Schlagwort: Walther Stonet

Altbierperspektiven

  Der Ungarorheinländer, Poet, Novellist, Dramatiker, Romancier und Gesamtkünstler A.J. Weigoni hat mit Lokalhelden einen weiteren Roman vorgelegt. Diesmal reflektiert er über die deutsche Republik in den Neunzigern des vergangenen Jahrhunderts nach der Wiedervereinigung. Die „Bonner Republik“, so nennt man…

Kein Spaß im Cyberraum?

 Glaubwürdige Digitalisierungkritik muss präzise sein Joachim Paul Dass der Autor ein ausgewachsenes Problem mit den Auswüchsen des globalen Kapitalismus hat, sollte nicht insofern missverstanden werden, er liefere in seinen Texten ein alternatives Gestaltungsangebot menschlichen Wirtschaftens und Verhaltens. Er begnügt sich…

Selektion – Sneak Peak

  Ich stehe am anderen Ende des Gewehrlaufs und weiß nicht, welches Ende das richtige ist. Die Waffe starrt mich mit ihrem einen schwarzen Auge an. Das andere, das mich über die Kimme fixiert und dabei blinzelt, ist nicht ihres.…

Gedichte fürs Gedächtnis

An der Wasserscheide zwischen Vergessen und Erinnern Die Sonette von Walther Stonet meint man förmlich zu hören. Sie erinnern an jene kleinen Tonstücke, die man im deutschen Barok als Klinggedicht bezeichnete. Auch Stonets Gedichte bestehen aus aus 14 metrisch gegliederten…

Interpretation des Gedichts Buchstabensuppe

  Als der Interpret den Vorschlag von KUNO erhielt, hat er sich erst gefreut und dann noch mehr amüsiert – schließlich sind die Sommerlesungen des Projekts zugtextet.com mit dem Wiedererkennungstitel Buchstabensuppe gekennzeichnet. Jetzt haben wir, war der erste Gedanke, auch…

Der Wintersturm

    Der Himmel wirft die Jugend weg, ergraut In schweren Wolkenmassen, durchgeknetet Von Winterstürmen. Einer kniet und betet, Er spricht die Formeln, hat nicht aufgeschaut.   Die Böe greift die Fichte, und sie bricht. Mit lautem Knall schnellt sie…

Jenseits des Wahrnehmungsmainstreams

Zu meinen Aufgaben gehörte es auch, die eintreffenden Rezensionsexemplare auszupacken – Aberhunderte von Büchern, von denen man wusste, dass nur ein kleiner Teil wahrgenommen werden kann. Da wird man zu einer Art Bartleby der Bücher. Angela Schader In Zeiten der…

Im Grau des halben Tags

    Die Worte sinken in die weichen Kissen. Dort, wo du lagst, verschwinden sie im Warmen. Die Hoffnung wog so leicht in deinen Armen. Ich weiß, ich werde beides sehr vermissen.   Die Vögel üben sich in Feindalarmen. Man…

Der Nachtzug

    War’s nicht ein Zug der Zeit, der Sehnsucht pfiff? Es mengte sich ins Gleisgeräusch, das Pfeifen, Ins Quietschen durch das Eisenreifen-Schleifen: Der Westwind war’s, der diese Töne griff   Und durch die Weiten trug bis an ein Ohr.…

Pandemisches Sonet

Es ist, als hört man leises Flügelschlagen,Und watteweich schwingt sich das Leben auf:Die Bäume wollen alles überragenUnd nehmen selbst den frühen Frost in Kauf. In Büschen herrschen Rascheln, Zwitschern, BauenUnd in den Ästen dafür lauter Streit.Der Kater geht nach seiner…

Eine einzigartige Stimme in der deutschsprachigen Gegenwartslyrik

  Als der Rezensent die ersten Verse Sigune Schnabels als auswählender Lyrikredakteur der Asphaltspuren las, wusste er bereits, dass diese Autorin jemand ganz Besonderer war. Für ihn war es ausgemacht, dass man und frau von ihr noch mehr hören und…

Fern von mir

Der Raum ist durch die Liebe lichtgeflutet: Man kann die leichten leisen Schritte hören, Sie könnten selbst den kalten Stein betören. Was haben wir uns alles zugemutet! Die rote Rose möchte dich beschwören: Sie ist aus meinem Herzen ausgeblutet; Gestalt…

