Schlagwort: Else Lasker-Schüler

Der Kreuzfahrer

Hans Adalbert von Maltzahn zum Angedenken Die Kreuzfahrer bringen Geläut in die Stadt Jerusalem und die Sünde überwuchert die stolzen Muselblumen der Wege. Ich zerblättere die Sünde wo ich sie finde, die heimlichen Knospen des Christen, der mich einlud zu…

Eine Begebenheit aus dem Leben Abigail des Liebenden

Eine Geschichte der Maria von Nazareth Dem Venuskind als Kete Parsenow fünf Jahre alt war Als Abigail der Dritte noch ein Zebaothknabe war und viel, viel Sehnsucht hatte, ritt er auf seinem weißen Kamel in Begleitung seines Spielgefährten Salomein durch…

Singa, die Mutter des toten Melechs des Dritten

Erik-Ernst Schwabach und seinem Gemahl Singa, die Mutter des toten Melechs, saß in ihrem Gemach wie eine Mumie verhüllt, und das Volk trauerte mit ihr drei Jahre lang. Bis sie die trüben Schleier von ihrem Angesicht riß, dem heißen Psalm…

Abigail der Dritte

Professor Walter Otto dem großen Jüngling Der ehemalige Zebaothknabe Jussuf, der Sohn des verstorbenen Oberpriesters und seiner schönen Mutter Singa, war jetzt in Theben Melech. Er bekleidete außer der Königswürde auch das Oberamt des Tempels. Sein siebzehnjähriges Gesicht und seine…

Abigail der Zweite

Karl Kraus dem Cardinal Abigail des Spätgeborenen ältester Vetter Simonis saß auf dem Thron zu Theben nur einen Tag und langweilte sich und verzichtete auf die Krone zu Gunsten seines Bruders Arion-Ichtiosaur. Der nannte sich Abigail der Zweite – wie…

Abigail der Erste

Kete Parsenow der Venus Er wurde Melech, als er noch im Mutterleibe war. Die Melechmutter klagte, denn Abigail weigerte sich zur Welt zu kommen. Der lag in seiner Mutter Prachtleib wohl geborgen und schnarchte so laut, daß man seinen Schlummer…

Der Fakir

Dem Prinzen von Moskau Senna Hoy in Unvergeßlichkeit Die drei Lieblingstöchter des Emirs von Afghanistan heißen Schalôme, Singâle, Lilâme. Ihre Gesichter sind wie Milch; Sklaven verscheuchen die Sonne vom Dach der Frauen wie einen lästigen Vogel. Um die Abendstunde wandeln…

Ein Brief meiner Base Schalôme

  Im Hafen von Konstantinopel liegen goldene Boote – Sterne …. Ich bin im Palaste meines Großoheims; wir Basen aus Bagdad duften nach altem Gemäuer, wir Prinzessinnen vom Tigris tanzen mit stummen Gliedern. Und ich verstehe die Sprache der Frauen…

Der Derwisch

Franz Marc und Mareia Die englischen Damen reiten jeden Abend auf ihren Eseln die heiße Gräberstraße entlang, die heiligen Katzen hinter den Gittern der Gräber blicken schon weltlich. Der Derwisch tanzt. Die Ladies mit den hellen Augen like the spring…

Tschandragupta

Meinem Sohn Paul Tschandragupta ist siebenzig Jahre alt. Am frühen Morgen wird ihn sein Sohn erschlagen. So ist es Sitte im Stamm. Und vor ihren Zelten schreien die Weiber und ihre Söhne klatschen mit ihren Händen einen wilden Freudentaumel. Der…

Der Scheik

Meiner teuren Mutter Mein Vater hat mir schon so oft die Geschichte aus dem Leben meines Urgroßvaters erzählt, ich glaube nun, ich habe sie selbst erlebt … Nicht einmal der Insektenabwehrer durfte hinter dem großen Straußenwedel dem Gespräche lauschen, das…

Elberfeld im Rheinland

  Ich bin in Theben (Ägypten) geboren, wenn ich auch in Elberfeld zur Welt kam im Rheinland. Ich ging bis elf Jahre zur Schule, wurde Robinson, lebte fünf Jahre im Morgenlande, und seitdem vegetiere ich.     *** Else Lasker-Schüler…

