Der lange Atem · Redux

Der Gedichtband Wiederbeatmung ist ein sorgfältig komplierter Band, in dem Gedichte aus dem Frühwerk von A.J. Weigoni nachzulesen sind (Dieser Gedichtband mit den „Jugendsünden“ ist ausschließlich im Schuber erhältlich!). Beim Lesen dieser frühren Gedichte wird man Zeuge, wie ein Schriftsteller zu seinem Stil findet.

Wie nahe kann man seinem früheren Ich überhaupt kommen?

Original Holzschnitt auf das Cover gedruckt von Haimo Hieronymus.

Während andere Künstler ihre Jugendsünden schamvoll verschweigen, stellt sie dieser VerDichter in schlüßiger Weise neu zusammen. Der Poeta ludens hat diese frühen Gedichte nicht einfach hervorgeholt und reproduziert, sondern sie in einer Rekonstruktion neu erarbeitet. Der Zeitpunkt der Entstehung kann nicht einfach nachgemacht werden, es müssen Bewegungründe des Schreibens analysiert werden; sie gehen einmal durch die Sprache hindurch, werden reflektiert, der Zustand, die Stimmung ihrer Entstehung wieder aufgerufen. Es ist eine Arbeit mit der Erinnerung und der veränderten Gegenwart. Weigoni läßt das Erlebte vorwärts- und rückwärtslaufen, der Lyriker sucht nach Bildern, die genau und intensiv genug waren, um auch noch im heutigen Ich gespeichert zu sein. Es sind erratische,  aus den Tiefen des Bewußtseins aufsteigende Momente, die im Jetzt des Schreibens montiert werden.

Den Abgrund erkunden zwischen der ungeheuren Wirklichkeit eines Geschehens in dem Moment, in dem es geschieht, und der merkwürdigen Unwirklichkeit, die dieses Geschehen Jahre später annimmt.

Annie Ernaux

In seinen frühen Gedichten begreift Weigoni die Dichtung als ein Medium, ihm ist aus idealistisch-humanistischen wie aufklärerischen Gründen an der Kommunikationsfähigkeit gelegen ist. Hier kann man Weigonis Verfahren zur poetischen Konzentration und rhythmischen Dynamisierung studieren. Nicht nur Neologismen oder die Kombination von Wörtern, auch Satzzeichen und Wörter selbst sind seine Modulationsmaterialien. Und auch wenn die Verstöße gegen Konventionen und Regeln zum guten Ton der Lyrik gehören, geraten sie Weigoni nicht zum Selbstzweck, sondern zum Gegenstand seiner Gestaltung. Es war erforderlich, die Herausgabe der Gedichte neu zu organisieren und sie einer textkritischen Durchsicht auszusetzen. Der Ansatz, semantisch neuartiges Material auf eine verständliche, emotional erschütternde und zugleich auf eine diesem gerecht werdende Art einem breiten Kreis von Nichteingeweihten zu vermitteln, ist mit der Suche nach neuen Formen und Verfahren verbunden. Die Zeilenbrüche ergeben sich aus der Aufteilung der Zeile in Sinn- und in Atemeinheiten.

Diese Gedichte haben keinen Grund, eher einen Untergrund

Die Lyrik war für Weigoni von Anfang an die wichtigste Gattung, der innere Motor jedes sprachlichen Kunstwerks. Dabei hat er einen ungemein schnellen Blick und eine rasante Auffassung, deshalb wirken seine Gedichte so unmittelbar. Dieser editorische Kniff ist eine große Bereicherung für das eigene Lesen, da man vielen dieser Gedichte bereits begegnet ist – und nun entsteht ein ganz neuer Lektüreeindruck. Dieser Schlußstein der Werkausgabe gibt eine Übersicht zum Vorläufer seiner Trilogie Letternmusik – ein lyrisches Polydram in fünf Akten, Dichterloh  – ein Kompositum in vier Akten und Schmauchspuren  – eine Todeslitanei. Diese Werkausgabe folgt der 1985 erschienenen Erstausgabe, hier wurde nicht verwendetes Material berücksichtigt, Texte aus entlegenen Publikationen sinnfällig integriert und Überformungen vorgenommen.

