Erinnerung an den Tag des Mauerbaus

Ich verstehe Ihre Frage so, daß es Menschen in Westdeutschland gibt, die wünschen, daß wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren, um eine Mauer aufzurichten, ja? …  Mir ist nicht bekannt, daß eine solche Absicht besteht, da sich die…

Lyrische Novelle 11

  Heute bin ich ungeduldig und beeile mich auf dem Heimweg, als könnte mich jemand erwarten. Und das ist doch nicht möglich, niemand kennt meinen Aufenthalt, nicht einmal ein Brief kann mich erreichen. Ich werde mich zwingen, langsam zu gehen.…

Abigail der Dritte

Professor Walter Otto dem großen Jüngling Der ehemalige Zebaothknabe Jussuf, der Sohn des verstorbenen Oberpriesters und seiner schönen Mutter Singa, war jetzt in Theben Melech. Er bekleidete außer der Königswürde auch das Oberamt des Tempels. Sein siebzehnjähriges Gesicht und seine…

Novelle

Ein dichter Herbstnebel verhüllte noch in der Frühe die weiten Räume des fürstlichen Schloßhofes, als man schon mehr oder weniger durch den sich lichtenden Schleier die ganze Jägerei zu Pferde und zu Fuß durcheinander bewegt sah. Die eiligen Beschäftigungen der…

Das ornament, das heute geschaffen wird

  Da das ornament nicht mehr organisch mit unserer kultur zusammenhängt, ist es auch nicht mehr der ausdruck unserer kultur. Das ornament, das heute geschaffen wird, hat keinen zusammenhang mit uns, hat überhaupt keine menschlichen zusammenhänge, keinen zusammenhang mit der…

Die Taube

… als auch ich den größten Teil meines Lebens in immer kleiner werdenden Zimmern verbringe, die zu verlassen mir immer schwerer fällt. Ich hoffe aber, eines Tages ein Zimmer zu finden, das so klein ist und mich so eng umschließt,…

Schwimmen gehen

  Der jüngere der drei Wanderer hatte den ganzen Tag davon geschwärmt, abends ins Schwimmbecken zu steigen, sich abzukühlen. Dieser Traum als Ziel hatte ihn während der Strapazen wohl ernsthaft aufrechterhalten. Beim Zelt angekommen, ergreift er als erstes sein Badezeug,…

Madrigal

  wir schlafen ein Nacht für Nacht es summt der Mond der Samen und der Sand die Vogelröschen brennen und glühen wir jagen Schattenfische unter dem Laub der stillen Bäume Gespenster abends an der Tür weinen Murmeln zwischen den Rippen…

Der Dieb

  »Gott ich schwöre Dir, ich werde Deinen Willen tun. Denn Du bist der Herr, Herr, und ich bin Dein Werkzeug für und für, von nun an bis in Ewigkeit. Amen. Das heißt, ja, ja, es soll also geschehen. Ich…

BLICK AUF WALD UND MEER

  ich laufe in einer uferstraße an zerfallenen häusern mit wendeltreppen, terrassen und balkonen entlang, die jeden moment einzustürzen drohen. nirgends sehe ich menschen. plötzlich bricht knirschend die gußeiserne verzierung eines balkons herab und zerplatzt direkt neben mir. ich gehe…

Lyrische Novelle 8

  Aber damit war es bald vorbei. Und dann verbrachte ich den ganzen Tag in einer beinahe unerträglichen Ungeduld. Erst wenn der Abend begann, tröstete ich mich, die Lichter flammten auf, und jetzt erwachte Sibylle. Ihren Namen zu denken, erfüllte…

Das unsichtbare Reich

  Johann Sebastian Bach errichtete aus schwingender Luft den weltumfassenden unsichtbaren Gottesstaat und ging bei Lebzeiten in ihn ein wie der chinesische Maler der Legende in sein Bild. Betrachten wir die trotz der dreißig Bachjahrbücher, trotz Spitta, Schweitzer, Pirro, Terry…

