Eine wahrscheinlich unvermeidliche Evolution des Alphabets

18. Januar 2015
Von

 Das Gedicht war eine ungeheure Erfindung. Das ganze Menschheitswissen wurde in gebundener Sprache überliefert.

 Ernst Pöppels

Kurze Vorrede, mit der freundlichen Bitte um etwas Geduld: Mein Gehirn ähnelt einem Muskel, es bleibt nur fit, wenn ich es beständig trainiere. Wichtig ist, dass ich etwas Sinnvolles lerne – etwas, das mich erfüllt. Daher begeistere mich für die Poesie und lerne daher Gedichte auswendig. Gedichte haben den großen Vorteil, dass sie zentrale Menschheitsereignisse wiedergeben: Trauer, Freude, Tod, Lust und Liebe sind Themen, mit denen sich viele Dichter beschäftigt haben. Wenn ich mir ein Gedicht laut vorlese, kann ich mich auf jemanden beziehen, der die gleichen Erlebnisse hatte wie ich. Das Gedicht ist eine ungeheure Erfindung, es ist die folgenreichste Verschwörung, die uns die Kulturgeschichte jemals geschenkt hat, die Konspiration der Dichtung. Bevor es die großen Schriften gab, wurde das ganze Menschheitswissen in gebundener Sprache überliefert. Gedichte lassen sich nicht referieren. Allenfalls kann man fragen: Was geschieht in ihnen? Was geschieht durch sie? Was muß ein Dichter tun, der nach dem Ursprung der Dichtung sucht?

Das Treibholz der Sprache

Literatur ist oppositionell. In dem Moment, wo sie einem Zweck oder einer Person dient, wo sie gekauft wird, kommt sie über den Status der Stipendiatenliteratur nicht hinaus. In seiner tiefen Subjektivität ist ein Sprachkünstler wie A.J. Weigoni wesenhaft objektiv. Sein Dichten ist weder als sakraler Dienst an etwas Höherem noch als avantgardistische Neuschöpfung zu haben. In seiner vielschichtigen Auseinandersetzung mit der Gedichtform fließen seine Erfahrungen als Sprachperformer mit einem zuerst sperrig anmutenden, dann aber vereinnahmenden Hin und Her zwischen Beat und Melodik in die Lyrik hinein. Diese Gedichte sind dabei weit weg von allzu grüble­rischer Hermetik oder expres­siv überladenen Wort­kaskaden, deutlich wird bei diesen Schmauchspuren die Freude am kühnen Sprach­experi­ment mittels vor­sichtig und fein verfugter Sprache. Da kreist Schreiben um den Schöpfungsvorgang einer rein immanenten, innersprachlichen Welt und zuweilen hat man den Eindruck als handele es ich bei diesen ‚VerDichtungen’ um Mikro–Essays. Das klingt verkopft, aber zum Kopf gehört das Gehirn und nicht nur die Augen.

Sprache kann viel mehr als sprechen

„Der Vers“, hat der amerikanische Dichter Charles Olson behauptet, „muß gewisse Gesetze und Möglichkeiten des Atems einholen und sich ihnen verschreiben: des Atems und Atmens dessen, der schreibt, wie auch seines Zuhörens.“ Der neue Gedichtband von Weigoni ist in dieser Hinsicht ein Exerzitium der Atemgebung. Durch Lautverschiebung und Buchstabenersetzung entstehen neue Bedeutungen. Die Sprache der Musik wird eins mit der Musik seiner Sprache, in einem Nuancenreichtum und einer gesamtkunstwerklichen Breite, die keine Grenzen zu kennen scheint. Hier ein Flüstern, ein kaum vernehmbarer Seelenhauch, den Weigoni gleich noch einmal expressiv zurücknimmt. Dort wuchtige Ausbrüche, die sich steigern, bis in höchste Erregung und letzter Verzweiflung. Es geht um ein Freiwerden der Dinge durch die Worte und zugleich von den Worten. Für das Gedicht wie für die Geschichte gilt: Literatur überdauert, solange ihr immer wieder neuer Sinn zugeführt wird.

Der Text ist klüger als sein Autor.