Wer A. J. Weigoni durch seine bisherigen Bücher begleitet hat wird – obzwar der vorliegende Band Gedichte eines Jahrzehnts versammelt – stocken. Er sieht sich einer Sprachkraft gegenüber, die neu ist, knapp und akzentuiert.

Helmut Lotz

Schriftsteller versuchen oft, aus den ersten Lebensjahren eine Hölle zu machen und eine Jugend zu konstruieren, die zu ihrem Selbstbild paßt. Auch Rilkes Kindheit war längst nicht so schlimm, wie der Mythos behauptet, den er später von sich selbst in die Welt setzte. Und doch ist es die Kindheit, die Weigonis lebenslanges Aufbegehren gegen die Autoritäten eingepflanzt hat, die Zeit, aus der sich sein Schreiben speist, wie aus einer lebenslangen Trotzphase. Die Zeit ist zu kurz, um viel an Biographischem aufzuarbeiten. Außerdem besteht das Leben eines Schriftstellers aus dem, was er schreibt. Als er sich dem Schreiben widmete, ahnte Weigoni nicht, welche Zähigkeit er würde aufbringen müssen, um den Glauben an sich nicht zu verlieren. Jahrelang kamen seine Manuskripte regelmäßig zurück, er aber schrieb unverdrossen weiter, schrieb Gedichte, Hörspiele und Prosatexte. Seine Arbeiten gelten als ‚schwierig’, als anspielungsreich und subtil, nicht eben Eigenschaften, die im verflachenden Literaturbetrieb angesagt sind. Er ist immer die langen Wege gegangen, seine kritische Stoßrichtung braucht einen etwas entfernteren Standpunkt, um ihre Wirkung voll zu entfalten, daher ist der selbstironische Titel Der lange Atem ähnlich zu sehen, wie Schneiders Seine größten Erfolge.

Weigonis Poesie bedeutet immer auch Befragung, Diskussion, Widerspruch und Aufruhr und nicht zuletzt das dissidenzgetriebene Aufmischen der Herrschaftssprache.

Ein Markenzeichen der Lyrik Weigonis ist ihre zuweilen direkte, mal hintergründige, stets aber nachvollziehbare Gesellschafts- und Kulturkritik. Diese findet ihre fulminante Essenz in seinem Redux des Gedichtbandes Wiederbeatmung. In dieser Werkausgabe gelingt es dem VerDichter die Lebensnotwendigkeit des eigenen Tuns dem Leser nahe bringen. Und dieses Tun ist bei Weigoni ein tiefgründiger Umgang mit der Sprache, dazu gehört zwingend die Reflexion über ihren Stellenwert in der Kultur. Das Thema Sprache zieht sich wie ein Leitfaden durch die verschiedensten unter die Lupe genommenen modernen Lebensbereiche. Das Hauptstilmittel der Texte selbst ist phonetischer Art, allenthalben fallen alliterierende Rhythmen auf mit einem gekonnten Wechsel zwischen langen und kurzen Vokalen. Relativsätze läßt dieser VerDichter gänzlich ohne Satzzeichen in den Zeilen schweben, mit dem Zeichenarsenal bemühen er sich um eine Strukturierung des scheinbar Unstrukturierbaren, er schafft damit eine Sprachmelodie, die dem an gesprochene Rede und springende Gedanken erinnernden Fluss angemessen ist. Dabei vereint der Poet in den aufwühlenden Gedankenströmen die klangliche Zusammengehörigkeit mit der Semantik. Für ihn ist das Gedicht jedoch kein Werkzeug weltanschaulicher Bekenntnisse, es schafft die Voraussetzungen, die Dinge jenseits ihrer unmittelbaren Verwertbarkeit zu betrachten.

Weigoni gehört zu den meistunterschätzten Lyrikern.

Peter Maiwald

Dieser Nonkonformist ist darauf erpicht, Klischees zu vermeiden und seine ganz eigenen Vorstellungen durchzusetzen. Er hat seinen Beruf in jahrzehntelanger Anstrengung erlernt, was ihm gelungen ist und was mißglückt, das weiß er besser als beamtete Besserwisser. Dieses System kann ohne seine Reservate ästhetischer Zähigkeit, Widerständigkeit und Wachheit nicht überleben. Seine geistige Heimat ist dort, wo das denkerische Wort poetisch durchtränkt ist und das poetische Wort durchdacht ist. Wenn den Figuren-Texten der Antike noch mystische Motive unterstellt werden können, ist für die meisten Texte des Barock wahrscheinlich der menschliche Spieltrieb verantwortlich, selbst die so genannten ‚konkreten’ und ‚visuellen’ Poesien erschließen sich so am ehesten. Seitdem ist eine Generation vergangen, doch wer könnte behaupten, die Mehrzahl der Vertreter deutscher Hochsprache seien weniger ehrenwert, bürgerlich-bieder, angepaßt und grundsolide?

