Laboratorium der Poesie – Zum KUNO-Schwerpunkt 1995

Ob man nach Auschwitz noch Gedicht schreiben könne, war eine fundamentale Frage der kulturellen Wahrnehmung. Aber kein Mensch fragte, ob man nach Auschwitz noch Kriminalromane schreiben oder Frauen in Bikinis photographieren könne.

Georg Seesslen

Lyrik ist eine Gattung, die zwischen den Zeilen Zeit und Raum gibt, weil diese Leerstellen dann ihrerseits vom Leser Raum und Zeit einfordern. Gedichte dehnen sich aus, wenn man sie liest. Lyrik hat es immer schon schwer gehabt, aber unter den gegenwärtigen Marktumständen hat sie es noch mehr. Verlage sind zunehmend blosse Labels weniger Konzerne, für die Literatur in erster Linie eine Ware ist. KUNO widmet dem Gedicht den genauen Blick, das aufmerksame, geduldige, ins Denken gedrehte Lesen und Wiederlesen. Das Abtragen der Schichten, Auffächern der Bedeutungsstränge, der Rhythmen und Klänge, der Brüche und Widersprüche, die es, diese Königsdisziplin, in sich trägt. Poesie zählt auch weiterhin zu den wichtigsten identitäts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugt auch der Versuch einer poetologischen Positionsbestimmung. Seit 1989 geht es um die Frage der poetischen Produktion. Es entstehen neue Textformen, mit denen die Gesellschaft sich von sich selbst erzählt: Soziale Poetik, Sound-Poetik und Social Reading. Poesie kann in die Beine fahren, mitreissen, zu Tränen rühren. Poesie kann viel zu denken geben oder zum Träumen verleiten. Transportiert sie besondere Gehalte mittels spezieller Codes?

Poetry-Slams haben den Charakter von Aufnahmeprüfungen an Schauspielschulen. Da gewinnt auch, wer am lautesten schreit!

Thomas S. Lutter

Wenn es um die Geschichte des Erinnerns und des Wissens geht, dann spielen seit Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte schriftliche Zeugnisse eine überragende Rolle. KUNO versucht der Unordnung der Welt die assoziative Ordnung der Poesie entgegenzusetzen. Essays und Lyrik sind für die Redaktion literarische Verwandte, sie leben beide von der Freiheit, alles mit allem verknüpfen zu können, und von der Kunst, daraus wie in der Chemie überzeugende Verbindungen herzustellen. Anders als die Philosophie jedoch stellen sie die Beweglichkeit des Gedankens über die Hierarchie von Begriffen: Das Bezwingende von überraschenden Konstellationen ist ihr Privileg. Im gelungensten Fall finden sich Erzählendes und Reflektierendes zu einem Gleichgewicht von höchster sinnlicher Präzision. Wir begreifen Lyrik und Essays auf KUNO als eine Versuchsanordnung, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Dem Lyrikliebhaber eröffnet sich ein unerschöpfliches Reservoir an kulturgeschichtlichen, literarischen und künstlerischen Bezügen.

Lyrik ist das Untergraben der Diskursmuster unserer Gegenwart.

Nicht nur Gott, auch die Lyrik ist schon oft für tot erklärt worden. Von der Sporaden-Insel Lesbos, dem kulturellen Zentrum des 7. vorchristlichen Jahrhunderts bishin in die pannonische Landschaft des 21. Jahrhunderts hat die Lyrik diverse Überformungen erhalten. Die Geschichte der Lyrik ist nie nur unsere eigene, sie ist verwoben mit den Geschichten der anderen, über die wir (und die anderen über uns) ständig an der weiteren Erzählung weben und stricken. Darin klingt einerseits die Verheißung des Verbundenseins an, zum anderen aber auch der Umstand, dass wir nicht immer die Deutungshoheit über unsere eigene Geschichte haben. So gesehen definieren die erzählten Geschichten auch immer, wer wo dazu gehört oder nicht. Der Weg von Sappho zu Sophie findet sich hier. Sophie Reyer gehört neben Angelika Janz, Ulrich Bergmann, Holger Benkel, HEL, Ines Hagemeyer und A.J. Weigoni zu den Lyrikern, die wir in den kommenden Jahrzehnten mit Gedichten und Würdigungen durch ihre neuen Gedichtbände vorstellen werden.