Heiner Müller

Die poetische Kraft dieser Lyrik ist immens, sie stiftet einen produktiven Unfrieden indem sie jegliche Kohärenz unterläuft, Wahrnehmungsgewohnheiten aufbricht, Sprachkonventionen durcheinanderwirbelt und dabei gleichzeitig sinnliche und emotionale Glücksmomente erzeugt. Schon nach wenigen Seiten erreicht Schmauchspuren enorme Energiewerte. Weigoni feuert aus einem überbordenden Reservoir stakkato– funkelnde Enigmen aufs Blatt. Er sucht die Bilder hinter den Worten, in der Erklärung durch die Worte. Jedes Gedicht ist bei diesem Lyriker multiplizierte Verdichtung. Eine Form von Konzen­tration, die sich aus Bild­zeichen zusammen­setzt, welche der Massivität des Uniformen entrissen sind. Seine Gedichte sind Erkenntniswerkzeuge. Mir scheint das Spannungsverhältnis zwischen geistig Ideellem und körperlich Sinnlichem, die damit verbundenen Vermischungen und Überschneidungen inbegriffen, eines der Grundmotive von Weigonis Lyrik. Er versteht die Dichtersprache als funktionale Sprache und als Material. Seine Sprache ist ebenso sinnlich wie sinnstiftend. Sinnlich und verlockend sensitiv an den Aha–Momenten des Befremdens. Die Sinnlichkeit seiner Gedichte entsteht offenbar oft geistig, ehe sie teilweise wieder entgeistigt wird, meist reflexiv und nicht wie gebrauchsliterarisch Mode, naturalistisch beschreibend. Seine Gedichte liegen fernab unserer Welt der Pleonexie, der Sanktionierung von Anmaßung, Gier, Trivialität als systemischen Produktivkräften. Sie sind ernst, still und karg wie eine Einsiedelei. Unter so vielen Autoren, die zu laut sind, deren Geltungsdrang den Nährwert ihrer Mitteilungen weit übertrifft, wirkt die Lektüre von Weigonis Schmauchspuren purgierend.

Dichtung ist Geometrie im wahrsten Sinne des Wortes.

Lautréamont

Den Logos hervorzubringen, das Wort in sich zu entdecken und das Sprachvermögen als Innerstes des Menschen zu begreifen, treibt diesen poète maudit um. Der Gehalt dieser Gedichte ist nicht bloß der Ausdruck individueller Regungen und Erfahrungen, sondern diese werden dann künstlerisch, wenn sie, gerade vermöge der Spezifikation ihres ästhetischen Geformtseins, Anteil am Allgemeinen gewinnen. Eine ausgereifte Wortversessenheit trifft auf eine Lust am komprimierten Denken in Wörtern. Man beginnt, über die semantischen Bruchstellen hinwegzulesen. Daher kann man über Weigonis VerDichtungen in vielen Zusammenhängen nachdenken, in ökonomischen, psychologischen und soziologischen. Gedichte interessieren als Wege zu Bewußtsein, so bedeutet Erkenntnis dabei nicht bloß Information über Welt und Selbst, sondern auch die Gewinnung einer Haltung, die Verkörperung intellektueller, moralischer und sinnlicher Erfahrung. Mit der Gewinnung einer Haltung, jener spannungsgetragenen Integration von Denken, Wollen und Fühlen, ist dabei nichts anderes gemeint als Bildung. Dies ist keine neue Erkenntnis: „Verse sind Erfahrungen, meinte Rilke und beschrieb die Ausbildung einer Haltung, wenn er sagte, es genüge für Verse noch nicht, „daß man Erinnerungen hat… Erst wenn sie Blut werden in uns, Blick und Gebärde, namenlos und nicht mehr zu unterscheiden von uns selbst, erst dann kann es geschehen, daß in einer sehr seltenen Stunde das erste Wort eines Verses aufsteht in ihrer Mitte.“

