Schlagwort: Else Lasker-Schüler

Schwarze Sterne

  Warum suchst du mich in unseren Nächten, In Wolken des Hasses auf bösen Sternen! Laß mich allein mit den Geistern fechten.   Sie schnellen vorbei auf Geyerschwingen Aus längst vergessenen Wildlandfernen. Eiswinde durch Lenzessingen.   Und du vergißt die…

Mutter

(Meiner teuren Mutter der heiligste Stern über meinem Leben)   Ein weißer Stern singt ein Totenlied In der Julinacht, Wie Sterbegeläut in der Julinacht. Und auf dem Dach die Wolkenhand, Die streifende feuchte Schattenhand Sucht nach meiner Mutter.   Ich…

Styx

    O, ich wollte, daß ich wunschlos schlief, Wüßt ich einen Strom, wie mein Leben so tief, Flösse mit seinen Wassern.     (Die Gedichte des Styx schenke ich Ludwig von Ficker, dem Landvogt von Tyrol und seiner schönen…

Dir

  Drum wein ich, Daß bei deinem Kuß Ich so nichts empfinde Und ins Leere versinken muß. Tausend Abgründe Sind nicht so tief, Wie diese große Leere. Ich sinne im engsten Dunkel der Nacht, Wie ich dirs ganz leise sage,…

Kühle

  (Der lieben May Kapteyn)   In den weißen Bluten Der hellen Rosen Möchte ich verfluten.   Doch auf den Teichen Warten die starren, seelenlosen Wasserrosen, Meiner Sehnsucht Kühle zu reichen.         *** „Die größte Lyrikerin, die…

Die Königin

  (Für Kete Parsenow) Du bist das Wunder im Land, Rosenöl fließt unter deiner Haut,   Vom Gegold deiner Haare Nippen Träume; Ihre Deutungen verkünden Dichter.   Du bist dunkel vor Gold – Auf deinem Antlitz erwachen Die Nächte der…

Mein Tanzlied

(Dem schönen Schauspieler Erich Kaiser-Titz)   Aus mir braust finstre Tanzmusik, Meine Seele kracht in tausend Stücken. Der Teufel holt sich mein Mißgeschick, Um es ans brandige Herz zu drücken. Die Rosen fliegen mir aus dem Haar Und mein Leben…

Es war eine Ebbe in meinem Blut

(Den lieben zwei Brüdern Helmut und Wieland Herzfelde)   Es war eine Ebbe in meinem Blut, Es schrie wie brüllende Ozeane. Und mit meiner Seele wehte der Tod Wie mit einer Siegesfahne. Zehn Könige standen um mein Bett, Zehn stolze,…

Meine Schamröte

  Du, sende mir nicht länger den Duft, Den brennenden Balsam Deiner süßen Gärten zur Nacht.   Auf meinen Wangen blutet die Scham Und um mich zittert die Sommerluft.   Du … wehe Kühle auf meine Wangen Aus duftlosen, wunschlosen…

Dasein

(Eugen von Goßler)   Hatte wogendes Nachthaar, Liegt lange schon wo begraben. Hatte Augen wie Bäche klar, Bevor die Trübsal mein Gast war, Hatte Hände muschelrotweiß, Aber die Arbeit verzehrte ihr Weiß. Und einmal kommt der Letzte, Der senkt den…

Komm mit mir in das Cinema

    Komm mit mir in das Cinema, Dort findet man was einmal war: Die Liebe! Liegt meine Hand in Deiner Hand Ganz übermannt im Dunkel, Trompetet wo ein Elefant Ganz plötzlich aus dem Dschungel – Und schnappt nach uns…

Franz Marc

Heute vor 100 Jahren starb Franz Marc.    Der blaue Reiter ist gefallen, ein Großbiblischer, an dem der Duft Edens hing. Über die Landschaft warf er einen blauen Schatten. Er war der, welcher die Tiere noch reden hörte; und er…

Mein blaues Klavier

    Ich habe zu Hause ein blaues Klavier Und kenne doch keine Note.   Es steht im Dunkel der Kellertür, Seitdem die Welt verrohte.   Es spielten Sternenhände vier – Die Mondfrau sang im Boote. – Nun tanzen die…

Chronica

  Mutter und Vater sind im Himmel – Amen. Drei Seelen breiten Aus stillem Morgenträumen Zum Gottland ihre Wehmut aus; – Denn drei sind wir Schwestern, Die vor mir träumten schon in Sphinxgestalten Zu Pharaozeiten; – Mich formte noch im…

Mein Lied

  (Meinem gefallenen, lieben Krieger Georg Trakl)   Schlafend fällt das nächtliche Laub, O, du stiller dunkelster Wald ….   Kommt das Licht mit dem Himmel, Wie soll ich wach werden? Überall wo ich gehe, Rauscht ein dunkler Wald;  …

Georg Trakl

  Seine Augen standen ganz fern. Er war als Knabe einmal schon im Himmel.   Darum kamen seine Worte hervor Auf blauen und weißen Wolken. Wir stritten über Religion, Aber immer wie zwei Spielgefährten,   Und bereiteten Gott von Mund…

