Gedichte in Zeiten der Corona’

 

Wer bei einer aufmerksamen Lektüre der 240 Gedichte, die – mit wenigen Ausnahmen – je eine Druckseite einnehmen, nicht nach einem übergreifenden Sujet sucht, sondern all diejenigen Themen markiert, die im Umfeld des Leitgedanken der ‚Weißen Pest’ angesiedelt sind, der wird sich bald in den Netzen, die das lyrisch-narrative Ich des Autors aufgespannt hat, verfangen. Es sei denn, er folgt der Empfehlung im Nachwort von Torsten Voß. Er bescheinigt den Gedichten von Matthias Buth, sie seien an der Erfahrung orientiert, die sich in Bildern und Tönen artikuliert, „die außergewöhnlich sind und auch die literarhistorische Reihe des Komplexes ‚Dichtung und Seuche’ nicht nur bereichern, sondern radikal durchbrechen.“ (S. 253) Die lyrisch-narrative Erfassung und die konzeptuelle Gestaltung der Corona-Krise „als eines allgemeinen und subjektiv erlebten Erfahrungsraumes“ erforderten deshalb auch die Schaffung eines Imaginationsfeldes, „um im literarischen Text etwas auszudrücken und Gestalt werden lassen zu können, was im alltäglichen, medizinischen und medial aufbereiten Diskurs der Pandemie nicht zu Wort kommen kann.“ Nicht das Ereignis Corona und dessen Folgen als Zeugnis physischer und materieller Vernichtung stünden deshalb im Fokus der Gedichte, sondern „eine subkutan verborgene Tatsächlichkeit und Evidenz der Corona-Krise“. Mit ihrer Hilfe könnten „das Trans-Diskursive der Phantasie, der Träume, der Ängste und der durch sie erschaffenen Bilder“ aufscheinen. Begeben wir uns also gemeinsam mit dem Dichter nicht in den „faktizistischen Kosmos pandemischer Reportagen“, sondern folgen seinen fließenden Bewusstseinsfeldern, lassen uns von Erscheinungen des Vergänglichen und Zukünftigen leiten, nehmen wir die Ängste der Menschen wie unsere eigenen wahr, lassen wir uns aber auch von gesetzgeberischen Maßnahmen und Strategien der politischen Mächte und deren Manipulationen leiten. Die Gründe dafür sind auf die professionellen Neigungen und Fähigkeiten des Autors zurückzuführen. Lassen wir uns also wachsam überraschen!

Gedichte in Zeiten der Corona’ lautet der Untertitel des vorliegenden voluminösen Lyrikbandes. Das heißt, Matthias Buth nimmt die Pandemie des Jahres 2020 zum Anlass, um in einem breit gefächerten Begriffsnetz viele Phänomene auf der psychischen und mentalen Empfindungsskala so zu erfassen, dass individuelle und gesellschaftliche Topoi einer vielschichtigen Reflexion und kritischen Beurteilung ausgesetzt werden. Aufgrund der bewusst nicht verwendeten Themenfelder zeichnet sich beim kursorischen Lesen und gelegentlichem Rezitieren eine gewisse Rückversicherung in der rezeptiven Wahrnehmung der Texte ab. Sie besteht aus häufigem Zurückblättern, Überprüfen von Namen und Widmungen, dem Innehalten angesichts gewagter metaphorischer Konstrukte wie auch provozierender Aussagen („nie war Köln schöner als in der Virenzeit“). Auf diese Weise entsteht eine wachsende Unruhe, je weiter sich Leser*innen in die Welt der weiß markierten Pest hinein bewegen. Beispiele mögen diesen Eindruck belegen. So erweist sich Der Osterspaziergang (vgl. S. 36) sowohl als Propellerflug durch die Kliniken Deutschlands wie auch als italienischer Bittgottesdienst und als spanisches Osterglockengebet. Wenig später reflektiert ein autokommunikatives Du in Gesundheitssystem (vgl. S. 44) die mögliche Abschiebung eines aus Tschechien stammenden Corona-Patienten „auf die röchelnden Flure“. Es ist eine gewagte Sprachhandlung, in der die Übersetzung Nemecko Deutschland = Stummland (im Tschechischen) in eine Gestensprache und in den Tränen des geretteten tschechischen Patienten mündet. Das vierstrophige Gedicht Corona spielt hingegen mit der heimtückischen, fluktuierenden Existenz des Virus, das sein Opfer im Blick hat, „um ihn uns zu nehmen.“ Was dann folgt, ist gleichsam eine hypothetische Wanderung des Virus „durch die Wände durch die Körper „Ist immer schon da wo wir uns setzen“ (vgl. S. 46).

Ein besonders auffallendes Phänomen in den vorliegenden Gedichte(n) in Zeiten der Corona ist die Vielfalt der Orte, an denen die weißen Viren sich gleichsam an die Landschaft und an die von Menschen gestalteten Räume angepasst haben. Bodensee im Mai, Aldi, Aero, Komm wieder sind solche Beispiele. Andererseits spielt der Text auch mit Etymologien, um einen Ort, wie z. B. Weißensee mit Todesmetaphern zu belegen. Ungeachtet der überbordenden Fülle solcher metaphorischer Verknüpfungen, zahlreicher überraschender Bilder, die verschiedene europäische Landschaften beleuchten, des Spiels mit folkloristischen Motiven – im zweiten Teil des Gedichtbandes überwiegen die persönlichen Erinnerungen aus den Zeiten der nunmehr schon währenden neun Monate, in der die weiße Pest ihre schleichende Kraft nunmehr auf einer zweiten Welle bewegt. Eine Feststellung, die nicht ausschließt, dass das lyrische Ich sich jetzt  Naturräume aneignet, die in Zeiten beschleunigter Wahrnehmung verdrängt wurden, wie in Birkenmai (S. 203), in dem die Birken ihr Haar auskämmen und „Wolken malen sich den Morgen aus“, während „Sprache … nicht weiterkommt / Die verlöscht hinter den Atemmasken“.