Welt wird Sprache

Als Lyriker ist es nicht seine Absicht, ein Kunstwerk zu kreieren, Weigoni will durch seine künstlerische Arbeit die Welt und durch diese sich selber verstehen. Für ihn ist das Bemühen um das Gelingen eines Gedichts eine Suche nach Einsicht. Im Bereich der Lyrik gibt es kein Gesetz, sondern nur Regeln, die man brechen darf. In Schmauchspuren findet der Wortmetz Weigoni in einer präzis geformten Sprache ein wirksames Antidot gegen den Tod. Die Gedichte widmen sich düsteren Sphären der Existenz, von reicher Metaphorik und suggestiver Klangfarbe, sucht sie aber immer auch nach Hoffnungszeichen. Faszinierend, wie seine Gedichte Gedächtnisspeicher freilegen, archaische Tiefen ausloten, zugleich aber in eine Zeitlosigkeit münden. Diese Gedichte haben eine übergeordnete Funktion, es geht darum, Wahrnehmungsstrukturen aufzubrechen, neue Felder zu eröffnen. Durch den Wortspielwolf gedrehte Redensarten treffen auf Wortfindungsstörungen voller Genitivmetaphern und schillernder Neologismenfreude. Weigoni bringt die Sprache als Sprache zur Sprache, es handelt sich bei diesen indivi­duellen Explorationen um Versuche, den unge­zügelten Raum aus Sprach– und Wahr­nehmungs­fluss zu fassen. In Weigonis dichterischem Seelenleben liegen die Zeiten synchron nebeneinander. Er ist ein genuiner Dichter, der den Kosmos in seinem falschen Schweigen, in seiner Schweigsamkeit der Macht zu entlarven versteht, die das Verschwiegene selbst sprechend macht.

Der Markt entwertet alles zu nichts

Es ist kein Zufall, das Schmauchspuren (sowie das lyrische Gesamtwerk) bei der Edition Das Labor erschienen ist, denn die Konzentration im Verlagswesen und im Buchhandel schreitet im Internetzeitalter rasant voran. Literatur ist eine Ware mit besonderer Aura. Über ihre Vermarktungsstrategien streitet man sich bereits, seit Gutenbergs Erfindung des Bleisatzes. Gut gefüllte Bücherregale bieten kaum noch Prestige, verständiges Lesen nimmt ab und digitale Lektüren bauen das Gehirn um. Der Markt für literarisch anspruchsvolle Innovationen und Entdeckungen hat sich dramatisch ausgedünnt, die Neugier auf die zu lesende Kunst hat in einem beängstigenden Maß nachgelassen. Pop, Glamour und Spaßkultur haben vor das Ernstere geschoben. Zerstreuung, Abenteuer, Fantasy, Selbsterfahrung, Internet verbauen den Blick auf das Wesentliche, das wir benötigen, wenn viele dieser Phänomene ihre Anziehungskraft verloren haben. Buchhändler verlangen Werbekostenzuschüsse, damit Bücher überhaupt in der Auslage präsentiert werden, die Presse ist immer stärker von den Anzeigen der Großverlage abhängig, deren Bücher sich immer ähnlicher werden und die Literaturkritik ist auf den Hund gekommen. Umgeschriebene Waschzettel beleidigen den Lesern genauso redaktionelle Inhalte, die an Anzeigen geknüpft sind. Diesem publizistischen Schneepflug entkommt keiner. Warum solche Bücher wie die von Joanne Rowling, Henning Mankell oder Stephen King zum Bestseller werden, mag leicht zu erklären sein. Originalität jedenfalls spielt keine Rolle. Das Unfertige, Fragmentarische, Geschwätzige hat längst die Alleinherrschaft übernommen. Ein Meisterwerk benötigt absolute Konzentration, und die ist in auseinanderschwirrender Zeit schwer zu gewinnen. Perfektion wird kaum mehr angestrebt, geschweige denn erreicht. Schon um ihrer Seltenheit willen sollte man sie höher schätzen.

Dichterisch schreiben heißt denkend schreibend.

Yves Bonnefoy

In der Poetik der Transformation ist kein Gedicht in den Schmauchspuren ohne Einfall. Das Ich dieses Poeta doctus ist darin immer präsent, ohne daß er sich eitel spiegelt. Weigonis Buchstabentreue ist das wirksamste Antitoxin gegen eine lyrische Versimpelung. Es sind nicht immer die Motive, das “Lebenszittern” (wie Thomas Mann dies einst nannte). Es ist der Klang der Worte, die Musik ihres Rhythmus; ein kleines Wunder allemal, da das “Material” ja knapp ist, 26 Buchstaben zählt das deutsche Alphabet – und die zu immer neuen Fugen, Fügungen zu komponieren. So entfaltet sich ein thema­tisches Instru­mentarium, das für Weigonis Dichtung konstitutiv ist, die Begegnung mit Kunst und Künstlerischem, mit geographischen und historischen Räumen, die voneinander entfernt erscheinen, aber in seiner Poesie auf eine unverwechselbare Weise einander angenähert werden, nie werden diese dispa­raten Vorfindlichkeiten jedoch willkürlich arrangiert. Vielmehr ist es das dieser Dich­tung zugrundelie­gende Prinzip der Begegnung, des Austauschs, des Miteinanders, an dem dieser Poeta ludens beharrlich festhält und die vermeintlichen Gegensätz­lichkeiten höchst unterschiedlicher Wirklich­keits­räume zum Verschwinden bringt. Dieser VerDichter hat ein poetisches Referenzsystem dafür geschaffen, wie Sprache im Akt des Sprechens ihren Sinn verändern und zu einer ebenso komischen wie tragischen Verkettung von Verständnissen führen kann. Damit befindet er sich auf der Höhe moderner Kommunikationstheorien mit der grandiosen Überlegenheit, sie nicht nur behauptet, sondern literarisch dargestellt zu haben. In Schmauchspuren läßt sich lesen, was Dichtung letztlich ausmacht: präzise Intuition und analogisches Denken.