Schwarze Sterne

  Warum suchst du mich in unseren Nächten, In Wolken des Hasses auf bösen Sternen! Laß mich allein mit den Geistern fechten.   Sie schnellen vorbei auf Geyerschwingen Aus längst vergessenen Wildlandfernen. Eiswinde durch Lenzessingen.   Und du vergißt die…

Mutter

(Meiner teuren Mutter der heiligste Stern über meinem Leben)   Ein weißer Stern singt ein Totenlied In der Julinacht, Wie Sterbegeläut in der Julinacht. Und auf dem Dach die Wolkenhand, Die streifende feuchte Schattenhand Sucht nach meiner Mutter.   Ich…

Styx

    O, ich wollte, daß ich wunschlos schlief, Wüßt ich einen Strom, wie mein Leben so tief, Flösse mit seinen Wassern.     (Die Gedichte des Styx schenke ich Ludwig von Ficker, dem Landvogt von Tyrol und seiner schönen…

Dir

  Drum wein ich, Daß bei deinem Kuß Ich so nichts empfinde Und ins Leere versinken muß. Tausend Abgründe Sind nicht so tief, Wie diese große Leere. Ich sinne im engsten Dunkel der Nacht, Wie ich dirs ganz leise sage,…

Mein Volk

  Der Fels wird morsch, Dem ich entspringe Und meine Gotteslieder singe … Jäh stürz ich vom Weg Und riesele ganz in mir Fernab, allein über Klagegestein Dem Meer zu.   Hab mich so abgeströmt Von meines Blutes Mostvergorenheit. Und…

Die Königin

  (Für Kete Parsenow) Du bist das Wunder im Land, Rosenöl fließt unter deiner Haut,   Vom Gegold deiner Haare Nippen Träume; Ihre Deutungen verkünden Dichter.   Du bist dunkel vor Gold – Auf deinem Antlitz erwachen Die Nächte der…

Mein Tanzlied

(Dem schönen Schauspieler Erich Kaiser-Titz)   Aus mir braust finstre Tanzmusik, Meine Seele kracht in tausend Stücken. Der Teufel holt sich mein Mißgeschick, Um es ans brandige Herz zu drücken. Die Rosen fliegen mir aus dem Haar Und mein Leben…

Es war eine Ebbe in meinem Blut

(Den lieben zwei Brüdern Helmut und Wieland Herzfelde)   Es war eine Ebbe in meinem Blut, Es schrie wie brüllende Ozeane. Und mit meiner Seele wehte der Tod Wie mit einer Siegesfahne. Zehn Könige standen um mein Bett, Zehn stolze,…

Meine Schamröte

  Du, sende mir nicht länger den Duft, Den brennenden Balsam Deiner süßen Gärten zur Nacht.   Auf meinen Wangen blutet die Scham Und um mich zittert die Sommerluft.   Du … wehe Kühle auf meine Wangen Aus duftlosen, wunschlosen…

Dasein

(Eugen von Goßler)   Hatte wogendes Nachthaar, Liegt lange schon wo begraben. Hatte Augen wie Bäche klar, Bevor die Trübsal mein Gast war, Hatte Hände muschelrotweiß, Aber die Arbeit verzehrte ihr Weiß. Und einmal kommt der Letzte, Der senkt den…

Komm mit mir in das Cinema

    Komm mit mir in das Cinema, Dort findet man was einmal war: Die Liebe! Liegt meine Hand in Deiner Hand Ganz übermannt im Dunkel, Trompetet wo ein Elefant Ganz plötzlich aus dem Dschungel – Und schnappt nach uns…

Franz Marc

Heute vor 100 Jahren starb Franz Marc.    Der blaue Reiter ist gefallen, ein Großbiblischer, an dem der Duft Edens hing. Über die Landschaft warf er einen blauen Schatten. Er war der, welcher die Tiere noch reden hörte; und er…

Mein blaues Klavier

    Ich habe zu Hause ein blaues Klavier Und kenne doch keine Note.   Es steht im Dunkel der Kellertür, Seitdem die Welt verrohte.   Es spielten Sternenhände vier – Die Mondfrau sang im Boote. – Nun tanzen die…

