Sonette – XIV

  Ich bin im Bunde mit der alten Nacht Und wurde alt von ihr nicht unterschieden Hat Traurigkeit im Herzen ohne Frieden Die Herdstatt ihrer Schatten angefacht   Was so entfernte Not zu Einer macht Die sonnenlose irdische hienieden Und…

BALLADE FÜR NEAPEL

  Kennst du sie wieder Ginetto schau dir das paßfoto an Ihr letztes wort: maledetto Gott du verfaulst in St Gian In staubigen spielen als jungen alles lernten sie was sterben heißt   was: gedungen und wann man da rauskommt: nie…

Lied der Rosetta

    O meine müden Füße, ihr müßt tanzen, In bunten Schuhen, Und möchtet lieber tief Im Boden ruhen.   O meine heißen Wangen, ihr müßt glühn, In milden Kosen, Und möchtet lieber blühn- Zwei weiße Rosen.   O meine…

Weltenwechsel

  spielerische Vielfalt / suggestives Vakuum Leerstellen des Schweigens im Seelengefængnis ausloten = Interpassivitæt als poetisches Momentum… wo der Resonanzraum sich zunehmend belebt kommt man rueckbefluegelt in den Echoraum   vertieft in abgekapselte Ræume Archæologe der Fernnæhe werden hinab ins Vielsagend–Ungewisse…

Abenddämmerung

  Am blassen Meeresstrande Saß ich gedankenbekümmert und einsam. Die Sonne neigte sich tiefer, und warf Glührothe Streifen auf das Wasser, Und die weißen, weiten Wellen, Von der Fluth gedrängt, Schäumten und rauschten näher und näher – Ein seltsam Geräusch,…

Über neue Formen der Lyrik

Eine kurze Einleitung über Sandkörner und Wüsten   „Die Wüste wächst[!]“ Das gilt auch für die einst so fruchtige und üppige Landschaft der Lyrik. „[W]eh dem, der Wüsten birgt [!]“ (Nietzsche, KSA 6, S. 382). So mahnte einst der Philosoph…

Abendlied

  Der Mond ist aufgegangen Die goldnen Sternlein prangen Am Himmel hell und klar: Der Wald steht schwarz und schweiget, Und aus den Wiesen steiget Der weiße Nebel wunderbar. Wie ist die Welt so stille, Und in der Dämmrung Hülle…

Es tröpfelt

  Es tröpfelt der Regen vorm Fenster. Man sieht sich darin nicht genau. Im Spiegel stehn Schattengespenster, Das Innen wie Außen sind – grau.   Der Mann fährt sich durch seine Haare. Er kühlt sich am Fenster die Stirn. Das…

Kritik und Postulat

Eine weitere Erinnerung an die „Dirty Speech“-Bewegung in der BRD, die 1969 mit der Rolf Dieter Brinkmanns „Acid“ zu verorten ist. Es war eine Anthologie amerikanischer Beatliteratur, gesammelt und damit den Versuch eröffnend, auch in der deutschen Dichtung die bürgerliche…

Rezept

  Sie nehmen ein Gedicht, kurz oder lang, engagiert oder nicht, tranchieren es langsam und mit Bedacht, geben dabei auf die Füllung acht. Lassen danach das zerlegte Gedicht so lange schmoren, bis es zischt; denn es kommt bei Gedichten darauf…

Ich räume auf!

Meine Anklage gegen meine Verleger Ich habe mich entschlossen, ohne Rücksicht auf meine noch ungedruckten Manuskripte, aufzuräumen. Einer von uns Dichtern muß seinen Ehrgeiz opfern, auf seine Sehnsucht verzichten, den Nachklang seiner Schöpfung zu erleben, ihr ins Antlitz zu blicken.…

liebe in den lüften

  2017 waren von julia kulewatz, die in erfurt und berlin lebt, phantasievolle kurzgeschichten unterm titel »Vom lustvollen Seufzen des Sudankäfers« und 2019 »Jenseits BlassBlau« erschienen, in denen man traumundmärchenhafte zwischenwelten findet, die auch abgründiges enthalten. novalis schrieb: »Das Denken…

Ausgeliefertsein an die Welt

  Aus welchem Dunkel kommen wir? In welche Düsternis gehen wir? Bringt es die klare Sonne an den Tag?     *** Eine Erinnerung an: Mikrogramme von A.J. Weigoni. Twitteratur ist eine Poesie, die man von den japanischen Haiku kennt.…