Du kommst wie du gehst

Sonett Shakespeare Art in Amphibrachen     Du kommst wie gerufen und gehst wie berufen: Es werfen die Steine den Schatten auf dich. Die Füße auf Stufen, die Füße auf Kufen – Sie tragen so weit. Es stürmt fürchterlich.  …

Waldeslust

  Ich stehe im bemoosten Schatten alter Bäume Und rufe mir die Lebensängste launig zu; Im dunklen Walde herrscht wie immer Waldesruh. Am Ende habe ich wohl nur die schlechten Träume Der Kindheit ausgepackt und in die Nacht geworfen. Dort…

Stillleben von Eierlikör und Hartweizengrießspaghetti

  Es ist gegeben wie genommen: Bald Verspricht die Lösung sich als Wohlgefallen, Als Pseudonym für Tanzen, Träumen, Lallen. Es mangelt nicht an Täuschungswohlgestalt.   Das Walnusseis ist hart und eklig kalt. Es hat Likör aus Ei zum Schleckvasallen. Gerieben…

Sommerludern

Am Ende lagen wir im warmen Gras. Der Himmel spannte blau den weiten Bogen, Sogar ein Storch kam noch vorbeigeflogen, Ich wusste ja, du warst ein geiles Aas,   Das mir die Wünsche aus den Augen las: Du hattest mich…

Jesidenschicksal

    Es spricht ein Retter Hoffnungsworte, die Am Ende niemand wirklich hören will. Im Raum ist es nur dunkel, kalt und still. Sie wollten nicht gerettet werden, sie   Erhofften sich Erlösung durch den Tod. Man hatte sie geschunden…

Offener Brief

Oh, wie beglückt ist doch ein Mann, / Wenn er Gedichte machen kann! Wilhelm Busch Vorbemerkung der Redaktion: KUNO widmet dem Gedicht auch in diesem Jahr den genauen Blick, das aufmerksame, geduldige, ins Denken gedrehte Lesen und Wiederlesen, dies bezeugte…

Smartes Haus + Industrie 4.0 = Internet der Dinge?

Der erste Versuch, ein wenig Licht in das Darknet zu bringen Die Zeitungen, Magazine und Nachrichten sind voll davon. Wenn Politiker drüber reden, das weiß man, ist etwas spätestens auf der Tagesordnung. Oder, Agenda, wie das im Politiker- und Journalistensprech…

Im Flüchtlingsghetto

  Es treten aus den dunklen langen Schatten Die ersten Wesen an das Mittagslicht. Man sieht nur große Augen, kein Gesicht, Die Spinnenarme. Rennen da die Ratten?   Wer durch die Gassen geht, weiß, wo’s gebricht. Die Reichen, die nichts…

Disruption als neues Geschäftsmodell

Wie die Strategie „Product as a Service“ die Wirtschafts- und Arbeitswelt verändert Die Digitalisierung wirbelt nicht nur die Arbeits- und Lebensweisen durcheinander. Sie schafft auch neue Geschäftsmodelle. Die Konsequenzen dieser Veränderungen sind den meisten nicht klar. Damit dieses Wissen nicht…

Schon vorbei

  Es mag der Satz sich nicht zu Reden formen: Die Sprache will nicht mehr ein Helfer sein. Der Mensch ist so geboren, ganz allein. Die Norm will Norm nicht sein bei dem Abnormen,   Was jetzt geschieht. Entsetzlich kalt…

Mocking Bird

  Was lockst Du so mit deinen roten Lippen? Was züngelst du mit deiner rosa Zunge? Da wächst zum Mann der kleinste blasse Junge, Sieht er dich mit den Highheels lässig wippen!   Mir preßt’s das Leben heiß aus meinen…

Schokolädchen

  Ich frag’ mich, was ich an dir lieb, An Weihnachten, mein süßes Mädchen. Ich öffnete ein weitres Lädchen, Als ich dir diese Verse schrieb,   Am Weihnachtskalendarium Und stahl daraus ein Schokolädchen. Das war ein herziges Gerätchen: Ich schlotze…

Eroberung

  Ich steh’ vor diesem Bild und bleibe stumm. Zum ersten Mal hat’s mir das Wort verschlagen. Ich kann mich dieses Blickes kaum entsagen: Ich stehe also da und fühl mich dumm.   Was ist mit mir geschehen, will ich…