Chronica

  Mutter und Vater sind im Himmel – Amen. Drei Seelen breiten Aus stillem Morgenträumen Zum Gottland ihre Wehmut aus; – Denn drei sind wir Schwestern, Die vor mir träumten schon in Sphinxgestalten Zu Pharaozeiten; – Mich formte noch im…

Mein Lied

  (Meinem gefallenen, lieben Krieger Georg Trakl)   Schlafend fällt das nächtliche Laub, O, du stiller dunkelster Wald ….   Kommt das Licht mit dem Himmel, Wie soll ich wach werden? Überall wo ich gehe, Rauscht ein dunkler Wald;  …

Georg Trakl

  Seine Augen standen ganz fern. Er war als Knabe einmal schon im Himmel.   Darum kamen seine Worte hervor Auf blauen und weißen Wolken. Wir stritten über Religion, Aber immer wie zwei Spielgefährten,   Und bereiteten Gott von Mund…

Ein Amen

    Einmal, als ich sie besuchte, malte jemand ihre Hand – eine schmale Dolde am Ast, eine Seele, die blühte. Ellen Neustädter spielt nicht zur Schau; ihr Spiel ist eine tiefe Dichtung. Die Bühne fängt die Geschehnisse ihres Herzens…

Paul Leppin

  Ein großer kantiger Vampirflügel mit Apostelaugen schwebt Paul Leppins Roman »Daniel Jesus« vor mir auf. Hier wandelt nicht das Werk auf Füßen, und ich suche nicht nach seiner Erde. Paul Leppins Roman ist eine Flügelgestalt, Himmel und Hölle schöpfen…

S. Lublinski

  S. Lublinski ist von Geburt Ostpreuße. Er hat mir oft von seiner Heimat erzählt: dort sind noch die Wälder so finster und verwachsen wie kleine Urwälder. Zwischen knolligen Wurzeln und Stämmen ist sein Nest; knollig ist auch er an…

Unser Rechtsanwalt Hugo Caro

  Er kam immer im letzten Augenblick, auch zum Termin, wie jemand, der noch in den sich fortbewegenden Zug springt. Wie oft gingen wir zur Verhandlung ins Kriminalgericht, den Rechtsanwalt Caro verteidigen zu hören. Unseren lieben, frohen Rechtsanwalt, der uns…

Peter Baum

  Er versäumt den Tag, und die Dunkelheit erreicht er, wenn es zu spät ist. Aber er träumt noch schnell unter dem verschwindenden Mond. Einmal kam Peter Baum barhäuptig im Januar ins Theater gegangen, draußen waren 15 Grad Zerfahrenheit. Einmal…

Gottfried Keller

  Man kann sich so Vieles erklären, aber vieles das man sich nicht zu erklären vermag, nimmt Tage Wochen ja oft Jahre von Einem Besitz, steigt immer wieder ins Gedächtniss, erklärt zu werden, zurück. Am ersten Tage meines Hierseins in…

Mopp, ein »musikalischer« Maler

In Galauniform kam er dazumal nach Berlin, einen berühmten Kapellmeister zu porträtieren. Mopp kam in Gala. Das heisst in einem schlanken langen Gehrock und sehr hohen eleganten Samtkragen. Ein artiger Abbé; ein Ritter zugleich, küsste den Fraün respektvoll die Hand.…

Ernst Toller

  Ernst Toller war vor allen Dingen ein lieber Mensch gewesen. Ich hatte ihn mir genau so vorgestellt damals und war garnicht überrascht, als ich ihn sah im schlichten Rock vor uns auf dem Podium. Wir eilten alle alle hin,…

Doktor Magnus Hirschfeld

(Ein offener Brief an die Züricher Studenten)   Frischverehrte Herren Studenten! Am Donnerstag, 11. Juli, werden Sie im Schwurgerichtssaal Herrn Sanitätsrat Dr. Magnus Hirschfeld in Zürich sprechen hören; Sie können sich auf den Abend freuen. Ich will Ihnen etwas von…

Paul Lindau

  Manchmal sitzt Paul Lindau abends im Café des Westens und freut sich über die bunten Jünglinge und zwitschernden Mädchen. Er ist nicht hochtrabend, er tut mit. Seines Herzens leuchtende Farbe ist nicht eingetrocknet. Meine Eltern hatten Paul Lindau furchtbar…