BILD 3. Niemandsland Atlas

  Vor den Augen: die ausgebreitete, nicht beschriftete Karte der Welt. Keine scheckig bunte politische Aufteilung, keine farbigen Reliefunterschiede. Keine Grenzen, keine Namen. Größere und kleinere weiße Flecken. Sie berühren sich, laufen ineinander und wieder auseinander. Die Konturen erinnern an…

Der Abend

  Es liegt schon in den Zweigen der Schnee so weiß und kalt. Die Sonne will sich neigen, und dunkler wird’s im Wald. Nun lenken die Feen den Sonnenuntergang. Sanfte Winde wehen. Der Tag ist nicht mehr lang. Wo sich…

die alten songs

  und wieder: ich ging raus die kalte straße ein stück wegs runter atemschwaden wie zigarettenrauch leicht fröstelnd an den zaunpfahl gelehnt gedämpfte soundspuren durch den äther und mir fällt ein wie hucky über die mülltonne gebeugt zu mir sagt:…

Sein

  Wo du eben hingesunken da liegst du wie ein Stein denn heute bist du zu betrunken von Bier und Schnaps und trocknem Wein Du wirst keiner Bett mehr teilen das ist den schönen Frauen klar du wirst vor Ort,…

Zur Auszeit

  Weiterführend →  Lesen Sie auch das Kollegengespräch, das A.J. Weigoni mit Angelika Janz über den Zyklus fern, fern geführt hat. Vertiefend ein Porträt über ihre interdisziplinäre Tätigkeit, sowie einen Essay der Fragmenttexterin. Ebenfalls im KUNO-Archiv: Jan Kuhlbrodt mit einer Annäherung…

Vitamin-B-Mangel

    Wie viele meiner Gedichte zuletzt doch wieder abgelehnt worden sind von den Verlegern, den Redakteuren und den Juroren. (Und wie viele meiner Gedichte sich noch nicht einmal für eine Absage „qualifiziert“ haben …) Früher hätte ich gesagt, dass…

Ende Jänner

  Eiszapfen vor dem Fenster und frisch bezogen das Bett es knistert der Schnee wir schaufeln die Reiskörner aus dem Haus der Geschmack der Zeit friert auf der Zunge hellwach und mondweiß das Museum der Stille der Bilder und Bücher…

Underground-Lyrik

Eine Erinnerung an die „Dirty Speech“-Bewegung in der BRD, die 1969 mit der Rolf Dieter Brinkmanns „Acid“ zu verorten ist. Es war eine Anthologie amerikanischer Beatliteratur, gesammelt und damit den Versuch eröffnend, auch in der deutschen Dichtung die bürgerliche Moral…

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  schwimmen wie regnen als Schnee schweigen man sagt Wasserteich dein Gesicht ein Fenster meine Wellen ändern sich: Ränder aus Regen schwimmen als See       *** Baumzyklen, Gedichte von Sophie Reyer, KUNO 2024 Weiterführend →  Ein Porträt von Sophie…

Müdigkeit

  Ich hab‘ geruht an allen Quellen, Ich fuhr dahin auf allen Wellen, Und keine Straße ist, kein Pfad, Den irrend nicht mein Fuß betrat.   Ich hab‘ verjubelt manche Tage, Und manche hin gebracht in Klage, Bei Büchern manche…

Interpretationen 1 – Todesfuge

  Todesfuge ist ein Gedicht des deutschsprachigen Lyrikers Paul Celan, das mit lyrischen Mitteln die nationalsozialistische Judenvernichtung thematisiert. Es entstand zwischen 1944 und Anfang 1945 und erschien zunächst in rumänischer Übersetzung im Mai 1947. Die deutsche Originalfassung wurde 1948 in…

Zum rheinischen Ungarn Weigoni

  Es verbindet uns die gleiche Grundhaltung der literarischen Sprache gegenüber, nämlich die: Respekt zu haben vor dem hohen Kultur-, ja Menschheitsgut SPRACHE; bei aller Absicht und allen Bemühungen, über ihre Grenzen hinauszukommen, dorthin, woher wir vielleicht kommen: ins freie…

Unsere lyrische und epische Poesie seit 1848

  Es gibt neunmalweise Leute in Deutschland, die mit dem letzten Goethe’schen Papierschnitzel unsere Literatur für geschlossen erklären. Forscht man näher nach bei ihnen, so theilen sie Einem vertraulich mit, daß sie eine neue Blüte derselben überhaupt für unwahrscheinlich halten,…