Stella hielt nichts von meiner Reise

  „Du schiebst alles auf, was Arbeit macht, du verdrängst deine Pflicht. Du suchst belanglose Abenteuer und weißt nicht, wie du dein Leben gestaltest.“ „Ich weiß“, antwortete ich, „aber ich lerne auch aus meinen Eskapaden.“ „Du bist irrsinnig“, sagte Stella,…

Tragödie einer Entwürdigung

Leidenschaft als Verwirrung und Entwürdigung war eigentlich der Gegenstand meiner Fabel, – was ich ursprünglich erzählen wollte, war überhaupt nichts Homo-Erotisches, es war die – grotesk gesehene – Geschichte des Greises Goethe zu jenem kleinen Mädchen in Marienbad, das er…

Das Giftfläschchen

  Berlin war ein Feuerbrand von Sonne. Die Dächer der Häuser und die Fenster zitterten vor Junihitze, so wie die Hitzeluft über Steinwüsten zittert. Es war, als heizten die Scharen der Autos mit ihren Benzindämpfen die Straßen, wie fliegende Öfen.…

Auswüchse

  Hatte er nicht etwas aus den Augenwinkeln gesehen, etwas unerwartet und zunächst einfach nur Blödes? Herr Nipp drehte sich aus der zügigen Bewegung in Richtung Ausgangstür noch einmal um und traute seinen Augen nicht, tatsächlich wuchs da aus einem…

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  die Trommel hat einen Mund spielt Herzmuskel bum bum: burn, burn       *** Baumzyklen, Gedichte von Sophie Reyer, KUNO 2022 Weiterführend →  Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier. In ihrem preisgekrönten Essay Referenzuniversum geht sie der Frage nach, wie…

Die größte Erfindung der Menschheit

Ohne Schrift wären wir nur Stimme, schwebten wir in ständiger Gegenwart. Silvia Ferrara Dieser Autorin ist klar wovon sie redet. Vor allem wovon sie schreibt, Das Buch von Silvia Ferrara erzählt von der wahrscheinlich größten Erfindung der Welt. Ohne die…

Flagstaff. Youth Hostel

  Ich treffe das Indiana-Mädchen wieder. Mit ihr in einem Ford Babbit (rent car) zum Montezuma Castle. Oak Creek Canyon. Sunset Crater. Walnut Canyon. Holbrook, Arizona. Painted Desert und Petrified Forest. Albuquerque. Gallup. Hitchhiking nach Shiprock, Cortez, weil keine Greyhound-Linie.…

Absperrung

  Die Beförderung beginnt nach Durchschreiten der gebotenen Absperrung. Die Stationen sind nur mit gültigem Fahrausweis betretbar, Die Beförderung erfolgt aufgrund der jeweils gültigen Beförderungsbedingungen. Letzte Instanz für die Glaubwürdigkeit solcher Gebote sind die mitfahrenden Personen sehr ähnlichen Mitfahrenden, die…

Lyrische Novelle 7

  Ich arbeitete sehr regelmässig, bevor ich Sibylle kannte. Ich stand um sieben Uhr auf, und wenn ich kein Kolleg zu hören hatte, ging ich um halb neun Uhr in die grosse Bibliothek. Am Morgen waren viele Plätze leer, ich…

7

  Umm el–dunja = die Mutter der Welt. Leben auf einer überhitzten Herdplatte, von der sich Dieselschwaden nicht verziehen wollen. Fossile Brennstoffe weisen den Weg in die Zukunft. Im Gegensatz zum muselmanisch–mittelalterlichen Treiben in den Souks der Altstadt steht der…

Wunderkiste

  Bei den Dingen, die die Kunst des Lebens ausmachen, ist es wie mit den Wörtern. Für sich genommen kann man sie leicht nach Wortarten unterscheiden. Harmonie, gesund sein, Freude, essen, Liebe, genug haben, Sicherheit, sich frei fühlen usw. Doch…

Pfaueninsel und Glienicke

  Der Sommer rückte mich an die Hohenzollern heran. In Potsdam waren es das Neue Palais und Sanssouci, Wildpark und Charlottenhof, in Babelsberg das Schloß und seine Gärten, die unseren Sommerwohnungen benachbart waren. Die Nähe dieser dynastischen Anlagen störte mich…