Wie es begann

    Ich traf dich auf dem Feld, das Leben heißt: Du klangst am Anfang nicht so sehr begeistert. Am Auge hing ein Lid, es war verkleistert. Der Mann, der dich total vom Hocker reißt,   Den hatte ich gespielt,…

Die „Convenience Trap“ und der Verlust an Selbstbestimmung

Wie Apps, das Internet, Social Media und Big Data uns fernsteuern wollen – und was wir dagegen tun sollten „Convenience“ ist einer der meisten gehypten Schlagwörter nicht nur im Silicon Valley – aber auch und gerade dort. Hinter diesem Schlagwort…

Freiheit, die ich meine

Was Johannes R. Becher, Viktor Orban, Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdoğan gemeinsam haben Die Freiheit wird bedroht. Menschenrechte wie die Pressefreiheit, die Religionsfreiheit und die Freiheit von Wissenschaft und Kunst stehen ebenso unter Beschuss wie die Freiheit der Meinungsäußerung.…

Warum Lyrik wieder in die Zeitungen gehört

Vorbemerkung der Redaktion: KUNO widmet dem Gedicht auch in diesem Jahr den genauen Blick, das aufmerksame, geduldige, ins Denken gedrehte Lesen und Wiederlesen. Das Abtragen der Schichten, Auffächern der Bedeutungsstränge, der Rhythmen und Klänge, der Brüche und Widersprüche, die es,…

Spätsommerahnungen

  Die Wolken blasen ihre Backen auf, Und Wind rauscht durch die leeren kalten Zimmer: Schrill zetert aus den Kellern ein Gewimmer. Das Fremde rüttelt Türen, Knauf um Knauf.   Das Jahr wird wieder alt; der Sonne Lauf Wird kürzer,…

So richtig nett von Hoffmann und Shakespeare

  Der Rezensent ist selbst ein notorischer Sonetter, daher also nicht ganz satisfaktionsfähig, da parteiisch. Und er kennt und liebt natürlich William Shakespeare, im Original, aber gerne auch übersetzt und nachgedichtet. Irgendwann flatterte demselben dieser kleine hellblaue Band auf den…

Syrien 2017

  Beim Kampf schaut man sich nicht mehr ins Gesicht: Da herrschen – anzugsweis gestählt – Gestalten, Die bloß ein Smartphone in den Händen halten; Sie sitzen über Kinder zu Gericht;   Die Mütter, deren Bitten still verhallten, Beschweren diese…

Sprache als Firewall

Jedesmal wenn ich versuche einen Text zu ‚analysieren‘, der bei mir Lust erregt hat, dann finde ich nicht meine ‚Subjektivität‘ wieder, sondern mein ‚Individuum‘, die Gegebenheit, die bewirkt, dass mein Körper von den anderen Körpern getrennt ist, und ihm sein…

Poetologische Positionsbestimmung

 Das Gedicht war eine ungeheure Erfindung. Das ganze Menschheitswissen wurde in gebundener Sprache überliefert.  Ernst Pöppels Kurze Vorrede, mit der freundlichen Bitte um etwas Geduld: Mein Gehirn ähnelt einem Muskel, es bleibt nur fit, wenn ich es beständig trainiere. Wichtig…

Über die Erkenntnisverweigerer

  Es gibt die vielen lauten Besserwisser. Die Welterklärung ist ihr ganzes Streben. Ihr widmen sie ihr armes Erdenleben. Wenn es um Zukunft geht, sind sie nur Schisser,   Die felsenfest am Vorvorgestern kleben. Man findet sie als tumbe Fahnenhisser,…

Das sich erklärende Wort

Die Poesie ist ein Versuch, der Wirklichkeit auf nichtbegriffliche Weise zu begegnen Yves Bonnefoy Lyriker haben keine schlichten Vokabeln, weder im Leben noch in der Dichtung. Selbst Jugendgedichte verdeutlichen das Umkreisende, das eine Suche nach Identität birgt: loslassen, sich selbst…

Inter. Essen

  Ein Mensch spricht über Interessen Und hatte morgens nicht gegessen. Der Fokus liegt, man kann es ahnen, Nicht darauf, etwas abzusahnen.   Es geht vielmehr ums Aufzukäsen, Einzubroten, Zeitunglesen, Ums Kaffeebrauen, Vollzuwursten, Ums Trinken, um nicht zu verdursten.  …

Mein Geschenk

  Das Helle jagt das Dunkel, Grau das Blau: Ein Vorhang bläht sich, weht ganz kurz hinaus. Die Zeit hat sich verändert. Ganz genau Versteht man’s nicht. Im stillen, leeren Haus   Geht deine Stimme, öffnet jede Tür. Wenn ich…

Himmel. Hund.