Eine Flut von Erkenntnissen

  Es erweist sich als lyrischer Drahtseilakt, wenn der Autor, ein angesehener Diplomat und seit 2015 Botschafter der Rumänischen Republik in der Bundesrepublik Deutschland mit seinem seit Ende der 1970er Jahre in der „Volksrepublik“ Rumänien publizierten lyrischen Werk nunmehr gemeinsam…

Abendstimmung

    Stumm wurden längst die Polizeifanfaren, Die hier am Tage den Verkehr geregelt. In süßen Nebel liegen hingeflegelt Die Lichter, die am Tag geschäftlich waren.   An Häusern sind sehr kitschige Figuren. Wir treffen manche Herren von der Presse…

Recap

  Wenn wir uns den Gesammelten Gedichten der Else Lasker-Schüler hingegeben haben, möchten wir an die Kunst nicht denken und das erhöhte Wort der Dichterin noch einmal nachsprechen: „Ich werde heimwärts von deinem Atem getragen“. Die Liebe zu Menschen ist…

GILLAS LIED

  ich hab sie gesehn die weiße stadt am meer aber da ist kein rauch menschen sind da nicht mehr frierend geh ich auch   augen sterben am gleißen der welt und die stirn verdorrt kein tau mehr fällt  …

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  dein Bauchnabel dieses Auge so feucht so glänzend dein Mund und dich mit der Hand bedecken dabei nicht und nie mehr intakt sein nein und in uns die Kontinente zersprungen als Meere als Vögel auch in der Luft denn…

tal der wale

  der bringer der freude zieht alle geschosse an sich: die götter geben ihre güter keinem faulen   der große und der kleine bruder zieht meere und länder an sein herz sie steigen und fallen und heben und senken sich:…

Archivar der Leidenschaft

  Weltanschauungsornamentik ausschreiten Risse in der Oberflæche der Illusion entdecken die Schnappmechanik des Begehrens ueberwinden & die Leere zwischen den Dingen erkunden… an Verschwindungssehnsucht leiden auf Vergeblichkeitsparabeln verzichten sich Selbstheilung durch Askese verordnen & Virtuose der Distanznahme werden   die…

Sonette – XIII

  Zu spät erwachte unser müdes Schauen Da Abendwolken purpurn schon beschatten Das Sinken jener Stirn die ohn Ermatten Umworben unser zagendes Vertrauen   So muß sich Andacht mit dem Tode gatten Der trägt sie auf verschwiegner Fahrt den grauen…

GRUFT

  Die in der großen Gruft des Todes ruhen, Wie schlafen sie so stumm im hohlen Sarg. Des Todes Auge schaut auf stumme Truhen Aus schwarzem Marmorhaupte hohl und karg.   Sein dunkler Mantel starrt von Staub und Spinnen. Vor…

Zwei Erschlagene

  (Liebknecht und Rosa Luxemburg) Der Garde-Kavallerie-Schützen-Division zu Berlin in Liebe und Verehrung   Märtyrer …? Nein. Aber Pöbelsbeute. Sie wagtens. Wie selten ist das heute. Sie packten zu, und sie setzten sich ein: sie wollten nicht nur Theoretiker sein.…

Über die Partien des Gedichts

  Der Ausdruck, das sinnliche gewöhnliche individuelle des Gedichts, bleibt sich immer gleich, und wenn jede der verschiedenen Partien in sich selbst verschieden ist, so ist das erste in jeder Partie gleich dem ersten der andern, das zweite jeder Partie…

Meine Gesichter

  Ich streife ein fremdes Gesicht ab, jeden Tag. Einen Tag für jeden Menschen, der mich geprägt hat. Jetzt, in der Zeit, in der alle Masken tragen, nehme ich die Masken ab. Vielleicht werde ich so wieder ganz. Das ist…

DAS BUCH

  ließ sich ein mann sein lesepult zimmern für ein einziges buch kettete er es an damit es nicht gestohlen wird eines tages aber  als er einmal nicht im raum war öffnete ein junger gast heimlich  die seiten um darin…

Lauter Diamant

  (An Gisel) Ich hab in deinem Antlitz Meinen Sternenhimmel ausgeträumt. Alle meine bunten Kosenamen Gab ich dir,   Und legte die Hand Unter deinen Schritt, Als ob ich dafür Ins Jenseits käme. Immer weint nun Vom Himmel deine Mutter,…