Bouncen durch den Informationsstrudel

Eine redaktionelle Rückblende: Wir befinden uns im Jahre 1996 n. Chr.  Das ganze Internet ist bereits besetzt. Das ganze Internet? Nein! Das Novaesium hört nicht auf, dem Widerstand zu leisten.

In der Mediensteinzeit des Internets installierte Joachim Paul vor 25 Jahren mit dem vordenker eine der aufregendsten Plattformen. Als Ästhetiker besteht Paul darauf, den Schönheitsbegriff traditionellerweise als Zentralkategorie der Ästhetik zu betrachten und ihn deshalb in den Vordergrund zu stellen. Die Schönheit des Denkens ist für ihn gerade nicht die Einheit des Mannigfaltigen, da ihm die Suggestion, Schönheit verhält sich lediglich wie ein Begriff und ist deshalb entweder anwesend oder nicht anwesend. KUNO spult den Cassettenrecorder für ein Statement zurück:

vordenker, unser für viele Disziplinen offenes Web-forum bietet Ihnen ein Forum für Ideen und Beobachtungen aller Art. Seit den achtziger Jahren begegnet uns der Begriff ›Vordenker‹ in der Presse im biographischen und politischen Zusammenhang sehr häufig, und sogar Grimms Deutsches Wörterbuch belegt die verbreitete Aktivität des ›Vordenkens‹ in der Literatur und Philosophie des vergangenen Jahrhunderts.

Es ist der Stilpluralismus der den vordenker so aufregend macht.

Zuverlässig versammeln sich in diesem Webforum für Innovatives 
in Wissenschaft, Wirtschaft und Kulturseither Dichter und Querdenker. Diese vermeintlich getrennten Bereiche vereinigen sich zu einemzu einem gewinnbringenden Analysemodell. vordenker ist ein Langzeitprojekt, ein offenes Archiv, eine Bibliothek, in der Vergangenes nicht nur abgespeichert wird, es entstehen begehbare Gedächtnisbilder bewohnbarer Erinnerung. Zwischen den Dimension leuchtet des Dazwischen auf, die Beitrage changieren zwischen Essay und Poesie zeigen eine Perspektive der Erinnerung auf: eine Rückschau auf die Mediensozialisation, in diese Vergangenheitsbilder des Herausgebers Joachim Paul sind Erfahrungsmomente mit den neuen Medien geschaltet, die aber nicht zu einer abgeschlossenen These führen, sondern in einem fragenden Gestus verharren und zu einer Auflösung der Linearität führen. Es findet eine Hybridisierung zwischen Form und Inhalt, Leser und Schreiber statt. Aufgefächert beleuchten Autoren wie Heinz von Förster, Rolf Geissler, Eberhard von Goldammer oder A.J. Weigoni (u.v.m) schwerpunktmäßig drei Bereiche:

SCIENCE bietet entgegen der gemeinhin üblichen Bedeutung des Wortes und entsprechend der Überzeugung, dass eine Trennung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften in Zukunft obsolet werden muss, Beiträge aus allen Bereichen der Wissenschaft.

ECONOMICS enthält Artikel, Überzeugungen und Essays aus den Bereichen Wirtschaft und Wirtschaftswissenschaften.

ARTS bietet jede Menge Inhalt aus allen Bereichen der Kunst sowie der Musik, sowohl von bekannteren als auch weniger bekannten Autoren und Künstlern.

Auf vordenker wird nicht dem Zeitgeist hinterher gehechelt. Auf unterschiedliche Weise stellen sich die Autoren den Kernfragen:

Was ist Erkenntnis bzw. Wissen? Kann man überhaupt etwas wissen? Falls nein: warum nicht? Falls doch: Wie gelangen wir zu unserem Wissen? Welche Quellen hat unser Wissen? Welche Rolle spielt die Erfahrung dabei? Kann man unabhängig von Erfahrung etwas wissen? Falls ja: was? Wie ist unser Wissen aufgebaut? Hat es ein Fundament? Wenn ja, worin besteht es? Falls nein: Wie ist es dann aufgebaut? Was ist Wahrheit? Was haben wir Grund zu glauben? Was heißt es, eine Überzeugung zu haben?

Der Herausgeber des vordenker Joachim Paul erforscht Gebiete, die über den Rand der Buchstaben und Texte hinausreichen. Sie dehnen sich in gewisser Weise indes sogar über die Grenzen von Geist und Vernunft hinaus aus. In der Tradition Montaignes versteht er den Essay als Versuch, gibt diesem aber den naturwissenschaftlichen Sinn des Experiments, der experimentellen Versuchsanordnung und zugleich die existenzielle Bedeutung des Lebensexperiments und vertieft beides so ins Abgründige, dass aus dem Versuch sowohl die Versuchung wie der Versucher und das Versucherische sprechen. Paul ist ein begnadeter Stilist, sein Ton ist fein und unaufdringlich, sein Tempo verhalten, trotzdem treibt er seine Überlegungen mit ihren diversen Verästelungen souverän voran. Welche labyrinthischen Gedankengänge bei diesem Auswahl– und Transformationsprozess durchlaufen werden, wie schnell ein brauchbarer Gedanke zu Abfall und Nebensächliches fruchttragend werden kann, beschreibt Paul in seinen Essays.

 

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Weiterführend →

In Trans- einer Reflexion über Menschen, Medien, Netze und Maschinen können wir dem wilden, kompromisslosen Denken von Joachim Paul ins 21. Jahrhundert folgen. Dieses Buch zeigt Paul denkend und es zeigt auch, wie er denkt. Er richtet seine Aufmerksamkeit genau darauf, was dem Denken im Wege steht. Genauer: was das Denken überhaupt erst präsent macht. Paul entwickelt eine Medientheorie, die auf Kulturtechniken setzt: Medien, Netze und Maschinen schreiben mit an unserem Denken.  Wenn ein User nur unter einem Programm arbeitet, ist er regelgerechter Untertan. Pauls Reflexionen waren 1996 eine Flaschenpost an die Zukunft; entkorkt verströmen die Essays von Joachim Paul ein betörendes Bouquet.