Bei Julius Lieban

  Ich bitte Herrn Lieban, mir einen Nachtigallenspaß aus seinem Leben zu erzählen. Wir sitzen in seinem kleinen Gemach auf gemondeten und gestreiften Diwans, Herr Lieban, sein Töchterchen Eva und ich. Herr Lieban erzählt von Wanderzügen nach dem Süden. Wunderbar…

Friedrich von Schennis

  Der Baron ist eine Schöpfung aus Genie; er ist bereitet aus Himmel und Satan, aus Fegefeuernuancen und gottblau. Mein Bruder nannte ihn den Marquis; ich dachte immer, könnte ich den Marquis sehen. Eines Tages sah ich den Marquis in…

Sulamith

  O, ich lernte an deinem süßen Munde Zuviel der Seligkeiten kennen! Schon fühl ich die Lippen Gabriels Auf meinem Herzen brennen …. Und die Nachtwolke trinkt Meinen tiefen Zederntraum. O, wie dein Leben mir winkt! Und ich vergehe Mit…

Nun schlummert meine Seele –

  Dem lieben Hans Heinrich von Twardowsky) Der Sturm hat ihre Stämme gefällt, O, meine Seele war ein Wald.   Hast du mich weinen gehört? Weil deine Augen bang geöffnet stehn. Sterne streuen Nacht In mein vergossenes Blut.   Nun…

Der Mensch, das sonderbare Wesen

  Der Mensch, das sonderbare Wesen: Mit den Füßen im Schlamm, mit dem Kopf in den Sternen.       *** „Die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte“, sagte Gottfried Benn über Else Lasker-Schüler. Sie bewegte sich wie eine Märchenfigur…

Das ewige Leben

  Das ewige Leben dem, der viel von der Liebe weiß zu sagen. Ein Mensch der Liebe kann nur auferstehen!     *** „Die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte“, sagte Gottfried Benn über Else Lasker-Schüler. Sie bewegte sich wie…

Ein alter Tibetteppich

    Deine Seele, die die meine liebet Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet   Strahl in Strahl, verliebte Farben, Sterne, die sich himmellang umwarben.   Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit Maschentausendabertausendweit.   Süsser Lamasohn auf Moschuspflanzentron Wie lange…

Elberfeld im Wuppertal

Vorbemerkung der Redaktion. Am 01.08.1929 ist die Stadtgründung von Wuppertal im Rahmen des Gesetzes über die kommunale Neugliederung des rheinisch-westfälischen Industriegebiets erfolgt. Zu dieser Zeit wohnte die Elfenfelderin Else Lasker-Schüler bereits in Berlin.   Wir wohnten am Fuße des Hügels. Steilauf…

Weltflucht

  Ich will in das Grenzenlose Zu mir zurück, Schon blüht die Herbstzeitlose Meiner Seele, Vielleicht ists schon zu spät zurück. O, ich sterbe unter euch! Da ihr mich erstickt mit euch. Fäden möchte ich um mich ziehen Wirrwarr endend!…

Ich hab‘ die Welt

Ich hab‘ die Welt, die Welt hat mich betrogen.     *** „Die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte“, sagte Gottfried Benn über Else Lasker-Schüler. Sie bewegte sich wie eine Märchenfigur durch Berlin und fiel mit ihrer exzentrischen Erscheinung auf.…

IchundIch

    …durch das wiederum Entfalten Des IchundIch Komm ich geklärt und pfingstgeläutert ich zu mir!         *** „Die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte“, sagte Gottfried Benn über Else Lasker-Schüler. Sie bewegte sich wie eine Märchenfigur…

Der weisse Wal an der Wupper

Mich interessiert nicht, wie die Menschen sich bewegen, sondern, was sie bewegt. Pina Bausch Während meine Jungendfreude sich alle nach D-Dorf, Berlin oder Hamburg orientierten, kam ich als „Kriegsdienstverweigerer“ mit dem Zivi-Ticket nach Elberfeld. Im doppelten Sinn, damals fuhr der…

Der Künstler

  Der Künstler trägt die Zeit nicht, zwischen zwei Deckel gelegt, bei sich an einer Kette; er richtet sich nach dem Zeiger des Universums, weiß darum immer was die Urkuckucksuhr geschlagen.       *** Weiterführend → Lesen Sie auch einen Essay…

