Autor: Francisca Ricinski

Flügelfrei

  Hey Villon!, könnte ich ihn wie einen Kumpel rufen und fragen, ob wir, Schulter an Schulter, nicht mal ein Glas über den Durst trinken.   Und ob! Ich war schon vorher verloren, wackelte wie ein frisch geborenes Buckelrind ……

Magier

  Als ich nachts erzählt habe, daß Windesraunen und die winzige Ewigkeit eines Kusses, auch die heilenden Schwingungen, übertönt von Posaunen, plötzlich verstummten, erzählte ich auch von einem unaufhaltsamen Rittergalopp im Gehör.   Apokalyptisches Drehbuch. In meinem unendlich geglaubten Bildraum…

Divers und divergent • Revisited

Vorbemerkung: Im Rahmen der Publikation des lyrischen Gesamtwerks des Sprechstellers A.J. Weigoni blickt Francisca Ricinski auf den Mittelteil der Trilogie Letternmusik, Schmauchspuren – eine Todeslitanei, Dichterloh – Kompositum in vier Akten zurück: Dichterloh: So heißt der in der Lyrikedition 2000…

Ein anderes Ende

Erst blickte er hinunter zum Platz. Sah sich in den endlos multiplizierten Porträts: Gewelltes Haar und sinnliche Lippen, ein Stirn wie ein Kornfeld. Sein polychromes Gesicht war umgeben von Fahnen und Schildertafeln mit gleicher Wortwahl: Es lebe unser weiser Führer!…

Alzheimer Sonate

Die Standuhr schlägt sieben: Er zuckt: Früher stand sie im Wintergarten, neben dem Flügel. Er hebt sich hoch, legt den Kopf auf die weinrote Nackenrolle, eine der wenigen Sachen aus der Wohnung, die ihm freiwillig folgten, und starrt sie und…

Entriegelung

Seit mehreren Stunden wühlte er in einer Kartonkiste, holte vergilbte Papiere und Fotos, ein Paar Steine und noch andere Sachen heraus, ließ sie wieder fallen oder legte sie wie Spielkarten auf, baute damit Türme und Wände, die er dann mit…

Als sei alles ein Spiel

Vitam continet una dies Samuel Johnson  In dieser Stunde, in der du dich krümmst und windest im Bett, antwortet dir ein Stern vom anderen Ende der Nacht. Allerdings leiser als bei deiner Geburt; er scheint in den Sog eines riesigen…

Auf eine Brottüte notiert

  Mit Nussbrot und mehreren Brezeln in der Tüte verlasse ich die Bäckerei. Am Ende der Straße sitzt ein Mann mit zwei Windhunden, die nicht umsonst so heißen. Dauernd ändern sie ihre Körperhaltung oder zumindest die Richtung ihrer Nasen und…

Aller guten Dinge

sind drei, sagt man. In den letzten drei Jahren wollte sie vier Mal sterben. An diesem Morgen hätte sie es beinahe geschafft, wäre der Heuler nicht auf der Sandbank gewesen, die sie für ihr Versinken im Meer ausgesucht hatte. Ihr…

Kein einfacher Monolog

Alles liegt viel zu tief. Wenigstens das hellfarbene, in Plastikfolie gewickelte Etwas herausziehen. Mein früherer Klavierlehrer, ein Lisztanbeter, der hatte Riesenhände, für ihn wäre es jetzt ein leichtes Spiel, an meiner Stelle da drin herumzuwühlen. Bevor ich anfing zu üben,…

Ein-Mann-Stadt

Als er uns damals sagte, er würde gerne nach Graz ziehen, wusste er selber nicht, warum er gerade dort seiner Pilgerschaft ein Ende bereiten wollte. Verwundert fragt er sich, wie er überhaupt all die Jahre glauben konnte, an ein Ziel…

Und dann verfing sich die Zeit

Der Hackbrettspieler und ich stiegen an derselben Station ein. Unsere Sitzplätze im Reisebus waren noch frei. Nebeneinander. Das Gepäck noch im Rücken, auf Knien, dann an den Füßen, untergetaucht. Wer von uns beiden hatte mehr zu Tragen im Leben?, stellte ich die Frage…

Blaue Koralle gegen grünen Bernstein

Die Rothaarige stützt sich gegen die Fensterbank, die Frau mit der struppigen Frisur sitzt auf dem Kunstlederstuhl. Eine dritte Frau in dem Nachbarbett, eine sehr junge, setzt den Kopfhörer über die Locken ihrer maisgelben Perücke und empfängt Hardrockmusik mit geschlossenen…

Die Frau neben dem Truthahn

Sie hatte wie immer vor, im Herbst die halbe Ernte für ihre Polenta und ihr süßes Maisbrot im nächsten Dorf mahlen zu lassen, während die restlichen Kolben für Leon gedacht waren, damit er nicht verhungern muß, wenn der Boden im…

Reisepass für das Paradies

I Die Augen der Frau wackelten einige Male, bevor sie in die Laubblätter fielen, und die Laubblätter schauten nun mit den gelben Augen der Frau in die Augen des Windes. Im nächsten Augenblick wurde der Himmel trüb und die Zweige…

Wo ich herkomme,

neigt man sich vor der stahlgestützten Linde eines Poeten wie vor einer Ikone und winkt der in Bronze erstarrte Ovid den Passanten zu, und wo ich herkomme, nimmt man Platz an Brancusis Schweigetisch, um Steine ins Wasser zu werfen. Wenn…

Begegnungen

Beziehungen und Literaturzeitschriften / dauern meist nur zwei Nummern lang Fabián Casas Vorbemerkung der Redaktion: Wir stellen auf KUNO hin und wieder Literaturzeitschriften von, zuletzt die Matrix. Heute stellen wir Ihnen eine Zeitschrift für Literatur vor, die seit 1981 erscheint.…

Als käme noch jemand

Nur eine Taste und zwei Knöpfe Gleich geh ich die Treppe hinunter. Auf dem Rücken trag ich das Radio, das du vor vielen Jahren gekauft hast. Der Kasten hat nur noch eine Taste und zwei Knöpfe, er singt und spricht…

„ICH BIN MIR SELBST BEGEGNET“

TheatronToKosmo im Dialog mit Werken von Anselm Kiefer Anlässlich seines 20-jährigen Bestehens bot das Ludwig Museum Koblenz eine Reihe ansprechender, breit gefächerter Kunstveranstaltungen. Der Höhepunkt des Programms im bereits vergangenen Jubiläumsjahr hieß „Memorabilia“. „Memorabilia“, weil es sich um eine geschichtsträchtige…

Der Allverwender

Zum 5. Todestag von Peter Rühmkorf erinnert KUNO an den Lyriker mit einem Gespräch, daß  Francisca Ricinski mit ihm geführt hat. Francisca Ricinski: Als Sie 75 wurden, feierte man Sie wie einen über­ragenden Leuchtturm der deutschen Dichtung, einen Leuchtturm im Sinne von…