Etwas von dieser Welt

  kinder im keller kinder im gefängnis kinder in schubhaft kinder auf den straßen kinder in fabriken kinder an webstühlen kinder am bau kinder in krankenhäusern kinder in waisenhäusern kinder in zeltlagern kinder in der wüste kinder im urwald kinder…

Space-Operette

There is no dark side in the moon, really; as a matter of fact it’s all dark. Gerry Driscoll Heute vor 30 Jahren (in Worten: dreißig!) erschien Pink Floyds The Dark Side of the Moon. Da ich nicht zu den…

Auch du bist Chandos

  Rainer Maria Gassen zugedacht alpha   Dein Klaglied klingt so wahr, es deutet scharf die Krise, die du Liebender im Traum erlittst, der dich so furchtbar stammeln lässt und sprachlos macht wie nie zuvor;   ein Traum als Elegie…

Das Versuchswildsein

  Erst die Milch, dann das mütterliche Haar. Dann das Brot, später das Brotbild, davon noch einmal das vereiste Bild von Brot.   1. geprüft, dann angesperrt, später ins feingeflochten Verkochte, ans Brot, wie sich Brot noch binden läßt, gehetzt.…

Sebald • Revisited

Eine der in der Salle des pas perdus wartenden Personen war Austerlitz, ein damals, im siebenundsechziger Jahr, beinahe jugendlich wirkender Mann mit blondem, seltsam gewelltem Haar, wie ich es sonst nur gesehen habe an dem deutschen Helden Siegfried in Langs…

Baden

  Jäh wachte er auf, frierend wie meist dann. Er hatte sich gegen acht, nein es musste halb neun gewesen sein, denn die Kinder waren unter deren Protest erst nach den Nachrichten zu Bett gebracht worden, wohl wissend, dass sie…

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Streut sich aus dieses Rauschen auf Hoffnung Mond errötet vor lauter Mohn Abend ist´s *** Weiterführend → Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier. In ihrem preisgekrönten Essay Referenzuniversum geht sie der Frage nach, wie das Schreiben durch das schreibende Analysieren gebrochen…

Das Psychologietheater

  Es ist evident, daß alle Psychologie ein Sicheinfühlen in die fremde Existenz, ins Objekt, in den Gegenstand voraussetzt. Um etwas »Psychologisches«, etwas über die Seele einer Sache, eines Menschen, eines Unternehmens aussagen zu können, bedarf es einer Fähigkeit des…

Mein Bruder Fridolin

Fridolin Wiplinger besuchte wenige Monate vor seinem Tod Heidegger und begann das Gespräch mit den Worten: »Was mich seit einiger Zeit umtreibt, ist der Anfang Ihres ›Briefes über den Humanismus‹ aus dem Jahre 1946.« Nach Heideggers Verweis auf »die Theoria…

Kommunismus, Philosophie und Klerisei

Hätte ich zur Zeit des Kaisers Nero in Rom privatisiert und etwa für die Oberpostamtszeitung von Böotien oder für die unoffizielle Staatszeitung von Abdera die Korrespondenz besorgt, so würden meine Kollegen nicht selten darüber gescherzt haben, daß ich z.B. von…

Zwischen Konsonanz und Dissonanz

  Eine schmerzlose Wiedergeburt, die mehrere Augenblicke der Größe aufweist. Melody Maker Dem Begriff ´Prog-Rock` konnte ich nie etwas abgewinnen, obzwar man das Album In the Court of the Crimson King wahrscheinlich dazurechnet. Was mich an den Klängen interessiert, die…

Die Eisenbahn

  Oben auf dem Oller, wie die Wuppertaler die Bodenkammern zu nennen pflegen, befand sich das Laboratorium meines jüngsten Bruders, »das Giftzimmer«, darin Flaschen mit verschiedenartigen Salzen und Säuren und allerlei Chemikalien seltsamsten Farbeninhalts standen. Namentlich die grünspangelben Schwefelwürfel wirkten…

Über den kritischen Lakonismus

Rezensenten sind literarische Polizeibeamte. Novalis Es gereicht Rezensenten, sie mögen nun Bücher, Menschen oder Verhältnisse beurteilen, zum größten Ruhme, wenn sie wie die Spartaner leben, nur Kupfergeld besitzen und schwarze Suppen essen; denn wer Vertrauen braucht, erhält es nur, wenn…

