellungen durchzusetzen. Er besteht auf dem Widerständigen der Kunst. Unter den grossen Dichtern ist Weigoni einer der Verborgensten geblieben, er hat seinen Beruf als „Sprachinstallateur“ in jahrzehntelanger Anstrengung erlernt, was ihm gelungen ist und was mißglückt, das weiß er besser als beamtete Besserwisser. Dieses System kann ohne seine Reservate ästhetischer Zähigkeit, Widerständigkeit und Wachheit nicht überleben. Wenn einer, dann verkörpert Weigoni das Paradox, daß seine Lyrik nicht als „Kommunikation“ angelegt, sondern überwiegend eine Selbstvergewisserung der sprachlichen Möglichkeiten ist, obwohl sie solche Kommunikation selbst in ihrer nachlassenden Intensität noch in ganz eminentem Maß leistet. Seine geistige Heimat ist dort, wo das denkerische Wort poetisch durchtränkt ist und das poetische Wort durchdacht ist. Wenn den Figuren-Texten der Antike noch mystische Motive unterstellt werden können, ist für die meisten Texte des Barock wahrscheinlich der menschliche Spieltrieb verantwortlich, selbst die so genannten ‚konkreten’ und ‚visuellen’ Poesien erschließen sich so am ehesten. Seitdem ist eine Generation vergangen, doch wer könnte behaupten, die Mehrzahl der Vertreter deutscher Hochsprache seien weniger ehrenwert, bürgerlich-bieder, angepaßt und grundsolide?

A.J. Weigoni ist en voc schlechthin, er versagt sich die Koketterie durchgehender Authentizität in einer Zeit der Explosion des Bedeutungslosen ebenso wie die Einkehr in die plane Verständlichkeit der Selbstvergewisserung. Er zeichnet den Diskurs der schweifenden ortlos gewordenen Raubritter der Wahrnehmung in einer verbleiten Szenerie.

Dieter Wieczorek

Nach den abseitigen Ausnahmegestalten muß man lange suchen, sie werden entweder vom Markt aufgesogen oder verschwinden lautlos in den Ritzen der Ewigkeit, die das Vergessen meint. Diese Gedichte erinnern und an eine Zeit als Kreativität den Verstoß gegen Normen und Konventionen verlangte, sie atmen eine Aura von Subversivität und existenzieller Dringlichkeit aus. Weigoni gehört zu „den meistunterschätzten Lyrikern“, sein Schaffen erzeugt eine Poesie, die von der Rezeption das Äußerste an Selbstpreisgabe verlangt. Oft wird im Literaturbetrieb übersehen, daß gerade aus solcher Herausforderung die Subjektivität des- oder derjenigen, der oder die sich auf diese Kunstwerke eingelassen hat, sich auf Dauer verändert – die Wahrnehmungsfähigkeit, die Weltsicht, das Zulassen von Gefühlen. Weigoni sieht sein Schaffen immer in gesellschaftlichen Zusammenhängen, denkt nach über die kulturellen Aufladungen beziehungsweise Vorwegbestimmungen des lyrischen Materials – Tonalität, Körperlichkeit, Struktur und Aura. Seine Lyrik dient sich nicht als bildungsbürgerlicher Konsumartikel an, er stürzt sich ebensowenig in den Mainstream, weil dort die Nuance, um die es ihm geht, systembedingt sofort weggeschliffen wird.

Auftakt der Trilogie – Dieses Buch ist Musik für die Augen

Einmal mehr Weigonis Sabotage des Signifikanten? – Nun, es ist mehr, zweierlei: die Preisgabe der kontextuellen Funktion und die des Wesen des Wortes.

Dr. phil Thomas Laux

Original-Holzschnitt direkt auf das Cover gedruckt von Haimo Hieronymus

Der Gedichtband Letternmusik ist gleichfalls ein sorgfältig komponierter Band, in dem die Gedichte auf vielfältige Weise zueinander in Beziehung stehen. Weigoni hat auch diese Gedichte nicht einfach hervorgeholt und reproduziert, sondern sie in einer Rekonstruktion für seiner Trilogie Letternmusik – ein lyrisches Polydram in fünf Akten, Dichterloh  – ein Kompositum in vier Akten und Schmauchspuren  – eine Todeslitanei, neu erarbeitet. Der Zeitpunkt der Entstehung kann nicht einfach nachgemacht werden, es müssen Beweggründe des Schreibens analysiert werden; sie gehen einmal durch die Sprache hindurch, werden reflektiert, der Zustand, die Stimmung ihrer Entstehung wieder aufgerufen. Es ist eine Arbeit mit der Erinnerung und der veränderten Gegenwart. Diese Werkausgabe folgt der 1995 erschienenen Erstausgabe, bei diesem Overdub bestimmten der Poet und die Lektorin, wie der Loop überschrieben wird. Der VerDichter wurde zum Sound- und Sprachtüftler, das Ausgangsmaterial dieser phonetische Texturen stammte aus analogen Quellen, teilweise wurden Textvariationen von einer 5 ¼ Zoll Diskette neu ausgewertet. Sinnfällig wurden die LiteraturClips auf dem Zyklus the vera strange tapes integriert, und es wurden Partikel aus dem verworfenen Projekt vorläufiges zum ästheTrick des widerspruchs montiert, dazu nicht verwendetes Material berücksichtigt, zudem Texte aus entlegenen Publikationen sinnfällig integriert und Überformungen des Sprachmaterials vorgenommen. Dieser ´Remix` ist up to date, aber nicht angestrengt modern.

Weigoni zieht die Sprache aus, reißt ihr die Verkleidungen herunter, schält sie aus ihren Klischees heraus, führt sie zum Ursprung ihrer Bedeutung zurück… die nackte Schönheit der Worte, zärtlich und zornig, stark und klar, betörend und begehrenswert. Sich darin zu verlieren. Zu verlieben. Und vielleicht wiederzufinden, wer weiß… in einer Wirklichkeit – mehrdimensional und auf verschiedenen Ebenen erfühlbar… bei erhöhter Temperatur!

Patricia Brooks

Für diesen VerDichter ist das Medium Buch eine Partitur, die es in Konzerten der Sprache aufzuführen gilt. Die Dreipoligkeit des klassischen Zeichenbegriffs, die Aufspaltung in Bedeutung (Signifikat), Zeichen (Signifikant) und Referent ist das Kompositionsprinzip. Mit hoher Konzentration komponiert der Poeta ludens eine Elegie über die entzweiende Kraft des Eros. Seine Sprache hat Eleganz und Musikalität, und seine Letternmusik ist voller Weisheit und Humanität. Wer sich die Mühe macht, die Gedichte laut zu lesen – was für diese Gattung eigentlich generell zu empfehlen ist – merkt schnell, mit welch unglaublicher Präzision und Raffinesse sie rhythmisiert sind.