Eine Art lyrische Tektonik

Walter Benjamin hat festgestellt, daß der politische Wert eines literarischen Werks dessen literarischer Wert ist – und das gilt erst recht für die Literatur des 21. Jahrhundert. Weigonis Einsatz berücksichtigt auch soziale und politische Werte, denn es kann keine ästhetische Recherche ohne Ethik geben. Bewusst bezeichnet Weigoni diese Lyrik als VerDichtungen. Seiner Vorstellung nach ist jedoch ein literarischer Text nicht bloß ein System oder eine Struktur, sondern von seiner Umgebung und einem historischen oder zeitgenössischen Kontext abhängig, welcher der Erschaffung jedes Textes voraus geht. Außerdem wird der Text von einem Adressaten geteilt – zum Beispiel einer Person oder einer sozialen Gruppe – der die Bedeutung dieses Textes teilt und bereichert. Jeder Text ist als Mosaik von Zitaten aufgebaut, jeder Text ist Absorption und Transformation eines anderen Textes. Diese Texte entstehen nicht aus dem Nichts heraus, sie spiegeln den Einfluss all dessen wider, was der Lyriker gelesen hat und was den ihn umgebenden Diskurs bestimmt. In jedem Fall ist Weigonis Werk in eine linguistische Umgebung eingebettet. Es empfiehlt sich eine Demut gegenüber dem Bedeutungssystem und den Verweisungszusammenhängen und den Rhythmen in Weigonis Gedichten. Ein sicheres Spre­chen ist längst kein abge­sicher­tes. Deut­lich ist spürbar, daß sich hier fragile dichte­rische Existenz sprachlich konstituiert. Sprach­liche Sicher­heit, nicht abge­sichertes Spre­chen! Das wird von den Germanisten gern ver­wechselt, aber letzteres wäre es nur, wo dieses Sprechen eine herrschende Lebensform affirmierte.

Phonokratie: Rhetorische Decodierung des lyrischen Ichs

A.J. Weigoni, Porträt: Jesko Hagen

In der Studioarbeit geht es den Artisten um ein Stimmenhörenschreiben. Bei seinen Rede– und Suchgedichten konzentriert sich Weigoni beim Rezitieren auf die nackte Stimme. Es ist ein Textkonzert, die Partitur ist Sprache. Tom Täger stellt sie auch bei dieser Aufnahme im Tonstudio an der Ruhr ganz in den Vordergrund. Gleichzeitig löst sich die Sprache in den Gedichten in ihre Einzelheiten auf. Dieser Sprechsteller hat beim Schreiben das Hören im Blick und beim und Sprechen das Auge im Ohr. Er läßt die Distanz zwischen Sprache und Gedanken schrumpfen, dass die sich daraus ergebende Transparenz des Verfahrens es erlaubt, dass sich die Unterschiede zwischen Gattungen aufheben. Heiner Müller hat sinngemäss gesagt, Autoren müssen dem Hörer mit ihren Texten Widerstand entgegensetzen, es sei ihre Pflicht zu überfordern. Der Widerstand, den die Materialität eines Textes leistet, bietet sich eben auch als Material für Sprecher. Dort, wo etwas präzise gebaut ist, zwingt es, gegen den Schlendrian eine klare Haltung einzunehmen, die dazugehörige Form ist zu erfinden. Bei dieser Fülle des Wohlauts finden sich vokale Eruptionen und Rauheiten sebenso wie das allerschönste, sehnsuchtsvollste Tremolo. Man kann dieses Kompositum als Polyphonie hören, eine Art Wortkonzert, ein auf– und abschwellender Klagegesang über den Verlust des Individuums. Es geht um Stimmen und ihr Spiel, ein Aus–Sprechen, das die Kulturgeschichte von Klang und Ton gleichsam mitatmet.