  Der Himmel mahnt: Du musst – wie alles – gehen. Denn jede Fahrt ist ohne Wiederkehr. Wenn Zeiger auf der Uhr sich weiterdrehen, Wird doch der Augen Blick schon morgen leer.   Ein müdes Blau frisst durch die Wolkendecke…

Unstillleben

  Die Wetterwand: Ein Lichtband zieht Hell Fächer in das schwere Grau. Jetzt kommt das Raumschiff, es geschieht, Doch nichts passiert, und ganz genau,   Zu dieser Zeit, der Tropfen fällt, Platzt kalt und nass auf einer Hand, Die einen…

Maden schicksal

    Mich im kern zu treffen war tat sächlich keine kunst können hätte es bedurft mich nicht zu treffen   Im kern haus des apfels die made – der biss guillotiniert verpuppung & falter flug samt flügel   Zittern:…

Eis. Prinzessin.

(„Ice Ice Baby“, Song von Vanilla Ice)   Jetzt lieg ich da, im Traum, in deinen Armen. Es ist so kalt, ich fühle nichts als Eis. Ich weiß nicht, wer ich bin und wie ich heiß: Das Traumland kennt da kein…

Sprachbad

  Triff deine Zeit in mir und meine noch dazu: Wir sind nur einen Herzschlag weit entfernt. Die Turteltauben gurren Cucurrucucú. Ich habe für uns Tollkirschen entkernt,   Wir könnten uns in uns sofort berauschen. Die Wolken flocken sich ins…

Der Frauenheld – Moritat

  Frühmorgens fiel ich aus dem Bette, Das lag nicht nur am letzten „e“, Die Decke hing wie eine Klette, Mein Großer Zeh war nicht OK.   Es muss am Wein gelegen haben: Denn ich ging ihm bis auf den…

Der Alltagsheld

    Ein Seufzer bricht noch aus den schwachen Lungen: Die Augen brechen nach dem letzten Zug. Ein Mahnen folgt dem steten Vogelflug, Ein Leben hat sich gänzlich ausgewrungen.   Es bleiben Worte und Erinnerungen. Der, der da ging, war…

Baum mit Liebeskummer – Moritat

  Ich stand im Wald und steh dazu. Dort draußen hatt ich meine Ruh, Die Ruhe selbst war ich und mehr. Der Wald blieb da. Mich zogs hierher:   In diesem Garten ganz allein Muss ich statt drauß im Walde…

Hippe Lippe

  Ich lege Wert darauf, von Wert zu sein, Und klimpre mit den Münzen in der Tasche. Dann nehme ich die goldne Schampusflasche, Die mit den Plättchen drin, und schenke ein:   Das ist die neuste hippe Jetsetmasche. Ich rede…

Laboratorium der Poesie – Zum KUNO-Schwerpunkt 1995

Ob man nach Auschwitz noch Gedicht schreiben könne, war eine fundamentale Frage der kulturellen Wahrnehmung. Aber kein Mensch fragte, ob man nach Auschwitz noch Kriminalromane schreiben oder Frauen in Bikinis photographieren könne. Georg Seesslen Lyrik ist eine Gattung, die zwischen…

Falter. Flug.

  Ich tanze um die Wette mit ’nem Falter, Vergesse im Moment mein Lebensalter. Da rutsche ich schon aus auf einer Schnecke Und merk, dass ich in falschen Schuhen stecke. Das Leben ist ein Fall von Perspektive: Ich tu nur…

Lyrik als Seismograph an der Epochenschwelle

Die Lyra galt im antiken Griechenland als Erfindung des Hermes, der sie seinem Götterbruder Apollon als Entschädigung für seinen Rinderdiebstahl übergab. Im Hellenismus war sie ein Symbol der Dichter und Denker, woraus sich später der Begriff Lyrik entwickelte. Reden wir…