Matthias Buths Gedichte zeichnen sich durch scharfsinnige Vergleiche zwischen philosophisch aufgeladenen Begriffen und markanten Naturmetaphern aus, in denen kindliche Wahrnehmungsfelder inmitten spätromantischer Sehnsuchtskaskaden und juristischer Festschreibungen gesellschaftlicher Abläufe ein kühnes Wechselspiel inszenieren. Epigrammartige urbane Bilder springen, nur durch Rahmen voneinander getrennt, hinüber zu stimmungsgeladenen Gebirgslandschaften. Dort wo der Blick ausruhen möchte, wird er mit immer neuen Eindrücken angereichert. Diese Ruhelosigkeit wird im Schlußakt des Bandes durch die alarmierenden Meldungen des Robert Koch Instituts über die wachsende Zahl der an Corvid-19 erkrankten und gestorbenen Patienten gesteigert. Doch der drohende Tod ist bei Buth in ein Wechselspiel von Leben und einem noch nicht beginnendem Sterben eingebettet. Wer jetzt nicht stirbt stirbt lange nicht – der leicht abgewandelte Rilke-Vers verweist deshalb im abschließenden Teil des Gedichtcorpus auf einen unerschrockenen Helden unserer Zeit, Alexej Navalny aus dem fernen Sibirien, dessen couragiertes politisches Handeln jegliche Todesdrohungen zu transzendieren scheint. Folgt die zeitweilige Aufhebung der Finalität somit einem philosophischen Trend, in dem die weiße Pest zum Symbol einer Atemschutzmaske (!) wird, deren Träger*innen für sich sowohl die Entscheidungsfreiheit als auch das Überleben gewählt haben? Verdeckte Andeutungen für eine solche lebensweltliche Lösung finden Leser*innen in den vorliegenden Gedichten, soweit sie den manchmal ausschweifenden Gedankenkonstrukten folgen. Eine Suche, die von Spaziergängen durch die Poetiken der Postmoderne belohnt wird!

Es ist der Dichter und Jurist, der seine Leser mit einem rumänischen Wiegenlied in die Welt kleiner Schafe einführt, die keine Strafe kennen und „weinen um Dich“. Es folgen zwei musikalische Themen, die aufhorchen lassen: Robert Schumanns Waldszenen und Franz Schubert, „der in Dur trauert uns über / Ohr und Mund“. Ist es eine Introduction in die Besänftigung durch romantisch und klassisch eingestimmmte Klangkaskaden? Nein, denn was folgt, ist ein ethischer und staatsrechtlicher Grundsatz: die Würde des Sterbens ist unantastbar. Es geht um Terrorismus und die Reaktion des Staates.

Noch mehr gefordert sind Leser*innen, wenn es um den Artikel 20 Abs. 4 des Grundgesetzes geht. Das Recht auf Widerstand wird dort zitiert. Was dann folgt, ist ein Gang durch die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, in dem jede Zeile einen politischen und religiösen Diskurs einleitet. Und dann plötzlich: „Das Corona-Verebben noch vierstellig / hat einen Staat aufgerichtet / Den lang wir vergessen haben“ (S. 9). Nicht nur der Staatrechtler ist da gefordert!

Dann folgt ein längerer Spaziergang durch kirchliche Gemächer und das – man höre und wundere sich – biblische Hohelied. Covid 19 wird genannt, Viren als Bestimmungsgrößen, die Anfang und Untergang einer Seuche definieren; Rilke, der „in Bildern [sprach] / Die Fassungslosigkeiten bannten“, und Papst Franziskus, der allein auf dem Forum Romanum vor den Kameras von TV RAI steht.

Spätestens nach der Lektüre der ersten zwanzig Texte, in denen es auch um die Unsterblichkeit und die Friedhöfe geht, die nicht mehr den Himmel erreichen und sich immer tiefer an die Erde drücken (vgl. S. 21), stellt sich die Forderung nach einer stetigen sanftmütigen Interpretation des in vieler Hinsicht nicht Erklärbaren ein. Eine Antwort ist parat: „Sterben ist LIEBEN“ lautet ein Siebenzeiler: „Corona tötet nicht / Es liebt bis auf den Grund / Die weißen Hügel lieben / Den Berg bis ins Tal …“. Und sechs Seiten danach setzt eine lyrische Abhandlung über die Pest ein: Weiß ist sie weiß und unsichtbar / Und so immer präsent am Morgen / Wenn die Fenster sich ins Licht stellen / Und behaupten wollen mit Glas / Das ihnen ähnlich das ihnen nah / Wer die Treppe hintergeht noch schlafwarm / Und nach der Zeitung greift draußen im Kasten / Verbrennt an Zahlen Statistik und Bildern  … (S. 33).

 

 

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Die weiße Pest. Gedichte in Zeiten der Corona, von Matthias Buth. Mit einem Nachwort von Torsten Voss. Berlin (PalmArtPress) 2020

 

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