Der Schwebezustand der Poesie

Cover: Mischa Kuball

Literatur entsteht langsam, sie muss nicht reagieren wie etwa der Journalismus. Kreativität ist keine Tätigkeit, die man nicht am Reißbrett planen kann, dies läßt sich exemplarisch am Langsamschreiber A. J. Weigoni ablesen. Obwohl er seit fast 40 Jahren Prosa und Poesie zusammenzubringt, ist er erst seit 2009 zufrieden mit dem Resultat seiner ästhetischen Bemühungen. Anhand der Novelle Vignetten kann man vergleichen, wie viel Überformungen dieser Romancier braucht, um zu einem stimmigen Resultat zu gelangen. Die lyrische Kurzprosa mit dem Titel begegnungen mit f. setzte der Schriftsteller mit Künstler Mischa Kuball um. Die Schnitte von Kuball finden ihre Entsprechung in der Prosa, die mit der Ergänzungsleistung des Lesers – und lentendlich des Betrachters spielt, denn auch Bilder wollen „gelesen“ werden.

Überformtes Material

Bedruckte Papierseiten entsprechen dem menschlichen Lesetempo, unserem Rhythmus. Diesem Rhythmus folgen A.J. Weigonis Überformung der begegnungen mit f. zur Novelle Vignetten, indem er mit der Poesie die Wellenbewegungen des Rheins denen des Nils gegenüberstellt, und umsetzt in Wellenbewegungen des Lichts und der Gedanken.

Flüsse sind wie Seelen – so grundverschieden, dass wir für jeden Fluss eine andere Sprache entwickeln müssten.

Vladimir Nabokov

Cover: Schreibstab von Peter Meilchen

Die Novelle Vignetten ist eine Langzeitbeobachtung intermedialer Wechselwirkungen, sie schafft ein Gefühl für individuelle Tragödien, die nicht durch das Visuelle geprägt sind, sondern durch Verhältnisse, Spannungen, Energieverschiebungen und Differenzen, durch die Domänen der Sprache, der Musikalität und der Kunst. Diese Novelle erschien 2009 in einem kleinen, aber sehr fein edierten Band, und es hat fast zehn Jahre geduldige Arbeit gedauert, bis sie in das Buch/Katalog-Projekt 630 transformiert wurde.

Bei A. J. Weigoni entsteht das Schreiben aus sprachlicher Verdichtung, seine Novelle Vignetten ist eine bewegende Hommage an das Leben – in und aus der Möglichkeitsform: das Lesen. Seine gleichsam magische Begabung liegt darin, sich alles, wofür er Worte findet, spontan anverwandeln zu können. In seiner semantischen Mehrschichtigkeit zeigt er zugleich exemplarisch, was ihn als Prosa-Autor so heraushebt: eine poetische Genauigkeit und doch Offenheit der Sprache, die bewirkt, daß sich jedem einzelnen Wort hinterher lauschen läßt, als enthalte es eine ganze Welt.

Folgen viele solcher Worte aufeinander, entsteht etwas, das am ehesten als eine Art assoziativer Klangraum bezeichnet werden könnte, ein schwer zu fassendes Phänomen, das eng mit der offensten aller Künste, der Musik, verwandt ist. Lese-Musik im Kopf. Seltener als man glauben möchte, gibt es unter Schriftstellern jene Solitäre, die vor allem ihrer inneren Stimme folgen und auf deren Werk der Markt und seine Moden oder die Eigenbewegung der Kunst nur wenig Einfluß haben. Mit den Vignetten gelang Weigoni die Reanimierung einer Literaturgattung. Er praktiziert damit mehr als das Schreiben, diese Novelle ist ein Sich-Einschreiben in die Welt.

Mit seinen Prosavignetten verstößt Weigoni gegen das Gebot: „Du sollst Dir kein Bildnis machen“. Seine 24 Bildnisse bestehen aus vielerlei Facetten. Und außerdem wird in den Vignetten wird alles Spätere präfiguriert, es blitzt die Kunst der Verknappung und die Wucht der schmerzhaft präzisen Sätze auf; und schließlich setzt sich aus zuvörderst disperat wirkenden Einzelteilen eine Geschichte zusammen. Das Handlungskonzentrat dieser Novelle bewegt sich auf der Zeitleiste zwischen Rhein und Nil, sie erhält sich das prekäre Gleichgewicht aus Schönheit, Spannung und Melancholie bis zum Schluß.

 

 

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Ein Essay zum Buch / Katalog-Projekt 630 zu finden Sie hier. Weitere Links zu Artikeln auf: Poetenladen und Lyrikwelt. Da die Herkunftsdokumentation des Begriffs Novelle fragmentarisch ist, ein Essay zur Gattung.