Alfred Kerr

  Silvester 1908 bin ich Alfred Kerr begegnet unter künstlichen Balkansternen, zwischen schleierverhüllten Angesichten schöner Haremsfrauen und fezbedeckter Häupter weißgekleideter Muselmänner. »Wissen Sie, wer der Beduinenfürst war?« (Wir grüßten uns nach des Bosporus Zeremoniell und Sitte.) »Reißen Sie mich nicht…

Sein Blut

  Am liebsten pflückte er meines Glückes Letzte Rose im Maien Und würfe sie in den Rinnstein. Sein Blut plagt ihn. Am liebsten lockte er meiner Seele Zitternden Sonnenstrahl In seine düstre Nächtequal.   Am liebsten griff er mein spielendes…

Weltende

  Es ist ein Weinen in der Welt, Als ob der liebe Gott gestorben wär, Und der bleierne Schatten, der niederfällt, Lastet grabesschwer.   Komm, wir wollen uns näher verbergen … Das Leben liegt in aller Herzen Wie in Särgen.…

Vergeltung

  Hab hinter deinem trüben Grimm geschmachtet, Und der Tod hat in meiner Seele genachtet Und fraß meine Lenze. Da kam ein Augenblick, Ein spielender, jauchzender Augenblick Und tanzte mit mir ins Leben zurück Bis zur Grenze. Aber das Netz…

Es pocht eine Sehnsucht

  Es pocht eine Sehnsucht an die Welt, an der wir sterben müssen.     *** „Die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte“, sagte Gottfried Benn über Else Lasker-Schüler. Sie bewegte sich wie eine Märchenfigur durch Berlin und fiel mit…

Übergroße Gerechtigkeit

  Daß ich nur von mir spreche, geschieht aus übergroßer Gerechtigkeit, aus Gewissenhaftigkeit, nicht nur aus Selbstschätzung. Nämlich, weil ich mich nur kenne und von mir Auskunft geben kann.     *** Weiterführend → Lesen Sie auch einen Essay über die neue…

Esther

(Meiner geliebten Enja, der Ritterin von Hattingberg)   Esther ist schlank wie die Feldpalme, Nach ihren Lippen duften die Weizenhalme Und die Feiertage, die in Juda fallen.   Nachts ruht ihr Herz auf einem Psalme, Die Götzen lauschen in den…

Giselheer dem Tiger

  Über dein Gesicht schleichen die Dschungeln. O, wie du bist!   Deine Tigeraugen sind süß geworden In der Sonne.   Ich trag dich immer herum Zwischen meinen Zähnen.   Du mein Indianerbuch Wild West, Siouxhäuptling!   Im Zwielicht schmachte…

Ballade

(Aus den sauerländischen Bergen) (Dem von mir immer so verehrten Dr. Blümner)   Er hat sich In ein verteufeltes Weib vergafft, In sing Schwester!   Wie ein lauerndes Katzentier Kauerte sie vor seiner Tür Und leckte am Geld seiner Schwielen.…

Selbstmord

  Wilde Fratzen schneidet der Mond in den Sumpf Es kreisen alle Welten dumpf; Hätt ich erst diese überstanden!   Mein Herz, ein Skarrabäenstein; Blüht bunter Mai aus meinem Gebein Und Meere rauschen durch Guirlanden.   Ich wollt, ich wär…

Tilla Durieux

  Ich würde für sie auch im Privatleben das Eboligewand wählen, den zackigen, weißen Kragen, der ihr Angesicht, ein Bukett von Lichtwende und Herzschatten, wie mit einer Atlasmanschette umgibt. Frau Durieux spielt im Theater Reinhardts die Eboli; die schlummernde Saitenspielerin…

Wauer-Walden via München usw.