Hamburg

  Wie ein großer, eben gefangener, noch zuckender Fisch liegt Hamburg an der Nordsee. Ewige Nebel lagern auf den zugespitzten schuppigen Dächern seiner Häuser. Kein Tag hält seinem blassen, windigen, launischen Morgen die Treue. Mit Flut und Ebbe wechseln dumpf…

Schriftstellerbegegnungen

  Der jüngste Dichter, dem ich in meinem Leben begegnet bin, war Gert Jonke; damals gerade 16 Jahre alt. Das war im „Café Ingeborg“ in Klagenfurt in den frühen Sechzigerjahren. Jonke war ein schmächtiges Bürschchen, sehr schweigsam, sehr freundlich, sanftmütig.…

Aus Herrn Antrobus‘ Tagebuch

  Wir sind einen Kalendertag weitergekommen. Es gab keine Gasexplosion. Genügend Unglück stand in der Zeitung. Wir blieben verschont.   Unsere internen Katastrophen verursachen kein Geräusch. Wir werden nicht auffällig. Wie es aussieht, wird hier kurzfristig keiner zur Axt greifen.…

Was am »Grundriß« fehlt

Das Elementarische und Intime sagt von sich nicht selber aus. Mithin bleibt das Wesentliche als solches ungesagt. Verschweigt sich aber so sein Positives, dann kann es noch zum Bekenntnis werden vom Negativen her: an seinen Fehlern und Mängeln kann es…

Was uns verbindet ist das Papier

Die expressive Farbigkeit von Haimo Hieronymus, die man als vital bis aggressiv empfinden kann, korrespondiert mit dem Stachel der Analyse in Weigonis Texten wie umgekehrt die relativierende Denkhaltung derselben mit den ambivalenten Bedeutungen der Farben Schwarz, Rot und Weiß, die…

Garten

Das Vorbild aller Gärten ist der Zaubergarten, das Vorbild aller Zaubergärten ist das Paradies. Die Gärtnerei, wie jeder der einfachen Berufe, hat kultischen Hintergrund. Ernst Jünger   Ganz zufrieden nach Hause gefahren war er abends. Mit Blick über die vom…

Das biografische Gesicht unter Verschluss

Rue Vieille du Temple, Paris. Kleine Läden, schmutzige Schaufensterscheiben. Dahinter verhöhnen seltsame Präsentationen den Abstand des Flaneurs zu den Gelassen stiller Rituale. Sie ziehen dich in Intimität, in vertrauliche Zusammenhänge hinein, die man riechen kann. Alles Hingestellte, Ausgestellte, wirkt vorläufig,…

Von einem kleinen Wiener Buch

  Anatol ist ein Einakter-Zyklus von Arthur Schnitzler. Als Buchausgabe erschien er im Herbst 1892, vordatiert auf das Jahr 1893. Das einleitende Gedicht stammt von Loris, einem Pseudonym des jungen Hugo von Hofmannsthal, der mit Schnitzler befreundet war. Die Stücke…

Notenbegründung

  Jeweils einen Pott Kaffe in der Hand, den brauchen sie jetzt ganz dringend, denn rauchen darf man in öffentlichen Gebäuden nicht mehr, stehen drei Lehrer in ihrem angestammten Reservat innerhalb des Lebensraums Schule. Für sie geschaffen, nach ihnen benannt…

Mein Traumberuf

  Nein, Astronaut wollte ich nie werden. Was aber sicher nicht so sehr an meiner ausgeprägten Höhenangst liegt. Die hätte sich ja vielleicht ab 380.000 Kilometer über der Erde etwas gelegt. Doch darüber will ich jetzt nicht groß spekulieren, der…

Der Fallensteller

  Ein gerettetes Stück unbestimmter Sprache Nur für geschlossne Augen ist der Raum geschaffen, und für Singvögel. Wieviele heute Fallen stellen, bleibt dunkel. Der Hof war von der Außenwelt abgeschlossen, nein, wie abgeschlossen. Er war ja durch wenige Fenster einsehbar,…

