Autor: Hugo von Hofmannsthal

Zürcher Rede auf Beethoven

  Der gerade Weg zu Beethoven führt durch seine Werke: die dritte Leonorenouvertüre, der zweite Satz der dritten Sinfonie, das Adagio der »Appassionata«, Opus 57, Opus III, Opus 130 – das einsame Zimmer, der Flügel und die Geige, die vier…

Halbwahrheiten

  Der mittelmäßige Mensch hält zu knapp nach dem richtigen Gedanken inne; daher die vielen Halbwahrheiten in der Welt.     Weiterführend → → Ein Essay über die neue Literaturgattung Twitteratur, → Hugo von Hofmannsthal über Gedichte. → Poesie zählt für KUNO weiterhin…

Gabriele d’Annunzio

  Spektakulär war Gabriele D’Annunzio Propagandaflug über Wien, am 9. August 1918. Eine Staffel von zehn einsitzigen und einem zweisitzigen Ansaldo S.V.A.-Flugzeugen (in letzterem saß D’Annunzio) brach zu diesem Flug auf, drei davon mussten vor Grenzübertritt notlanden, ein vierter Pilot…

Shakespeares Könige und große Herren

Vor 400 Jahren starb William Shakespeare. Hugo von Hofmannsthal mit einem Essay über den Menschenerfinder Ich glaube zu wissen, was Sie bewogen haben kann, mich hierher zu rufen, damit ich vor Ihnen spreche. Es war keinesfalls der Drang, etwas Neues zu…

Terzinen über Vergänglichkeit (I–IV)

I Noch spür ich ihren Atem auf den Wangen: Wie kann das sein, daß diese nahen Tage Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen? Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt, Und viel zu grauenvoll, als daß man…

Gesang der Ungeborenen

  Vater, dir drohet nichts, Siehe, es schwindet schon, Mutter, das Ängstliche, Das dich beirrte! Wäre denn je ein Fest, Wären nicht insgeheim Wir die Geladenen, Wir auch die Wirte?       Weiterführend → Im Alter von achtundzwanzig Jahren…

Über Schiller

  Das Große feiert sich selber. Wenn man es nennt, so ist es, als nennt man den Namen erhabener Berge und gewaltiger, über dem Meer getürmter Städte vor denen, die dort waren, und eines mehreren bedarf es nicht. König Philipp…

Des Teufels letzte Worte

    Die Welt ist dumm, gemein und schlecht Und geht Gewalt allzeit vor Recht, Ist einer redlich, treu und klug, Ihn meistern Arglist und Betrug.         *** Am 1. Dezember 1911 wurde im Berliner Zirkus Schumann…

Das Reisen

  Das Reisen ist auch solch ein Element, das sich jeder Definition entzieht. Wie schnell ist man weit vom gestrigen Tag…       Weiterführend → → Ein Essay über die neue Literaturgattung Twitteratur, → Hugo von Hofmannsthal über Gedichte. → Poesie zählt…

ALLES

    Alles, was in einer Sprache geschrieben wird, und, wagen wir das Wort, alles, was in ihr gedacht wird, deszendiert von den Produkten der wenigen, die jemals in dieser Sprache schöpferisch geschaltet haben.       Weiterführend → → Ein…

Raoul Richter

  Zu Ende Juli abends gewahrte ich in der Andrianschen Villa, die sonst verschlossen war, ein offenes Fenster und sah einen jungen Mann sitzen, der, sich selber am Klavier begleitend, ohne Noten leidenschaftlich in die Dämmerung hineinsang. Ich erkannte ihn…

Die Ironie der Dinge

  Es war lange vor dem Krieg, daß ich in den »Fragmenten« des Novalis diese Bemerkung fand: Nach einem unglücklichen Krieg müssen Komödien geschrieben werden. Diese Aufzeichnung in ihrer sonderbar lakonischen Form war mir ziemlich wunderlich. Heute verstehe ich sie…

Gegenwart

  Gegenwart ist die absolute Leidensseite der Existenz – aber nur ein Provisorium.       Weiterführend → → Ein Essay über die neue Literaturgattung Twitteratur, → Hugo von Hofmannsthal über Gedichte. → Poesie zählt für KUNO weiterhin zu den identitäts- und identifikationstiftenden…

Algernon Charles Swinburne

Vor 100 Jahren starb A. C. Swinburne. Sein frühes dichterisches Schaffen kreiste um Themen wie Sadomasochismus, Todessehnsucht, lesbische Phantasien oder anti-christliche Einstellungen und wurde als großer literarischer Skandal aufgenommen. KUNO erinnert mit einem Essay von Hugo von Hofmannsthal an dieses Enfant…

Eleonora Duse

„Die Duse“ zählt neben Sarah Bernhardt und Mrs. Patrick Campbell zu den großen Theaterschauspielerinnen ihrer Zeit. Ihr Spiel war subtil und wenig theatralisch und gilt als wegweisend für das Moderne Theater. Sie verkörperte zumeist leidende, aber willensstarke Frauencharaktere. Diese Woche…