Jakob

  (Dem Doktor Pagel)   Jakob war der Büffel seiner Herde. Wenn er stampfte mit den Hufen Sprühte unter ihm die Erde.   Brüllend ließ er die gescheckten Brüder, Rannte in den Urwald an die Flüsse, Stillte dort das Blut…

Ankunft

  (Meinem lieben Job Haubrich in Köln) Ich bin am Ziel meines Herzens angelangt. Weiter führt kein Strahl. Hinter mir laß ich die Welt. Fliegen die Sterne auf: Goldene Vögel.   Hißt der Mondturm die Dunkelheit – …. O, wie…

Sulamith

  O, ich lernte an deinem süßen Munde Zuviel der Seligkeiten kennen! Schon fühl ich die Lippen Gabriels Auf meinem Herzen brennen …. Und die Nachtwolke trinkt Meinen tiefen Zederntraum. O, wie dein Leben mir winkt! Und ich vergehe Mit…

Nun schlummert meine Seele –

  Dem lieben Hans Heinrich von Twardowsky) Der Sturm hat ihre Stämme gefällt, O, meine Seele war ein Wald.   Hast du mich weinen gehört? Weil deine Augen bang geöffnet stehn. Sterne streuen Nacht In mein vergossenes Blut.   Nun…

Übergroße Gerechtigkeit

  Daß ich nur von mir spreche, geschieht aus übergroßer Gerechtigkeit, aus Gewissenhaftigkeit, nicht nur aus Selbstschätzung. Nämlich, weil ich mich nur kenne und von mir Auskunft geben kann.     *** Weiterführend → Lesen Sie auch einen Essay über die neue…

Das ewige Leben

  Das ewige Leben dem, der viel von der Liebe weiß zu sagen. Ein Mensch der Liebe kann nur auferstehen!     *** „Die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte“, sagte Gottfried Benn über Else Lasker-Schüler. Sie bewegte sich wie…

Ein alter Tibetteppich

    Deine Seele, die die meine liebet Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet   Strahl in Strahl, verliebte Farben, Sterne, die sich himmellang umwarben.   Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit Maschentausendabertausendweit.   Süsser Lamasohn auf Moschuspflanzentron Wie lange…

Ich hab‘ die Welt

Ich hab‘ die Welt, die Welt hat mich betrogen.     *** „Die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte“, sagte Gottfried Benn über Else Lasker-Schüler. Sie bewegte sich wie eine Märchenfigur durch Berlin und fiel mit ihrer exzentrischen Erscheinung auf.…

Der Künstler

  Der Künstler trägt die Zeit nicht, zwischen zwei Deckel gelegt, bei sich an einer Kette; er richtet sich nach dem Zeiger des Universums, weiß darum immer was die Urkuckucksuhr geschlagen.     *** Weiterführend → Lesen Sie auch einen Essay über…

Alfred Kerr

  Silvester 1908 bin ich Alfred Kerr begegnet unter künstlichen Balkansternen, zwischen schleierverhüllten Angesichten schöner Haremsfrauen und fezbedeckter Häupter weißgekleideter Muselmänner. »Wissen Sie, wer der Beduinenfürst war?« (Wir grüßten uns nach des Bosporus Zeremoniell und Sitte.) »Reißen Sie mich nicht…

Traum

  Der Schlaf entführte mich in deine Gärten, In deinen Traum – die Nacht war wolkenschwarz umwunden – Wie düstere Erden starrten deine Augenrunden, Und deine Blicke waren Härten –   Und zwischen uns lag eine weite, steife Tonlose Ebene…

Giselheer dem Tiger

  Über dein Gesicht schleichen die Dschungeln. O, wie du bist!   Deine Tigeraugen sind süß geworden In der Sonne.   Ich trag dich immer herum Zwischen meinen Zähnen.   Du mein Indianerbuch Wild West, Siouxhäuptling!   Im Zwielicht schmachte…

Ballade

(Aus den sauerländischen Bergen) (Dem von mir immer so verehrten Dr. Blümner)   Er hat sich In ein verteufeltes Weib vergafft, In sing Schwester!   Wie ein lauerndes Katzentier Kauerte sie vor seiner Tür Und leckte am Geld seiner Schwielen.…

Selbstmord

  Wilde Fratzen schneidet der Mond in den Sumpf Es kreisen alle Welten dumpf; Hätt ich erst diese überstanden!   Mein Herz, ein Skarrabäenstein; Blüht bunter Mai aus meinem Gebein Und Meere rauschen durch Guirlanden.   Ich wollt, ich wär…

Scheidung

  Hab in einer sternlodernden Nacht Den Mann neben mir ums Leben gebracht. Und als sein girrendes Blut gen Morgen rann, Blickte mich düster sein Schicksal an.       *** „Die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte“, sagte Gottfried…