  O, wie wohl ist mir im Herzen zwischen den vielen scherzenden Herzen; alle sind bunt und brennen, aber mein Herz ist blau und glüht. Am Morgen hänge ich es an einen sorglosen Blumenbaum und lasse es zwitschern. Wie ich…

Emmy Destinn

  Ich schrieb ihr am Schluß meines Briefes: Semiramis, hinter den düsteren Gängen deines Palastes vermute ich hängende Gärten. Worauf sie ans Ende ihrer Zeilen setzte: Meine liebe Dichterin, meine Gärten sind diesen Abend wilde, verschwiegene Schluchten, kommen Sie und…

Franziska Schultz

  In Berlin gibt es eine Fraue, die die Schmerzen Marias leidet, sieben Schwerter im Herzen; und die doch gnadenreich herablächelt auf die Armen und Kranken. Jeder Mensch, der sich ihr nähert, ist ihr Jesuskind. Einen Tempel müsse man um…

Kete Parsenow

  Die Venus von Siam ist die Kete Parsenow. Feingebogene Dolche sind ihre Augen, wie die der Göttinnen in goldenen Tempeln. Peter Altenberg gab vor einigen Jahren eine Zeitschrift heraus, auf jeder Seite stand »sie« in blonden Farben. Die Kete…

Ruth

  Sie müßte eine Patronesse haben – etwa die Kaiserin von Island oder eine reiche Eskimotochter; vielleicht wird es eine Inger auf Östrot sein. Ruth ist eine Tragödin. Schon seit zwei Jahren spielt sie mit Vorliebe Partien aus Ibsens Werken.…

Rudolf Blümner

  Den Mephisto spielt er jeden Abend, eine Privatvorstellung im Freundeskreis. Ohne witzelnde Fußspitzenpose – der Doktor hat Humor, der im Kranichschritt mit dem Schwermutflügel einherschreitet. Wenn er nicht kommt, sind wir alle belämmert; die gretchenblondesten Mädchenköpfe freuen sich, wenn…

Hans Heinrich von Twardowsky

(Seinem treuen Freund Moritz Seeler) Hans Heinrich, der liebenswürdige Parodiendichter und Schauspieler, trug vor einigen Tagen zum wiederholten Male dem entzückten Publikum seine Verse vor; nun schenkt er sie in einem Buch aufbewahrt allen denen, die Freude an seinen Gedichten…

Die Eisenbahn

  Oben auf dem Oller, wie die Wuppertaler die Bodenkammern zu nennen pflegen, befand sich das Laboratorium meines jüngsten Bruders, »das Giftzimmer«, darin Flaschen mit verschiedenartigen Salzen und Säuren und allerlei Chemikalien seltsamsten Farbeninhalts standen. Namentlich die grünspangelben Schwefelwürfel wirkten…

Die Bäume unter sich

  Ich vertraue meinen dichterischen Einfällen und frage nicht, warum ich immer wieder über die Pflanzen auf unserer Welt dichten muß. Heute früh belauschte ich ein Gespräch, das die Bäume lebhaft miteinander vor meinem Fenster führten. Seitdem nehme ich an,…

Groteske

  Seine Ehehälfte sucht der Mond, Da sonst das Leben sich nicht lohnt.   Der Lenzschalk springt mit grünen Füßen, Ein Heuschreck über die Wiesen.   Steif steht im Teich die Schmackeduzie, Es sehnt und dehnt sich Fräulein Luzie.  …

Vollmond

  Leise schwimmt der Mond durch mein Blut … Schlummernde Töne sind die Augen des Tages Wandelhin – taumelher –   Ich kann deine Lippen nicht finden … Wo bist du, ferne Stadt Mit den segnenden Düften?   Immer senken…

Abend

  (Alexander von Bernus) Hauche über den Frost meines Herzens Und wenn du es zwitschern hörst, Fürchte dich nicht vor seinem schwarzen Lenz.   Immer dachte das kalte Wundergespenst an mich Und säete unter meinen Füßen – Schierling.   Nun…

Die Fackel, mehr als eine Literaturzeitschrift

KUNO konsultiert den Wert des Analogen und dokumentierte den Grenzverkehr im Dreiländereck. Wir stellen in diesem Online-Magazin gerne Literaturzeitschriften vor, auch Klassiker. In der Vorrede zur Fackel sagt Kraus sich von allen Rücksichten auf parteipolitische oder sonstige Bindungen los. Unter…

Syrinxliedchen

  Die Palmenblätter schnellen wie Viperzungen In die Kelche der roten Gladiolen, Und die Mondsichel lacht Wie ein Faunsaug verstohlen. Die Welt hält das Leben umschlungen Im Strahl des Saturn. Und durch das Träumen der Nacht Sprüht es purpurn. Jüx!…

