Auf einem Waldweg

  Auf einem Waldweg, in den das Licht hart einschlägt wie ein Blitz, der erstarrt, stehen nebeneinander zwei Männer. Der eine schaut in die eine, der andere in die andere Richtung des Weges. Sie reden miteinander, sie kennen sich. Ich…

Klarsichtscheibe

  Vor den Absperrungen befindet sich ein überlebensgroßer Automat, der die Fahrkarte zum gewünschten Zielort liefert. Hinter einer Klarsichtscheibe schlüsselt ein nach Zahlgrenzen nummerierter Streckenfahrplan den Stadtplan auf. Mit den Zahlgrenzen sind sich steigernde Preisstufen in Verbindung zu bringen, wobei…

Der Hauptbahnhof von Sofia

  Das Becken, in dem der alte Teil Sofias lag, mit den heißen artesischen Quellen im Zentrum, war umschlossen von zwei Bachläufen, hässlich in Stein und Beton eingemauert, über die Brücken führten mit den beiden Zeichen staatlicher Macht: dem Adler…

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  durchschnittener Moment: Scherben uns überwächst ein Schlaf nur du siehst dieses Licht noch aber anders man muss jetzt sogar Luft mieten       *** Baumzyklen, Gedichte von Sophie Reyer, KUNO 2022 Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier.…

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  »Hör mal, wie ruhig es hier ist!«, haucht Nataly. Ihr Trommelfell ist besonders anfällig für mediale Erfahrungen, weil sich das Ohr nicht so einfach verschliessen lässt wie das Auge. Das Zusammenwirken von Geist und Seele, Sinn und Expression scheint…

Der Feind

(Eine Tirade) Die Massen sind unterwegs, um Gott zu suchen. Da sie verlernt haben zu glauben, müssen sie erkennen. Die Lüfte sind erfüllt von dunkler Qual und einem Geschrei von Angst. Etwas Dumpfes ist um jeden Lebendigen. Etwas das zuviel…

Stadtlandschaften

  Stadtlandschaften. Flüchtender Blick. Zerhackte Sichtweise. Geschnitten im Takt des Verkehrsstroms. Schlieren. Das Erschliessen von Farb-Räumen. Eine Fremde in der Vertrautheit entdecken. Arbeiten, die Male des 20. Jotthades tragen, Konstruktionen bergen und damit die Funktionalität blossstellen. Architextur. Zwar bewegen sich…

Junge Stimmen aus dem Sauerland

Ich kenne Friedrich Merz und Franz Müntefering und Susanne Veltins. Sauerländer Autoren kenne ich nicht. Christian Caravante   In der Edition Das Labor startet eine Reihe mit jungen Autoren und Autorinnen, die sowohl die Themen behandeln, die junge Leserinnen und…

Katholikentag

  Er hatte auf dem Katholikentag wieder keinen Platz in der Veranstaltung Meditatives Bogenschießen für Männer bekommen, und auch in der Rubrik Gutes Sterben waren bereits alle Karten verkauft. In Professor Ratzingers Lektüreseminar erfuhr er dann allerdings Interessantes über die…

Der Fakir

Dem Prinzen von Moskau Senna Hoy in Unvergeßlichkeit Die drei Lieblingstöchter des Emirs von Afghanistan heißen Schalôme, Singâle, Lilâme. Ihre Gesichter sind wie Milch; Sklaven verscheuchen die Sonne vom Dach der Frauen wie einen lästigen Vogel. Um die Abendstunde wandeln…

Verbrecher aus Infamie

  Die Heilkunst und Diätetik, wenn die Aerzte aufrichtig seyn wollen, haben ihre besten Entdekungen und heilsamsten Vorschriften vor Kranken- und Sterbe-Betten gesammelt. Leichenöfnungen, Hospitäler und Narrenhäußer haben das helleste Licht in der Phisiologie angezündet. Die Seelenlehre, die Moral, die…

mißvergnügen

  Das hörten die schwarzalben mit mißvergnügen, und der staat, dessen aufgabe es ist, die völker in ihrer kulturellen entwicklung aufzuhalten, machte die frage nach der entwicklung und wiederaufnahme des ornamentes zu der seinen. Wehe dem staate, dessen revolutionen die…

Ein Konzeptalbum aus Worten

Bei einem Konzeptalbum sind die einzelnen Titel nicht isoliert, sie stehen in thematischer Beziehung. Durch die Ausarbeitung eines textlichen Zusammenhang wird ein durchgängiges Konzept verfolgt. Mit seinem ‚Konzeptalbum‘, bestehend aus den Zombies und Cyberspasz dekonstruiert A.J. Weigoni eine Erzählmaschine, die…

Bahnwärter Thiel

  Die Novelle Bahnwärter Thiel zählt zu den bedeutendsten Werken des Naturalismus. Hauptmann arbeitet mit seiner Hauptfigur Thiel „die Hilflosigkeit gegenüber der sozialen Ständegesellschaft heraus und die Bedrohung durch die Industrialisierung“. Der Stoff geht auf einen Unglücksfall an der Bahnstrecke…

Unsichtbare Mächte

  Die unsichtbaren Mächte, die uns umgeben, die uns prägen. Ganz unesoterisch: Luft, Strahlen, Wellen, Bits und Bytes, Gefühle und die Zeit. Alles andere lässt sich wohl darunter zusammenfassen. Aber bitte – lasst das Gefasel von unsichtbaren Kräften, von Erd-…

künstlerische freiheit

  alle wort in den mund nehmen egal wo sie herkommen und sie überall fallen lassen ganz gleich wen es trifft     *** May Ayim (1960-1996) war eine, ghanaisch-deutsche Dichterin, Wissenschaftlerin und politische Persönlichkeit, war eine der Vorreiterinnen der Schwarzen…

