Erkaltete Heizkörper

  Man lehnte zu viert an dem erkalteten Heizkörper mit dem Rücken zum Tageslichtfenster. Kaum lesbar das Namensschild an der Tür, der kleiner darunter gedruckte Titel, -die auch dort angehefteten Stundenblätter wurden durch die Atemzüge der Nächststehenden bewegt. Man horchte…

Entnichtung

  Entnichtung. Mir starb der beste Freund, er schaute blind ins Leere zuletzt. Ich spürte, er hörte jedes Wort. Drei Tage vor seinem Tod bewegte er die Lippen tonlos zwei Sätze lang. Der Sterbende ist immer weniger der, der er…

ENDEVOMANFANGANFANGVOMENDE

  ich bin nicht das was sie sagen nicht der den man sich denkt nicht die die ich für dich bin nicht das was ich war für den einen nicht das was ich nie war für keinen wie sollte auch…

Vorrede

  Diese Vorrede zu dem nachfolgenden Buche, um welche ich ersucht worden, kleid’ ich vielleicht mit Vortheil in eine Rezension ein, besonders, da die eigenen Vorreden der Verfasser ordentlicher Weise nichts sind, als offene Selberrezensionen. Auch dem Hrn. Verfasser dieses…

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  Pegelschläge. Am Strand öffnet sich ihr Sehnsuchtshorizont. Aus tiefblauem Meer ragen Felsen hervor, die versteinerten Tieren ähneln. Perlmuttfarbene Tintenfische trocknen unter der Sonne, ihre Haut ist so dünn, dass man hindurchsehen kann. Verlorene Federn. Wühlende Würmer. Laufende Limikolen beleben…

Die Götter im Exil

  Schon in meinen frühesten Schriften besprach ich die Idee, welcher die nachfolgenden Mittheilungen entsprossen. Ich rede nämlich hier wieder von der Umwandlung in Dämonen, welche die griechisch-römischen Gottheiten erlitten haben, als das Christenthum zur Oberherrschaft in der Welt gelangte.…

Der Irre

  Der Wärter gab ihm seine Sachen, der Kassierer händigte ihm sein Geld aus, der Türsteher schloß vor ihm die große eiserne Tür auf Er war im Vorgarten, er klinkte die Gartenpforte auf, und er war draußen. So, und nun…

Ende und Anfang sind derselbe Punkt

Ich lasse mich von den Ideen finden. Deshalb gehe ich niemals ohne Notizbuch aus dem Haus. Mein Notizbuch sieht für die meisten Menschen sehr kryptisch aus. Die umtriebige Erfurter Autorin Julia Kulewatz hat das tiefe Bedürfnis, auf eine neue Art…

Impostor

Die fragmentarischen Reisenotizen von Boris Kerenski, der es wagt und damit etwas genuin Literarisches leistet, Bekanntes in neuem Licht erscheinen zu lassen: Sein Hollywood ist bar allen Glamours, ist ein heruntergekommener, stilloser Ort voller abgewirtschafteter Ramschläden, in dem die Menschen…

Aber der mensch unserer zeit

  Aber der mensch unserer zeit, der aus innerem drange die wände mit erotischen symbolen beschmiert, ist ein verbrecher oder ein degenerierter. Es ist selbstverständlich, daß dieser drang menschen mit solchen degenerationserscheinungen in den anstandsorten am heftigsten überfällt. Man kann…

Tschandragupta

Meinem Sohn Paul Tschandragupta ist siebenzig Jahre alt. Am frühen Morgen wird ihn sein Sohn erschlagen. So ist es Sitte im Stamm. Und vor ihren Zelten schreien die Weiber und ihre Söhne klatschen mit ihren Händen einen wilden Freudentaumel. Der…

Haschisch in Marseille

  Vorbemerkung: Eines der ersten Zeichen, daß der Haschisch zu wirken beginnt, »ist ein dumpfes Ahnungs- und Beklommenheitsgefühl; etwas Fremdes, Unentrinnbares naht … Bilder und Bilderreihen, längst versunkene Erinnerungen treten auf, ganze Szenen und Situationen werden gegenwärtig, sie erregen zuerst…

Fragment

  Der Fallensteller wird sich ändern Ein gerettetes Stück unbestimmter Sprache Nur für geschlossne Augen ist der Raum geschaffen. und für Singvögel. Draußen stand jemand mit Stimme, es rief ihn/er schrieb (später) Lesestoff. Ihn aber nannte niemand, den er flüsternd…

Das abstrakte Theater

I Jede Zeit hat [die Kunst, die es verdient] ihr Theater, jede das Ihre, jede ein anderes. Dem künstlerischen Tiefstand unserer Zeit entspricht der Tiefstand ihres Theaters. Aber nachdem heute einige junge Quellen wirklicher Kunst aufgebrochen sind, geht endlich auch…

BILD 1. Karibische Landschaft.

