Was uns verbindet ist das Papier

Die expressive Farbigkeit von Haimo Hieronymus, die man als vital bis aggressiv empfinden kann, korrespondiert mit dem Stachel der Analyse in Weigonis Texten wie umgekehrt die relativierende Denkhaltung derselben mit den ambivalenten Bedeutungen der Farben Schwarz, Rot und Weiß, die zusammenwirken, während sie Kontraste bilden.

Holger Benkel

Das Künstlerbuch Unbehaust ist eine poetische Untersuchung über das „Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit“ zwischen Gutenberg und Internet. In ihrer Arbeit untersuchen Haimo Hieronymus und A.J. Weigoni Schriftbilder und Scans im Zeitalter zunehmender Immaterialität. Welche Art von Bildlichkeit ist da im Begriff zu entstehen?

Haimo Hieronymus und A.J. Weigoni

Der bildende Künstler Haimo Hieronymus und der Schriftsteller A.J. Weigoni schlagen mit dem Künstlerbuch Unbehaust nicht nur einen Steg zwischen den Künsten (Druckgrafik / Poesie), sondern eine Brücke zwischen den Zeiten. Gemeinsam mit dem Handpressendrucker Hans–Ulrich Prautzsch betreiben sie eine digitale Manufaktur, bei der die Instrumente der neuen Medien zum Einsatz kommen. Als Werkzeuge setzen sie einen leistungsfähigen Rechner, Scanner und Laserdrucker ein. Mit Hilfe der geeigneten Software verarbeiteten sie Texte und Bilder. Der Druck geschah nach Gutenbergschen Regeln mit Bleisatz auf Werkdruckpapier.

Beim Holzschnitt auf Bütten durchdringt die Farbe das Papier. Haimo Hieronymus, A.J. Weigoni und Hans-Ulrich Prautzsch gehen bei vom virtuellen wieder ins Materielle, zielen auf ein älteres „Speichermedium“ ab, das aber mit den neuen Medien hergestellt wird, dem Künstlerbuch. Schrift und Bild waren im Buch des Mittelalters eine Einheit. Künstler des Bauhauses schufen im 20. Jahrhundert Bücher von hohem gestalterischen Niveau. Die Entstehung einer Einheit von Schrift und Bild haben die Artisten im Medium des Computers untersucht und mit der uräus-Handpresse umgesetzt. Die digitale Manufaktur produzierte das Künstlerbuch „Unbehaust“.

Andrascz Jaromir Weigoni stellt mit einen Hörspiel unser Zeitempfinden und unsere Vorstellung von Identität auf die Probe. Der vielfach ausgezeichnete ungarisch-deutsche Schriftsteller und  Medienpädagoge Weigoni schafft mit seinem Text, Papiergeräuschen und der Stimme von Bibiana Heimes  eine Atmosphäre, die uns einem Gedanken ganz schnell auf den Pelz rücken lässt: wir sind alle Gefangengen unserer selbst.

Radio Bremen

Die fragilste der literarischen Formen gilt gemeinhin als deren teuerste, und dies im zwiefachen Sinn: Die Randständigkeit der Lyrik abseits des ökonomischen Gewinns steht in direkter Proportion zu der hohen symbolischen Wertschätzung, mit welcher man sie bedenkt. Lyrik scheint ein Gut zu sein, das zugleich sein eigener Marktpromoter ist. Wenn es gut geht, schafft sich Lyrik eine Gesellschaft, die bereit ist, sie am Leben zu erhalten.

 

 

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Was uns verbindet ist das Papier, Ausstellung von Haimo Hieronymus und A.J. Weigoni in der Werkstattgalerie Der Bogen anläßlich des Erscheinens der Künstlerbuchs Unbehaust, in der uräus-Handpresse, Halle.

 

Weiterführend

Zum Thema Künstlerbucher lesen Sie bitte auch den Artikel von J.C. Albers. Ein Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus lesen Sie auf KUNO. Die Hörspielfassung von Unbehaust ist in der Reihe MetaPhon auf vordenker.de zu hören.

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