Ferdinand Raimund

Einleitung zu einer Sammlung seiner Lebensdokumente Dieses kleine Buch enthält ungefähr alles, was wir von Raimund wissen, und vermutlich alles, was wir jemals von ihm wissen werden; denn es ist darin Stück für Stück zusammengestellt, was im Lauf der Jahrzehnte…

Korrekt

  Deutsch kann man nicht korrekt schreiben, man schreibt individuell oder man schreibt schon schlecht.       Weiterführend → → Ein Essay über die neue Literaturgattung Twitteratur, → Hugo von Hofmannsthal über Gedichte. → Poesie zählt für KUNO weiterhin zu den identitäts- und…

Die Menschen in Ibsens Dramen

Vor 100 Jahren starb Henrik Ibsen. KUNO erinnert an den Dramatiker mit einem Essay von Hugo von Hofmannsthal Man ist wohl nie in Versuchung gekommen, einen Vortrag zu überschreiben: von den Menschen in den Dramen Shakespeares, oder Otto Ludwigs, oder…

Blick auf Jean Paul

Jean Pauls Werk steht literaturgeschichtlich zwischen den Epochen der Klassik und Romantik. Eine Einordnung von Hugo von Hofmannsthal: Geht der Blick hundertfünfzig Jahre nach rückwärts, so trifft er den Lebensanfang dieses Dichters, der einst den Deutschen so teuer war, geht er…

Liedchen des Harlekin

  Lieben, Hassen, Hoffen, Zagen, Alle Lust und alle Qual, Alles kann ein Herz ertragen Einmal um das andere Mal.   Aber weder Lust noch Schmerzen, Abgestorben auch der Pein, Das ist tödlich deinem Herzen, Und so darfst du mir…

Goethes »West-Östlicher Divan«

Das Vortreffliche ist unergründlich, man mag damit anfangen, was man will. Goethe Dieses Buch ist völlig Geist; es ist ein Vorwalten darin dessen, was Goethe das »obere Leitende« genannt hat, und so ist etwas entgegen, daß es nicht ins Breite…

Schöne Sprache

  »Ich liebe diese Sprache«, schreibt mir jemand, »schon um ihrer formalen Schönheit willen: Dasselbe Wohlgefallen, das mich immer wieder zu diesen Bänden treibt, führt mich auch immer wieder an die lateinische Prosa der deutschen Humanisten heran. Wenn ich wenig…

REISELIED

  Wasser stürzt, uns zu verschlingen, Rollt der Fels, uns zu erschlagen, Kommen schon auf starken Schwingen Vögel her, uns fortzutragen.   Aber unten liegt ein Land, Früchte spiegelnd ohne Ende In den alterslosen Seen.   Marmorstirn und Brunnenrand Steigt…

Über Gedichte

Es leben jetzt, die wenigen ausgenommen, die selbst im Lyrischen etwas hervorbringen, keine fünf Menschen in Deutschland, welche über diese zartesten Geburten der Seele ein Urteil hätten. (Hebbel, Brief vom 27. IV. 1838.) Gabriel: Ich habe dir hier aufs Fenster…

Ballade des äußeren Lebens

  Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen, Die von nichts wissen, wachsen auf und sterben, Und alle Menschen gehen ihre Wege.   Und süße Früchte werden aus den herben Und fallen nachts wie tote Vögel nieder Und liegen wenig…

Der Ersatz für die Träume

Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat ist ein französischer Stummfilm. Regie führten Auguste und Louis Lumière. Der Film feierte seine öffentliche Premiere am 28. Dezember 1895. Gedreht wurde der Film im Jahr 1895. Der Abend endete…

Ein Brief

Dies ist der Brief, den Philipp Lord Chandos, jüngerer Sohn des Earl of Bath, an Francis Bacon, später Lord Verulam und Viscount St. Albans, schrieb, um sich bei diesem Freunde wegen des gänzlichen Verzichtes auf literarische Betätigung zu entschuldigen. Es…

Das Tagebuch eines Willenskranken

Oh, qu’un peu de bonheur naïf est une douce chose! Amiels Tagebuch, 16. April 1855 Die einzelnen sind es, welche die Leiden der Zeit leiden und die Gedanken der Zeit denken. Und Bücher, aus denen solch ein Schmerz der Zeit…

VORFRÜHLING

  Es läuft der Frühlingswind Durch kahle Alleen, Seltsame Dinge sind In seinem Wehn.   Er hat sich gewiegt, Wo Weinen war, Und hat sich geschmiegt In zerrüttetes Haar. Er schüttelte nieder Akazienblüten Und kühlte die Glieder, Die atmend glühten.…

Von einem kleinen Wiener Buch

  Anatol ist ein Einakter-Zyklus von Arthur Schnitzler. Als Buchausgabe erschien er im Herbst 1892, vordatiert auf das Jahr 1893. Das einleitende Gedicht stammt von Loris, einem Pseudonym des jungen Hugo von Hofmannsthal, der mit Schnitzler befreundet war. Die Stücke…

Grillparzers politisches Vermächtnis

Feldmarschall Radetzky und sein Sänger Gelten in der Not, allein nicht länger! Grillparzer In bedrängten Epochen wird der denkende Österreicher immer auf Grillparzer zurückkommen und dies aus zweifachem Grunde: einmal, weil es in Zeiten, wo alles wankt, ein Refugium ist,…