  Das Meer im Hintergrund: von Türkis bis Indigo. Der Himmel oben: von Ultramarin bis Kobalt. Der Sonnenkreis in der Mitte: von Orange bis Purpurrot. Dunkelblaue Umrisse im Vordergrund: eine Frau und ein Mann. Sie sitzen in einem Café am…

Zwischen Nichts und Nichts

  Die Hineingehaltenheit meines Seins in das Nichts sehe ich vor mir, ich sehe mich in der Schwärze der Nacht, ich bin weiß und leuchte in die Nacht beim Öffnen der Raumtür, ich weiß nicht, tu ich das selber oder…

Eine Ausschweifung

  Hier in meinem lichten Atelier ist es endlich zur Aussprache zwischen uns gekommen, und nirgends anders durfte es auch sein, – denn von sämtlichen Männern, die ich gekannt, gehörst du am engsten und intimsten in alles das hinein, was…

mikroprosa der toleranz

  »Herr Nipp – Guppy in Gin« enthält neue nipp-geschichten von haimo hieronymus, entstanden 2020, die mich, wie schon die früheren aus »Die Angst perfekter Schwiegersöhne – ernste Geschichte von Herrn Nipp«, 2011, »Unerhörte Möglichkeiten / Kurznovellen aus dem Nippiversum«,…

Novelle

Indeß gereicht es mir zur angenehmsten Empfindung, daß die ‚Novelle‛ freundlich aufgenommen wird; man fühlt es ihr an, daß sie sich vom tiefsten Grunde meines Wesens losgelöst hat. Die Conception ist über dreyßig Jahre alt. – Brief Goethes aus dem…

Eine Welt der ausgeschalteten Logik

  Der als Copyright der Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft erschienene Band stellt eine Auswahl der Erzählungen des russischen Schriftstellers Daniil Charms dar. Sie beruht auf der bislang vollständigsten deutschsprachigen Ausgabe Daniil Charms Alle Fälle. Das unvollständige Gesamtwerk in zeitlicher…

Reitergeschichte

  Den 22. Juli 1848, vor 6 Uhr morgens, verließ ein Streifkommando, die zweite Eskadron von Wallmodenkürassieren, Rittmeister Baron Rofrano mit einhundertsieben Reitern, das Kasino San Alessandro und ritt gegen Mailand. Über der freien, glänzenden Landschaft lag eine unbeschreibliche Stille;…

Du schon da!

  Du schon da! Ich stehe auf dem Balkon. Hinter mir die Zinkwanne, ich habe sie bis oben hin mit Wasser gefüllt. Mit roten, weißen und blauen Ankerbausteinen baute ich ein Unterwasserschloss, mit Säulen, Toren und Fensterbögen. Die Bleisoldaten stehen…

A Feel-Bad Romance

  Mit „Liarmouth: A Feel-Bad Romance“ hat der Trashfilmer, Kunstsachverständige und Buchautor John Waters seinen ersten Roman veröffentlicht. Im Porträt in der Los Angeles Times gibt er sich wie gewohnt kantig, aber herzig. Ursprünglich sollte der Stoff ein Film werden.…

Geklebte Papiere

Bildlich im besten Sinne ist auch die Kunst der Collage. Zusammengefügt wird hier was im Original keine offensichtliche Kohärenz hat. Unter der Hand des Collageurs fügen sich Gestalten zusammen, entstehen Bezüge, formal wie inhaltlich. Boris Kerenski zeigt dies meisterlich, zumal…

Bunte Steine

Weil es unermeßlich viele Steine gibt, so kann ich gar nicht voraus sagen, wie groß diese Sammlung werden wird. Es ist einmal gegen mich bemerkt worden, daß ich nur das Kleine bilde, und daß meine Menschen stets gewöhnliche Menschen seien.…