A.J. Weigoni ist en voc schlechthin, er versagt sich die Koketterie durchgehender Authentizität in einer Zeit der Explosion des Bedeutungslosen ebenso wie die Einkehr in die plane Verständlichkeit der Selbstvergewisserung. Er zeichnet den Diskurs der schweifenden ortlos gewordenen Raubritter der Wahrnehmung in einer verbleiten Szenerie.

Dieter Wieczorek

Nach den abseitigen Ausnahmegestalten muß man lange suchen, sie werden entweder vom Markt aufgesogen oder verschwinden lautlos in den Ritzen der Ewigkeit, die das Vergessen meint. Diese Gedichte erinnern und an eine Zeit als Kreativität den Verstoß gegen Normen und Konventionen verlangte, sie atmen eine Aura von Subversivität und existenzieller Dringlichkeit aus. Weigonis Schaffen erzeugt eine Poesie, die von der Rezeption das Äußerste an Selbstpreisgabe verlangt. Oft wird im Literaturbetrieb übersehen, daß gerade aus solcher Herausforderung die Subjektivität des– oder derjenigen, der oder die sich auf diese Kunstwerke eingelassen hat, sich auf Dauer verändert – die Wahrnehmungsfähigkeit, die Weltsicht, das Zulassen von Gefühlen. Weigoni sieht sein Schaffen immer in gesellschaftlichen Zusammenhängen, denkt nach über die kulturellen Aufladungen beziehungsweise Vorwegbestimmungen des lyrischen Materials – Tonalität, Körperlichkeit, Struktur und Aura. Seine Lyrik dient sich nicht als bildungsbürgerlicher Konsumartikel an, er stürzt sich ebensowenig in den Mainstream, weil dort die Nuance, um die es ihm geht, systembedingt sofort weggeschliffen wird. Die sorgsam edierten Bände dieses Gesamtwerks erscheinen in handsignierten und limitierten Auflagen. Mit diesem Gedichtband ist die editorische Arbeit abgeschlossen und sein lyrisches Gesamtwerk in einem erlesenen Sammlerstück als Schuber erhältlich.

 

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Der Schuber, Werkausgabe der sämtlichen Gedichte von A.J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2017

Photo: Jesko Hagen

Die fünf Gedichtbände erscheinen in einer limitierten und handsignierten Ausgabe von 100 Exemplaren. Auf jedem Cover findet sich ein Original-Holzschnitt von Haimo Hieronymus, den der Künstler direkt auf die jeweiligen Cover gestanzt hat. Zudem liegt für die Sammler noch eine Original-Graphik des Künstlers bei.
Alle Exemplare sind zusammen mit dem auf vier CDs erweiterten Hörbuch in einem hochwertigen Schuber aus schwarzer Kofferhartpappe erhältlich.

WeiterführendMehr zur handwerklichen Verfertigung auf vordenker. Eine Würdigung des Lyrik-Schubers von A.J. Weigoni durch Jo Weiß findet sich auf kultura-extra. Margeratha Schnarhelt ergründelt auf fixpoetry die sinnfällige Werkausgabe. Lesen Sie auch Jens Pacholskys Interview: Hörbücher sind die herausgestreckte Zunge des Medienzeitalters. Einen Artikel über das akutische Œuvre,  mit den Hörspielbearbeitungen der Monodramen durch den Komponisten Tom Täger – last but not least: VerDichtung – Über das Verfertigen von Poesie, ein Essay von A.J. Weigoni in dem er dichtungstheoretisch die poetologischen Grundsätze seines Schaffens beschreibt.

Hörbproben → Probehören kann man Auszüge der Schmauchspuren, von An der Neige und des Monodrams Señora Nada in der Reihe MetaPhon.