Der Vers ist eine Atem­einheit

Wir schwimmen im Meer der Radiowellen, schrieb Marshall McLuhan 1968 in “Die magischen Kanäle”, aber wir bemerken sie ebenso wenig wie ein Fisch das Wasser, solange er nicht an Land gezogen wird und Luft schnappt. Es ist eine Tücke aller technischen Medien, dass sie sich selbst zum Verschwinden bringen, indem sie hinter den Tönen oder Bildern, die sie transportieren, in der Regel unhörbar, unsichtbar bleiben. Weil Klang und Stimme uns direkt und emotional ansprechen, spielen sie Künstlern in die Hände, die ihr Publikum in Performances und Produktionen einbeziehen. Weigoni geriert sich nicht nur als poeta doctus und poeta faber, er verbindet Klang und Inhalt zu einer Poesie, die weit über Text und Kontext hinausgeht. Bei diesem Poeta ludens ist Sprechen ein schöpferischer Akt, bei dem durch das Aussprechen Welt und Wirklichkeit erst entstehen. Er haucht, atmet die Zeilen aus, er lässt ab und zu einen winzigen Seufzer anklingen. Es geht diesem Lyriker darum, mit wenigen Worten alles zu sagen. Es geht auch darum, Gefühle zu kommunizieren, ohne daß Worte verständlich werden. Es ist seine Methode, die Stimme als Instrument einzusetzen, nicht als Nebelhorn. Er fügt zusammen, setzt Wörter in den Fluss, um sie danach wieder raubeinig zu trennen. Weigoni schlägt zwar nicht auf die Luft ein, aber mit ihrer Sprache formt sie die Luft zu Klängen und rhythmischen Figuren, die den Leser aus seinen vertrauten Denkmustern holen. Sine Denkschärfe in den Schmauchspuren hat das Ziel die Logik einer poetologischen Reflexion zu sein welche die Wirklichkeit im Ausgesprochenen entdeckt. Es geht um Beweglichkeit und Bewegung. Denkbewegung und Handeln. Die artIQlierten Denkspiele sind, um es mit Georg Heyms Worten zu sagen “Neopathetisches Cabaret für Abenteurer des Geistes”.

Ein lyrisches Elysium

Diese Todeslitanei ist metaphysischer Art. Wer den Tod beschreiben kann, der feiert das Leben. Die Gedichte in Schmauchspuren sind ein erneuter Beweis der sich immer noch steigernden Gedankenschärfe und Ausdruckskraft dieses Poeten. Seine Poesie ist ganz bei sich und weist gerade deshalb über sich hinaus. Weigonis Gedichte sind konzentrierte Miniaturen, die sich konzentrisch immer wieder um vor allem ein Thema, das Schreiben, drehen. Seine verdichtete Sprache bildet ein System, das sich aus dem Leben bezieht und in dieses zurückwirkt. Wie Blaise Pascal sieht dieser Lyriker das menschliche Leben als kurzes Aufscheinen zwischen dunklen, leeren Ewigkeiten. Der Mensch kann seine Endlichkeit die Welt und das Leben erst vom Ende her verstehen. Dies ist für diesen Lyriker die Basis für alles Begreifen, er versteht die Dinge von ihrer Vernichtbarkeit her. Dies verbrämt er nicht mit einer Art von Heilung. Was ihm einzig und allein möglich scheint, ist der Gewinn von Klarheit. Das Sterben Tod beschäftigt ihn als Kontrapunkt, als Hintergrund für die Intensität der Erfahrung von Gegenwart. Der Tod allein ist bei thanatologischen Aufzeichnungen nie das, was die Spannung in seinen Gedichten ausmacht – sondern immer eine höchst intensiv erfahrene Sinnlichkeit gegenwärtiger Augenblicke. Diese Gedichte leben aus dieser Spannung: der Gewissheit des Todes als schwarzem Hintergrund und der fast grell beleuchteten Gegenwart des 21. Jahrhundert im Vordergrund. Diese Sinnlichkeit und Gegenwärtigkeit übersieht, wer Weigonis Gedichte als Gedankenlyrik mißversteht. Sein Ziel ist es, dem Dichterischen der Philosophie und dem Denkerischen der Dichtung nachzugehen.