Zeitzeugin und Mahnerin

  Als das Buch „Wir leben im Verborgenen – Erinnerung einer Rom-Zigeunerin“, 1988 von Karin Berger herausgegeben, im Picus Verlag erschien, 1989 gleich in einer zweiten Auflage, war Ceija Stojka die erste Romni, die ihre Erinnerungen an die Leidensgeschichte ihrer…

Zum unbehausten Menschen · Revisited

  Als Nietzsche vor über einhundert Jahren den Tod Gottes proklamierte, erschuf er die Sinnleere des Lebens wie auch die Eröffnung ganz anderer Freiheitsräume, als wir bis dato kannten. Seitdem durchirrt die Menschheit diese Räume und verliert sich. Im Zeitalter…

Geistererscheinung

  Im Anfange des Herbstes 1809 verbreitete sich in der Gegend von Schlan (einem Städtchen vier Meilen von Prag auf der Straße nach Sachsen) das Gerücht einer Geistererscheinung, die ein Bauernknabe aus Stredokluk (einem Dorfe auf dem halben Wege von…

Namenlosigkeit

  Nein, er will nicht beleidigen, aber kürzlich hat Herr Nipp sich ernsthafte Gedanken über Namen gemacht, nämlich als er erkannte, dass sein eigener Hermann Nipp letztlich ein Imperativ ist. Und wie es bei solchen Gedanken so geht, kommt er…

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Rauchfahnen und Nebel spielen schmutziges Haar tarnen sich in deinem Gesicht eine Kette aus Blicken wirfst mir zu die ich strammzieh wann seh ich dich wieder und ob es geht ohne aus dem Fenster zu fallen *** Weiterführend → Ein…

Die Bäume unter sich

  Ich vertraue meinen dichterischen Einfällen und frage nicht, warum ich immer wieder über die Pflanzen auf unserer Welt dichten muß. Heute früh belauschte ich ein Gespräch, das die Bäume lebhaft miteinander vor meinem Fenster führten. Seitdem nehme ich an,…

Die Mutter aller Serien

Thru the darkness of Future Past the magician longs to see one chants out between two worlds. Fire – walk with me. Kult leitet sich von colere „anbauen, pflegen“ ab und umfasst ursprünglich religiöse Handlungen. Das abgeleitete Adjektiv kultisch unterscheidet…

Die Ordnung der Apokalypse

Joachim Zelters „Briefe aus Amerika“ I Die Schreibstrategie ist subtil in ihrer didaktischen Absicht und künstlerischen Steigerung.  Zelter beginnt leicht, in heiterem Ton, spielerisch, über ziemliche Strecken satirisch gefärbt, der Leser wird sozusagen erst einmal auf einem Niveau abgeholt, wo…

Unbehaust, ein poetisches Polymorphem

Der Vorhang öffnet sich sehr schnell. Ertappt. Auf der Bühne steht die Patientin Jo Chang mit schreckstarren Augen. Sie befindet sich allein, in auswegloser Lage. Lässt einen Stapel Blätter fallen. Schlittert über das bereits am Boden liegende Papier. Versucht Halt…

Zur Kritik der deutschen Intelligenz

1 Will man den Weg verstehen, auf dem die heute unter dem Schlagwort Pangermanismus vereinigten Tendenzen zu jener furchtbaren Macht gelangten, die alle Welt kennt und verspürt, so muß man zurückgehen bis ins tiefe Mittelalter. In dem mittelalterlichen Kampf um…

Pop-Schamanismus

  Beuys als popschamanen zu beschreiben ist vielleicht abgeschmackt, doch wenn einer weniger als ein künstler sein wollte und mehr als ein mensch war, kann man das alte zeichen wohl benutzen, bis verständigere zeiten ein neues, weitläufiger und genauer, bereit…

Verteidigung gegen persönliche Angriffe

  Die politische Seite der Streitfrage, um die sich die Verhandlungen gestern und heute drehen, ist bereits so klargelegt, daß ich gern auf das Wort verzichtet hätte. Aber ich bin gezwungen, mich gegen die persönlichen scharfen Angriffe zweier Parteivorstandsmitglieder, der…