Hörbücher sind die herausgestreckte Zunge des Medienzeitalters

19. Juli 2013
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Vorbemerkung: Als von Madonna eine CD mit dem Titel “Music” erschien, hat A.J. Weigoni mit Tom Täger in einer Sektlaune rumgeflaxt, daß sie die nächste CD Gedichte nennen sollten. So kam es dann.

Jens Pacholsky: Wann haben Sie zum ersten Mal bemerkt, daß Sie der Sprache verfallen sind?

A.J. Weigoni: Als I-Dötzchen mußte ich in der Schule den ersten Satz meines Lebens schreiben: „Heiner ist weg.“ Mir war es völlig rätselhaft, wer dieser Heiner war und wohin er verschwunden ist. Möglicherweise liegt darin der Sinn von Poesie, zu beschwören, was abhanden gekommen ist oder wir erforschen wollen. Schreiben ist, so besehen, eine Art von Wiederaneignung der Welt. Poesie entdeckt Wirklichkeiten außerhalb der Wirklichkeit, sie wird damit zu einem ein Echo der Realität, daß unsere Seele erklingen läßt.

Pacholsky: Was motiviert Sie immer wieder, die Projekte in die Welt zu setzen und ungeachtet aller Hindernisse bis zum Ziel zu bringen?

Weigoni: Es ist die innere Notwendigkeit, die jeder Künstler in sich spürt. Und es gibt kaum etwas Befriedigenderes, als aus einer puren Idee nur mit dem eigenen Willen und der Unterstützung der KollegInnen, etwas Materielles wie etwa ein Hörspiel zu machen. Poesie kann Menschen insofern verändern, als daß sie bewußt ihre Gefühle verändern. In diesem Sinne ist jedes Kunstwerk, also auch ein Gedicht, das bewußt versucht, die Wahrnehmung zu verändern, ein politischer Akt.

Pacholsky: War es ist nicht eine abseitige Idee bei einem Punk-Label eine CD mit Literaturclips zu veröffentlichen?

Weigoni: Da Frank Michaelis und ich uns im Ratinger Hof und im Akademieumfeld herumgetrieben haben liegt dies näher, als man denkt. Die zwischen 1991 entstandenen LiteraturClips und die 1995 veröffentlichte CD Top 100 waren ein Hör-Spiel mit poetischen Formen, der Versuch das Gedicht auf den medial neuesten Stand zu bringen.

Pacholsky: Gehen Sie neben der Lyrik noch einem anderem Beruf nach, oder andersrum: Können Sie von der Lyrik überhaupt leben?

Weigoni: Arthur Rimbaud war Waffenhändler, Fernando Pessoa war Handelskorrespondent, Gottfried Benn war Arzt (wer würde bei ihm nicht gern einmal in die Sprechstunde gehen?). Solange man als Schriftsteller seine Integrität bewahrt, ist alles in Ordnung. Wenn ich, um meine Integrität als Schriftsteller bewahren zu können, nebenher arbeiten muß, ist immer noch alles in Ordnung. Als vielseitig gescheiterte Persönlichkeit habe das Glück, mit geistig und körperlich behinderten Menschen arbeiten zu dürfen.

Elisabeth von Österreich-Ungarn

Pacholsky: Einen Nebenstrang Ihrer lyrischen Arbeit bilden die lyrischen Monodramen Señora Nada, Oden an die Zukunftsseelen und Unbehaust. Man kann diese Stücke lesen oder hören. Warum muß man sie sehen?

Weigoni: Um Poesie zu machen, die sich dezidiert über jede Norm hinwegsetzt, muß man einen mentalen Raum zu schaffen, der sich im Schwebezustand zwischen Tod und Leben, zwischen Traum und Wachen befindet. Die eigentliche Aufführung findet nicht auf der Bühne statt, sondern im Kopf jedes Zuschauers. Sie wird auch nicht instant konsumiert, sondern lebt weiter in Bildern, in Klängen, in Erinnerungsfetzen. Wir müssen Schluß machen mit dieser Idee, daß der Schriftsteller ein Fabrikant von Spektakeln ist, die einem Saal von Voyeuren auf dem Silbertablett der Bühne als ein fertiges, bewundernswürdiges Objekt zum Konsum vorgesetzt werden.

Pacholsky: Wie entscheidend ist der polithistorische Kontext für Ihr Schreiben?

Weigoni: Da bin ich eingeschränkt auf meine Lebenszeit, aus der allein heraus ich schreiben kann. Vergessen gehört im Literatur-Betrieb dazu. In einer Art von praktizierter Katharsis, sollte man sich an dem freuen, was ist, und auf das, was kommt. Ich versuche direkt am Schauplatz des Geschehens zu sein, um mir ein eigenes Bild zu machen. Zuweilen kann dieser Ort allerdings auch ein Archiv sein.