Lyrik muß nicht lyrisch sein.

Karl Otto Conrady

Dieser Poet ist ein ehrbarer Zuträger des Geistes. Weigoni reimt keine Empfinsamkeitslyrik fürs Poesiealbum – vielmehr verdichtet sich in seinen Versen die Essenz eines turbulenten Denkens. Seine Poesie leidet nicht unter dieser Analyseschärfe, im Gegenteil. Dies hat der theoretisch bewandte Lyriker auch mit seinen Essays untermauert. Diese Gedichte imaginieren diesen Moment der innehaltenden Zeit als eine Erlösung, die nur um den Preis eines erfüllten, eines durchgestandenen Lebens zu haben ist. Um eine Chance zu haben, verstanden zu werden, erklärt Weigoni aufwändige intellektuelle Strukturen, spielt mit Worten, um ein philosophisches Denkspiel über die Macht der Sprache zu treiben, indem er mit der Poesie die Realität manipuliert. Es sind Gedichte, die nicht den Anspruch einer hermetischen, dichterisch festgezurrten Oberfläche haben, eine Tiefenstruktur, die vollkommen in sich aufgeht, sondern einen entwerfenden dichterischen Wollens. Es ist eine lyrische Abfolge, die von jemandem stammt, der sich das Dichterische wünscht, der ahnt, daß er es nicht ganz realisiert, aber der weit darüber hinausgeht. Die Mühe des Verständnisses sind bei diesen Gesichten Teil der Freude, wenn nicht gar der Erkenntnislust. Weigonis Lyrismen geben sich dort zu erkennen, wo wir über das ästhetisch–sinnliche Erlebnis an unsere Möglichkeiten als geistbegabte Geschöpfe erinnert werden, sie haben mit dem Bedürfnis zu tun, an unsere Grenzen zu gehen. Die Gedichte in Schmauchspuren sind grenzenlos. Grenzenlos tief. Weigonis Gedichte verweigern sich dem schnellen Genuss, sie sind intellektuell, scharf und virtuos in ihrem Umgang mit Sprache. Die Lektüre bedeutet sowohl Arbeit am Text als auch Arbeit am Kontext, aber nicht allein für Spezialisten. Sie ist spannend für Leser, die sich dafür interessieren, wie Sprache Wissen überliefert und wie hoch der material-sinnliche Anteil in dem Tradierungsprozess ist, in sich dieser Lyriker einschreibt. Dieser poète maudit mutet uns eine Anstrengung zu: über den Horizont hinauszublicken.

 

***

Schmauchspuren, Gedichte von A.J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2015 – Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover

Original Holzschnitt, direkt auf das Cover gedruckt von Haimo Hieronymus

Weiterführend →

Eine Übersetzung des Gedichts Ichzerlegung eines Wesensfallenstellers durch Lilian Gergely finden Sie im Literaturmagazin Transnational No.3 Würdigungen von Holger Benkel, rettungsversuche der literatur im digitalen raum, Christine Kappe, Ein Substilat, Jens Pacholsky, Hörbücher sind die herausgestreckte Zunge des Medienzeitalters, Sebastian Schmidts Der lyrische Mittwoch. Ein Essay über das akutische Gesamtwerk bei buecher-wiki. Und lesen Sie auch VerDichtung – Über das Verfertigen von Poesie, einen Essay von A.J. Weigoni über das Schreiben von Gedichten.

Akustische Umsetzungen finden Sie im Hörbuch Gedichte. Probehören kann man in der Reihe Metaphon die Schmauchspuren und das Monodram Señora Nada. Ebenda der Remix der Letternmusik. Das Original kann zum Vergleich hier gegenhören. Und außerdem die Live-Aufnahme der Prægnarien.

Eine limitierte Auflage des Hörbuchs Prægnarien von 50 Exemplaren ist versehen mit einer Originalgraphik von Haimo Hieronymus. Edition Das Labor, Mühleim an der Ruhr 2013

Bilder der Prægnarien-Performanmce von Philipp Bracht und A.J. Weigoni sind hier zu sehen. Ein Video von Frank Michaelis und A.J. Weigoni aus der Schwebebahn findet sich neben dem Schland aus Herdringen.

Die Aufnahmen sind in HiFi-Stereo-Qualität erhältlich über:info@tonstudio-an-der-ruhr.de

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