Lyrik ist Logopädie im Zeitalter der Sprachlosigkeit.

Alexander Eilers

Apollo und sein Rabe. Innerseite von einer attischen weißgrundigen Kylix, Aus einem Grab in Delphi.

Geht das Verständnis für die Kulturleistung Poesie verloren, zerfällt Gemeinschaft buchstäblich aufgrund von mangelndem Verständnis. Um den Widerstand gegen die gepolsterte Gegenwartslyrik ein wenig anzufachen schickte Wolfgang Schlott dieses  post-dadaistische Manifest. Warum Lyrik wieder in die Zeitungen gehört begründete Walther Stonet, diese Forderung hat nichts an Aktualität verloren. Lesen Sie auch Maximilian Zanders Essay über Lyrik und ein Rückblick auf den Lyrik-Katalog Bundesrepublik, sowie einen Essay über den Lyrikvermittler Theo Breuer. KUNO schätzt den minutiösen Selbstinszenierungsprozess des lyrischen Dichter-Ichs von Ulrich Bergmann in der Reihe Keine Bojen auf hoher See, nur Sterne … und Schwerkraft. Gedanken über das lyrische Schreiben. Lesen Sie ein Porträt über die interdisziplinäre Tätigkeit von Angelika Janz, sowie einen Essay der Fragmenttexterin. Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier, ein Essay fasst das transmediale ProjektWortspielhallezusammen. Auf KUNO lesen Sie u.a. Rezensionsessays von Holger Benkel über André Schinkel, Ralph PordzikFriederike Mayröcker, Werner Weimar-Mazur, Peter Engstler, Birgitt Lieberwirth, Linda Vilhjálmsdóttir, und A.J. Weigoni. Lesenswert auch die Gratulation von Axel Kutsch durch Markus Peters zum 75. Geburtstag. Nicht zu vergessen eine Empfehlung der kristallklaren Lyrik der von KUNO sehr verehrten Ines Hagemeyer.

Die Klassiker des Andersseins

Diese Betrachtungen versammeln sich in der Tradition von V.O. Stomps, dem Klassiker des Andersseins, dem Bottroper Literaturrocker „Biby“ Wintjes und Hadayatullah Hübsch, dem Urvater des Social-Beat, im KUNO-Online-Archiv. Der Nonkonformismus bezeichnet eine individualistische, unangepasste, unabhängige Haltung gegenüber sozialen, religiösen oder weltanschaulichen Normen. Man schwimmt dabei nicht immer direkt gegen den Strom, aber auch nicht mit ihm. Wir empfehlen für Neulinge als Einstieg in das weite Feld der nonkonformistischen Literatur diesem Hinweis zu folgen.

 

…will be continued…

 

 

 

Das Labor-Logo von Peter Meilchen

Weiterführend

Nach all dem was in diesem Annus Mirabilis zur Verfügung stand, hat KUNO die Stunde Null im Jahr 1989 angesetzt. Der Urknall des modernen Romans liegt jedoch erheblich weiter zurück, für die Redaktion ist er: The Life and Opinions of Tristram Shandy. Eine Hochkulturarroganz, wie sie im Zeitalter der Aufklärung geboren wurde, gibt es nicht mehr. Bücher sind klüger als ihre Verfasser. Mindestens aber 200 Jahre. Zum Thema Künstlerbücher lesen finden Sie hier einen Essay sowie einen Artikel von J.C. Albers. Vertiefend auch das Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus.