Letternmusik, eine Partitur

Dass wir es zugleich mit einer hoch artistischen Demonstration, einem verbalen Theaterspiel zu tun haben, wird nicht zuletzt signalisiert durch die Einteilung der Texturen in fünf Akte mit musikalischer Be­zeichnung der jeweiligen Tempi und Stimmungen. Den eindrucksvollen lyrischen Sequenzen des ersten Teils, ausgezeichnet vorgetragen.

Prof. Dr. Franz Norbert Mennemeier

Das Programmatische hat stets lebendige Funktion bei A.J. Weigoni. Wird sein hiermit vorgestelltes lyrisches Polydram in fünf Akten tatsächlich dramatisiert, dürfte die Bühne zugleich beben und in versunkenes Schweigen fallen. An allen Orten, die er erlebt und bedenkt, nimmt er als präziser Betrachter Wirklichkeiten seismographisch wahr, die ihm dann folgerichtig zu fragenden, behauptenden und verwunderten Facetten des Lyrischen gerinnen, hinein in alle Kanalisationen des Herzens.

Nachdenkliches, Tiefgang und Betroffenheit scheinen konterkariert, katapultieren aber immer in ein szenisches Zentrum. Weigoni ist ein Textjockey, der sein Material hinterfragt und unentwegt an seiner Lyrik feilt. Stets geht es ihm darum, Situationen Wort für Wort zurückzuholen. Den Verzicht auf normative Versbaugesetze ist adäquater sprachlicher Ausdruck dichterischer Vorstellung von der Welt. Um dieses Fluidum kommt niemand herum, der noch liest und mit den Augen denkt.

Das Dinghafte der Dichtung ist im Begriff Poesie bereits angelegt, poein bedeutet zusammenstellen. Den anthologischen Charakter dieses Werkes stellt Weigoni in überraschender Weise provokativ in Frage, ohne um Distanz zum Eigentlichen bemüht zu sein. Seine mäandernden Spaziergänge finden immer einen Ort – durch den Kunstgriff des kürzesten Weges.

Diese Letternmusik erinnert weniger an ein Buch, als eine Partitur, die es in Konzerten der Sprache aufzuführen gilt. Erarbietet an einem Notenpult hat dieser Lyriker jedes Wort stimmig auf den Rhythmus, die Materialität des Textflusses, die visuelle Interpretationen und seinen Klang geprüft. Lesen Sie diese szenische Lyrik als leises Spiel zum Hören: die Bretter, die die Welt bedeuten, knarren bei jeder Vorstellung.

 

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Der Schuber, Werkausgabe der sämtlichen Gedichte von A.J. Weigoni. Edition Das Labor, Mülheim 2017

Die fünf Gedichtbände erscheinen in einer limitierten und handsignierten Ausgabe von 100 Exemplaren. Mit dem Holzschnitt präsentiert Haimo Hieronymus eine handwerkliche Drucktechnik, er hat sie auf die jeweiligen Cover der Gedichtbände von A.J. Weigoni gestanzt hat. Bei dieser künstlerischen Gestaltung sind „Gebrauchsspuren“ geradezu Voraussetzung. Man kann den Auftrag der Farbe auf dem jeweiligen Cover direkt nachvollziehen, der Schuber selber ist genietet. Und es gibt keinen Grund diese Handarbeit zu verstecken.

Alle Exemplare sind zusammen mit dem auf vier CDs erweiterten Hörbuch in einem hochwertigen Schuber aus schwarzer Kofferhartpappe erhältlich.

WeiterführendMehr zur handwerklichen Verfertigung auf vordenker. Eine Würdigung des Lyrik-Schubers von A.J. Weigoni durch Jo Weiß findet sich auf kultura-extra. Margeratha Schnarhelt ergründelt auf fixpoetry die sinnfällige Werkausgabe. Lesen Sie auch Jens Pacholskys Interview: Hörbücher sind die herausgestreckte Zunge des Medienzeitalters. Einen Artikel über das akutische Œuvre,  mit den Hörspielbearbeitungen der Monodramen durch den Komponisten Tom Täger – last but not least: VerDichtung – Über das Verfertigen von Poesie, ein Essay von A.J. Weigoni in dem er dichtungstheoretisch die poetologischen Grundsätze seines Schaffens beschreibt.

Hörbproben → Probehören kann man Auszüge der Schmauchspuren, von An der Neige und des Monodrams Señora Nada in der Reihe MetaPhon.