Das Fräulein von Scuderi

  E. T. A. Hoffmanns Novelle Das Fräulein von Scuderi gehört zu einer Sammlung von 19 Erzählungen, Novellen und Märchen, die 1819–1821 in vier Bänden unter dem Titel Die Serapionsbrüder in Berlin erschien. Am Tag des heiligen Serapion, am 14.…

Kabelaffe

  Morgens um 7:00 Uhr muss sich Kid C. auf der Bude melden. Die Bude ist das Materiallager von Elektro–Müller & Co. Hier herrscht die Aufgeräumtheit eines Flugzeughangars, das Werkzeug geordnet wie Operationsbesteck, die Monteure in ihren grauen Kitteln würdig…

Ichung

  Die Kugel durchdringt den Kern und wirft die Geißel ab, nun Kugel in der Kugel. Fischblase mit der türigen Wand vor dem Ich zwischen Arktis und Antarktis. Da schwimmt das Universum im Universum. Nord und Süd gehen ineinander, vertunneln…

Wie nun also weiter?

  Als er am nächsten Morgen erwacht war, den ersten Kaffee getrunken hatte und sich wunderte, dass alles sehr ordentlich aussah, keine Matratze, die einfach so herumlag, keine verstreuten Dinge auf dem Boden und den Tischen, sondern klare Sache, wusste…

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  glaubst daran immer noch so kann man Leben: als Floos und Wasser zugleich     *** Baumzyklen, Gedichte von Sophie Reyer, KUNO 2022 Weiterführend →  Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier. In ihrem preisgekrönten Essay Referenzuniversum geht sie der Frage nach,…

Der Scheik

Meiner teuren Mutter Mein Vater hat mir schon so oft die Geschichte aus dem Leben meines Urgroßvaters erzählt, ich glaube nun, ich habe sie selbst erlebt … Nicht einmal der Insektenabwehrer durfte hinter dem großen Straußenwedel dem Gespräche lauschen, das…

Lenz

Vorbemerkung der Redaktion: Ist Büchners „Lenz“ – ein psychiatrischer Fall? – Bringt die diarische Aufzeichnungsform als Prosa eine Erzählung oder eine Novelle hervor?   Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler…

WURM

  ich liege im bett und weiß, daß alle menschen, die ich kenne, nicht mehr leben, weil eine riesenschlange sie während meines schlafs gefressen hat. einzig regenwürmer existieren noch vereinzelt. ich erschrecke vor meiner einsamkeit und spüre zugleich, wie sich…

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  Blinklicht: Fasten Seat Belt. Turbinen wirbeln das erste Laub über die Startbahn. Der Jet faucht an trapezförmiger Funktionsarchitektur vorbei, die an ein Kühlhaus erinnert, weiss und steril. Langsam, stetig entgleitet ihnen der Heimatboden unter den Füssen. Eine Kehre markiert…

Das Leben braucht uns nicht

  Das Leben braucht uns nicht, sagst du, der Satz ist tückisch, denn er suggeriert ein Subjekt über mir. Ich sage, ich bin das Leben, solange meine Sanduhr tickt, und ich werde nicht wahnsinnig wie Hölderlin an dem Gedanken, dass…

Die Tigerin

Auszug Kein Mensch wußte, wovon er eigentlich lebte. Das ist zwar in den maßgebenden Kreisen von Paris die Voraussetzung dafür, ernst genommen zu werden; der Umstand aber, daß man Fec weder spielen sah, noch je in deutlicher Gesellschaft eines weiblichen…

Schon früh am Morgen

  Schon früh am Morgen begann er sich Sorgen zu machen: um seine moralische Integrität, die sozialen Verhältnisse, die Zukunft der Literatur und die Fortexistenz des Planeten. Stundenlang kramte er in seinem überfüllten Leben herum, um irgendetwas zu suchen, ein…

Der Lottospieler

  Walburga »die Titte« Oschmann verdankte ihren despektierlichen Spitznamen einer anatomischen Besonderheit, die sie weit über das Viertel hinaus zu einer Art Sehenswürdigkeit machte. Während sich ihre linke Brust zu einer ansehnlichen D-Körbchen-Größe entwickelt hatte, war die rechte Brust praktisch…

Glückssucher

  Jahrelang hatte er darauf gewartet, dass Glück kommen würde, hatte Passivität gezeigt, eben gelitten. Er war der Passiv, die Leidensform. Glück erschien ihm immer als konjunktivisch in jeglicher Form. Es könnte sein, könne kommen… Nun aber war er erwacht,…