Groteske

  Seine Ehehälfte sucht der Mond, Da sonst das Leben sich nicht lohnt.   Der Lenzschalk springt mit grünen Füßen, Ein Heuschreck über die Wiesen.   Steif steht im Teich die Schmackeduzie, Es sehnt und dehnt sich Fräulein Luzie.  …

Vollmond

  Leise schwimmt der Mond durch mein Blut … Schlummernde Töne sind die Augen des Tages Wandelhin – taumelher –   Ich kann deine Lippen nicht finden … Wo bist du, ferne Stadt Mit den segnenden Düften?   Immer senken…

Abend

  (Alexander von Bernus) Hauche über den Frost meines Herzens Und wenn du es zwitschern hörst, Fürchte dich nicht vor seinem schwarzen Lenz.   Immer dachte das kalte Wundergespenst an mich Und säete unter meinen Füßen – Schierling.   Nun…

Syrinxliedchen

  Die Palmenblätter schnellen wie Viperzungen In die Kelche der roten Gladiolen, Und die Mondsichel lacht Wie ein Faunsaug verstohlen. Die Welt hält das Leben umschlungen Im Strahl des Saturn. Und durch das Träumen der Nacht Sprüht es purpurn. Jüx!…

Weltschmerz

  Ich, der brennende Wüstenwind, Erkaltete und nahm Gestalt an.   Wo ist die Sonne, die mich auflösen kann, Oder der Blitz, der mich zerschmettern kann!   Blick nun, ein steinernes Sphinxhaupt, Zürnend zu allen Himmeln auf.      …

Mein Kind

  Mein Kind schreit auf um die Mitternacht Und ist so heiß aus dem Traum erwacht.   Gäb ihm so gern meines Blutes Mai, Spräng nur mein bebendes Herz entzwei. Der Tod schleicht im Hyänenfell Am Himmelsstreif im Mondeshell.  …

Streiter

  (Der verehrten Fürstin Pauline zu Wied)   Und deine hellen Augen heben sich im Zorn, Schwarz, wie die lange Nacht, und morgenlose. Des Eitlen Stimme brüllt in toter Pose, Wie durch ein enggebogenes Horn. Und im übermütigen Tausendlachen Der…

Leise sagen –

  Du nahmst dir alle Sterne Über meinem Herzen.   Meine Gedanken kräuseln sich, Ich muß tanzen.   Immer tust du das, was mich aufschauen läßt, Mein Leben zu müden.   Ich kann den Abend nicht mehr Über die Hecken…

Zeitzeichen: Vor 50 Jahren starb Else Lasker-Schüler

Dies war die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte … Ihre Themen waren jüdisch; ihre Phantasie orientalisch, aber ihre Sprache war deutsch, ein üppiges, prunkvolles, zartes Deutsch, eine Sprache reif und süß, in jeder Wendung dem Kern des Schöpferischen entsprossen.…

Mein Sterbelied

  Die Nacht ist weich von Rosensanftmut; Komm, gib mir deine beiden Hände her, Mein Herz pocht spät Und durch mein Blut Wandert die letzte Nacht und geht Und naht so weit und ewig wie ein Meer.   Und hast…

Der letzte Stern

(John Hertz und Alice Behrend) Mein silbernes Blicken rieselt durch die Leere, Nie ahnte ich, daß das Leben hohl sei. Auf meinem leichtesten Strahl Gleite ich wie über Gewebe von Luft Die Zeit rundauf, kugelab, Unermüdlicher tanzte nie der Tanz.…

Die Liebe

  Es rauscht durch unseren Schlaf Ein feines Wehen wie Seide, Wie pochendes Erblühen Über uns beide. Und ich werde heimwärts Von deinem Atem getragen, Durch verzauberte Märchen, Durch verschüttete Sagen.   Und mein Dornenlächeln spielt Mit deinen urtiefen Zügen,…

Sphinx

  Sie sitzt an meinem Bette in der Abendzeit Und meine Seele tut nach ihrem Willen, Und in dem Dämmerscheine traumesstillen, Engen wie Fäden dünn sich ihre Glanzpupillen Um ihrer Sinne schläfrige Geschmeidigkeit.   Und auf dem Nebenbette an den…

Frühling

  Wir wollen wie der Mondenschein Die stille Frühlingsnacht durchwachen, Wir wollen wie zwei Kinder sein. Du hüllst mich in dein Leben ein Und lehrst mich so wie du zu lachen.   Ich sehnte mich nach Mutterlieb Und Vaterwort und…

Gegen die Universalität des Vergessens

Im Nationalsozialismus war die Wuppertal ein wichtiges Zentrum sowohl der NSDAP als auch des Widerstands, sowohl der Gewerkschaften und politischen Opposition als auch der Kirchen, was nicht zuletzt die Barmer Erklärung zum Ausdruck brachte. Die Wupper ist nicht nur ein…

Dämmerung

  Ich halte meine Augen halb geschlossen Graumütig ist mein Herz und wolkenreich Ich suche eine Hand der meinen gleich Mich hat das Leben, ich hab es verstoßen Und lebe angstvoll nun im Übergroßen Im irdischen Leibe schon im Himmelreich.…