Traum

  Der Schlaf entführte mich in deine Gärten, In deinen Traum – die Nacht war wolkenschwarz umwunden – Wie düstere Erden starrten deine Augenrunden, Und deine Blicke waren Härten –   Und zwischen uns lag eine weite, steife Tonlose Ebene…

Weltschmerz

  Ich, der brennende Wüstenwind, Erkaltete und nahm Gestalt an.   Wo ist die Sonne, die mich auflösen kann, Oder der Blitz, der mich zerschmettern kann!   Blick nun, ein steinernes Sphinxhaupt, Zürnend zu allen Himmeln auf.      …

Mein Kind

  Mein Kind schreit auf um die Mitternacht Und ist so heiß aus dem Traum erwacht.   Gäb ihm so gern meines Blutes Mai, Spräng nur mein bebendes Herz entzwei. Der Tod schleicht im Hyänenfell Am Himmelsstreif im Mondeshell.  …

Streiter

  (Der verehrten Fürstin Pauline zu Wied)   Und deine hellen Augen heben sich im Zorn, Schwarz, wie die lange Nacht, und morgenlose. Des Eitlen Stimme brüllt in toter Pose, Wie durch ein enggebogenes Horn. Und im übermütigen Tausendlachen Der…

Abendland

Else Lasker-Schüler in Verehrung   1 Mond, als träte ein Totes Aus blauer Höhle, Und es fallen der Blüten Viele über den Felsenpfad. Silbern weint ein Krankes Am Abendweiher, Auf schwarzem Kahn Hinüberstarben Liebende. Oder es läuten die Schritte Elis’…

Die Weltbühne

Es wird uns Mitarbeitern der ‚Weltbühne‘ der Vorwurf gemacht, wir sagten zu allem Nein und seien nicht positiv genug. Wir lehnten ab und kritisierten nur und beschmutzten gar das eigene deutsche Nest. Und bekämpften – und das sei das Schlimmste…

Leise sagen –

  Du nahmst dir alle Sterne Über meinem Herzen.   Meine Gedanken kräuseln sich, Ich muß tanzen.   Immer tust du das, was mich aufschauen läßt, Mein Leben zu müden.   Ich kann den Abend nicht mehr Über die Hecken…

Zeitzeichen: Vor 50 Jahren starb Else Lasker-Schüler

    Dies war die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte … Ihre Themen waren jüdisch; ihre Phantasie orientalisch, aber ihre Sprache war deutsch, ein üppiges, prunkvolles, zartes Deutsch, eine Sprache reif und süß, in jeder Wendung dem Kern des…

Mein Sterbelied

  Die Nacht ist weich von Rosensanftmut; Komm, gib mir deine beiden Hände her, Mein Herz pocht spät Und durch mein Blut Wandert die letzte Nacht und geht Und naht so weit und ewig wie ein Meer.   Und hast…

Der letzte Stern

(John Hertz und Alice Behrend) Mein silbernes Blicken rieselt durch die Leere, Nie ahnte ich, daß das Leben hohl sei. Auf meinem leichtesten Strahl Gleite ich wie über Gewebe von Luft Die Zeit rundauf, kugelab, Unermüdlicher tanzte nie der Tanz.…

Die Liebe

  Es rauscht durch unseren Schlaf Ein feines Wehen wie Seide, Wie pochendes Erblühen Über uns beide. Und ich werde heimwärts Von deinem Atem getragen, Durch verzauberte Märchen, Durch verschüttete Sagen.   Und mein Dornenlächeln spielt Mit deinen urtiefen Zügen,…

Sphinx

  Sie sitzt an meinem Bette in der Abendzeit Und meine Seele tut nach ihrem Willen, Und in dem Dämmerscheine traumesstillen, Engen wie Fäden dünn sich ihre Glanzpupillen Um ihrer Sinne schläfrige Geschmeidigkeit.   Und auf dem Nebenbette an den…

Frühling

  Wir wollen wie der Mondenschein Die stille Frühlingsnacht durchwachen, Wir wollen wie zwei Kinder sein. Du hüllst mich in dein Leben ein Und lehrst mich so wie du zu lachen.   Ich sehnte mich nach Mutterlieb Und Vaterwort und…