Hymnen an die Nacht

  Welcher Lebendige, Sinnbegabte, liebt nicht vor allen Wundererscheinungen des verbreiteten Raums um ihn, das allerfreuliche Licht – mit seinen Farben, seinen Stralen und Wogen; seiner milden Allgegenwart, als weckender Tag. Wie des Lebens innerste Seele athmet es der rastlosen…

Vierter Schritt

  Vierter Schritt. Noch vor dem Sonnenaufgang wachte ich auf. Ich flüchtete mich in den Tag. Da konnte ich besser träumen. Ich musste mich aus dem Griff der Frage befreien, die sich im Schlaf auf mich warf. Ich traf sie…

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  Schöpfer: und hast du keine Schuhe dann mal sie dir auf       *** Baumzyklen, Gedichte von Sophie Reyer, KUNO 2022 Weiterführend → Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier. In ihrem preisgekrönten Essay Referenzuniversum geht sie der Frage nach, wie das…

Jonathan

  Der kleine Jonathan lag schon den dritten Tag in der entsetzlichen Einsamkeit seiner Krankenstube. Schon den dritten Tag, und die Stunden liefen immer langsamer und langsamer. Wenn er die Augen zumachte, hörte er sie langsam an den Wänden herabsickern…

Der Thanatologe

  Über eine Arbeitsbeschaffungsmassnahme hat sich Manfred Schulz im Labor von Prof. Dr. Willbert und Dr. Noëmi Neumann an der Universitätsklinik zum Thanatologen fortgebildet. Bei seiner theoretischen Ausbildung geht es vor allem um Anatomie und Gefässlehre. Dabei kommen ihm seine…

Möbel haufenweise

  Den ganzen Nachmittag über hatte er auf der Suche nach einem geeigneten Möbelstück in diversen Möbelhäusern zugebracht. Natürlich gab es wie immer nur zwei Möglichkeiten, entweder die ausgesuchten Stücke sahen gut aus und waren unverschämt teuer oder man wollte…

Der erste Schultag

  Der Herr Rektor Borchert saß auf seinem Katheder und ging die eingelaufenen Briefe durch. Es waren wieder drei Stück. Der erste war auf grobem, grauem Armeleutspapier geschrieben und kaum zu entziffern. Er lautete: »Herr Borchert Ich mus ser bedauern…

Das Totholzgebiet

  Für den Tag des Buches einen Lesekanon zusammenzustellen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Viel zu viele partikulare Forderungen überformen den Entscheidungsprozess. Ansprüche von Minderheiten nach Repräsentation und Anerkennung und der Druck tagespolitischer Postulate lassen es kaum mehr zu, daß man…

Dritter Schritt

  Dritter Schritt. Ich wollte sie wiedersehen. Das stand fest. Morgen in der Mittagsstunde. Ich ging zum Hotel zurück. Die Rue du Dragon war so belebt, dass ich mitten auf der Straße ging, zumal die Tische der Restaurants den Bürgersteig…

Die Hitler-Bilder

  Überall verschwanden sie plötzlich bei Kriegsende: die Hitler-Bilder. Zuerst in den Privathäusern, dann auch an und in öffentlichen Gebäuden. Man entsorgte sie so schnell es nur ging und sagte, es dürfe kein Hitler-Bild von der Besatzung gefunden werden, am…

Rhein-Meditation, rhein wörtlich

  Oben in den Bergen, weit über 2000 Meter hoch. Die Kraft des Sehens, heißt es, bewirke die Seele durch die Augen. Erstmals sah ich die Quelle meines Flusses durch die Augen von Robotervögeln. Fliegende Kameras mit Zeppelinleibern schwebten ferngesteuert…

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  »Das Meer schärft die Sinne. Seit ich die Wellen jeden Tag sehe, sehen sie jeden Tag anders aus. Vielleicht sollten wir nur noch am Strand leben?«, spekuliert Nataly, nachdem sie vom Tauchen zurückkommt; kontrolliert, ob der Bikini schon einen…

Ins Offene

  LeerstellenUm etwas aufzuhalten, darfst du nicht stehen bleiben, du mußt rennen. Du bist kein Widerstand, wenn du unbewegt verwurzelt am anonymen Ort glaubst, Kräfte zu sammeln, bis dich das Böse erreicht. Lauf mit, immer schritthaltend mit dem Feind, er…

Die Tragik aller Kritiker

  Kritiker sind eine besondere Art Menschen. Zum Kritiker muß man geboren sein. Mit ganz außergewöhnlichem Schaafsinn findet der geborene Kritiker das heraus, worauf es nicht ankommt. Er sieht nie den Fehler des zu kritisierenden Kunstwerks oder des Künstlers, sondern…

Von der Physiognomie

Vorbemerkung der Redaktion: In seinem Essai „Von der Physiognomie“ schildert Michel de Montaigne seine Erfahrungen mit der Pest. Gemeinsam mit KUNO hat er den doppelten Blick auf die Seuche: den medizinischen und den sowohl moralistischen wie moralischen. Fast alle unsere…

Bald bin ich alt

  Das Gute am Altsein: Dass man Narrenfreiheit hat und nicht mehr lernen muss zu leben. Das Schlechte ist alles andere … Erlösungsgelaber. Gott hat Alzheimer. Er ist nicht bei mir. Er ist vermutlich scheintot. Den überlebe ich, das weiß…

Ein Ausflug aufs Land

  Es hatte den Reisenden in eines dieser Dörfer am Horizont getrieben; er hatte von den lärmenden Städten übergenug; über Stoppelkrume lief er, durch haushohen Ampfer. Riesiges gelbbraun gesprenkeltes Blätterwerk schwankte an armstarken Stielen, Getier kroch ihm durchs Haar; nach…