Je suis Taring Padi

  Nach dem Anschlag auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo waren WIR nach dem 7. Januar 2015 alle einig: „Ich bin Charlie“. Man wollte sich von den „Ziegenfickern“ nicht vorschreiben lassen, was Kunst ist und was Satire darf. Das Triviale…

Eines Morgens wache ich auf

  Eines Morgens wache ich auf und sehe in die stummen Augen eines Maultierhirschs, der sich über mich beugt und bald in aller Ruhe davontrabt. Abends am Feuer fünf Amerikaner, ein Schwede und ich. Diskussion über Obama und Clinton ……

Notiz letzte Woche

  Gewalt gehört nun mal zum Weltgeschehen dazu, will man mehr als die Butter aufs Brot, sagte Sophie. Wenn ich denen sage lasst die Waffen in Ruh, nennt man mich Mörderin. Denen ist Feind oder Nichtfeind egal, die sind nur…

Sparsamkeit

  Als ich die folgenden Seiten, oder vielmehr den größten Teil derselben schrieb, lebte ich allein im Walde, eine Meile weit von jedem Nachbarn entfernt in einem Hause, das ich selbst am Ufer des Waldenteiches in Concord, Massachusetts, erbaut hatte…

Abigail der Zweite

Karl Kraus dem Cardinal Abigail des Spätgeborenen ältester Vetter Simonis saß auf dem Thron zu Theben nur einen Tag und langweilte sich und verzichtete auf die Krone zu Gunsten seines Bruders Arion-Ichtiosaur. Der nannte sich Abigail der Zweite – wie…

Die verhältnisse in den gewerben

  Die verhältnisse in den gewerben der holzbildhauer und drechsler, die verbrecherisch niedrigen preise, die den stickerinnen und spitzenklöpplerinnen bezahlt werden, sind bekannt. Der ornamentiker muß zwanzig stunden arbeiten, um das einkommen eines modernen arbeiters zu erreichen, der acht stunden…

Prolog: Monster of Biomacht!

  Sie bevölkern uralte Märchen und Mythen genauso wie Filme, Comics und die moderne Populär-Kultur: die Ungeheuer. Laut Definition versteht man unter einem Ungeheuer, einem sogenannten „Monstrum“, ein Wesen von großen, gewaltigen Ausmaßen, das jedoch meist nicht real existiert sondern…

Lyrische Novelle 6

  In Marseille kannte ich ein Mädchen, man nannte sie Angelface. Eigentlich kannte ich sie kaum, denn ich sah sie nur in der Nacht, ein einziges Mal, und da stand sie in ihrem Zimmer und dachte, dass wir Einbrecher sein…

Ein Porträt von Andrej Kokot

  Andrej Kokot hat meinen Gedichtband „Oporoka Casa“ (Zeitzeichen) ins Slowenische übersetzt. Wir haben uns früher oft und immer wieder getroffen, auch zusammen mit unserem gemeinsamen Freund, dem kärntnerslowenischen Dichter und Chorleiter Valentin Polanšek; oft auch in Slowenien bei den…

Sechster Schritt

  Dann wachte ich auf. Ich bin wieder zu mir gekommen. Aber was ist mein Ziel? Erst die Theorie entscheidet, was beobachtet werden kann. Stella fragte mich aus. Sie wollte wissen, warum ich in Paris war. Ich sagte ihr die…

Schloss Kostenitz

  Der Freiherr von Günthersheim zieht sich mit seiner deutlich jüngeren Frau auf seinen Landsitz zurück. Die Opposition zu Metternichs reaktionärer Politik und die Sympathien mit der Revolution von 1848 hatten ihn zum Verlassen des Staatsdienstes gedrängt. Die Tagespolitik holt…

Manchmal

  Manchmal treffen und überschneiden sich das Denken, das Virtuelle und die Realität. Wir könnten dann wohl auch verzweifeln, dachte Herr Nipp und zog seine Konsequenzen. Er würde in der Realität einiges von der virtuellen Welt beseitigen und paradoxer Weise…

Der Heizer

Als der sechzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von New York einfuhr,…