Pacholsky: Wird in dem Monodram Unbehaust durch das Zitieren vieler aktueller gesellschaftlicher Themen in diesem persönlichen Monodram auf kleinster Ebene das Drama der Welt, der höheren Ebene, gespiegelt?

Weigoni: Es geht darum durch Sprache zur Welt finden und durch das Buchstabieren der Welt zurück in die Sprache… Erfahrung einatmen, Poesie ausatmen. Leben und Dichtung sind nicht getrennte Bereiche, sie entwickeln sich miteinander in Verantwortung und Zeugenschaft. Ob dieses Monodram etwas bedeuten sollen, ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass es sich ereignt.

Pacholsky: Der Blick geht weiter, er reicht in die Untiefen der Seele, in die Sphäre des Unterbewussten und Verdrängten. Frau Chang scheint mit den Worten zu schweben: eine Sprechmusikerin?

Weigoni: Dieses Langgedicht ist ein Sprachgeschehen, das die Leser und Hörer synchron miterleben können, vorausgesetzt, sie sind bereit, den sprunghaften Wechsel zwischen symbolistischen und gegenständlichen Weltbeschreibungen mitzuvollziehen. Jo Chang laboriert mit Methoden zum Einfangen irrationaler Verbindungen mittels der „écriture automatique, sie erkennt die seelischen Verkrüppelungen, Restriktionen und kommunikativen Verarmungen, das Orientierungsdefizit der Mitmenschen, ihre autistischen Tendenzen, Doppelmoral, Neurosen und den Lebensverzicht. Diese Perspektive birgt reizvolle Chancen für kleine Grausamkeiten und unerwartete Wahrheiten.

Pacholsky: Ihr Vorgehen scheint in Ihrem weitverzweigten Werk auf den ersten Blick sehr strukturiert. Doch in Ihrer Prosa entdeckt man wilde Geschichten, Brüche, wechselnde Genres vom Krimi zum Cyberpunk, vom Trash zur Kunst. Ihre Novellen sind die reinste Achterbahnfahrt und der erste Roman eine Herausforderung.

Weigoni: Es gibt schon einen Masterplan, dennoch versuche ich mich beim Schreiben selbst zu überraschen und beginne zu improvisieren. So entstehen Richtungswechsel, zudem lasse ich allerlei Ideen in die Texte einfliessen, auch essayistische Reflexionen. Eine gute Geschichte ist kein durchkomponiertes, wasserdichtes Theoriekonstrukt, sondern ein Experiment, bei dem an der Schnittstelle von Wahrheit und Fiktion ein neue Art von Prosa entsteht.

Pacholsky: Was hat es mit dem Lesen und der Freiheit auf sich?

Weigoni: Wir sind einer Vielzahl von Begrenzungen unterworfen, gerade in demokratischen Gesellschaften existieren Einschränkungen und Pflichten; wirtschaftliche, gesellschaftliche, familiäre, rechtliche. Hier kann die Literatur einen Raum der Freiheit öffnen, in dem es keine Begrenzungen gibt. Viele Literaturbürokraten denken, Literatur nütze der Gesellschaft, das Gegenteil ist der Fall, ihre Nutzlosigkeit befreit uns.

Pacholsky: Ist „Literatur die zeitlose Kunst“, oder ist diese Ansicht nur ein Konstrukt der moralisierenden bürgerlichen Feuilletonisten und weltfremden Akademiker?

Weigoni: Für mich ist Dichtung Lebenszweck, ein Ausdruck persönlicher und geistiger Freiheit als beständige Rebellion. Poesie ist weder das Schöne noch das Gute, doch freilich sollte sie das Wahre sein: die hörbare Passion im Widerstreit der Gefühle, eine Organisation von lyrischen Stimmen mit allen denkbaren Ausdrucksmitteln.

Pacholsky: Könnten Sie sich ein Leben ohne Schreiben vorstellen?

Weigoni: Schon. Aber nicht ohne Musik. Musik ist eine der unmittelbarsten Begegnungen mit der Empfindungswelt. Wenn ich Musik von Mozart oder Monteverdi höre, bin ich mit einer Schwingung konfrontiert, die mit meiner nichts zu tun. Aber es erschüttert mich immer wieder, was die alten Meister in meiner Seele bewegen. Musik und Poesie sind die höchsten aller Künste.

 

 * * *

Anmerkung der Redaktion: Die Kurzfassung dieses Interviews von Jens Pacholsky mit A.J. Weigoni erschien im Goon-Magazin, Berlin. Da diese Zeitschrift eingestellt wurde, macht KUNO es zu Recherchezwecken zugänglich.

Coverphoto: Leonard Billeke

Gedichte, Hörbuch von A.J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2015

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